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Jener trat aber schon in die Wohnung. Er sah dabei so aus, als nähme er sich mit aller Gewalt zusammen, um nicht wieder loszuplatzen. Ihm folgte mit gänzlich entstelltem, wütendem Gesicht, rot wie eine Pfingstrose und verlegen der lange und linkische Rasumichin. Sein Gesicht und seine ganze Figur waren in diesem Augenblick wirklich komisch und rechtfertigten Raskolnikows Lachen. Raskolnikow, der noch nicht vorgestellt war, verbeugte sich vor dem Hausherrn, der mitten im Zimmer stand und die beiden fragend ansah; dann reichte er ihm die Hand und drückte die seine, immer noch mit dem Ausdrucke der größten Anstrengung, seine Heiterkeit zu unterdrücken oder wenigstens einige Worte zu sagen, um sich vorzustellen. Kaum hatte er aber ein ernstes Gesicht gemacht und etwas gemurmelt, als er plötzlich wie unwillkürlich wieder Rasumichin anblickte und sich nicht mehr beherrschen konnte: das unterdrückte Lachen kam um so ungestümer zum Ausbruch, je stärker es bisher zurückgehalten worden war. Die ungewöhnliche Wut, mit der Rasumichin dieses »herzliche« Lachen aufnahm, verlieh dieser ganzen Szene den Anschein einer aufrichtigen Lustigkeit und, was die Hauptsache war, Natürlichkeit. Rasumichin half wie mit Absicht nach.

»Pfui Teufel!« brüllte er, schwang den Arm und traf ein kleines rundes Tischchen, auf dem ein leeres Teeglas stand.

Alles flog klirrend zu Boden.

»Warum soll man gleich die Möbel demolieren, meine Herren? Das ist bloß ein Schaden für den Staat!« rief Porfirij Petrowitsch lustig.

Die Szene stellte sich wie folgt dar: Raskolnikow beendete gerade seine Lachsalve, seine Hand in der des Hausherrn lassend, und wartete, doch mit Takt, auf den Augenblick, um schneller und natürlicher zu enden. Rasumichin, der durch den Fall des Tischchens und das Unglück mit dem Teeglase ganz verwirrt war, blickte düster auf die Scherben, spuckte aus und wandte sich jäh nach dem Fenster, wo er sich mit dem Rücken gegen das Publikum mit furchtbar finsterem Gesicht hinpflanzte und, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hinausschaute. Porfirij Petrowitsch lachte und wollte noch mehr lachen, wartete aber offenbar auf eine Erklärung. Samjotow, der auf einem Stuhl in der Ecke gesessen und sich beim Erscheinen der Gäste erhoben hatte, stand erwartungsvoll da, den Mund zu einem Lächeln verzogen, und betrachtete diese ganze Szene verständnislos und sogar mißtrauisch, Raskolnikow sogar mit einer gewissen Bestürzung. Die unerwartete Anwesenheit Samjotows berührte Raskolnikow unangenehm.

– Das muß ich noch besonders in Betracht ziehen! – dachte er.

»Entschuldigen Sie, bitte,« begann er sehr verlegen, »Raskolnikow ...«

»Aber ich bitte Sie, sehr angenehm, Sie kamen ja so angenehm herein ... Was, er will mich nicht mal begrüßen?« sagte Porfirij Petrowitsch und wies mit dem Kopf auf Rasumichin.

»Bei Gott, ich weiß nicht, warum er auf mich so wütend ist. Ich habe ihm unterwegs nur gesagt, daß er einem Romeo ähnlich sieht, und ... ich bewies es ihm auch, und sonst gab's, glaube ich, nichts.«

»Schwein!« versetzte, ohne sich umzuwenden, Rasumichin.

»Also hatte er wohl triftige Gründe, um wegen eines einzigen Wörtchens so böse zu werden«, bemerkte Porfirij lachend.

»Du! Untersuchungsrichter! ... Hol euch alle der Teufel!« platzte Rasumichin heraus. Plötzlich fing er selbst zu lachen an und ging mit lustigem Gesicht, als ob nichts geschehen wäre, auf Porfirij Petrowitsch zu.

»Schluß! Ihr seid alle Dummköpfe! Zur Sache: Das ist mein Freund Rodion Romanowitsch Raskolnikow; erstens hat er von dir viel gehört und will dich kennenlernen, und zweitens hat er ein kleines Anliegen an dich. Bah! Samjotow! Wie kommst du her? Seid ihr denn bekannt? Kennt ihr euch schon lange?«

– Nanu, was ist das? – fragte sich Raskolnikow unruhig.

Samjotow schien verlegen, doch nicht allzusehr.

»Wir haben uns ja gestern bei dir kennengelernt«, sagte er ungezwungen.

»Also hat mir Gott den Schaden erspart; in der vorigen Woche hat er mich bestürmt, daß ich ihn irgendwie mit dir, Porfirij, bekannt mache, und nun habt ihr auch ohne meine Hilfe die Nasen zusammengesteckt ... Wo hast du deinen Tabak?«

Porfirij Petrowitsch war in seinem Hausanzug: in einem Schlafrock, sehr sauberer Wäsche und abgetretenen Morgenschuhen. Er war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, unter Mittelgröße, wohlbeleibt, sogar mit einem Bäuchlein, glattrasiert, ohne Schnurr- und Backenbart, mit kurzgeschorenem, großem, rundem Schädel, der hinten im Nacken besonders stark gewölbt war. Das etwas aufgedunsene, runde und stumpfnasige Gesicht war von einer ungesunden dunkelgelben Farbe, aber recht munter und sogar spöttisch. Es war sogar fast gutmütig, wäre nicht der Ausdruck der Augen mit dem wässerigen Glanz und den weißen, immer zuckenden, gleichsam jemand zuzwinkernden Wimpern gewesen. Der Blick dieser Augen harmonierte so gar nicht mit dieser ganzen Gestalt, die sogar etwas Weibisches an sich hatte, und verlieh ihr einen viel ernsteren Ausdruck, als man es von ihr beim ersten Anblick erwartete.

Als Porfirij Petrowitsch hörte, daß der Gast ein »kleines Anliegen« an ihn habe, forderte er ihn sofort auf, auf dem Sofa Platz zu nehmen, er setzte sich selbst in die andere Ecke des Sofas und blickte den Gast, in Erwartung, daß jener ihm die Angelegenheit sofort darlegen werde, mit jener gespannten und übertrieben ernsten Aufmerksamkeit an, die zum erstenmal unangenehm und verwirrend wirkt, besonders wenn man noch unbekannt ist, und noch mehr, wenn das, was man vorbringen möchte, nach eigener Ansicht des Gesuchstellers, in gar keinem Verhältnis zu der so großen Aufmerksamkeit steht, die man ihm erweist. Aber Raskolnikow erklärte seine Sache in wenigen zusammenhängenden Worten, klar und genau, und war auch mit sich selbst so zufrieden, daß er sogar Zeit fand, Porfirij genau zu mustern. Auch Porfirij Petrowitsch wandte seine Augen keinen Augenblick von ihm. Rasumichin, der sich ihnen gegenüber an denselben Tisch gesetzt hatte, verfolgte eifrig und ungeduldig die Darlegung der Sache und blickte abwechselnd bald den einen und bald den anderen an, was schon ein wenig zu viel war.

– Dummkopf! – schimpfte Raskolnikow bei sich.

»Sie müssen ein Gesuch an die Polizei einreichen,« antwortete Porfirij mit der ernstesten Miene, »daß Sie, nachdem Sie von diesem Fall, das heißt von diesem Morde gehört haben, die Polizei ersuchen, den Untersuchungsrichter, der mit dieser Sache betraut ist, zu benachrichtigen, daß die und die Gegenstände Ihnen gehören und daß Sie sie einlösen möchten ... oder ähnlich ... man wird es Ihnen übrigens aufsetzen.«

»Das ist es eben, daß ich augenblicklich«, begann Raskolnikow, indem er sich bemühte, verlegen zu erscheinen, »nicht bei Kassa bin ... und sogar so eine Kleinigkeit nicht habe ... Sehen Sie, ich möchte jetzt nur erklären, daß die Gegenstände mir gehören, und daß, wenn ich mal Geld habe ...«

»Das ist ganz gleich«, antwortete Porfirij Petrowitsch, der die Erklärung über die Finanzlage recht kühl aufnahm. »Übrigens können Sie auch, wenn Sie wollen, direkt an mich in demselben Sinne schreiben, nämlich: ich habe das und das erfahren, gebe die und die Gegenstände an und bitte ...«

»Schreibt man das auf einfachem Papier?« unterbrach ihn Raskolnikow eilig, der sich wieder für die finanzielle Seite der Sache interessierte.

»Ach, auf dem allereinfachsten!«

Plötzlich blickte ihn Porfirij Petrowitsch unverhohlen spöttisch an und zwinkerte ihm mit zusammengekniffenen Augen zu. Dies alles kam Raskolnikow vielleicht nur so vor, denn es dauerte nur einen Augenblick. Jedenfalls war etwas gewesen. Raskolnikow könnte schwören, daß jener ihm zugezwinkert habe, weiß der Teufel warum.

– Er weiß es! – durchzuckte es ihn wie ein Blitz.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit solchen Bagatellen belästige«, fuhr er etwas unsicher fort. »Alle meine Sachen sind nur fünf Rubel wert, aber sie sind mir besonders teuer als Andenken an die, von denen ich sie bekommen habe. Ich muß gestehen, als ich es erfuhr, erschrak ich sehr ...«

»Darum bist du also gestern so aufgefahren, als ich Sossimow sagte, daß Porfirij die Pfandgeber vernimmt!« mischte sich Rasumichin mit deutlicher Absicht ein.

Das war schon unerträglich. Raskolnikow konnte sich nicht länger beherrschen und blickte ihn gehässig mit zornentbrannten Augen an. Aber gleich kam er wieder zur Besinnung.

»Ich glaube, du machst dich über mich lustig, Bruder?« wandte er sich an ihn mit gut simulierter Gereiztheit. »Ich gebe es zu, daß ich mir wegen dieser Sachen, die du wohl für Schund hältst, zu viel Sorgen mache; du darfst mich aber deswegen weder für einen Egoisten noch für habgierig halten, und diese beiden kleinen Gegenstände können für mich auch kein Schund sein. Ich habe dir doch eben gesagt, daß diese silberne Uhr, die nur ein paar Groschen wert ist, der einzige Gegenstand ist, den mein Vater hinterlassen hat. Du kannst über mich lachen, aber zu mir ist meine Mutter gekommen«, wandte er sich plötzlich an Porfirij, »und wenn sie erfährt,« fuhr er fort, sich wieder an Rasumichin wendend und sich Mühe gebend, mit zitternder Stimme zu sprechen, »daß diese Uhr verloren ist, so wird sie, ich schwöre es, in Verzweiflung sein! Diese Frauen!«

»Keine Spur! Ich meine es gar nicht so! Ganz im Gegenteil!« rief Rasumichin gekränkt.

– Ist es gut so? Ist es natürlich? Habe ich auch nicht übertrieben? – fragte sich Raskolnikow zitternd. – Warum habe ich nur gesagt: ›Diese Frauen‹? –

»So, Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?« erkundigte sich aus irgendeinem Grunde Porfirij Petrowitsch.

»Ja.«

»Wann denn?«

»Gestern abend.«

Porfirij schwieg, als überlege er etwas.

»Ihre Sachen können in keinem Falle verlorengehen«, fuhr er ruhig und kalt fort. »Ich erwarte Sie ja schon längst.«

Und als wäre nichts vorgefallen, hielt er Rasumichin vorsorglich eine Aschenschale hin, da jener die Asche seiner Zigarette unbarmherzig auf den Teppich streute. Raskolnikow fuhr zusammen, aber Porfirij sah ihn anscheinend gar nicht an: so sehr war er um Rasumichins Zigarette besorgt.

»Wa-a-s? Du hast ihn erwartet? Hast du denn gewußt, daß auch er dort versetzt hat?« rief Rasumichin.

Porfirij Petrowitsch wandte sich direkt an Raskolnikow.

»Ihre beiden Gegenstände, der Ring und die Uhr, waren bei ihr in das gleiche Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit Bleistift deutlich Ihr Name angegeben, ebenso auch das Datum, wann sie die Sachen von Ihnen erhalten hat ...«

»Wie Sie das gleich bemerkt haben ...« sagte Raskolnikow mit einem ungeschickten Lächeln und bemühte sich, ihm gerade in die Augen zu sehen; er konnte sich aber nicht enthalten und fügte plötzlich hinzu:

»Ich sagte es eben, weil wohl sehr viele Pfandgeber waren ... so daß es für Sie wohl schwer sein muß, sich alle zu merken ... Sie aber erinnern sich an alle so deutlich und ... und ...«

– Dumm! Schwach! Wozu habe ich es bloß hinzugefügt! –

»Fast alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so daß Sie der einzige sind, der uns noch nicht aufgesucht hat«, antwortete Porfirij mit einem kaum wahrnehmbaren Anfluge von Spott.

»Ich war nicht ganz wohl.«

»Auch davon habe ich gehört. Ich habe sogar gehört, daß etwas Sie tief erschüttert hat. Sie scheinen mir auch jetzt etwas bleich!«

»Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin vollkommen gesund!« schnitt ihm Raskolnikow grob und gehässig ab, plötzlich den Ton ändernd.

Er schäumte vor Wut und konnte sie nicht unterdrücken.

– Und gerade in der Wut werde ich mich versprechen! – ging es ihm wieder durch den Sinn. – Warum quälen sie mich bloß so ... –

»Du bist vollkommen gesund?« fiel ihm Rasumichin ins Wort. »Was er da sagt! Bis gestern war er bewußtlos und phantasierte ... Wirst du es mir glauben, Porfirij: er konnte fast nicht auf den Beinen stehen, aber kaum waren wir, ich und Sossimow, für einen Augenblick weg, als er sich anzog, durchbrannte und sich irgendwo fast bis Mitternacht herumtrieb! Und das, sage ich dir, im höchsten Fieber, kannst du dir so was vorstellen?! Ein merkwürdiger Fall!«

»Wirklich im Fieber? Was Sie nicht sagen!« versetzte Porfirij und schüttelte mit weibischer Gebärde den Kopf.

»Ach, Unsinn! Glauben Sie es nicht! Sie glauben es übrigens auch so nicht!« entschlüpfte es Raskolnikow in übertriebener Wut.

Porfirij Petrowitsch schien aber diese merkwürdigen Worte überhört zu haben.

»Wie konntest du überhaupt weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?« ereiferte sich plötzlich Rasumichin. »Wozu bist du weggegangen? Zu welchem Zweck? ... Und warum heimlich? Nun, warst du vielleicht bei klarem Verstand? Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir geradeaus!«

»Sie haben mir gestern so furchtbar zugesetzt«, wandte sich Raskolnikow plötzlich an Porfirij mit frech herausforderndem Lächeln, »und ich lief von ihnen weg, um mir eine Wohnung zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden; ich nahm auch einen Haufen Geld mit. Herr Samjotow hat das Geld gesehen. Nun, Herr Samjotow, war ich gestern vernünftig oder im Fieber, entscheiden Sie den Streit!«

Er wäre wohl in diesem Augenblick imstande gewesen, Samjotow zu erwürgen. Sein Blick und sein Schweigen mißfielen ihm schon sehr.

»Meiner Ansicht nach sprachen Sie sehr vernünftig und sogar schlau, aber Sie waren allzu reizbar«, erklärte Samjotow trocken.

»Heute erzählte mir Nikodim Fomitsch,« bemerkte Porfirij Petrowitsch, »er hätte Sie gestern spät am Abend in der Wohnung eines überfahrenen Beamten getroffen ...«

»Ach ja, das mit dem Beamten!« fiel ihm Rasumichin ins Wort. »Warst du vielleicht nicht verrückt bei diesem Beamten? Das letzte Geld gab er der Witwe für die Beerdigung her! Wenn du ihr helfen wolltest, konntest du ihr fünfzehn, auch zwanzig Rubel geben und wenigstens fünf Rubel für dich behalten, du gabst ihr aber die ganzen fünfundzwanzig!«

»Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, und du weißt es noch nicht? ... Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Samjotow weiß, daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie«, wandte er sich mit bebenden Lippen an Porfirij, »daß wir Sie mit solchen Dummheiten schon eine halbe Stunde belästigen! Sie haben uns doch schon sicher satt?«

»Aber ich bitte Sie, im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Wenn Sie bloß wüßten, wie Sie mich interessieren! Es ist so interessant, zuzusehen und zuzuhören ... und ich bin, offen gestanden, so froh, daß Sie endlich gekommen sind ...«

»Gib uns doch wenigstens Tee! Die Kehle ist mir ganz eingetrocknet!« rief Rasumichin.

»Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht trinkt die ganze Gesellschaft mit? Willst du vielleicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee zu dir nehmen?«

»Scher dich!«

Porfirij Petrowitsch ging hinaus, um den Tee zu bestellen.

Die Gedanken wirbelten im Kopfe Raskolnikows. Er war furchtbar gereizt.

– Das Auffallendste ist, daß sie es nicht mal verbergen und sich gar nicht genieren! Warum hast du aber, wenn du mich gar nicht kennst, über mich mit Nikodim Fomitsch gesprochen? Folglich wollen sie es nicht einmal verheimlichen, daß sie wie eine Koppel Hunde mir nachspüren! So offen spucken sie mir ins Gesicht! – Er zitterte vor Wut. – Nun, schlagt doch offen zu und spielt nicht mit mir wie die Katze mit der Maus. Es ist ja unhöflich, Porfirij Petrowitsch, das werde ich mir vielleicht gar nicht gefallen lassen! ... Ich werde gleich aufstehen und allen die ganze Wahrheit ins Gesicht schleudern; und ihr werdet sehen, wie ich euch verachte! ... – Er atmete schwer. – Wenn es mir aber nur so vorkommt? Wenn es nur eine Fata morgana ist, wenn ich mich in allem irre, aus Unerfahrenheit wüte und aus meiner gemeinen Rolle falle? Vielleicht ist das alles ohne Absicht? Alle ihre Worte sind gewöhnlich, aber es steckt etwas in ihnen ... Dies alles kann man stets sagen, aber es ist etwas dabei. Warum sagt er direkt: ›bei ihr?‹ Warum fügte Sossimow hinzu, daß ich ›schlau‹ gesprochen habe? Warum sprechen sie in solch einem Tone? Ja ... der Ton ... Auch Rasumichin saß doch dabei; warum fällt ihm nichts auf? Diesem unschuldigen Tölpel fällt wohl nie was auf! Ich habe wieder Fieber! Hat mir Porfirij vorhin zugezwinkert oder nicht? Wahrscheinlich nicht; warum sollte er es auch? Wollen sie vielleicht meine Nerven reizen oder mich bloß necken? Entweder ist alles Einbildung, oder sie wissen alles! Sogar Samjotow ist frech! ... Ist Samjotow wirklich frech? Samjotow hat es sich in der Nacht überlegt. Ich habe es doch gewußt, daß er es sich überlegen wird! Er benimmt sich hier wie zu Hause, ist aber zum erstenmal da. Porfirij behandelt ihn gar nicht als Gast, er sitzt mit dem Rücken zu ihm. Sie haben sich schon verständigt! Ganz gewiß haben sie sich meinetwegen verständigt. Sicher haben sie vor unserem Erscheinen über mich geredet! ... Ob sie das von der Wohnung wissen? Wenn das doch schneller herauskäme! ... Als ich sagte, ich sei gestern fortgelaufen, um mir eine Wohnung zu mieten, überhörte er es, nutzte die Gelegenheit nicht aus ... Das mit der Wohnung war aber geschickt von mir, es kann mir später einmal zustatten kommen. Ich bin natürlich im Fieber dort gewesen! ... Ha-ha-ha! Auch über den gestrigen Abend ist er schon unterrichtet! Doch von der Ankunft der Mutter wußte er nichts! ... Die Hexe hat auch das Datum mit Bleistift hingeschrieben! ... Ihr irrt, ich ergebe mich nicht! Das sind ja noch keine Tatsachen, es ist nur eine Fata Morgana! Nein, gebt mal Tatsachen her! Auch das mit der Wohnung ist keine Tatsache, sondern eine Fieberphantasie; ich weiß, was ich ihnen zu sagen habe ... Ob sie das von der Wohnung wissen? Ich gehe nicht von hier, ehe ich das erfahren habe! Warum bin ich überhaupt hergekommen? Jetzt bin ich so wütend, und das ist schon vielleicht eine Tatsache! Pfui, wie reizbar ich bin! Vielleicht ist es aber auch gut: ich spiele ja die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er wird mich aus dem Konzept bringen wollen. Wozu bin ich hergekommen? –

Das alles durchzuckte ihn wie ein Blitz.

Porfirij Petrowitsch kam im Nu zurück. Er war auf einmal lustig geworden.

»Von deinem gestrigen Abend tut mir der Kopf weh, Bruder ... Ich bin überhaupt ganz aus dem Leim gegangen«, wandte er sich lachend und in einem ganz anderen Tone an Rasumichin.

»Nun, war es interessant? Ich habe euch gestern im interessantesten Moment verlassen! Wer hat gesiegt?«

»Natürlich niemand. Man landete bei den ›ewigen Fragen‹ und schwebte in den Wolken.«

»Denk dir nur, Rodja, bei welcher Frage sie gestern gelandet sind: gibt es ein Verbrechen oder nicht? Ich sagte dir ja schon, daß sie bis zur Bewußtlosigkeit schwatzten!«

»Was ist denn Merkwürdiges dabei? Eine gewöhnliche soziale Frage«, antwortete Raskolnikow zerstreut.

»Die Frage war nicht so formuliert«, bemerkte Porfirij.

»Nicht ganz so, das stimmt«, gab Rasumichin sofort zu. Er sprach hastig und sich ereifernd wie immer. »Siehst du, Rodion: hör zu und sag deine Meinung. Ich will es so. Ich fuhr gestern schier aus der Haut, als ich mit ihnen redete, und wartete immer auf dich; ich hatte ihnen gesagt, daß du kommen wirst. Es fing an mit der Anschauung der Sozialisten. Diese Anschauung ist ja bekannt: das Verbrechen ist ein Protest gegen die anormale soziale Einrichtung – und sonst nichts, sonst gar nichts, andere Gründe gelten nichts, und fertig! ...«

»Da lügst du schon wieder!« rief Porfirij Petrowitsch. Er wurde sichtbar lebhafter und lachte jeden Augenblick beim Anblick Rasumichins, wodurch er ihn noch mehr aufstachelte.

»Andere Gründe gelten nichts!« unterbrach ihn Rasumichin hitzig. »Ich lüge gar nicht! ... Ich will dir ihre Bücher zeigen: alles geschieht bei ihnen darum, weil ›das Milieu einen hereingezogen hat‹ – und weiter nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Daraus folgt direkt, daß, wenn man die Gesellschaft normal einrichtet, alle Verbrechen sofort aufhören, weil es dann nichts mehr geben wird, wogegen zu protestieren, und alle werden im Nu Gerechte sein. Die Natur ziehen sie nicht in Betracht, die Natur ist gestrichen, die Natur zählt nicht mit. Bei ihnen wird sich nicht die Menschheit, nachdem sie sich auf ihrem historischen, lebendigen Wege zu Ende entwickelt hat, schließlich in eine normale Gesellschaft verwandeln, sondern umgekehrt, ein irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungenes soziales System wird sofort, die ganze Menschheit in Ordnung bringen und sie in einem Nu, ohne jeden lebendigen Prozeß, ohne jeden historischen und lebendigen Weg zu einer gerechten und sündlosen machen! Darum haben sie diesen instinktiven Haß gegen die Geschichte! Sie sagen: ›Sie handeln doch nur von Unfug und Dummheit‹ – und alles wird bloß durch Dummheit erklärt. Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozeß: sie brauchen keine lebendige Seele! Die lebendige Seele kann nach Leben verlangen, die lebendige Seele wird der Mechanik nicht folgen wollen, die lebendige Seele ist verdächtig, die lebendige Seele ist rückschrittlich! Sie können aber eine Seele aus Kautschuk machen; sie wird zwar einen Leichengeruch haben, dafür ist sie nicht lebendig, dafür ist sie ohne Willen, dafür ist sie sklavisch und wird sich nicht empören. Und das Resultat ist, daß alles auf die Zusammensetzung der Ziegelsteine und auf die Anlage der Korridore und Räume in der Phalanstėre hinausläuft! Die Phalanstėre mag wohl fertig sein, aber eure Natur ist für die Phalanstėre noch nicht fertig, sie lechzt nach Leben, sie hat ihren Lebensprozeß noch nicht abgeschlossen, es ist zu früh für sie, auf den Friedhof zu kommen. Mit der Logik allein kann man nicht über die Natur springen! Die Logik kann mit drei Fällen rechnen, ihrer sind aber eine Million! Man streicht eine ganze Million und beschränkt sich auf eine einzige Sache – den Komfort! Das ist doch die leichteste Lösung der Aufgabe! Es ist so verführerisch klar, und man braucht gar nicht zu denken! Das ist auch die Hauptsache, daß man nicht zu denken braucht! Das ganze Geheimnis des Lebens findet auf zwei Druckbogen Platz!«

»Wie der in Schwung gekommen ist, er trommelt nur so! Man müßte ihn an den Händen festhalten!« bemerkte lachend Porfirij. »Denken Sie sich nur,« wandte er sich an Raskolnikow, »so ging es auch gestern abend zu, sechsstimmig, und vorher hat er noch alle mit Punsch betrunken gemacht! Können Sie sich das vorstellen? Nein, Bruder, du redest Unsinn: das ›Milieu‹ hat im Verbrechen viel zu sagen, das will ich dir beweisen.«

»Ich weiß auch selbst, daß es viel zu sagen hat, aber beantworte mir diese Frage: ein Vierzigjähriger schändet ein zehnjähriges Mädchen; hat ihn das Milieu dazu gezwungen?«

»Nun, im strengen Sinne vielleicht auch wirklich das Milieu!« antwortete Porfirij mit merkwürdigem Ernst. »Das am Mädchen verübte Verbrechen kann man sogar sehr gut mit dem ›Milieu‹ erklären.«

Rasumichin wurde fast rasend.

»Nun will ich dir gleich beweisen,« brüllte er, »daß du nur deshalb weiße Wimpern hast, weil der Glockenturm ›Iwan der Große‹ zu Moskau fünfunddreißig Klafter hoch ist; und ich beweise es dir klar, genau, fortschrittlich und sogar mit einem Stich ins Liberale! Ich übernehme es! Willst du wetten?«

»Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hören, wie er das beweisen wird!«

»Er verstellt sich ja bloß, zum Teufel!« rief Rasumichin. Er sprang auf und winkte abwehrend mit der Hand. »Lohnt es sich denn überhaupt davon zu sprechen? Er meint es ja gar nicht ernst, du kennst ihn noch nicht, Rodion! Auch gestern nahm er für die andern Partei, nur um sie zum Narren zu halten. Und was er gestern zusammengeredet hat – mein Gott! Und die freuten sich noch über ihn! ... Er kann zuweilen zwei Wochen lang so eine Rolle spielen. Im vorigen Jahre redete er uns aus irgendeinem Grunde ein, daß' er ins Kloster gehen wolle: zwei Monate hielt er daran fest! Neulich versicherte er uns, daß er heirate und daß schon alles für die Hochzeit bereit sei. Ließ sich sogar neue Kleider machen. Wir gratulierten ihm sogar schon. Es war aber weder eine Braut da noch sonst etwas – alles eine Fata Morgana!«

»Es ist nicht wahr! Die Kleider hatte ich mir schon vorher machen lassen. Die Kleider brachten mich eben auf den Gedanken, euch alle anzuführen.«

»Können Sie sich wirklich so gut verstellen?« fragte Raskolnikow wie nebenbei.

»Glaubten Sie vielleicht, nicht? Warten Sie, ich will auch Sie anführen, ha-ha-ha! Nein, sehen Sie, ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Anläßlich aller dieser Fragen, Verbrechen, kleiner Mädchen, des Milieus ist mir eben ein kleiner Aufsatz von Ihnen eingefallen – er hat mich übrigens immer interessiert. Er heißt ›Vom Verbrechen‹ oder so ähnlich, ich weiß nicht mehr genau. Vor zwei Monaten hatte ich das Vergnügen, ihn im ›Periodischen Wort‹ zu lesen.«

»Meinen Aufsatz? Im ›Periodischen Wort?‹« fragte Raskolnikow erstaunt. »Ich habe wohl vor einem halben Jahre, als ich die Universität verlassen hatte, anläßlich eines gewissen Buches einen Aufsatz geschrieben; ich habe ihn aber damals der Zeitung ›Wöchentliches Wort‹ und nicht ›Periodisches Wort‹ gegeben!«

»Und er erschien doch im ›Periodischen‹!«

»Das ›Wöchentliche Wort‹ ist ja eingegangen, darum ist mein Aufsatz auch nicht erschienen ...«

»Das stimmt; doch das eingegangene ›Wöchentliche Wort‹ hat sich mit dem ›Periodischen Wort‹ vereinigt. Darum erschien auch Ihr Aufsatz vor zwei Monaten im ›Periodischen Wort‹. Wußten Sie es denn nicht?«

Raskolnikow wußte wirklich nichts.

»Aber ich bitte Sie! Sie können für den Aufsatz sogar Geld verlangen! Was haben Sie aber für einen Charakter! Sie leben so zurückgezogen, daß Sie selbst von solchen Dingen, die Sie direkt angehen, nichts wissen. Das ist doch eine Tatsache.«

»Bravo, Rodja! Auch ich wußte es nicht!« rief Rasumichin. »Heute noch laufe ich in die Bibliothek und lasse mir diese Nummer geben. Vor zwei Monaten? Welche Nummer war es denn? Nun, es ist gleich, ich finde ihn auch so! So eine Sache! Und er sagt nichts davon!«

»Wie erfuhren Sie, daß der Aufsatz von mir ist? Er ist doch bloß mit einem Buchstaben gezeichnet.«

»Ich erfuhr es ganz zufällig, dieser Tage. Vom Redakteur, ich bin mit ihm bekannt ... Der Aufsatz hat mich sehr interessiert.«

»Ich untersuchte, wenn ich mich recht erinnere, den psychischen Zustand des Verbrechers während des ganzen Ganges des Verbrechens.«

»Jawohl. Und Sie behaupten, daß die Ausführung eines Verbrechens stets von einer Krankheit begleitet werde. Sehr, sehr originell, aber mich interessierte übrigens weniger dieser Teil Ihres Aufsatzes als ein gewisser Gedanke, der am Schlusse des Aufsatzes ausgesprochen wird, den Sie aber leider nur andeutungsweise und unklar behandeln ... Mit einem Worte, wenn Sie sich noch erinnern können, Sie deuten an, daß es in der Welt angeblich solche Menschen gibt, die tun können ... das heißt nicht können, sondern das volle Recht dazu haben, jede Gewalttat und jedes Verbrechen zu begehen, und daß für diese Menschen das Gesetz nicht existiert.«

Raskolnikow lächelte über die krasse und absichtliche Verdrehung seiner Idee.

»Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht, weil das ›Milieu‹ schuld ist?« rief Rasumichin beinahe erschrocken.

»Nein, nein, nicht ganz aus dem Grunde«, antwortete Porfirij. »Es handelt sich darum, daß er in seinem Aufsatz die Menschen in ›gewöhnliche‹ und ›ungewöhnliche‹ einteilt. Die Gewöhnlichen müssen gehorsam sein und haben kein Recht, das Gesetz zu übertreten, weil sie eben gewöhnliche sind. Die Ungewöhnlichen haben aber das Recht, jedes Verbrechen zu begehen und jedes Gesetz zu übertreten gerade deshalb, weil sie ungewöhnlich sind. So haben Sie es doch gemeint, wenn ich nicht irre?«

»Wie ist denn das? Es kann nicht sein, daß er es so gemeint hat!« murmelte Rasumichin ganz verständnislos.

Raskolnikow lächelte wieder. Er hatte sofort begriffen, was los war und worauf man ihn bringen wollte; an seinen Aufsatz konnte er sich wohl erinnern. Er entschloß sich, die Herausforderung anzunehmen.

»Ich habe es nicht ganz so ausgesprochen«, begann er einfach und bescheiden. »Übrigens, ich muß gestehen, Sie haben ihn fast richtig wiedergegeben, wenn Sie wollen, sogar vollkommen richtig ... (Er tat so, als sei es ihm sehr angenehm, zuzugeben, daß man seinen Gedanken richtig wiedergegeben habe.) Der Unterschied liegt einzig darin, daß ich durchaus nicht behauptet habe, daß die ungewöhnlichen Menschen unbedingt müßten und verpflichtet seien, alle die Gewalttätigkeiten, wie Sie sie nennen, zu verüben. Mir scheint sogar, die Zensur würde einen solchen Aufsatz gar nicht durchlassen. Ich deutete ganz einfach an, daß der ›ungewöhnliche‹ Mensch das Recht habe ... das heißt nicht ein offizielles Recht, sondern ein in ihm selbst begründetes Recht, seinem Gewissen zu erlauben ... sich über gewisse Hindernisse hinwegzusetzen, und das einzig in dem Falle, wenn die Verwirklichung seiner Idee (die zuweilen vielleicht für die ganze Menschheit heilbringend ist) dieses verlangt. Sie belieben zu sagen, daß mein Aufsatz nicht ganz klar sei; ich bin bereit, ihn Ihnen nach Möglichkeit zu erklären. Vielleicht irre ich mich auch nicht, wenn ich annehme, daß Sie es wollen: ich tue es gern. Ich glaube, daß wenn die Entdeckungen Newtons und Keplers infolge irgendwelcher Kombinationen der Menschheit in keiner anderen Weise bekannt werden könnten, als durch die Opferung des Lebens von einem, zehn oder hundert Menschen, die diese Entdeckung störten oder ihr als Hindernis im Wege stünden, so hätte Newton das Recht und sogar die Pflicht gehabt, diese zehn oder hundert Menschen zu beseitigen, um seine Entdeckungen der ganzen Menschheit bekanntzumachen. Daraus folgt übrigens noch nicht, daß Newton das Recht hätte, jeden beliebigen Menschen zu ermorden oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich, wenn ich mich recht erinnere, den Gedanken, daß alle ... sagen wir Gesetzgeber und Aufbauer der Menschheit, angefangen von den allerältesten, dann Lykurg, Solon, Mohammed, Napoleon und so weiter, ausnahmslos Verbrecher gewesen seien, schon aus dem Grunde, weil sie, indem sie ein neues Gesetz aufstellten, ein altes, von der Gesellschaft heilig gehaltenes und von den Vätern übernommenes Gesetz verletzten und selbstverständlich auch vor dem Blutvergießen nicht haltmachten, wenn nur das Blut (das zuweilen ganz unschuldig war und für das alte Gesetz ruhmreich vergossen wurde) ihnen helfen konnte. Es ist sogar bemerkenswert, daß diese Wohltäter und Aufbauer der Menschheit zum größten Teil furchtbare Blutvergießer waren. Mit einem Worte, ich folgere, daß alle, nicht nur die großen, sondern auch die nur einigermaßen außerhalb des Geleises gehenden Menschen, die auch nur ein wenig befähigt sind, etwas Neues zu sagen, ihrer Natur nach unbedingt mehr oder weniger Verbrecher sein müssen. Sonst wäre es ihnen zu schwer, aus dem Geleise herauszukommen; aber im Geleise bleiben können sie auch nicht, wiederum ihrer Natur nach; meiner Ansicht nach dürfen sie es sogar nicht. Mit einem Worte, Sie sehen, es steht darin bisher eigentlich nichts Neues. Dies ist schon tausendmal gedruckt und gelesen worden. Und was meine Einteilung der Menschen in gewöhnliche und ungewöhnliche betrifft, so gebe ich zu, daß sie etwas willkürlich ist, aber ich bestehe auch nicht auf genauen Zahlen. Ich glaube nur an meinen leitenden Gedanken. Dieser besteht eben darin, daß die Menschen überhaupt nach dem Naturgesetz in zwei Kategorien zerfallen; in die Niederen (die Gewöhnlichen), das heißt, sozusagen, das Material, das einzig zur Fortpflanzung gleicher Individuen dient, und in eigentliche Menschen, das heißt solche, die das Talent oder die Gabe haben, der Gesellschaft ihr eigenes neues Wort zu verkünden. Es gibt natürlich zahllose Zwischenstufen, doch die Unterscheidungsmerkmale der beiden Kategorien sind ziemlich scharf. Die erste Kategorie, das heißt ganz allgemein gesagt das Material, die ihrer Natur nach konservativen, soliden Menschen, leben im Gehorsam und lieben es, gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet, gehorsam zu sein, und das ist in keiner Weise erniedrigend für sie. Die Vertreter der zweiten Kategorie übertreten sämtlich das Gesetz, sie sind Zerstörer oder neigen dazu, je nach ihren Anlagen. Die Verbrechen dieser Menschen sind natürlich relativ und verschiedenartig; meistens fordern sie in den verschiedensten Manifestationen die Zerstörung des Bestehenden im Namen eines Besseren. Wenn aber so einer zur Verwirklichung seiner Idee meinetwegen über eine Leiche oder über Blut hinwegschreiten maß, so darf er sich innerlich, vor seinem Gewissen, meiner Ansicht nach, die Erlaubnis geben, über das Blut hinwegzuschreiten – übrigens je nach der Idee und ihrer Größe –, was ich Sie zu beachten bitte. Nur in diesem Sinne spreche ich in meinem Aufsatz über das Recht solcher Menschen auf Verbrechen. (Entsinnen Sie sich, bitte, daß wir mit einer juristischen Frage angefangen haben.) Übrigens liegt keine Ursache zur Beunruhigung vor: die Menge erkennt ihnen dieses Recht fast nie zu, sie richtet sie hin und hängt sie (mehr oder weniger) und erfüllt dadurch vollkommen richtig ihre konservative Bestimmung, doch mit der Folge, daß die gleiche Menge in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf ein Piedestal erhebt und anbetet (mehr oder weniger). Die erste Kategorie ist immer die Herrin der Gegenwart, die zweite – die Herrin der Zukunft. Die ersteren erhalten die Welt und vermehren sie quantitativ; die letzteren bewegen die Welt und führen sie ans Ziel. Die einen wie die anderen haben das vollkommen gleiche Recht zu existieren. Mit einem Worte, alle haben bei mir das gleiche Recht, und – vive la guerre éternelle – bis zum neuen Jerusalem natürlich!«

»Sie glauben also doch an das neue Jerusalem?«

»Ich glaube daran«, antwortete Raskolnikow sehr bestimmt. Als er das sagte, wie auch während seiner ganzen Tirade blickte er zu Boden, auf einen Punkt, den er sich auf dem Teppiche ausgesucht hatte.

»Und ... glauben Sie an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.«

»Ich glaube an ihn«, wiederholte Raskolnikow, die Augen zu Porfirij emporhebend.

»Und ... glauben Sie auch an die Auferstehung des Lazarus?«

»Ich glaube. Was brauchen Sie das zu wissen?«

»Glauben Sie buchstäblich daran?«

»Ja, buchstäblich.«

»So, so ... Ich habe bloß gefragt. Entschuldigen Sie. Aber erlauben Sie – ich kehre wieder zum Alten zurück, – sie werden doch nicht immer hingerichtet; manche im Gegenteil ...«

»Triumphieren bei Lebzeiten? O ja, manche erreichen es auch bei Lebzeiten, und dann ...«

»Dann beginnen sie selbst hinzurichten?«

»Wenn es sein muß und, wissen Sie, sogar meistenteils. Ihre Bemerkung ist überhaupt geistreich.«

»Ich danke. Sagen Sie mir aber folgendes: Wie unterscheidet man bloß die Ungewöhnlichen von den Gewöhnlichen? Gibt es vielleicht solche angeborene Abzeichen? Ich meine es in dem Sinne, daß hier mehr Klarheit, mehr, sozusagen, äußerliche Präzision vonnöten ist: entschuldigen Sie mir die natürliche Besorgnis eines praktischen und rechtlich denkenden Menschen, aber könnte man für sie nicht zum Beispiel eine eigene Kleidung einführen, oder Stempel auf den Stirnen? ... Denn Sie werden doch zugeben: wenn ein Durcheinander entsteht, wenn ein Mensch von der einen Kategorie sich einbildet, zu der anderen Kategorie zu gehören, und anfängt, ›alle Hindernisse zu beseitigen‹, wie Sie sich so treffend ausgedrückt haben, so kann es ...«

»Oh, das kommt sehr oft vor! Diese Bemerkung von Ihnen ist sogar noch besser als die vorige ...«

»Ich danke ...«

»Keine Ursache; ziehen Sie aber, bitte, in Betracht, daß ein Irrtum nur seitens der ersten Kategorie möglich ist, das heißt seitens der ›gewöhnlichen‹ Menschen (wie ich sie vielleicht nicht ganz glücklich genannt habe). Trotz ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam, bilden sich sehr viele von ihnen, infolge eines besonders lebhaften Temperaments, der auch einer Kuh nicht versagt ist, gerne ein, fortschrittliche Menschen, ›Zerstörer‹ zu sein und mit einem ›neuen Worte‹ zu kommen, und das durchaus aufrichtig. Dabei sehen sie die tatsächlich Neuen zuweilen gar nicht; sie verachten sie sogar als zurückgebliebene und niedrig denkende Menschen. Meiner Ansicht nach ist hier eine große Gefahr nicht zu befürchten, und Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen, denn diese Menschen machen niemals große Sprünge. Wenn sie sich zu sehr hinreißen lassen, so kann man sie höchstens mit Ruten züchtigen, um sie an die ihnen gebührende Stellung zu erinnern; dazu braucht man nicht mal einen Vollstrecker: sie werden sich selbst züchtigen, denn sie sind sehr sittsam: manche von ihnen erweisen einander diesen Dienst, und die anderen besorgen es eigenhändig ... Dabei legen sie sich allerlei öffentliche Bußen auf, – es wirkt hübsch und belehrend; mit einem Worte, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen ... Es gibt so ein Gesetz.«

»Nun, Sie haben mich wenigstens in dieser Beziehung einigermaßen beruhigt; aber ich befürchte etwas anderes: sagen Sie, bitte, gibt es viele solche Menschen, die das Recht haben, die anderen zu morden, ich meine ›ungewöhnliche‹ Menschen? Ich bin natürlich bereit, mich vor ihnen zu beugen, aber Sie wer den doch zugeben, daß es etwas unheimlich ist, wenn es ihrer gar zu viele gibt. Nicht wahr?«

»Oh, machen Sie sich, bitte, auch darüber keine Sorgen«, fuhr Raskolnikow im gleichen Tone fort. »Menschen mit neuen Gedanken, Menschen, die nur einigermaßen die Fähigkeit haben, etwas Neues zu sagen, kommen überhaupt ungewöhnlich wenig zur Welt, sogar erstaunlich wenig. Klar ist nur das eine, daß die Bedingungen für die Entstehung der Menschen aller dieser Kategorien und Zwischenstufen wahrscheinlich sehr genau und präzis durch irgendein Naturgesetz bestimmt sind. Dieses Gesetz ist jetzt selbstverständlich noch unbekannt, aber ich glaube, daß es existiert und in Zukunft bekannt werden kann. Die überwiegende Menge der Menschen, das Material, existiert in der Welt bloß dazu, um schließlich durch irgendeine Anstrengung, durch einen bisher noch unbekannten Prozeß, durch eine Kreuzung von Geschlechtern und Rassen sich zusammenzunehmen und endlich einen einzigen – meinetwegen einen auf tausend – einigermaßen selbständigen Menschen zu zeugen. Mit einer noch größeren Selbständigkeit wird vielleicht unter zehntausend Menschen ein einziger geboren (ich sage es nur zum Beispiel und bildlich); mit einer noch größeren – einer unter Hunderttausend. Ein genialer Mensch kommt auf Millionen, und ein großes Genie, ein Vollender der Menschheit, kommt vielleicht nach dem Vergehen von vielen tausend Millionen Menschen auf Erden. Mit einem Worte, in die Retorte, in der dies alles geschieht, habe ich nicht hineingeblickt. Aber ein bestimmtes Gesetz ist unbedingt vorhanden und muß vorhanden sein; bloße Zufälle kann es hier nicht geben.«

»Macht ihr etwa beide Spaß?« rief endlich Rasumichin. »Haltet ihr einander zum Narren oder nicht? Sie sitzen da und lachen einander aus! Ist das dein Ernst, Rodja?«

Raskolnikow hob stumm sein bleiches und fast trauriges Gesicht und antwortete nicht. So merkwürdig erschien dem Rasumichin neben diesem stillen und traurigen Gesichte die unverhohlene, zudringliche, gereizte und unhöfliche beißende Ironie Porfirijs.

»Nun, Bruder, wenn es wirklich dein Ernst ist, so ... Du hast natürlich recht, daß es nicht neu ist und allem, was wir tausendmal gelesen und gehört haben, ähnlich sieht; was aber daran wirklich originell ist und zu meinem Schrecken wirklich dir allein gehört, ist, daß du dennoch das Blutvergießen nach eigenem Gewissen gestattest und sogar, entschuldige mich, mit einem Fanatismus ... Darin liegt also der Hauptgedanke deines Aufsatzes. Diese Erlaubnis, Blut nach eigenem Gewissen zu vergießen, ist ... meiner Ansicht nach noch schrecklicher als eine offizielle, sozusagen gesetzliche Erlaubnis, Blut zu vergießen ...«

»Sehr richtig, viel schrecklicher«, bestätigte Porfirij.

»Nein, du hast dich sicher irgendwie vergaloppiert! Es liegt ein Irrtum darin. Ich will den Aufsatz lesen ... Du hast dich vergaloppiert! Du kannst unmöglich so denken ... Ich werde ihn lesen.«

»Im Aufsatz selbst steht dies alles nicht, es sind nur Andeutungen«, versetzte Raskolnikow.

»Ja so«, fing Porfirij wieder an, der noch immer keine Ruhe geben wollte. »Es ist mir jetzt beinahe klar, wie Sie das Verbrechen anzusehen belieben, aber ... entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit (ich setze Ihnen so zu, daß ich mich selbst schämen muß!) – sehen Sie: Sie haben mich eben über die Möglichkeit der Verwechslung der beiden Kategorien beruhigt, aber ... mir machen noch immer allerlei praktische Fälle Sorgen! Was, wenn sich irgendein Mann oder Jüngling einbildet, ein Lykurg oder Mohammed zu sein – selbstverständlich ein Zukünftiger –, und alle sich ihm bietenden Hindernisse zu beseitigen beginnt ... Es steht ihm, sagt er, ein langer Feldzug bevor, und für den Feldzug braucht er Geld ... also beginnt er sich das Geld für den Feldzug zu verschaffen ... wissen Sie?«

Samjotow lachte plötzlich in seiner Ecke auf. Raskolnikow sah ihn nicht mal an.

»Ich muß zugeben,« antwortete er ruhig, »daß solche Fälle wirklich vorkommen müssen. Die Dummen und die Ehrgeizigen fallen leicht darauf herein; ganz besonders die Jugend.«

»Nun sehen Sie es. Wie verhält es sich damit?«

»Genau so«, antwortete Raskolnikow lächelnd. »Es ist nicht meine Schuld. So ist es, und so wird es immer sein. Er sagte eben (er zeigte auf Rasumichin), daß ich Blutvergießen gestatte. Was ist denn dabei? Die Gesellschaft hat doch genügend Sicherungen; sie hat die Verbannung, Gefängnisse, Untersuchungsrichter, Zuchthäuser – was soll man sich noch Sorgen machen? Suchen Sie den Dieb! ...«

»Und wenn wir ihn finden?«

»So ist es ihm recht geschehen.«

»Sie sind wirklich logisch. Und wie ist es mit dem Gewissen?«

»Was geht uns das Gewissen an?«

»Nun, ich meine aus Humanität.«

»Wer ein Gewissen hat, soll nur leiden, wenn er seinen Irrtum einsieht. Das ist eine Strafe für ihn – neben dem Zuchthause.«

»Nun, und die wirklich Genialen,« fragte Rasumichin finster, »ich meine die, denen das Recht gegeben ist, zu morden, sollen die gar nicht leiden, auch wegen des vergossenen Blutes nicht?«

»Warum gebrauchst du das Wort ›sollen‹? Hier gibt es weder eine Erlaubnis noch ein Verbot. Soll er nur leiden, wenn ihm das Opfer leid tut ... Leid und Schmerz sind der weiten Erkenntnis und dem tiefen Herzen immer eigen. Die wahrhaft großen Menschen müssen, glaube ich, eine große Trauer auf Erden empfinden«, fügte er plötzlich nachdenklich hinzu, gar nicht im Tone des ganzen Gesprächs.

Er hob die Augen, blickte alle nachdenklich an, lächelte und griff nach seiner Mütze. Er war viel ruhiger als vorhin bei seinem Eintritt und fühlte es auch. Alle erhoben sich.

»Nun, Sie können auf mich schimpfen oder nicht, auf mich böse sein oder nicht, aber ich kann mich nicht bezwingen«, sagte wieder Porfirij Petrowitsch: »Gestatten Sie mir noch eine kleine Frage (ich belästige Sie wirklich furchtbar!), ich will nur noch eine einzige kleine Idee äußern, einzig um es nicht zu vergessen ...«

»Gut, sagen Sie mir Ihre Idee«, sagte Raskolnikow, der ernst und bleich in Erwartung vor ihm stand.

»Ich weiß wirklich nicht, wie ich es am besten ausdrücke ... die Idee ist allzu pikant ... und psychologisch ... Als Sie Ihren Aufsatz verfaßten, so ist es ausgeschlossen, he-he, daß Sie sich nicht selbst für einen, und wenn auch nur ein bißchen ›ungewöhnlichen‹ Menschen hielten, der ein neues Wort, natürlich in Ihrem Sinne, sagt ... Es ist doch so?«

»Sehr möglich«, antwortete Raskolnikow verächtlich.

Rasumichin machte eine Bewegung.

»Und wenn es sich so verhält, würden Sie sich denn auch entschließen, sagen wir angesichts irgendwelcher Mißerfolge und Bedrängnisse im Leben, oder um die ganze Menschheit irgendwie zu fördern, sich über ein Hindernis hinwegzusetzen? Nun, zum Beispiel, einen Mord oder Raub zu begehen? ...«

Und er zwinkerte ihm wieder eigentümlich mit dem linken Auge zu und lachte unhörbar, genau wie vorhin.

»Wenn ich mich auch hinwegsetzen würde, so würde ich es Ihnen ganz gewiß nicht sagen«, antwortete Raskolnikow mit herausfordernder, hochmütiger Verachtung.

»Aber nein, ich interessiere mich dafür nur, um Ihren Aufsatz besser zu verstehen, bloß in literarischer Hinsicht ...«

– Pfui, wie deutlich und frech! – dachte Raskolnikow angeekelt.

»Gestatten Sie mir, zu bemerken,« antwortete er trocken, »daß ich mich weder für einen Mohammed, noch für einen Napoleon, noch für eine ähnliche Person halte, und da ich keiner von ihnen bin, kann ich Ihnen keine befriedigende Erklärung abgeben, wie ich dann handeln würde.«

»Aber, ich bitte Sie, wer hält sich jetzt bei uns in Rußland nicht für einen Napoleon?« sagte Porfirij plötzlich furchtbar familiär.

Selbst im Tone seiner Stimme lag diesmal etwas besonders Deutliches.

»Hat nicht auch so ein zukünftiger Napoleon unsere Aljona Iwanowna in der vorigen Woche mit einem Beile umgebracht?« platzte Samjotow aus seiner Ecke heraus.

Raskolnikow schwieg und sah Porfirij unverwandt und fest an. Rasumichin blickte finster drein. Ihm war auch schon vorhin etwas aufgefallen. Er blickte zornig um sich. Eine Minute verging in düsterem Schweigen. Raskolnikow wandte sich, um wegzugehen.

»Sie gehen schon?!« sagte Porfirij freundlich und reichte ihm sehr liebenswürdig die Hand. »Es freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Und was Ihre Bitte betrifft, so können Sie unbesorgt sein. Schreiben Sie es so, wie ich Ihnen gesagt habe. Das beste ist, daß Sie mal zu mir selbst hinkommen ... dieser Tage ... vielleicht morgen. Wir werden alles machen ... wir werden uns unterhalten ... Vielleicht werden Sie als einer von denen, die zuletzt dort waren, uns etwas erzählen können ...« fügte er mit dem gutmütigsten Ausdruck hinzu.

»Sie wollen mich offiziell vernehmen, mit allem, was drum und dran ist?« fragte Raskolnikow scharf.

»Aber warum denn? Vorläufig ist es gar nicht nötig. Sie haben mich falsch verstanden. Sehen Sie, ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen und habe schon mit allen Pfandgebern gesprochen ... manche von ihnen habe ich auch vernommen ... und Sie, als der letzte ... A propos!« rief er plötzlich über etwas erfreut. »Es fällt mir eben ein, was habe ich bisher geschwiegen? ...« wandte er sich an Rasumichin. »Du hast mir damals mit diesem Nikolaschka die Ohren vollgeblasen ... nun, ich weiß auch selbst, ich weiß auch selbst,« wandte er sich wieder an Raskolnikow, »daß der Bursche unschuldig ist, aber was kann ich machen? Ich mußte auch den Mitjka belästigen ... Die Sache ist nämlich die: als Sie über die Treppe gingen ... erlauben Sie, Sie waren doch gegen acht Uhr dort?«

»Ja, gegen acht«, antwortete Raskolnikow mit dem unangenehmen Gefühl, daß er dies auch nicht zu sagen brauchte.

»Nun, als Sie gegen acht über die Treppe gingen, sahen Sie da nicht im ersten Stock, in einer offen stehenden Wohnung – Sie erinnern sich doch noch? – zwei Arbeiter oder wenigstens einen von ihnen? Die haben dort gestrichen, haben Sie es nicht bemerkt? Das ist für Sie sehr wichtig! ...«

»Anstreicher? Nein, ich habe keine gesehen ...« antwortete Raskolnikow langsam, wie in seiner Erinnerung wühlend und zugleich sein ganzes Wesen anspannend und vor Qual ersterbend, um zu erraten, wo ihm hier eine Falle gestellt sei, und um nichts zu übersehen. »Nein, ich habe sie nicht gesehen und kann mich auch an eine offenstehende Wohnung nicht erinnern ... aber im dritten Stock (er hatte schon die Falle erkannt und triumphierte), ich kann mich gut erinnern, da zog gerade irgendein Beamter aus ... gerade gegenüber Aljona Iwanowna ... daran kann ich mich gut erinnern ... Soldaten trugen ein Sofa heraus und drückten mich an die Wand ... aber Anstreicher, nein, ich kann mich nicht erinnern, daß Anstreicher dagewesen wären ... es stand auch, glaub ich, nirgends eine Wohnung offen. Nein, ganz gewiß nicht ...«

»Was fällt dir ein!« rief plötzlich Rasumichin, dem es erst eben eingefallen war. »Die Anstreicher haben ja erst am Tage des Mordes gearbeitet, er aber war drei Tage vorher dort! Warum fragst du ihn danach?«

»Teufel, ich hab es verwechselt!« sagte Porfirij und schlug sich vor die Stirn. »Hol der Teufel, dieser Fall hat mich ganz verrückt gemacht!« wandte er sich, sich gleichsam entschuldigend an Raskolnikow. »Es liegt uns doch so viel daran, zu erfahren, ob jemand Sie um die achte Stunde in der Wohnung gesehen hat. Darum bildete ich mir ein, daß auch Sie etwas darüber sagen könnten ... ich habe es wirklich verwechselt!«

»Man muß aufmerksamer sein«, bemerkte Rasumichin finster.

Die letzten Worte wurden schon im Vorzimmer gesagt. Porfirij Petrowitsch begleitete sie äußerst freundlich bis zur Tür. Die beiden traten düster und verstimmt auf die Straße und redeten bei den ersten Schritten kein Wort. Raskolnikow holte schwer Atem ...