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Rasumichin erwachte am anderen Tag ernst und besorgt gegen acht Uhr. An diesem Morgen stand er plötzlich vor einer Menge neuer und unvorhergesehener Fragen. Er hätte es sich früher nie gedacht, daß er je in dieser Stimmung aufwachen würde. Er erinnerte sich ans Gestrige mit allen Einzelheiten und begriff, daß mit ihm etwas ganz Ungewöhnliches geschehen war, daß er einen gewissen neuen, ihm bis dahin unbekannten Eindruck aufgenommen hatte, der allen bisherigen so gar nicht glich. Zugleich war er sich vollkommen klar, daß der Gedanke, der sich in seinem Kopfe festgesetzt hatte, im höchsten Grade unerfüllbar war, – dermaßen unerfüllbar, daß er sich seiner sogar schämte und so schnell als möglich zu anderen dringenderen Sorgen und Fragen überging, die ihm der »dreimal verfluchte gestrige Tag« als Erbe hinterlassen hatte.

Die schrecklichste Erinnerung war für ihn, daß er sich gestern als »niedrig und gemein« gezeigt hatte, nicht nur weil er betrunken war, sondern auch weil er vor dem jungen Mädchen, deren Lage er ausnutzte, aus dümmster voreiliger Eifersucht ihren Bräutigam beschimpft hatte, ohne ihre gegenseitigen Beziehungen und Verpflichtungen, ohne sogar den Menschen selbst richtig zu kennen. Welches Recht hatte er auch, so vorschnell und übereilt über ihn zu urteilen? Wer hat ihn zum Richter berufen? Ist denn so ein Geschöpf wie Awdotja Romanowna imstande, sich einem unwürdigen Menschen für Geld hinzugeben? Also muß er auch Vorzüge haben. Die möblierten Zimmer? Ja, woher hätte er auch wissen sollen, daß es solche Zimmer sind? Er richtet doch auch eine Wohnung ein ... pfui, wie gemein war das! Und was ist das für eine Entschuldigung, daß er damals betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn noch mehr herabsetzte! Im Weine hat sich wirklich die Wahrheit gezeigt, nämlich: »Der ganze Schmutz seines neidischen rohen Herzens!« Und ist denn solch ein Gedanke ihm, Rasumichin, überhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleich mit diesem jungen Mädchen, er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Aufschneider? »Ist denn eine solche zynische und lächerliche Nebeneinanderstellung überhaupt möglich?« Rasumichin errötete furchtbar bei diesem Gedanken, und im gleichen Augenblick fiel es ihm plötzlich ein, daß er ihnen gestern auf der Treppe gesagt hatte, die Wirtin würde seinetwegen auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein ... das war schon ganz unerträglich. Er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich die Hand und schlug einen Ziegelstein heraus.

»Natürlich«, sagte er sich nach einer Minute mit einem eigentümlichen Gefühl von Selbsterniedrigung, »alle diese Gemeinheiten kann ich jetzt nicht mehr beschönigen oder wiedergutmachen ... also darf ich daran nicht mal denken, muß vielmehr schweigend hingehen und ... meine Pflicht tun ... ebenfalls schweigend und ... und nicht um Entschuldigung bitten und nichts sagen und ... und natürlich ist jetzt alles verloren!«

Trotzdem untersuchte er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfältiger als gewöhnlich. Andere Kleider hatte er nicht, und wenn er auch welche gehabt hätte, so hätte er sie vielleicht gar nicht angezogen, »absichtlich nicht«. Aber Zyniker und Schmutzfink durfte er keineswegs bleiben: er hatte kein Recht, die Gefühle anderer zu verletzen, um so mehr, als diese anderen seiner benötigten und ihn selbst zu sich riefen. Er reinigte seinen Anzug sorgfältig mit einer Bürste. Seine Wäsche war immer erträglich; in dieser Beziehung war er besonders reinlich.

An diesem Morgen wusch er sich auch besonders sorgfältig – bei Nastasja fand sich ein Stück Seife –, er wusch sich den Kopf, den Hals und besonders die Hände. Als er aber vor der Frage stand, ob er sich auch seine Borsten rasieren sollte oder nicht (Praskowja Pawlona hatte ausgezeichnete Rasiermesser, die vom verstorbenen Herrn Sarnizyn geblieben waren), so entschied er diese Frage, sogar mit Wut, im negativen Sinne: »Soll es nur so bleiben! Sie werden noch glauben, ich hätte mich rasiert, um ... ja, sie werden es gewiß glauben! Nein, um nichts in der Welt!« –

Und ... und die Hauptsache ist, daß er so roh und schmutzig ist und Wirtshausmanieren hat; er weiß zwar, daß er ein einigermaßen anständiger Mensch ist ... aber kann man denn damit prahlen, daß man ein anständiger Mensch ist? Jeder Mensch muß anständig sein und noch mehr als er, und ... und er hat auch einiges (er weiß es noch) auf dem Gewissen ... nicht daß es etwas Unehrenhaftes wäre, aber immerhin! ... Und was er bloß für Gedanken gehabt hat! Hm! ... Und wenn er dabei an Awdotja Romanowna denkt! Na, zum Teufel damit ... Soll es nur so bleiben! – »Ich will absichtlich so schmutzig und schmierig sein und nach dem Wirtshaus riechen, ich spucke drauf! Und ich will es noch mehr sein!« ...

Bei solchen Monologen traf ihn Sossimow an, der im Gastzimmer Praskowja Pawlownas übernachtet hatte.

Er war eben im Begriff, nach Hause zu gehen, und wollte vor dem Weggehen nach dem Kranken schauen. Rasumichin berichtete ihm, daß jener wie ein Murmeltier schlafe. Sossimow ordnete an, daß man ihn nicht wecke, bis er selbst aufwache. Gegen elf Uhr wollte er wiederkommen.

»Wenn er nur zu Hause bleibt«, fügte er hinzu. »Pfui Teufel! Selbst über meinen Patienten habe ich keine Gewalt, und da soll ich ihn noch behandeln. Weißt du nicht, wird er zu ihnen gehen, oder werden sie herkommen?«

»Ich glaube, sie werden herkommen«, antwortete Rasumichin, der den Sinn der Frage erriet. »Ich werde fortgehen. Du als Arzt hast natürlich mehr Rechte als ich.«

»Auch ich bin doch kein Beichtvater; ich werde kommen und gleich wieder weggehen; auch ohne sie habe ich genug zu tun.«

»Eines macht mir nur Sorge«, unterbrach ihn Rasumichin düster. »Gestern habe ich ihm im Rausche auf dem Wege hierher allerlei Dummheiten ausgeplaudert ... verschiedenes ... unter anderem deine Befürchtung, daß er ... zum Wahnsinn neige ...«

»Auch den Damen hast du es gestern ausgeplaudert.«

»Ich weiß, daß es dumm ist! Du kannst mich schlagen. Hast du wirklich einen bestimmten Gedanken darüber gehabt?«

»Ich sage doch, daß es Unsinn ist! Was für einen bestimmten Gedanken? Du hast ihn mir doch selbst als einen Monomanen geschildert, als du mich zu ihm führtest ... Nun, und gestern haben wir diesen Verdacht noch mehr geschürt, eigentlich du, mit diesen Erzählungen ... von dem Anstreicher; das war ein schönes Gespräch, wenn er vielleicht wirklich deswegen verrückt geworden ist! Wenn ich nur sicher wüßte, was damals im Polizeibureau geschehen ist und daß ihn dort irgendeine Kanaille mit ihrem Verdacht beleidigt hat! Hm! ... dann hätte ich gestern solch ein Gespräch nicht geduldet. Diese Monomanen machen doch aus einem Tropfen einen Ozean und sehen jeden Unsinn leibhaftig vor sich ... Soweit ich mich erinnere, war mir gestern aus der Erzählung Samjotows die Hälfte der Sache klar geworden. Aber was hat das zu sagen! Ich kenne einen Fall, wo ein vierzigjähriger Mann, ein Hypochonder, der es nicht ertragen konnte, daß ein achtjähriger Junge sich über ihn bei Tisch täglich lustig machte, ihn ermordete! Hier aber: sein zerlumpter Zustand, die Frechheit des Revieraufsehers, die beginnende Krankheit und dazu dieser Verdacht! Und das sagt man einem rasenden Hypochonder! Bei seiner wahnsinnigen außergewöhnlichen Eitelkeit! Hier sitzt vielleicht gerade der Ausgangspunkt der ganzen Krankheit! Na, hol's der Teufel! Dieser Samjotow ist übrigens wirklich ein netter Junge, aber hm! ... es war ganz unnötig, daß er es gestern erzählte. Ein furchtbarer Schwätzer!«

»Wem hat er es denn erzählt? Doch nur mir und dir!«

»Und dem Porfirij.«

»Was macht das, daß er es auch Porfirij erzählt hat?«

»Übrigens, hast du irgendeinen Einfluß auf jene, ich meine auf seine Mutter und Schwester? Sie müßten ihn heute vorsichtiger behandeln ...«

»Sie werden sich schon einigen!« antwortete Rasumichin unwillig.

»Warum ist er nur so über Luschin hergefallen? Der Mensch hat doch Geld und ist ihr anscheinend gar nicht zuwider ... sie haben wohl keinen Heller? Wie?«

»Was fragst du mich so aus?« rief Rasumichin gereizt. »Woher soll ich wissen, ob sie einen Heller haben oder nicht? Frag sie selbst, vielleicht wirst du es erfahren.«

»Pfui, wie dumm du zuweilen bist! Der gestrige Rausch sitzt dir noch im Kopfe ... Auf Wiedersehen; bedanke dich in meinem Namen bei deiner Praskowja Pawlowna für das Nachtquartier. Sie hat sich eingeschlossen, hat auf mein ›Guten Morgen‹ durch die Tür nicht geantwortet, war aber schon um sieben Uhr aufgestanden; man hatte ihr den Samowar aus der Küche durch den Korridor gebracht ... Ich bin nicht für würdig befunden worden, ihr Antlitz zu schauen ...«

Punkt neun Uhr erschien Rasumichin in den möblierten Zimmern Bakalejews. Die beiden Damen erwarteten ihn schon längst mit einer hysterischen Ungeduld. Sie waren schon um sieben aufgestanden, vielleicht sogar früher. Er trat finster wie die Nacht ein und machte eine ungeschickte Verbeugung, worüber er sofort böse wurde, – natürlich auf sich selbst. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Pulcheria Alexandrowna fiel über ihn buchstäblich her, packte ihn an beiden Händen und küßte sie ihm beinahe. Er warf einen schüchternen Blick auf Awdotja Romanowna; dieses hochmütige Gesicht drückte aber in diesem Augenblick so viel Dankbarkeit und Freundlichkeit aus, eine so vollkommene und unerwartete Achtung ihm gegenüber (statt höhnischer Blicke und einer unwillkürlichen, schlecht verheimlichten Verachtung), daß es ihm wirklich leichter zumute gewesen wäre, wenn man ihn hier mit Schimpfworten empfangen hätte; so mußte er sich aber furchtbar genieren. Zum Glück hatte er ein fertiges Gesprächsthema, an das er sich auch sofort klammerte.

Als sie hörte, daß er »noch nicht erwacht« sei, daß aber alles »vorzüglich gehe«, erklärte Pulcheria Alexandrowna, daß dies sogar gut sei, »denn sie habe mit ihm sehr vieles dringend zu besprechen«. Darauf folgte die Frage, ob er schon Tee getrunken habe, und die Einladung, ihn mit ihnen zu trinken; sie hatten in Erwartung Rasumichins noch selbst keinen getrunken. Awdotja Romanowna klingelte, worauf ein schmutziger und zerlumpter Bursche erschien, dem der Tee bestellt wurde; der Tee wurde schließlich serviert, doch so schmutzig und unanständig, daß die Damen sich schämten. Rasumichin schimpfte energisch auf diese möblierten Zimmer, verstummte aber und wurde verlegen, als er sich Luschins erinnerte; er war ordentlich froh, als Pulcheria Alexandrowna ihn mit ihren Fragen zu bestürmen begann.

Diese Fragen beantwortend, sprach er dreiviertel Stunden, jeden Augenblick unterbrochen und wieder gefragt, und so teilte er ihnen die wichtigsten und notwendigsten ihm bekannten Tatsachen aus dem letzten Jahre des Lebens Rodions Romanowitschs mit und schloß mit einem umständlichen Bericht über dessen Erkrankung. Vieles verschwieg er, was auch wirklich verschwiegen werden mußte, unter anderem auch die Szene auf dem Polizeibureau mit allen Folgen. Seiner Erzählung lauschten sie gierig; als er aber schon glaubte, daß er zu Ende sei und seine Zuhörerinnen befriedigt habe, zeigte es sich, daß er für sie so gut wie noch gar nicht begonnen hatte.

»Sagen Sie, sagen Sie mir, wie meinen Sie ... ach, entschuldigen Sie, ich weiß noch immer nicht, wie Sie heißen!« fragte Pulcheria Alexandrowna hastig.

»Dmitrij Prokofjitsch.«

»Also Dmitrij Prokofjitsch, ich möchte sehr gerne wissen ... wie er überhaupt ... wie er jetzt die Dinge ansieht, das heißt, Sie müssen mich richtig verstehen, wie soll ich es Ihnen bloß sagen; was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so reizbar? Was hat er für Wünsche, wonach sehnt er sich, wenn man so sagen darf? Was hat jetzt auf ihn einen besonderen Einfluß? Mit einem Worte, ich möchte ...«

»Ach, Mamachen, wie kann man nur alle diese Fragen auf einmal beantworten!« bemerkte Dunja.

»Ach, mein Gott, ich hatte gar nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu finden, Dmitrij Prokofjitsch.«

»Das ist sehr natürlich«, antwortete Dmitrij Prokofjitsch. »Eine Mutter habe ich nicht, aber mein Onkel kommt jedes Jahr her und kann mich fast jedesmal nicht wiedererkennen, selbst äußerlich, und dabei ist er doch ein kluger Mensch! Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung ist doch viel Wasser ins Meer geflossen. Was soll ich Ihnen auch sagen? Ich kenne Rodion seit anderthalb Jahren: er ist finster, düster, hochmütig und stolz; in der letzten Zeit (vielleicht auch schon viel länger) argwöhnisch und ein Hypochonder, großmütig und gut. Er liebt es nicht, seine Gefühle zu zeigen, und ist eher bereit, grausam zu sein, als sein Herz durch Worte zu enthüllen. Manchmal ist er übrigens gar kein Hypochonder, sondern einfach unmenschlich kalt und gefühllos, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere abwechselten. Zuweilen furchtbar verschlossen! Nie hat er Zeit; immer stört man ihn, dabei liegt er aber da und tut nichts. Er ist nicht spöttisch, – nicht weil es ihm etwa an Witz mangelte, sondern als hätte er keine Zeit für solchen Unsinn. Er hört nie bis zu Ende, was man ihm sagt. Niemals interessiert er sich dafür, wofür sich die anderen interessieren. Er hält sehr viel von sich und hat wohl auch ein gewisses Recht dazu. Nun, was soll ich noch sagen? ... Mir scheint, daß Ihre Ankunft auf ihn eine heilsame Wirkung haben wird.«

»Ach, gebe Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna, für die der Bericht Rasumichins über ihren Sohn eine Qual gewesen war.

Rasumichin aber blickte Awdotja Romanowna endlich etwas mutiger an. Er hatte sie während des Gesprächs öfter angesehen, aber nur flüchtig, bloß für einen Augenblick, und die Augen immer gleich wieder weggewandt. Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hörte aufmerksam zu und stand bald wieder auf und begann, ihrer Gewohnheit nach, auf und ab zu gehen, die Arme gekreuzt, die Lippen zusammengepreßt; zuweilen stellte sie nachdenklich ihre Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen. Auch sie hatte die Gewohnheit, was man ihr sagte, nicht bis ans Ende zu hören. Sie trug ein dunkles Kleid aus einem leichten Stoff und ein weißes, durchsichtiges Tüchlein um den Hals. Rasumichin schloß aus vielen Anzeichen, daß die beiden Frauen sich in außerordentlich dürftigen Verhältnissen befanden. Wäre Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen, so hätte er sich vor ihr wohl gar nicht gefürchtet; jetzt aber, vielleicht gerade aus dem Grunde, weil sie so ärmlich gekleidet war und er die ganze elende Umgebung sah, hatte sich in seinem Herzen eine gewisse Angst festgesetzt, und er fürchtete für jedes seiner Worte, für jede Gebärde, was für ihn, der sich auch ohnehin nicht recht traute, natürlich sehr lästig war.

»Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt und ... haben es wirklich unparteiisch erzählt. Das ist gut; ich glaubte, Sie hätten eine heilige Scheu vor ihm«, bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln.

»Auch ich glaube, daß er eine Frau um sich haben muß«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Das habe ich nicht gesagt, aber vielleicht haben Sie auch darin recht, nur ...«

»Was denn?«

»Nur liebt er niemand; vielleicht wird er auch nie jemand lieben«, schnitt Rasumichin ab.

»Das heißt, er ist unfähig, jemand zu lieben?«

»Wissen Sie, Awdotja Romanowna, Sie sehen Ihrem Bruder furchtbar ähnlich, sogar in allen Dingen!« platzte er plötzlich, für sich selbst unerwartet, heraus; da er sich aber erinnerte, was er eben über ihren Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und furchtbar verlegen.

Awdotja Romanowna konnte sich bei seinem Anblick nicht des Lachens erwehren.

»In bezug auf Rodja könnt ihr euch beide irren«, mischte sich Pulcheria Alexandrowna etwas pikiert ins Gespräch. »Ich spreche nicht vom Jetzigen, Dunjetschka. Was Pjotr Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und was wir beide annahmen, ist vielleicht gar nicht wahr, aber Sie können sich nicht vorstellen, Dmitrij Prokofjitsch, wie phantastisch und wie – wie soll ich es nur sagen, – wie launisch er ist. Seinem Charakter konnte ich niemals vertrauen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich etwas mit sich anstellen kann, was keinem Menschen je einfallen wird ... Was brauche ich weit zu gehen: ist Ihnen bekannt, wie er mich vor eineinhalb Jahren überrascht, erschüttert und fast vernichtet hat, als er diese, wie heißt sie noch, die Tochter seiner Wirtin Sarnizyna heiraten wollte?«

»Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?« fragte Awdotja Romanowna.

»Glauben Sie vielleicht,« mischte sich Pulcheria Alexandrowna mit Feuer ein, »daß ihn damals meine Tränen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod vielleicht aus Kummer, unsere Armut hätten zurückhalten können? Er hätte sich ruhig über alle diese Hindernisse hinweggesetzt. Kann man aber annehmen, daß er uns nicht liebt?«

»Er hat mir nie etwas über diese Geschichte erzählt,« antwortete Rasumichin vorsichtig, »aber ich habe manches von der Frau Sarnizyna selbst gehört, die in ihrer Art auch wenig gesprächig ist, und was ich gehört habe, mutet vielleicht sogar etwas seltsam an ...«

»Aber was, was haben Sie gehört?« fragten beide Frauen zugleich.

»Es ist übrigens nichts Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die endgültig beschlossen war und nur infolge des Todes der Braut nicht zustande kam, der Frau Sarnizyna selbst sehr gegen den Strich ging ... Außerdem sagt man, daß die Braut sehr unschön, das heißt sogar ausgesprochen häßlich gewesen sei ... und kränklich, und ... und so sonderbar ... übrigens, glaube ich nicht ohne gewisse Vorzüge. Sie muß sicher irgendwelche Vorzüge gehabt haben, sonst wäre es nicht möglich, zu verstehen ... Eine Mitgift hatte sie nicht, er würde auch nicht auf eine Mitgift rechnen ... Es ist überhaupt schwer, in solch einer Sache zu urteilen.«

»Ich bin überzeugt, daß sie ein würdiges junges Mädchen war«, bemerkte Awdotja Romanowna kurz.

»Gott verzeih es mir, aber ich freute mich damals über ihren Tod, obwohl ich nicht weiß, wer von den beiden den anderen zugrunde gerichtet hätte: er sie, oder sie ihn?« schloß Pulcheria Alexandrowna. Dann begann sie vorsichtig, mit Pausen, jeden Augenblick Dunja anblickend, was jener offenbar unangenehm war, Rasumichin wieder über den gestrigen Auftritt zwischen Rodja und Luschin auszufragen.

Dieser Vorfall machte ihr, wie man sehen konnte, die größten Sorgen, so daß sie fast vor Angst zitterte. Rasumichin erzählte die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten wieder, fügte aber diesmal auch sein eigenes Urteil hinzu: er beschuldigte Raskolnikow direkt, daß er Pjotr Petrowitsch mit Absicht gekränkt habe, und entschuldigte ihn diesmal sehr wenig durch seine Krankheit.

»Er hat es noch vor seiner Krankheit beschlossen«, fügte er hinzu.

»Das ist auch meine Meinung«, sagte Pulcheria Alexandrowna tief bekümmert.

Diesmal war sie aber sehr überrascht, daß Rasumichin sich so vorsichtig und sogar anscheinend mit Achtung über Pjotr Petrowitsch geäußert hatte. Dies überraschte auch Awdotja Romanowna.

»Sie sind also dieser Meinung von Pjotr Petrowitsch?« Pulcheria Alexandrowna konnte sich nicht enthalten, diese Frage zu stellen.

»Über den künftigen Mann Ihrer Tochter kann ich keiner anderen Meinung sein«, antwortete Rasumichin fest und überzeugt. »Und das sage ich nicht aus banaler Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun schon aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna diesen Menschen selbst und freiwillig ihrer Wahl würdigte. Und wenn ich ihn gestern so beschimpft habe, so doch nur, weil ich blödsinnig betrunken war und auch ... verrückt; ja, verrückt, meiner Sinne nicht mächtig, vollständig wahnsinnig ... und heute schäme ich mich dessen! ...«

Er errötete und verstummte. Auch Awdotja Romanowna errötete, unterbrach aber nicht das Schweigen. Seitdem man über Luschin zu sprechen angefangen hatte, hatte sie noch kein Wort gesagt.

Pulcheria Alexandrowna befand sich ohne die Unterstützung seitens der Tochter offenbar in Verlegenheit. Schließlich erklärte sie, stotternd und ständig nach der Tochter blickend, daß ein gewisser Umstand sie jetzt außerordentlich beunruhige.

»Sehen Sie, Dmitrij Prokofjitsch«, fing sie an. »Ich werde mit Dmitrij Prokofjitsch ganz offen sein, nicht wahr, Dunjetschka?«

»Natürlich, Mamachen«, antwortete Awdotja Romanowna mit Nachdruck.

»Es handelt sich um folgendes«, beeilte sie sich, als hätte man ihr durch die Erlaubnis, von ihrem Kummer zu sprechen, eine schwere Last vom Herzen genommen. »Heute in aller Frühe erhielten wir von Pjotr Petrowitsch ein Billett als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung über unsere Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern, wie er es versprochen, auf dem Bahnhofe erwarten. Statt dessen schickte er auf den Bahnhof einen Diener mit der Adresse dieser möblierten Zimmer und um uns den Weg zu zeigen; Pjotr Petrowitsch ließ aber sagen, daß er heute früh uns hier aufsuchen würde. Statt dessen kam heute früh von ihm dieses Billett ... Es ist das beste, wenn Sie es selbst lesen; es ist ein Punkt dabei, der mir große Sorge macht ... Sie werden gleich selbst sehen, was das für ein Punkt ist, und sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung, Dmitrij Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter Rodjas und können uns darum besser als alle raten. Ich will Ihnen im voraus sagen, daß Dunjetschka ihren Entschluß schon gefaßt hat, gleich vom ersten Schritt an; aber ich weiß noch nicht, was ich tun soll und ... und habe darum Sie erwartet.«

Rasumichin entfaltete das mit dem gestrigen Datum versehene Billett und las folgendes:

»Sehr geehrte gnädige Frau, Pulcheria Alexandrowna, ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich infolge plötzlich eingetretener Hindernisse Sie nicht auf dem Bahnhofe habe empfangen können und deshalb zu diesem Zweck einen sehr gewandten Menschen hinschickte. Ebenso muß ich auf die Ehre, Sie morgen früh zu sehen, verzichten, weil ich unaufschiebbare Angelegenheiten im Senat zu erledigen habe und Ihre verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohn und Awdotja Romanownas mit ihrem Bruder nicht stören möchte. Ich werde mir aber die Ehre nehmen, Sie spätestens morgen, Punkt acht Uhr abends in Ihrer Wohnung aufzusuchen, wobei ich mir erlaube, dem eine inständige und, ich möchte sagen, dringende Bitte hinzuzufügen, daß Rodion Romanowitsch bei unserer gemeinsamen Begegnung nicht mehr anwesend sei, da er mich bei meinem gestrigen Krankenbesuch bei ihm in einer beispiellosen und sehr kränkenden Weise beleidigt hat und da ich außerdem mit Ihnen eine notwendige und ausführliche Aussprache über einen gewissen Punkt haben möchte, über den ich Ihre eigene Meinung hören will. Ich habe die Ehre, Ihnen im voraus mitzuteilen, daß ich, falls ich entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffe, genötigt sein werde, mich sofort zurückzuziehen, und die Folgen können Sie sich dann selbst zuschreiben. Ich schreibe Ihnen dies in der Voraussetzung, daß Rodion Romanowitsch, der bei meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, aber nach zwei Stunden plötzlich gesund geworden ist, folglich auch ausgehen und zu Ihnen kommen kann. Davon habe ich mich mit meinen eigenen Augen in der Wohnung eines von Pferden überfahrenen Trunkenboldes überzeugt, der an diesen Verletzungen auch gestorben ist und dessen Tochter, einem Mädchen von verrufenem Lebenswandel, er unter dem Vorwande, daß es für die Beerdigung sein solle, einen Betrag von etwa fünfundzwanzig Rubel ausgehändigt hat, was mich sehr überraschte, da ich weiß, mit welcher Mühe Sie diese Summe aufgetrieben haben. Indem ich hierbei meine besondere Hochachtung der verehrten Awdotja Romanowna ausspreche, bitte ich Sie, den Ausdruck meiner achtungsvollen Ergebenheit entgegenzunehmen.

Ihr ergebenster Diener

P. Luschin.«

»Was soll ich jetzt machen, Dmitrij Prokofjewitsch?« begann Pulcheria Alexandrowna fast weinend. »Wie kann ich Rodja bitten, nicht zu kommen. Er hat gestern so eindringlich darauf bestanden, daß wir Pjotr Petrowitsch absagen, und nun verlangt jener, daß wir ihn selbst nicht empfangen? Er wird ja absichtlich kommen, wenn er es erfährt, und ... was wird dann geschehen?«

»Machen Sie es so, wie Awdotja Romanowna beschlossen hat«, antwortete Rasumichin ruhig und so fort.

»Ach, mein Gott! Sie sagt ... Sie sagt, Gott weiß was, und erklärt mir nicht den Zweck! Sie sagt, es würde besser sein, das heißt nicht besser, aber es sei aus irgendeinem Grunde dringend notwendig, daß auch Rodja unbedingt heute um acht Uhr herkäme und daß sie sich beide hier träfen ... Ich aber hatte die Absicht, ihm diesen Brief gar nicht zu zeigen, sondern es irgendwie durch Ihre Vermittlung so einzurichten, daß er nicht käme ... denn er ist so reizbar ... Ich verstehe auch gar nicht, was für ein Trunkenbold dort gestorben ist, und was für eine Tochter, und wie er dieser Tochter sein letztes Geld hat hergeben können ... das Geld, das ...«

»Das Ihnen so teuer zu stehen kam, Mamachen«, fügte Awdotja Romanowna hinzu.

»Er war gestern nicht recht bei Sinnen«, sagte Rasumichin nachdenklich. »Wenn Sie nur wüßten, was er dort gestern im Wirtshause angerichtet hat, obwohl es auch klug war ... Hm! Von einem Verstorbenen und von einem Mädchen hat er wirklich was erzählt, als wir nach Hause gingen, aber ich habe kein Wort verstanden ... Übrigens war ich auch selbst gestern ...«

»Das beste ist, Mamachen, wenn wir selbst zu ihm hingehen. Ich versichere Ihnen, wir werden dann sehen, was zu tun ist, außerdem ist es schon Zeit. Mein Gott! Schon bald elf Uhr!« rief sie nach einem Blick auf ihre prachtvolle goldene Uhr mit Emaille, die sie an einem feinen Venezianer Kettchen um den Hals hängen hatte und die mit der übrigen Kleidung so gar nicht harmonierte.

– Ein Geschenk des Bräutigams – dachte sich Rasumichin.

»Ach, es ist Zeit! ... Es ist Zeit, Dunjetschka!« rief Pulcheria Alexandrowna aufgeregt. »Er wird denken, daß wir ihm noch von gestern her böse sind, weil wir so lange nicht kommen! ... Ach, mein Gott!«

Während sie das sagte, warf sie sich hastig die Mantille um und setzte den Hut auf; auch Dunjetschka machte sich fertig. Ihre Handschuhe waren nicht nur abgetragen, sondern auch zerrissen, was Rasumichin auch merkte, und doch verlieh diese offensichtliche Armseligkeit der Kleidung den beiden Damen eine besondere Würde, wie es immer bei Menschen ist, die ärmliche Kleidung zu tragen verstehen. Rasumichin blickte Dunjetschka andächtig an und war schon stolz, daß er sie führen würde.

– Jene Königin – dachte er bei sich – die sich im Gefängnisse die Strümpfe stopfte, sah in jenem Augenblick natürlich wie eine echte Königin aus und sicher viel königlicher, als bei den prunkvollsten Festen und Empfängen.

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna: »Hab ich mir denn je gedacht, daß ich das Wiedersehen mit meinem Sohn, mit meinem lieben, lieben Rodja so fürchten werde, wie ich es jetzt fürchte! ... Ich hab solche Angst, Dmitrij Prokofjewitsch!« fügte sie hinzu mit einem ängstlichen Blick auf Rasumichin.

»Fürchten Sie nicht, Mamachen«, sagte Dunja, sie küssend. »Glauben Sie besser an ihn. Ich glaube.«

»Ach, mein Gott! Auch ich glaube, und doch habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen!« rief die arme Frau.

Sie traten auf die Straße.

»Weißt du, Dunjetschka, als ich gegen Morgen einschlief, erschien mir plötzlich im Traume die verstorbene Marfa Petrowna ... sie war ganz weiß gekleidet ... sie ging auf mich zu, nahm mich bei der Hand und schüttelte dabei den Kopf so streng, so streng, als ob sie mich verurteilte ... Ob das was Gutes bedeutet? Ach, mein Gott, Dmitrij Prokofjitsch, Sie wissen es noch nicht: Marfa Petrowna ist gestorben!«

»Nein, ich weiß nichts; was für eine Marfa Petrowna?«

»Plötzlich! Und denken Sie sich nur ...«

»Später, Mamachen«, mischte sich Dunja ein. »Er weiß ja noch nicht, wer Marfa Petrowna war.«

»Ach, Sie wissen es nicht? Und ich glaubte, Sie wüßten schon alles. Sie müssen schon entschuldigen, Dmitrij Prokofjitsch, ich bin dieser Tage ganz von Sinnen. Wirklich, ich halte Sie für unsere Vorsehung, und darum bin ich so überzeugt, daß Ihnen schon alles bekannt sei. Ich betrachte Sie wie einen Verwandten ... Seien Sie nicht böse, daß ich so spreche. Ach, mein Gott, was haben Sie mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie sie sich verstaucht?«

»Ja, verstaucht«, murmelte Rasumichin beglückt.

»Manchmal spreche ich so offenherzig, daß Dunja mich zurechtweisen muß ... Aber, mein Gott, in was für einer Kammer lebt er doch! Ist er schon aufgewacht? Und diese Frau, seine Wirtin, hält das für ein Zimmer? Hören Sie, Sie sagen, er liebe es nicht, sein Herz zu enthüllen, so daß ich ihm vielleicht zur Last fallen werde mit meinen ... Schwächen? ... Wollen Sie mich nicht belehren, Dmitrij Prokofjitsch? Wie soll ich ihn behandeln? Wissen Sie, ich gehe ganz wie verloren umher.«

»Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie sehen, daß er das Gesicht verzieht; fragen Sie ihn nicht zu sehr über seine Gesundheit, das liebt er nicht.«

»Ach, Dmitrij Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein! Aber da ist schon die Treppe ... Was für eine schreckliche Treppe!«

»Mama, Sie sind so blaß, beruhigen Sie sich, Liebste«, sagte Dunja, sich an sie schmiegend. »Er muß glücklich sein, daß er Sie sieht, Sie aber quälen sich so«, fügte sie mit funkelnden Augen hinzu.

»Warten Sie, ich will zuerst nachschauen, ob er schon aufgewacht ist.«

Die Damen folgten leise Rasumichin, der vor ihnen die Treppe hinaufgegangen war; als sie im dritten Stock an der Tür der Wirtin vorübergingen, merkten sie, daß diese Tür ein wenig aufgemacht war und einen schmalen Spalt offen ließ, und daß zwei lebhafte schwarze Augen sie beide aus der Dunkelheit betrachteten. Als sich aber ihre Blicke trafen, wurde die Tür zugeschlagen, so laut, daß Pulcheria Alexandrowna vor Schreck beinahe aufschrie.