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Mitten in der Straße stand eine elegante herrschaftliche Equipage, mit einem Paar feuriger grauer Pferde bespannt; niemand saß in ihr, und der Kutscher war vom Bock gestiegen und stand daneben; die Pferde wurden an den Zügeln gehalten ... Ringsherum drängten sich viele Menschen, ganz vorne Polizisten. Einer von ihnen hielt eine kleine brennende Laterne in der Hand, mit der er, sich bückend, etwas, was auf dem Pflaster dicht vor den Rädern lag, beleuchtete. Alle sprachen, schrien und jammerten; der Kutscher schien bestürzt zu sein und wiederholte ab und zu:

»Dieses Unglück! Mein Gott, welch ein Unglück!«

Raskolnikow drängte sich nach Möglichkeit vor und erblickte endlich die Ursache der Erregung und der Neugier. Auf dem Boden lag ein von den Pferden zertretener Mann, bewußtlos, anscheinend sehr schlecht, doch wie ein »Gebildeter« gekleidet, über und über mit Blut bedeckt. Vom Gesicht und vom Kopf floß das Blut; das Gesicht war zerschlagen, zerschunden und verstümmelt. Offenbar war er wirklich schwer verletzt.

»Liebe Leute!« jammerte der Kutscher. »Wie hätte ich da aufpassen sollen! Wenn ich noch zu schnell gefahren wäre oder ihn nicht angeschrien hätte – aber ich fuhr gar nicht schnell und ganz gleichmäßig. Alle haben es gesehen; was alle sagen, das sage ich auch. Ein Betrunkener kann nicht mal ein Licht vors Heiligenbild stellen, das weiß man ja! ... Ich sehe, wie er über die Straße geht, hin und her wankt und fast hinfällt – ich schreie ihn einmal an, ein zweites Mal, ein drittes Mal und halte die Pferde an, aber er fallt ihnen gerade unter die Hufe! Ob er es mit Absicht getan hat, oder schon so besoffen war ... Die Pferde sind jung und scheu – sie zogen an, er schrie auf –, sie zogen noch mehr an ... und so war das Unglück geschehen.«

»Ja, es ist so!« ertönte aus der Menge die Stimme eines Augenzeugen.

»Er hat wohl geschrien, das ist wahr, dreimal hat er ihn angeschrien!« bestätigte eine andere Stimme.

»Genau dreimal, das haben alle gehört!« rief eine dritte Stimme.

Der Kutscher war übrigens nicht allzu bekümmert und erschrocken. Die Equipage gehörte wohl einem reichen und hochgestellten Besitzer, der irgendwo auf sie wartete; die Polizisten gaben sich natürlich keine geringe Mühe, die Sache in Anbetracht dieses Umstandes in Ordnung zu bringen. Der Überfahrene sollte auf das Polizeirevier und von dort ins Krankenhaus geschafft werden. Niemand kannte seinen Namen.

Raskolnikow drängte sich indessen vor und beugte sich über den Verunglückten. Die kleine Laterne beleuchtete plötzlich hell das Gesicht des Unglücklichen: er erkannte ihn.

»Ich kenne ihn, ich kenne ihn!« rief er, indem er sich ganz nach vorne drängte. »Es ist ein verabschiedeter Beamter, der Titularrat Marmeladow! Er wohnt hier in der Nähe, im Koselschen Hause ... Schnell einen Arzt! Ich werde bezahlen, hier!« Er holte aus der Tasche sein Geld und zeigte es dem Polizisten. Er war in höchster Aufregung.

Die Polizisten waren sehr zufrieden, daß sie erfahren hatten, wer der Überfahrene war. Raskolnikow gab auch seinen Namen und seine Adresse an und redete ihnen so inständig zu, als handele es sich um seinen leiblichen Vater, den bewußtlosen Marmeladow in dessen Wohnung zu bringen.

»Es ist hier, nur drei Häuser weit«, sagte er geschäftig. »Das Haus Kosels, eines reichen Deutschen ... Er ging jetzt wohl betrunken nach Hause. Ich kenne ihn ... Er ist ein Säufer ... Er hat dort eine Familie, eine Frau und Kinder, er hat auch noch eine Tochter. Was soll man ihn erst ins Krankenhaus schleppen, es gibt doch sicher im Hause einen Arzt! Ich werde alles bezahlen! ... Er wird immerhin bei sich zu Hause gepflegt werden, man wird ihm gleich helfen, sonst stirbt er noch auf dem Wege zum Krankenhause ...«

Er hatte sogar Zeit gefunden, einem der Beamten unbemerkt etwas in die Hand zu drücken; die Sache war übrigens ganz klar und gesetzlich, und die Hilfe war jedenfalls näher zu finden. Man hob den Überfahrenen auf und trug ihn hin; es fanden sich freiwillige Helfer. Das Koselsche Haus war nur dreißig Schritte entfernt. Raskolnikow ging hinterher, den Kopf des Verunglückten vorsichtig stützend, und zeigte den Weg.

»Hierher, hierher! Die Treppe hinauf muß man ihn mit dem Kopfe nach oben tragen; wendet ihn um ... ja, so! Ich werde bezahlen, ich werde euch danken!« murmelte er.

Katerina Iwanowna ging wie immer, wenn sie einen freien Augenblick hatte, in ihrem winzigen Zimmerchen auf und ab, vom Fenster zum Ofen und zurück, die Arme fest über der Brust gekreuzt, mit sich selbst redend und hustend. In der letzten Zeit sprach sie immer öfter und mehr mit ihrem ältesten Töchterchen, der zehnjährigen Polenjka, die zwar vieles noch nicht verstand, dafür aber sehr gut wußte, daß die Mutter sie brauchte, und ihr darum immer mit ihren großen klugen Augen folgte und sich die größte Mühe gab, den Anschein zu wecken, als verstände sie alles. Jetzt zog Polenjka ihren kleinen Bruder aus, der sich den ganzen Tag unwohl gefühlt hatte, um ihn zu Bett zu bringen. Der Junge wartete, daß man ihm sein Hemd wechsele, welches in der Nacht noch gewaschen werden sollte, und saß auf dem Stuhle schweigend, mit ernster Miene, gerade und unbeweglich, die Beinchen fest aneinander gedrückt und nach vorne gestreckt, so daß die Fersen dem Publikum zugewandt waren und die Fußspitzen nach rechts und links abstanden. Er hörte zu, was die Mutter mit seinem Schwesterchen sprach, die Lippen aufgeworfen, die Augen weit aufgerissen, ohne sich zu rühren, wie brave Knaben zu sitzen pflegen, wenn man sie auszieht und zu Bett bringt. Ein noch kleineres Mädchen, in lauter Lumpen gekleidet, stand bei der spanischen Wand und wartete, bis sie an die Reihe käme. Die Tür zur Treppe stand offen, der Tabakswolken wegen, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die arme Schwindsüchtige zwangen, jeden Augenblick lange und schmerzhaft zu husten. Katerina Iwanowna schien in dieser Woche noch magerer geworden zu sein, und die roten Flecken an ihren Wangen leuchteten noch greller als früher.

»Du wirst es mir nicht glauben, du kannst es dir nicht mal vorstellen, Polenjka,« sagte sie, immer auf und ab gehend, »wie lustig und vornehm wir im Hause meines Papas gelebt haben und wie dieser Trunkenbold mich und euch alle zugrunde gerichtet hat. Papa war ein Ziviloberst und beinahe Gouverneur; es blieb ihm nur noch ein Schritt, um Gouverneur zu werden, und darum kamen alle zu ihm und sagten: ›Wir halten Sie schon für unseren Gouverneur, Iwan Michailowitsch.‹ Als ich ... kche! als ich ... kche-kche-kche- ... Oh, dieses dreimal verfluchte Leben!« schrie sie auf, den Schleim ausspuckend und sich an die Brust greifend. »Als ich ... ach ... als ich auf dem letzten Ball ... beim Adelsmarschall ... als mich die Fürstin Bessemeljnaja sah, – die mir später den Segen gab, als ich deinen Papa heiratete, Polja, – so fragte sie mich gleich: ›Ist es nicht das liebe Mädchen, das mit dem Schal bei der Schlußfeier im Institut getanzt hat?‹ ... (Das Loch muß man doch zunähen; wenn du doch eine Nadel nehmen und es stopfen wolltest, wie ich es dich gelehrt habe, sonst wird er es morgen ... kche morgen ... kche-kche-kche! ... noch mehr zerreißen!« schrie sie fast erstickend.) »Damals war aus Petersburg soeben der Kammerjunker Fürst Schtschegolskij gekommen ... er tanzte mit mir eine Mazurka und wollte schon am anderen Tage mit dem Heiratsantrag kommen; aber ich bedankte mich in den schmeichelhaftesten Ausdrücken und sagte ihm, mein Herz gehöre schon längst einem anderen. Dieser andere war dein Vater, Polja; mein Papa war furchtbar böse ... Ist das Wasser fertig? Nun, gib das Hemdchen her; und die Strümpfchen? ... Lida,« wandte sie sich an die jüngste Tochter: »du kannst diese Nacht ohne Hemd schlafen; das wird schon irgendwie gehen ... leg die Strümpfe daneben ... Die wasch ich dann zusammen ... Was kommt unser Lump noch nicht, der Säufer! Er trägt sein Hemd schon so lange; wie ein schmutziger Lappen ist es schon, ganz zerrissen hat er es ... Das ginge dann zusammen, damit ich mich nicht zwei Nächte zu quälen brauche! Gott! Kche-kche-kche! Wieder! Was ist denn da?« schrie sie, als sie die Menge draußen auf der Treppe erblickte und die Menschen, die sich mit ihrer Last ins Zimmer gedrängt hatten. »Was ist das? Was bringt man da? Gott!«

»Wo soll man ihn hierhinlegen?« fragte ein Polizist, sich umsehend, als man den blutbedeckten und besinnungslosen Marmeladow hereingetragen hatte.

»Aufs Sofa! Legt ihn direkt aufs Sofa, mit dem Kopfe hierher!« zeigte Raskolnikow.

»Man hat ihn auf der Straße überfahren, als er betrunken war!« rief jemand von der Treppe herein.

Katerina Iwanowna stand ganz blaß da und atmete schwer. Die Kinder waren erschrocken. Die kleine Lidotschka schrie auf, stürzte zu Polenjka hin, umarmte sie und erzitterte am ganzen Körper.

Nachdem er den Marmeladow aufs Sofa gebettet hatte, wandte sich Raskolnikow an Katerina Iwanowna:

»Um Gottes willen, beruhigen Sie sich, erschrecken Sie nicht!« sagte er in großer Hast. »Er ging über die Straße und wurde überfahren. Beunruhigen Sie sich nicht, er wird gleich zu sich kommen, ich ließ ihn herbringen ... Ich bin schon mal bei Ihnen gewesen, Sie erinnern sich noch ... Er wird zu sich kommen, ich werde bezahlen!«

»Nun hat er es erreicht!« schrie Katerina Iwanowna verzweifelt auf und stürzte zu ihrem Mann.

Raskolnikow merkte bald, daß sie nicht zu den Frauen gehörte, die leicht in Ohnmacht fallen. Im Nu lag unter dem Kopfe des Unglücklichen ein Kissen, an das noch niemand gedacht hatte; Katerina Iwanowna begann ihn auszuziehen und zu besehen; sie tat sehr geschäftig, verlor nicht die Fassung, dachte nicht mehr an sich selbst und biß sich in die zitternden Lippen, um die Schreie zu unterdrücken, die sich ihrer Brust entringen wollten ...

Raskolnikow überredete indessen jemand, einen Arzt zu holen. Der Arzt wohnte, wie es sich zeigte, gleich im Nebenhause.

»Ich habe nach einem Arzt geschickt«, sagte er zu Katerina Iwanowna. »Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde bezahlen ... Kann ich nicht Wasser haben? Und geben Sie mir eine Serviette, ein Handtuch, irgendwas, schnell; es ist noch unbekannt, wie die Verletzungen sind ... Er ist nur verletzt und nicht tot, seien Sie überzeugt ... Was wird wohl der Arzt sagen!«

Katerina Iwanowna stürzte zum Fenster; dort stand in der Ecke auf einem durchgedrückten Stuhl eine große irdene Schüssel mit Wasser, das sie zum Waschen der Wäsche der Kinder und ihres Mannes bereitgestellt hatte. Dieses nächtliche Wäschewaschen besorgte Katerina Iwanowna eigenhändig mindestens zweimal in der Woche, manchmal auch öfter, denn sie waren schon so heruntergekommen, daß sie gar keine Wäsche zum Wechseln hatten und jedes Familienmitglied bloß ein Exemplar von allem besaß. Katerina Iwanowna konnte aber keine Unreinlichkeit ertragen und zog es vor, sich in der Nacht, während alle schliefen, über ihre Kraft abzuquälen, um die nasse Wäsche auf dem gespannten Strick bis zum Morgen zu trocknen und dann ihren Angehörigen in gewaschenem Zustande zu geben, statt in ihrem Hause Schmutz zu dulden. Sie griff schon nach der Schüssel, um sie Raskolnikow, wie er es verlangte, zu bringen, fiel aber fast mit dieser Last hin. Raskolnikow hatte aber schon ein Handtuch gefunden und angefeuchtet und fing an, das blutbedeckte Gesicht Marmeladows abzuwaschen. Katerina Iwanowna stand neben ihm, rang schmerzvoll um Atem und preßte die Hände an die Brust. Sie brauchte selbst Hilfe. Raskolnikow sah allmählich ein, daß es vielleicht falsch war, den Überfahrenen hierher bringen zu lassen. Auch der Schutzmann stand unschlüssig da.

»Polja!« rief Katerina Iwanowna. »Lauf zu Ssonja, schnell. Wenn du sie nicht zu Hause triffst, so macht das nichts, laß ihr sagen, daß man den Vater überfahren hat und daß sie sofort herkommen soll ... sobald sie heimkommt. Schneller, Polja! Hier, nimm das Tuch, bedecke dich damit!«

»Lauf, was du kannst!« rief plötzlich der kleine Junge von seinem Stuhl. Nachdem er das gesagt hatte, versank er wieder in sein früheres stummes aufrechtes Sitzen auf dem Stuhle, die Augen weit aufgerissen, die Fersen vorgestreckt, die Fußspitzen gespreizt.

Das Zimmer füllte sich indessen so, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Die Polizisten entfernten sich, außer einem, welcher noch dablieb und versuchte, das Publikum, das von der Treppe hereingedrungen war, wieder auf die Treppe hinauszudrängen. Dafür kamen aus den inneren Zimmern fast alle Mieter der Frau Lippewechsel zusammen; anfangs drängten sie sich nur in der Tür, dann aber fluteten sie in einem Haufen in die Stube. Katerina Iwanowna geriet in Wut.

»Wenn ihr ihn doch wenigstens ruhig sterben lassen wolltet!« schrie sie die Menge an. »Ist das eine Theatervorstellung? Mit Zigaretten kommen sie her! Kche-kche-kche! Kommt doch auch mit Hüten herein! ... Da ist wirklich einer im Hut ... Hinaus! Man muß doch wenigstens vor einer Leiche Achtung haben!«

Der Husten erstickte sie, aber das Schreien half. Vor Katerina Iwanowna hatte man offenbar Respekt; die Mieter drängten sich einer nach dem anderen wieder zur Tür mit dem eigentümlichen Gefühl einer inneren Befriedigung, das man stets selbst bei den Nahestehenden bemerken kann, wenn einen ihrer Mitmenschen ein Unglück trifft; von diesem Gefühl ist kein Mensch ohne Ausnahme befreit, so aufrichtig auch sein Mitleid und seine Teilnahme sind.

Hinter der Tür wurden übrigens Stimmen laut, daß man den Verunglückten doch ins Krankenhaus schaffen solle und daß es ungehörig sei, damit die Nachbarn zu belästigen.

»Es ist ungehörig, zu sterben!« rief Katerina Iwanowna und stürzte schon zur Tür, um sie aufzureißen und ein Donnerwetter gegen die Nachbarn loszulassen, stieß aber in der Tür mit der Frau Lippewechsel selbst zusammen, die eben erst vom Unglück erfahren hatte und herbeigelaufen kam, um Ordnung zu schaffen. Sie war eine außerordentlich dumme und unordentliche Deutsche.

»Ach, mein Gott!« rief sie und schlug die Hände zusammen. »Ihren Mann betrunken hat Pferd zertreten. Er ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!«

»Amalia Ludwigowna! Ich bitte Sie, sich zu überlegen, was Sie sagen«, begann Katerina Iwanowna hochmütig (mit der Wirtin sprach sie immer hochmütig, damit jene sich nicht vergesse, und auch jetzt konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen) – »Amalia Ludwigowna ...«

»Ich Ihnen einmal für immer gesagt, daß Sie niemals wagen, mich Amalia Ludwigowna nennen; ich bin Amalia Iwanowna!«

»Sie sind nicht Amalia Iwanowna, sondern Amalia Ludwigowna, und da ich nicht zu Ihren gemeinen Schmeichlern gehöre, wie der Herr Lebesjatnikow, der jetzt hinter der Tür lacht (hinter der Tür hörte man wirklich Lachen und die Worte: ›Da sind sie sich wieder in die Haare geraten!‹), so werde ich Sie immer Amalia Ludwigowna nennen, obwohl ich unmöglich begreifen kann, warum dieser Name Ihnen mißfällt. Sie sehen ja selbst, was Ssemjon Sacharowitsch zugestoßen ist; er stirbt. Ich bitte Sie, diese Tür sofort zu schließen und niemand hereinzulassen. Lassen Sie ihn wenigstens ruhig sterben! Sonst wird Ihre Handlungsweise morgen dem Generalgouverneur bekannt, das versichere ich Ihnen! Der Fürst hat mich als junges Mädchen gekannt und erinnert sich gut Ssemjon Sacharowitschs, dem er schon oft seine Wohltaten erwiesen hat. Es ist allen bekannt, daß Ssemjon Sacharowitsch viele Freunde und Gönner hatte, denen er selbst aus edlem Stolz den Rücken gekehrt hat, da er sich seiner unglücklichen Schwäche bewußt war; aber jetzt (sie wies auf Raskolnikow) hilft uns ein großmütiger junger Mann, der Mittel und Verbindungen besitzt und den Ssemjon Sacharowitsch schon als Kind gekannt hat; – ich versichere Ihnen, Amalia Ludwigowna ...«

Dies alles wurde mit außergewöhnlicher und immer anwachsender Hast gesprochen, doch der Husten unterbrach mit einemmal den Redefluß Katerina Iwanownas. In diesem Augenblick kam der Sterbende zu sich und stöhnte auf, und sie lief zu ihm hin. Der Kranke öffnete die Augen und fing an, ohne jemand zu erkennen und ohne etwas zu verstehen, den über ihn gebeugten Raskolnikow zu betrachten. Er atmete schwer, tief und langsam; an den Mundwinkeln zeigte sich Blut; Schweiß war ihm in die Stirne getreten. Er erkannte Raskolnikow nicht und fing an, unruhig um sich zu blicken. Katerina Iwanowna sah ihn traurig, doch streng an, während aus ihren Augen die Tränen liefen.

»Mein Gott! Seine ganze Brust ist ja eingedrückt! Das viele Blut, das Blut!« rief sie verzweifelt. »Man muß ihm die Kleider ausziehen! Dreh dich etwas um, Ssemjon Sacharowitsch, wenn du kannst!« rief sie ihm zu.

Marmeladow erkannte sie.

»Einen Geistlichen!« sagte er mit heiserer Stimme.

Katerina Iwanowna trat ans Fenster, drückte ihre Stirn an den Fensterrahmen und rief verzweifelt:

»O dieses dreimal verfluchte Leben!«

»Einen Geistlichen!« sagte der Sterbende wieder nach einer minutenlangen Pause.

»Man ist doch schon hingegangen!« schrie ihm Katerina Iwanowna zu; er hörte den Schrei und verstummte. Mit scheuen, traurigen Blicken suchte er sie; sie kehrte zu ihm zurück und stellte sich ihm zu Häupten hin. Er wurde etwas ruhiger, doch nicht für lange.

Seine Augen blieben bald auf der kleinen Lidotschka (seinem Liebling) haften, die in der Ecke wie im Krampfe zitterte und ihn mit ihren erstaunten, kindlich aufmerksamen Augen ansah.

»Ah ... ah ...« lallte er voll Unruhe auf sie weisend.

Er wollte etwas sagen.

»Was ist denn?« schrie ihn Katerina Iwanowna an.

»Barfuß? Sie ist barfuß!« murmelte er, mit wahnsinnigen Blicken auf die bloßen Füßchen des Kindes zeigend.

»Schweig!« schrie Katerina Iwanowna gereizt. »Weißt selbst, warum sie barfuß ist!«

»Gott sei Dank, der Arzt!« rief Raskolnikow erfreut.

Herein trat der Arzt, ein sauber gekleidetes altes Männchen, ein Deutscher; mißtrauisch um sich blickend, ging er auf den Kranken zu, fühlte seinen Puls, betastete aufmerksam seinen Kopf, knöpfte ihm mit Hilfe Katerina Iwanownas das blutdurchtränkte Hemd auf und entblößte die Brust des Kranken. Die ganze Brust war zerquetscht, zerdrückt und zerrissen; mehrere Rippen rechts waren gebrochen. Links, dicht über dem Herzen, war ein unheimlicher, großer, gelblich schwarzer Fleck – die Spur eines furchtbaren Hufschlages. Der Arzt runzelte die Stirn. Der Polizist berichtete ihm, daß eines der Räder den Verunglückten erfaßt und, sich immer noch drehend, an die dreißig Schritte weit über das Pflaster geschleift habe.

»Es ist ein Wunder, daß er überhaupt zu sich gekommen ist«, flüsterte der Arzt leise Raskolnikow zu.

»Nun, was meinen Sie?« fragte jener.

»Er wird gleich sterben.«

»Ist denn wirklich keine Hoffnung mehr?«

»Nicht die geringste! Er liegt in den letzten Zügen ... Außerdem ist auch der Kopf sehr schwer verletzt ... Hm! ... Man könnte ihn vielleicht zur Ader lassen ... aber ... es wird nichts nützen. In fünf oder zehn Minuten wird er ganz gewiß sterben.«

»Dann lassen Sie ihn lieber zur Ader!«

»Meinetwegen ... Aber ich sage Ihnen gleich, daß es nichts nützen wird.«

In diesem Augenblicke ertönten neue Schritte, die Menge auf der Treppe machte Platz, und auf der Schwelle erschien ein alter grauhaariger Geistlicher mit den Sakramenten. Ein Polizist war noch von der Straße ihn holen gegangen. Der Arzt machte ihm so fort Platz und wechselte mit ihm einen vielsagenden Blick. Raskolnikow bat den Arzt, noch ein Weilchen zu bleiben. Jener zuckte die Achseln und blieb.

Alle traten zur Seite. Die Beichte dauerte gar nicht lange. Der Sterbende begriff kaum etwas; er konnte auch nur abgerissene, unverständliche Laute von sich geben. Katerina Iwanowna nahm Lidotschka, holte den Jungen von seinem Stuhl und kniete in der Ecke am Ofen nieder; die Kinder mußten vor ihr niederknien. Das Mädchen zitterte nur; der Junge aber lag auf den nackten Knien, hob gleichmäßig und langsam die Hand, bekreuzigte sich bedächtig und verneigte sich bis zur Erde, so daß die Stirn auf den Boden anstieß, was ihm anscheinend Vergnügen machte. Katerina Iwanowna biß sich in die Lippen und hielt die Tränen zurück; auch sie betete; ab und zu zupfte sie dem Jungen das Hemdchen zurecht; dem Mädchen warf sie aber auf die allzu entblößten Schultern ein Tuch, das sie, ohne von den Knien aufzustehen und immer betend, von der Kommode genommen hatte. Die Tür zu den anderen Zimmern wurde indessen wieder von Neugierigen geöffnet. Draußen vor der Wohnungstür drängten sich die Zuschauer – die Hausbewohner aus allen Stockwerken immer enger zusammen –, ohne übrigens über die Schwelle des Zimmers zu treten. Die ganze Szene war von einem einzigen Lichtstumpf erleuchtet.

In diesem Augenblick drängte sich aus dem Flure durch die Menge Polenjka, die gelaufen war, um ihre Schwester zu holen. Sie trat ein, kaum atmend vom schnellen Laufen, nahm sich das Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter, ging auf sie zu und sagte: »Sie kommt schon! Ich hab sie auf der Straße getroffen!« Die Mutter zwang sie neben sich auf die Knie. Durch die Menge drängte sich unhörbar und scheu ein junges Mädchen, und seltsam war ihr plötzliches Erscheinen in diesem Zimmer, wo Armut, Lumpen, Tod und Verzweiflung herrschten. Auch sie war in Lumpen gekleidet; es war eine billige, doch nach dem Geschmack der Straße aufgeputzte Kleidung, den Regeln und Forderungen entsprechend, die sich in dieser eigentümlichen Welt gebildet haben, mit grell und schamlos unterstrichenem besondern Zweck. Ssonja blieb draußen, dicht vor der Schwelle stehen, trat aber nicht über die Schwelle und blickte wie verloren, anscheinend ohne etwas zu begreifen und ohne an ihr aus vierter Hand gekauftes, hier so unpassendes buntes Seidenkleid mit der sehr langen komischen Schleppe, an die ungeheure Krinoline, die den Eingang versperrte, an die hellen Schuhe, an den Sonnenschirm, der bei Nacht zwar überflüssig war, den sie aber doch mitgenommen hatte, und an den lächerlichen runden Strohhut mit der feuerroten Feder zu denken. Unter diesem nach Knabenart schief aufgesetzten Hute blickte ein mageres, blasses, erschrockenes Gesichtchen mit offenem Munde und vor Schreck erstarrten Augen hervor. Ssonja war klein gewachsen, etwa achtzehn Jahre alt, eine magere, doch recht niedliche Blondine mit wunderbaren blauen Augen. Sie blickte unverwandt auf das Bett und auf den Geistlichen; auch sie war vom schnellen Gehen ganz atemlos. Endlich erreichten wohl das Tuscheln und einige in der Menge gesprochene Worte ihr Ohr. Sie senkte die Augen, trat einen Schritt über die Schwelle und stand nun im Zimmer, aber immer noch dicht bei der Tür.

Die Beichte und das Abendmahl waren zu Ende. Katerina Iwanowna trat wieder ans Bett ihres Mannes. Der Geistliche machte ihr Platz und wandte sich beim Weggehen an Katerina Iwanowna, um ihr einige Worte zum Abschied und Trost zu sagen.

»Und wo soll ich diese da hintun?« unterbrach sie ihn scharf und gereizt, auf die Kleinen zeigend.

»Gott ist gnädig; hoffen Sie auf die Hilfe des Höchsten«, fing der Geistliche an.

»Ach ja, gnädig, doch nicht gegen uns!«

»Das ist Sünde, Sünde, meine Dame!« bemerkte der Geistliche kopfschüttelnd.

»Und ist das keine Sünde?« rief Katerina Iwanowna, auf den Sterbenden zeigend.

»Vielleicht werden die, die das Unglück ungewollt verschuldet haben, bereit sein, Sie zu entschädigen, wenigstens für den verlorenen Verdienst ...«

»Sie verstehen mich nicht!« rief Katerina Iwanowna gereizt und winkte mit der Hand ab. »Wofür soll man mich entschädigen? Er ist ja selbst im betrunkenen Zustande unter die Pferde gelaufen! Was für ein Verdienst? Von ihm hatten wir gar keinen Verdienst, sondern nur Qual. Der Trunkenbold hat ja doch alles vertrunken! Er bestahl uns und trug das Gestohlene in die Schenke, mein Leben und das Leben der Kinder hat er in der Schenke zugrunde gerichtet! Und Gott sei Dank, daß er stirbt! Nun werde ich weniger Auslagen haben!«

»In der Todesstunde soll man einem Menschen verzeihen; das ist aber Sünde, meine Dame, solche Gefühle sind eine schwere Sünde!«

Katerina Iwanowna machte sich am Sterbenden zu schaffen; sie gab ihm zu trinken, wischte ihm den Schweiß und das Blut vom Kopfe, rückte die Kissen zurecht und sprach mit dem Geistlichen, an den sie sich ab und zu mitten in der Arbeit wandte. Jetzt aber stürzte sie sich fast wütend auf ihn.

»Ach, Väterchen! Das sind ja nur Worte! Verzeihen! Da wäre er, wenn man ihn nicht überfahren hätte, betrunken heimgekommen, sein einziges Hemd ist schmutzig und zerfetzt, er hätte sich schlafen gelegt, und ich hätte bis zum Morgen im Wasser herumgepatscht, hätte seine Lumpen und die der Kinder gewaschen, dann vor dem Fenster getrocknet, und beim Tagesanbruch hätte ich mich hingesetzt, um das Zeug zu flicken, so wäre meine Nacht gewesen! ... Was soll man da vom Verzeihen reden! Ich habe ihm auch so verziehen.«

Ein tief aus der Lunge dringender, schrecklicher Husten unterbrach ihre Worte. Sie spuckte ins Taschentuch und hielt dieses dem Geistlichen hin, während sie die eine Hand schmerzvoll an die Brust drückte. Das Taschentuch war voll Blut ...

Der Geistliche senkte den Kopf und sagte nichts.

Marmeladow lag im letzten Todeskampfe; er wandte seine Augen nicht vom Gesicht Katerina Iwanownas, die sich wieder über ihn beugte. Er wollte immer etwas sagen; er fing auch an, angestrengt die Zunge zu bewegen und unverständliche Worte hervorzustoßen, aber Katerina Iwanowna erriet, daß er sie um Verzeihung bitten wollte, und schrie ihn an:

»Schweig! Ist nicht nötig! ... Ich weiß, was du sagen willst! ...«

Der Kranke verstummte; im gleichen Augenblick fiel aber sein umherschweifender Blick auf die Tür, und er erblickte Ssonja.

Bisher hatte er sie nicht bemerkt; sie stand im Schatten in der Ecke.

»Wer ist das? Wer ist das?« sprach er plötzlich mit heiserer, ersterbender Stimme, ganz aufgeregt, entsetzt mit den Augen auf die Tür zeigend, wo seine Tochter stand, und versuchte sich zu erheben.

»Lieg ruhig!« herrschte ihn Katerina Iwanowna an.

Er brachte es aber mit unnatürlicher Anstrengung fertig, sich auf die Hand zu stützen. Wild und unbeweglich blickte er eine Weile die Tochter an, als ob er sie nicht erkenne. Er hatte sie auch noch nie in diesem Aufzuge gesehen. Plötzlich erkannte er sie, die Erniedrigte, Erdrückte, Aufgeputzte und Verschämte, die demütig wartete, bis an sie die Reihe kam, sich von ihrem Vater zu verabschieden. Seine Züge zeigten ein unendliches Leid.

»Ssonja! Tochter! Vergib!« schrie er und wollte nach ihr die Hand ausstrecken, aber er verlor den Stützpunkt und stürzte vom Sofa mit dem Gesicht auf den Fußboden; man lief herbei, hob ihn auf, legte ihn wieder aufs Sofa, er war aber schon im Sterben. Ssonja stieß einen leisen Schrei aus, lief zu ihm hin und umarmte ihn. Er starb in ihren Armen.

»Nun hat er es!« rief Katerina Iwanowna, als sie die Leiche ihres Mannes sah. »Nun, was soll ich jetzt tun? Womit soll ich ihn beerdigen? Und womit soll ich morgen diese da satt kriegen?«

Raskolnikow ging auf Katerina Iwanowna zu.

»Katerina Iwanowna,« fing er an, »Ihr verstorbener Mann hat mir in der vorigen Woche sein ganzes Leben und alle seine Umstände erzählt ... Seien Sie überzeugt, daß er von Ihnen mit Begeisterung und Achtung gesprochen hat. Von jenem Abend an, an dem ich erfuhr, wie er an Ihnen allen hing und wie sehr er besonders Sie, Katerina Iwanowna, trotz seiner unglücklichen Schwäche, achtete und liebte, von jenem Abend an waren wir Freunde geworden ... Erlauben Sie mir jetzt, Ihnen behilflich zu sein ... meinem verstorbenen Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Hier sind ... ich glaube, zwanzig Rubel, – und wenn Ihnen mit diesem Gelde geholfen ist, so ... werde ich ... mit einem Wort, ich werde noch vorbeikommen, – ich werde ganz bestimmt vorbeikommen ... vielleicht schon morgen ... Leben Sie wohl ...«

Er ging schnell aus dem Zimmer und drängte sich durch die Menge auf die Treppe; doch hier stieß er plötzlich mit Nikodim Fomitsch zusammen, der vom Unfall gehört hatte und hergekommen war, um persönlich nach dem Rechten zu sehen. Seit dem Vorfall im Polizeibureau hatten sie sich nicht mehr gesehen, aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.

»Ach, sind Sie es?« fragte er ihn.

»Er ist tot«, erwiderte Raskolnikow. »Der Arzt war da, auch der Geistliche war da, alles ist in Ordnung. Ersparen Sie der armen Frau die Aufregung, sie ist ohnehin schwindsüchtig. Sprechen Sie ihr Mut zu, wenn Sie es können ... Sie sind ja ein guter Mensch, ich weiß es ...« fügte er mit einem Lächeln hinzu, ihm gerade in die Augen blickend.

»Wie Sie sich mit Blut beschmiert haben«, bemerkte Nikodim Fomitsch, als er beim Lichte der Laterne einige frische Flecke auf Raskolnikows Weste erblickte.

»Ja, ich habe mich beschmiert ... ich bin ganz mit Blut bedeckt!« sagte Raskolnikow mit einem eigentümlichen Ausdruck. Dann lächelte er, nickte und ging die Treppe hinunter.

Er stieg langsam hinunter, ohne Übereilung, im Fieber zitternd, doch ohne sich dessen bewußt zu sein, von einem einzigen, neuen, unfaßbaren Gefühl des ihn plötzlich überströmenden vollen und mächtigen Lebens erfüllt. Diese Empfindung mochte der eines zum Tode Verurteilten gleichen, dem man unerwartet die Begnadigung mitteilt. Auf der halben Treppe holte ihn der Geistliche ein, der nach Hause eilte; Raskolnikow gab ihm schweigend den Vortritt und wechselte mit ihm einen stummen Gruß. Als er aber die letzten Stufen hinunterging, hörte er hinter sich eilige Schritte, jemand lief ihm nach. Es war Polenjka; sie lief ihm nach und rief:

»Hören Sie mal! Hören Sie mal!«

Er wandte sich zu ihr um. Sie lief die letzte Treppe hinunter und blieb dicht vor ihm, eine Stufe über ihm stehen. Ein trübes Licht drang vom Hofe herein. Raskolnikow erkannte das magere, doch liebliche Gesichtchen der Kleinen, die ihm zulächelte und ihn kindlich und heiter ansah. Sie kam mit einem Auftrage gelaufen, der ihr anscheinend selbst gut gefiel.

»Hören Sie mal, wie heißen Sie? Und noch: wo wohnen Sie?« fragte sie hastig mit erstickendem Stimmchen.

Er legte ihr beide Hände auf die Schultern und blickte sie mit einem eigentümlichen beseligenden Gefühl an. Es war ihm so angenehm, sie anzusehen, er wußte selbst nicht warum.

»Wer hat Sie geschickt?«

»Mich hat Schwesterchen Ssonja geschickt«, antwortete das Kind noch freudiger lächelnd.

»Das wußte ich, daß Schwesterchen Ssonja Sie geschickt hat.«

»Auch die Mama hat mich geschickt. Als Schwesterchen Ssonja mich schickte, kam auch die Mama heran und sagte: ›Lauf schneller hin, Polenjka!‹«

»Lieben Sie das Schwesterchen Ssonja?«

»Ich liebe sie mehr als alle!« antwortete Polenjka mit einer eigentümlichen Sicherheit, und ihr Lächeln wurde plötzlich ernster.

»Werden Sie auch mich lieben?«

Statt einer Antwort näherte sich ihm das Gesicht der Kleinen, und die weichen Lippen spitzten sich zu einem Kusse. Plötzlich umschlangen ihn fest die wie Streichhölzer dünnen Ärmchen, das Köpfchen legte sich auf seine Schulter, und das kleine Mädchen fing leise zu weinen an, das Gesicht immer fester und fester an das seinige schmiegend.

»Papa tut mir so leid!« sagte sie nach einer Weile, ihr verweintes Gesichtchen hebend und sich mit den Händen die Tränen abwischend. »Jetzt haben wir immer Unglück«, fügte sie unerwartet hinzu, mit jenem wichtigen Ausdruck, den die Kinder mit großer Mühe annehmen, wenn sie plötzlich wie »die Großen« sprechen wollen.

»Und hat auch Papa Sie geliebt?«

»Er hat Lidotschka mehr als uns alle geliebt«, fuhr sie sehr ernst und ohne zu lächeln fort, ganz wie Erwachsene zu sprechen pflegen. »Er hat sie darum geliebt, weil sie so klein ist und auch weil sie krank ist, und hat ihr immer Geschenke mitgebracht, uns aber hat er im Lesen unterrichtet und mich in der Grammatik und Religion«, fügte sie stolz hinzu. »Mamachen sagte nichts, aber wir wußten, daß sie es gerne sah, auch Papachen wußte es. Mamachen will mich aber Französisch lehren, weil es für mich Zeit ist, eine Erziehung zu bekommen.«

»Können Sie auch beten?«

»O gewiß können wir es! Schon lange; ich bete, da ich schon groß bin, leise für mich, aber Kolja und Lidotschka beten laut mit der Mama; zuerst sprechen sie das Gebet an die Mutter Gottes, dann das Gebet: ›Gott, vergib dem Schwesterchen Ssonja und segne es‹, und dann: ›Gott, verzeihe unserem anderen Papa und segne ihn‹, denn unser älterer Papa ist schon tot, und dieser ist unser zweiter Papa, aber wir beten auch für ihn.«

»Polenjka, ich heiße Rodion; beten Sie mal auch für mich: ›für den Knecht Gottes Rodion‹ – und sonst nichts.«

»Mein ganzes künftiges Leben werde ich für Sie beten«, sagte das Mädchen mit Feuereifer. Plötzlich lachte es wieder, stürzte auf ihn zu und umarmte ihn sehr fest.

Raskolnikow nannte ihr seinen Namen, gab auch die Adresse an und versprach, morgen unbedingt zu kommen. Das Kind ging ganz entzückt von ihm. Es war die elfte Stunde, als er auf die Straße trat. Nach fünf Minuten stand er auf der Brücke, genau an der gleichen Stelle, von der sich vorhin die Frau ins Wasser gestürzt hatte.

»Genug!« sagte er entschlossen und feierlich: »Fort mit den Trugbildern, fort mit den vermeintlichen Schrecken, fort mit den Gespenstern! ... Es gibt ein Leben! Habe ich denn eben nicht gelebt? Mein Leben ist noch nicht mit der alten Wucherin gestorben! Gott gebe ihr ewige Ruhe, – genug, Mütterchen, es ist Zeit für dich auszuruhen! Das Reich der Vernunft und des Lichts bricht jetzt an ... und des Willens, und der Kraft ... und wir wollen sehen! Wir wollen uns jetzt messen!« fügte er herausfordernd hinzu, als wende er sich an eine dunkle Gewalt und fordere sie heraus. »Und ich war schon bereit, auf einem Arschin freien Raumes zu leben! ...«

»... Schwach war ich in diesem Augenblick, aber ... aber ich glaube, die Krankheit ist schon vorüber. Ich wußte ja, daß sie vergehen wird, als ich vorhin von zu Hause wegging. Übrigens: das Haus Potschinkow ist ja nur zwei Schritte von hier ... soll er die Wette gewinnen! ... Soll er das Vergnügen haben, ich gönne es ihm! ... Kraft, ich brauche Kraft: ohne Kraft kann ich nichts erreichen; die Kraft kann man sich aber nur durch Kraft erwerben, das ist es, was sie nicht wissen«, fügte er stolz und selbstbewußt hinzu und ging, mühevoll die Beine bewegend, von der Brücke. Sein Stolz und sein Selbstvertrauen wuchsen von Minute zu Minute; schon in der nächsten Minute war er ein anderer Mensch als in der vorhergehenden. Was hatte er aber so Außergewöhnliches erlebt, das ihn so verändert hatte? Das wußte er auch selbst nicht; wie einem Ertrinkenden, der nach einem Strohhalm greift, kam es ihm plötzlich vor, daß er »noch leben könne, daß es noch ein Leben gäbe, daß sein Leben nicht zugleich mit der alten Wucherin gestorben sei«. Vielleicht war diese Schlußfolgerung etwas voreilig, aber er dachte nicht daran.

»Ich bat sie aber, den Knecht Gottes Rodion im Gebete zu erwähnen«, ging es ihm plötzlich durch den Kopf. »Nun, dies für jeden Fall!« fügte er hinzu und mußte schon selbst über diesen kindlichen Einfall lachen. Er war in einer ausgezeichneten Laune.

Er fand Rasumichin ohne jede Mühe; im Hause Potschinkows war der neue Mieter schon bekannt, und der Hausknecht zeigte ihm sofort den Weg. Schon auf der halben Treppe konnte man den Lärm und die lebhaften Gespräche einer großen Versammlung hören. Die Tür zur Treppe stand weit offen; man hörte Schreie und Streit. Rasumichins Zimmer war recht groß, die Versammlung bestand aber aus etwa fünfzehn Menschen. Raskolnikow blieb im Flur stehen. Hier, hinter einem Bretterverschlag machten sich zwei Mägde der Wirtsleute mit zwei großen Samowars zu schaffen; Flaschen, Teller und Platten mit Pasteten und Imbiß waren aus der Küche der Wirtsleute hergeschafft. Raskolnikow ließ Rasumichin zu sich herausrufen. Jener kam entzückt herbeigelaufen. Man konnte ihm auf den ersten Blick ansehen, daß er ungewöhnlich viel getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich nie richtig betrinken konnte, war es ihm diesmal doch anzumerken.

»Hör,« sagte ihm Raskolnikow eilig, »ich komme nur, um dir zu sagen, daß du die Wette gewonnen hast und daß wirklich kein Mensch weiß, was mit ihm alles geschehen kann. Zu dir hereinkommen kann ich aber nicht; ich bin so schwach, daß ich gleich umfalle. Darum: guten Tag und leb wohl! Komm du aber morgen zu mir ...«

»Weißt du was? Ich bringe dich nach Hause! Wenn du schon selbst sagst, daß du schwach bist, so ...«

»Und die Gäste? Wer ist der mit dem Lockenkopf, der eben herausgeschaut hat?«

»Der? Weiß der Teufel, wer es ist! Wahrscheinlich ein Bekannter des Onkels, vielleicht ist er aber auch ungebeten hergekommen ... Bei den Gästen lasse ich den Onkel zurück: er ist ein Prachtmensch; schade nur, daß du ihn jetzt nicht kennen lernen kannst. Übrigens – hol sie alle der Teufel! Sie kümmern sich jetzt nicht um mich, und auch ich muß an die frische Luft; denn du kommst mir sehr gelegen, Bruder! Noch zwei Minuten, und ich hätte mich mit ihnen geprügelt, bei Gott! Was die für einen Unsinn zusammenschwatzen ... Du kannst dir gar nicht vorstellen, was so ein Mensch alles zusammenreden kann! Warum sollst du es dir auch nicht vorstellen können? Schwatzen denn wir wenig? Sollen sie nur schwatzen, dafür werden sie später keinen Unsinn reden ... Bleib eine Weile hier, ich bringe gleich den Sossimow her.«

Sossimow fiel mit Gier über Raskolnikow her; es war ihm eine eigentümliche Neugierde anzusehen; sein Gesicht heiterte sich bald auf.

»Sofort schlafen gehen«, sagte er, nachdem er den Patienten, so gut es ging, untersucht hatte. »Und zur Nacht nehmen Sie ein Mittelchen! Werden Sie es einnehmen? Ich habe es schon vorhin für Sie vorbereitet ... es ist ein Pülverchen.«

»Meinetwegen auch zwei«, antwortete Raskolnikow.

Das Pulver wurde sofort eingenommen.

»Es ist sehr gut, daß du ihn selbst begleitest«, sagte Sossimow zu Rasumichin. »Wie es morgen sein wird, werden wir erst sehen, aber heute ist es gar nicht schlecht: eine bedeutende Veränderung gegen früher. Man lernt nie aus ...«

»Weißt du, was mir eben Sossimow zugeflüstert hat, als wir weggingen?« platzte Rasumichin heraus, als sie auf die Straße traten. »Ich werde es dir aber nicht so direkt sagen, Bruder, denn sie sind alle Dummköpfe. Sossimow sagte mir, ich solle den ganzen Weg mit dir schwatzen und auch dich zum Schwatzen animieren und dann alles ihm berichten, denn er hat die Idee ... daß du verrückt bist, oder nahe daran bist, es zu werden. Denk es dir nur! Erstens bist du dreimal so klug als er, zweitens, wenn du nicht verrückt bist, pfeifst du drauf, daß er solchen Unsinn im Kopfe hat, und drittens ist jetzt dieses Stück Fleisch, seiner engeren Spezialität nach Chirurg, auf Geisteskrankheiten versessen, und was dich betrifft, so hat ihn sein heutiges Gespräch mit Samjotow endgültig darauf gebracht.«

»Hat dir Samjotow alles erzählt?«

»Alles, und es war sehr gut, daß er es getan hat. Jetzt habe ich es durch und durch begriffen, und auch Sossimow hat es begriffen ... Na ja, mit einem Worte, Rodja ... die Sache ist die ... ich bin jetzt ein wenig betrunken ... Das ... macht aber nichts ... die Sache ist die, daß dieser Gedanke ... verstehst du? ... ihnen wirklich gekommen war ... verstehst du? Das heißt, niemand wagte es laut zu sagen, denn es ist ein haarsträubender Unsinn, und besonders, als man diesen Anstreicher festgenommen hatte, fiel das alles zusammen und erlosch für immer. Warum sind sie aber solche Dummköpfe? Den Samjotow hatte ich damals ein wenig verprügelt, doch das bleibt unter uns, Bruder; zeige ihm nur nicht, daß du davon etwas weißt; ich habe bemerkt, daß er empfindlich ist; es passierte bei der Lawisa – doch heute, heute wurde alles klar. Hauptsächlich dieser Ilja Petrowitsch! Er nutzte damals deinen Ohnmachtsanfall im Polizeibureau aus, aber später schämte er sich dessen selbst; ich weiß es ja ...«

Raskolnikow hörte ihm mit Gier zu. Rasumichin fing in seinem Rausche an, alles auszuplaudern.

»Ich war damals darum ohnmächtig geworden, weil es schwül war und nach Ölfarbe roch«, sagte Raskolnikow.

»Du erklärst es mir noch! Es war aber nicht die Farbe allein: die Entzündung bereitete sich doch einen ganzen Monat lang vor; dazu haben wir den Sossimow! Wie dieser dumme Junge jetzt niedergeschlagen ist, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Ich bin nicht den kleinen Finger dieses Menschen wert!« sagt er. »Das heißt, deines Fingers. Manchmal hat er auch gute Gefühle, Bruder. Doch die Lektion, die Lektion, die du ihm heute im ›Kristallpalast‹ erteilt hast, ist der Gipfel der Vollkommenheit! Du hast ihn doch anfangs so erschreckt, daß er beinahe Krämpfe kriegte! Du hast ihn fast dazu gebracht, daß er an diesen ganzen abscheulichen Unsinn von neuem glaubte, und dann – dann zeigtest du ihm plötzlich die Zunge: ›Da hast du es!‹ Tadellos! Nun ist er erdrückt und vernichtet. Ein Meister bist du, bei Gott! So muß man auch diese Leute behandeln! Schade, daß ich nicht dabei war! So sehnsüchtig hat er dich jetzt erwartet. Auch Porfirij möchte dich kennen lernen ...«

»So ... auch er ... Und warum wollten sie mich für verrückt erklären?«

»Das heißt, nicht für verrückt. Ich habe mich, glaub ich, doch etwas verschnappt ... Es ist ihm, siehst du, vorhin aufgefallen, daß dich nur ein einziger Punkt interessiert; jetzt ist es ihm klar, warum er dich so interessiert: nachdem er alle Umstände kennt ... und wie es dich damals gereizt und sich mit deiner Krankheit verquickt hat ... Ich bin jetzt etwas betrunken, Bruder, aber er hat, hol ihn der Teufel, irgendeine eigene Idee ... Ich sage dir ja: er ist auf Geisteskrankheiten versessen. Pfeif aber darauf ...«

Eine halbe Minute lang schwiegen sie beide.

»Hör mal, Rasumichin,« begann Raskolnikow, »ich will es dir offen sagen; ich war eben bei einer Leiche, ein Beamter ist gestorben ... dort ließ ich mein ganzes Geld zurück ... außerdem hat mich ebenso ein Geschöpf geküßt, das, wenn ich wirklich jemand ermordet hätte ... mit einem Worte, ich sah dort auch noch ein anderes Geschöpf ... mit einer feuerroten Feder ... übrigens rede ich dummes Zeug; ich bin sehr schwach, stütze mich ... gleich kommt die Treppe ...«

»Was ist mit dir? Was ist mit dir?« fragte Rasumichin besorgt.

»Mir schwindelt etwas der Kopf, aber das ist es nicht; die Hauptsache ist, es ist mir so traurig, so traurig! Wie einem Weibe ... wirklich! Schau, was ist das? Schau! Schau!«

»Was ist denn los?«

»Siehst du es denn nicht? Licht in meinem Zimmer, siehst du es? In der Ritze ...«

Sie standen schon vor der letzten Treppe neben der Tür zur Wohnung der Wirtin, und man konnte wirklich von unten sehen, daß in Raskolnikows Kammer Licht brannte.

»Sonderbar! Vielleicht ist es Nastasja«, bemerkte Rasumichin.

»Niemals kommt sie um diese Zeit zu mir ins Zimmer, auch schläft sie schon längst, aber ... es ist mir ganz gleich! Leb wohl!«

»Was hast du? Ich will dich begleiten, wir gehen zusammen hinein!«

»Ich weiß, daß wir zusammen hineingehen, aber ich will dir hier die Hand drücken und mich hier von dir verabschieden! Nun, gib die Hand, leb wohl!«

»Was ist mit dir, Rodja?«

»Es ist nichts ... gehen wir ... du wirst Zeuge sein ...«

Als sie die Treppe weiter hinaufstiegen, kam Rasumichin der Gedanke, daß Sossimow vielleicht im Rechte sei. »Ach, ich habe ihn mit meinem Geschwätz aufgeregt!« murmelte er vor sich hin. Plötzlich hörten sie, als sie vor die Tür traten, Stimmen im Zimmer.

»Was ist denn hier los?« schrie Rasumichin.

Raskolnikow ergriff als erster die Klinke, öffnete die Tür weit und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und Schwester saßen auf seinem Sofa und warteten auf ihn schon seit anderthalb Stunden. Warum hatte er sie am allerwenigsten erwartet, warum am allerwenigsten an sie gedacht, trotz der auch heute wiederholten Nachricht, daß sie schon abreisen, unterwegs seien und jeden Augenblick eintreffen müßten? Diese anderthalb Stunden hatten sie beide Nastasja ausgefragt, die auch jetzt noch vor ihnen stand und ihnen schon alles mit allen Einzelheiten erzählt hatte. Sie waren ganz außer sich vor Schreck, als sie hörten, daß er »heute durchgebrannt« sei, krank und, wie Nastasja berichtete, ganz bestimmt im Fieber! »Mein Gott, was ist nur mit ihm geschehen!« Beide weinten, beide hatten in diesen anderthalb Stunden der Erwartung eine Kreuzespein ausgestanden.

Ein freudiger, entzückter Aufschrei begrüßte Raskolnikows Erscheinen. Beide stürzten auf ihn zu. Er stand aber wie tot da; eine plötzliche, unerträgliche Erkenntnis hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Seine Hände konnten sich nicht erheben, um sie zu umarmen; sie konnten es nicht! Die Mutter und die Schwester erdrückten ihn in ihren Umarmungen, küßten ihn, lachten, weinten ... Er trat einen Schritt vor, schwankte und stürzte ohnmächtig zu Boden.

Aufregung, erschreckte Schreie, Stöhnen ... Rasumichin, der an der Schwelle gestanden hatte, sprang ins Zimmer, nahm den Kranken in seine mächtigen Arme, und jener lag im Nu auf dem Sofa.

»Es ist nichts, es ist nichts!« rief er der Mutter und der Schwester zu. »Es ist bloß ein Ohnmachtsanfall, ein Unsinn! Der Arzt hat soeben gesagt, daß es ihm viel besser gehe, daß er vollkommen gesund sei! Wasser! Nun, da kommt er schon zu sich, da ist er ganz bei Bewußtsein! ...«

Und er packte Dunjetschkas Hand so, daß er ihr beinahe den Arm verrenkte, und zwang sie, sich niederzubeugen und zu sehen, daß »er schon ganz bei Bewußtsein« sei. Die Mutter und die Schwester sahen Rasumichin wie die Vorsehung mit Rührung und Dankbarkeit an; von Nastasja hatten sie schon gehört, was dieser »flinke junge Mann« für ihren Rodja während seiner Krankheit gewesen war; so nannte ihn am gleichen Abend in einem intimen Gespräche mit Dunja Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst.