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Kaum war sie aber hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, den Pack mit Kleidern, den Rasumichin vorhin mitgebracht und wieder zugebunden hatte, wieder aufband und sich anzukleiden begann. Seltsam: plötzlich schien er völlig beruhigt; das halbwahnsinnige Delirium von vorhin und die panische Angst, die ihn in der ganzen letzten Zeit verfolgte, waren weg. Es war der erste Augenblick einer seltsamen plötzlichen Beruhigung. Seine Bewegungen waren genau und klar und zeugten von einem festen Entschluß. »Heute noch, heute noch! ...« murmelt er vor sich hin. Er sah wohl ein, daß er noch schwach war, doch die äußerste seelische Spannung, die zu einer Ruhe, zu einer unbeweglichen Idee geworden war, verlieh ihm Kräfte und Selbstvertrauen; er hoffte übrigens, daß er auf der Straße nicht hinfallen würde. Nachdem er lauter neue Sachen angezogen hatte, erblickte er das Geld, das auf dem Tische lag, überlegte und steckte es in die Tasche. Es waren fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch alle die kupfernen Fünfkopekenstücke mit, den Rest von den zehn Rubeln, die Rasumichin für die Kleider ausgegeben hatte. Dann hob er leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer und stieg die Treppe hinab; er warf einen Blick in die weit geöffnete Küche: Nastasja stand mit dem Rücken zu ihm und blies gebückt in den Samowar der Wirtin. Sie hörte nichts. Wer hätte auch erwarten können, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war er schon auf der Straße.

Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere Schwüle, er aber atmete mit Gier diese stinkende, staubige, durch die Stadt verpestete Luft. Der Kopf schwindelte ihm ein wenig, eine eigentümliche wilde Energie leuchtete plötzlich aus seinen entzündeten Augen und aus seinem abgemagerten, gelblich-weißen Gesicht. Er wußte nicht, überlegte auch nicht, wohin er gehen würde: er wußte nur das eine: »daß man dem allen heute noch, sofort auf einen Schlag, ein Ende machen müsse; daß er anders nicht nach Hause zurückkommen würde, weil er so nicht leben könne«. Doch wie ein Ende machen? Wodurch? Davon hatte er keine Ahnung und wollte daran auch nicht denken. Er versuchte den Gedanken zu verscheuchen, denn der Gedanke quälte ihn. Er fühlte und wußte nur, daß es notwendig war, daß alles sich ändere, so oder anders, »ganz gleich wie«, – das wiederholte er mit einer verzweifelten, unbeweglichen Entschlossenheit und großem Selbstvertrauen.

Nach alter Gewohnheit ging er den gewöhnlichen Weg seiner früheren Wanderungen zum Heumarkt. Kurz vor dem Heumarkte stand auf dem Straßenpflaster vor einem kleinen Laden ein junger schwarzhaariger Leierkastenmann und leierte ein rührendes Lied. Er begleitete ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, das auf dem Trottoir stand und wie ein vornehmes Fräulein mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut mit einer feuerroten Feder bekleidet war; alle diese Sachen waren alt und abgetragen. Mit einer zittrigen, aber recht angenehmen und starken Stimme sang sie ihr Lied in Erwartung eines Zweikopekenstücks aus dem Laden. Raskolnikow blieb neben zwei oder drei anderen Zuhörern stehen, hörte eine Weile zu, holte ein Fünfkopekenstück aus der Tasche und legte es dem jungen Mädchen in die Hand. Jenes brach den Gesang bei der empfindsamsten und höchsten Note ab, rief dem Leierkastenmann scharf zu: »Genug!« und beide gingen weiter, zu dem nächsten Laden.

»Lieben Sie Straßengesang?« wandte sich Raskolnikow an einen nicht mehr jungen Passanten, der neben ihm vor dem Leierkasten stand und wie ein Flaneur aussah. Jener blickte ihn bestürzt und erstaunt an. – »Ich liebe ihn«, fuhr Raskolnikow fort, doch mit einer Miene, als rede er gar nicht vom Straßengesang. »Ich liebe es, wenn an einem kalten, dunklen und feuchten Herbstabend zum Leierkasten gesungen wird, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Leute auf der Straße blaßgrüne und kranke Gesichter haben; oder noch besser, wenn nasser Schnee ganz gerade, ohne Wind herabfällt, wissen Sie, und die Flammen der Gaslaternen hindurchleuchten ...«

»Ich weiß nicht ... Entschuldigen Sie ...« murmelte der Herr, wie durch die Frage, so auch durch das sonderbare Aussehen Raskolnikows erschreckt, und ging auf die andere Straßenseite hinüber.

Raskolnikow ging geradeswegs weiter und gelangte zu der Ecke des Heumarktes, wo der Kleinbürger und seine Frau, die damals mit Lisaweta sprachen, ihre Verkaufsstände hatten; jetzt waren sie aber nicht da. Als er aber die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der vor dem Eingange zu einem Mehllager gähnte.

»Hier handelt doch an der Ecke ein Kleinbürger mit einem Weib, seiner Frau, wie?«

»Allerlei Leute handeln hier«, antwortete der Bursche, Raskolnikow mit einem Blicke messend.

»Wie heißt er?«

»Wie man ihn getauft hat, so heißt er.«

»Bist du nicht auch aus dem Saraisker Kreise? Aus welchem Gouvernement bist du?«

Der Bursche sah Raskolnikow von oben herab an.

»Wir haben kein Gouvernement, Eure Durchlaucht, sondern bloß einen Kreis; die Reise hat mein Bruder gemacht, ich saß aber zu Hause und weiß von nichts ... Verzeihen Sie gütigst, Durchlaucht.«

»Ist es eine Garküche dort oben?«

»Es ist ein Wirtshaus, es gibt ein Billard, und man kann auch Prinzessinnen finden ... Eine Wonne!«

Raskolnikow durchschritt den Platz. Dort an der anderen Ecke stand eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er drängte sich mitten hinein und blickte in jedes Gesicht. Aus irgendeinem Grunde fühlte er sich hingezogen, jeden Menschen anzusprechen. Die Bauern beachteten ihn aber nicht; sie redeten laut unter sich und drängten sich zu kleinen Gruppen zusammen. Er stand und dachte eine Weile nach und ging dann nach rechts über das Trottoir in der Richtung zum W–schen Prospekt. Nachdem er den Platz wieder durchschritten hatte, geriet er in ein Gäßchen ...

Er war auch früher oft durch dieses kurze, krumme Gäßchen gegangen, das den Heumarkt mit der Ssadowaja verbindet. In der letzten Zeit zog es ihn sogar hin, sich an allen diesen Stellen herumzutreiben, wenn es ihm übel zumute war, »damit es noch übler werde«. Jetzt ging er aber, ohne an etwas zu denken. Es gibt hier ein großes Haus, das ganz mit Schenken und sonstigen Speise- und Trinklokalen angefüllt ist; aus diesen kamen jeden Augenblick Frauen heraus, gekleidet, wie man »in der Nachbarschaft« Besuche zu machen pflegt – barhaupt und ohne Mäntel. An mehreren Stellen drängten sie sich auf dem Trottoir in Gruppen, vorwiegend vor den Eingängen zu den Kellergeschossen, wo zwei Stufen in allerlei sehr amüsante Vergnügungsstätten hinabführen. Aus einem dieser Lokale tönte in diesem Augenblick ein Lärmen und Trampeln, so daß es auf der ganzen Straße zu hören war; eine Gitarre klimperte, jemand sang, und es schien sehr lustig zuzugehen. Eine große Gruppe von Frauen drängte sich am Eingange; andere saßen auf den Stufen, andere wieder auf dem Trottoir; einige standen herum und unterhielten sich. Auf dem Straßenpflaster daneben ging, laut fluchend, ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette im Munde auf und ab; anscheinend wollte er irgendwo einkehren, hatte aber wohl vergessen, wo. Ein abgerissener Kerl zankte sich mit einem anderen abgerissenen Kerl, und ein sinnlos Betrunkener lag quer über der Straße. Raskolnikow blieb vor der großen Gruppe von Frauen stehen. Sie sprachen mit heiseren Stimmen; alle waren barhaupt und hatten Kattunkleider und Bocklederschuhe an. Einige waren über vierzig Jahre alt, doch es gab auch siebzehnjährige darunter, fast alle mit blauen Flecken unter den Augen.

Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn dieser ganze Lärm dort unten ... Man hörte, wie jemand unter dem Lachen und Kreischen zur ausgelassenen Melodie, die eine Fistelstimme sang, und zu den Tönen einer Gitarre wie verrückt tanzte und den Takt mit den Absätzen schlug. Er hörte finster und nachdenklich zu und blickte, sich vor dem Eingange bückend, neugierig vom Trottoir in den Vorraum hinein.

»Schöner Schutzmann, laß dir's sagen:

Sollst mich ohne Grund nicht schlagen!«

tönte die dünne Stimme des Sängers. Raskolnikow hatte großes Verlangen, zu hören, was da gesungen wurde, als wäre das die Hauptsache.

»Soll ich nicht hineingehen?« dachte er. »Sie lachen. Sind wohl betrunken. Soll ich mich vielleicht auch betrinken?«

»Wollen Sie nicht einkehren?« fragte eine der Frauen mit ziemlich heller und noch nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und nicht mal abstoßend – die einzige in der ganzen Gruppe.

»Sieh mal an, wie hübsch die ist!« antwortete er, nachdem er sich aufgerichtet und sie angeblickt hatte.

Sie lächelte; das Kompliment gefiel ihr gut.

»Sie sind auch selbst sehr hübsch«, sagte sie.

»Wie mager!« bemerkte eine andere mit einer Baßstimme. »Kommen Sie eben aus dem Spital?«

»Ihr seid zwar alle Generalstöchter, habt aber lauter Stutznasen!« unterbrach sie plötzlich ein Bauer, der angeheitert im aufgeknöpften Mantel und mit einer verschmitzt lächelnden Visage herantrat. »Sieh mal an, wie lustig!«

»Tritt nur ein, wenn du schon da bist!«

»Ich trete schon ein! Ist das ein süßes Leben!«

Und er kugelte hinunter.

Raskolnikow ging weiter.

»Hören Sie, Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was denn?«

Sie wurde verlegen.

»Lieber Herr, ich werde mich immer freuen, mit Ihnen meine Stunden zu vertreiben, aber jetzt kann ich mir vor Ihnen kein Herz fassen. Schenken Sie mir, mein angenehmer Kavalier, sechs Kopeken zu einem Schluck Branntwein!«

Raskolnikow holte aus der Tasche, was er mit den Fingern gerade erwischte: drei Fünfkopekenstücke.

»Ach, was für ein gütiger Herr!«

»Wie heißt du?«

»Fragen Sie nach der Duklida.«

»Nein, das geht doch nicht«, bemerkte plötzlich ein anderes Frauenzimmer aus der Gruppe, über Duklida den Kopf schüttelnd. »Ich weiß gar nicht, wie man nur so betteln kann! Ich würde, glaube ich, vor lauter Scham in die Erde versinken!«

Raskolnikow sah die Sprechende neugierig an. Es war ein pockennarbiges Mädel, an die dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken im Gesicht und mit geschwollener Oberlippe. Sie sprach und kritisierte ruhig und ernst.

»Wo habe ich bloß gelesen,« dachte sich Raskolnikow im Weitergehen, »daß ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor dem Tode sagt oder denkt: wenn er nur irgendwo in der Höhe, auf einem Felsen, auf einem so schmalen Plateau, das nur für seine zwei Füße Platz hätte, leben könnte – rings Abgründe, Ozean, ewige Finsternis, ewige Einsamkeit und ewiger Sturm –, und so auf diesem nur einen Arschin breiten Raum sein ganzes Leben lang, tausend Jahre, eine Ewigkeit bleiben sollte – so wäre es besser, so zu leben, als jetzt gleich zu sterben! Wie das Leben auch sei, nur leben, leben, leben! ... Wie wahr! Mein Gott, wie wahr! Gemein ist doch der Mensch! ... Und gemein ist auch der, der ihn deswegen gemein nennt«, fügte er nach einer Minute hinzu.

Er kam in eine andere Straße. »Ach, das ist ja der ›Kristallpalast‹? Rasumichin sprach vorhin vom ›Kristallpalast‹! Ja, aber was wollte ich eigentlich? Ja, lesen! ... Sossimow sagte, er hätte es in der Zeitung gelesen ...«

»Gibt es Zeitungen?« fragte er, in ein geräumiges und sogar sauberes Lokal tretend, das aus einigen, übrigens recht leeren Zimmern bestand. Zwei oder drei Gäste tranken Tee, und in einem der entfernteren Zimmer saß eine Gesellschaft von etwa vier Men schen, die Champagner tranken. Raskolnikow kam es vor, als ob unter ihnen auch Samjotow säße. Von weitem konnte man es übrigens nicht genau sehen.

»Und wenn auch!« dachte er sich.

»Befehlen der Herr einen Schnaps?« fragte der Kellner.

»Bring mir Tee. Und bring mir alte Zeitungen, so von den fünf letzten Tagen hintereinander, du bekommst ein Trinkgeld dafür.«

»Zu Befehl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch einen Schnaps?«

Bald kamen die alten Zeitungen und der Tee. Raskolnikow setzte sich hin und begann zu suchen: »Isler – Isler – Azteken – Azteken – Isler – Bartold – Massimo – Azteken – Isler ... pfui Teufel! Und hier die kleinen Notizen: von der Treppe gestürzt – ein Kleinbürger im Rausche verbrannt – eine Feuersbrunst – eine Feuersbrunst auf der Petersburger Seite – noch eine Feuersbrunst auf der Petersburger Seite – und noch eine Feuersbrunst auf der Petersburger Seite – Isler – Isler – Isler – Isler – Massimo ... Ja, hier ...«

Er fand endlich das, was er suchte, und fing zu lesen an: die Zeilen hüpften ihm vor den Augen, trotzdem las er diesen ganzen »Bericht« und suchte voll Gier in den folgenden Nummern nach weiteren Mitteilungen. Seine Hände zitterten, als er in den Zeitungen blätterte vor krampfhafter Ungeduld. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er blickte auf: es war Samjotow, der gleiche Samjotow, im gleichen Aufzuge, mit den Ringen und Uhrketten, mit dem Scheitel im schwarzen, gekräuselten pomadisierten Haar, in einer eleganten Weste und in einem etwas schäbigen Rocke und nicht ganz sauberer Wäsche. Er war sehr heiter, jedenfalls lächelte er sehr lustig und gutmütig. Sein gebräuntes Gesicht war von dem getrunkenen Champagner etwas gerötet.

»Wie! Sie sind hier?« begann er erstaunt und in einem Ton, als wäre er mit Raskolnikow Gott weiß wie lange bekannt. »Rasumichin hat mir aber erst gestern erzählt, daß Sie immer noch bewußtlos seien. Wie merkwürdig! Ich war doch bei Ihnen ...«

Raskolnikow hatte gewußt, daß er sich zu ihm heransetzen würde. Er legte die Zeitungen weg und wandte sich zu Samjotow. Auf seinen Lippen spielte ein spöttisches Lächeln, und aus diesem Lächeln sprach eine neue Reizbarkeit und Ungeduld.

»Ich weiß es, daß Sie bei mir waren,« antwortete er, »ich habe es gehört. Sie haben den Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz bezaubert von Ihnen, er sagt, Sie seien mit ihm bei der Lawisa Iwanowna gewesen, bei derselben, um die Sie sich damals so sehr bemühten und dem Leutnant Pulver zuzwinkerten; er begriff aber immer nicht, erinnern Sie sich noch? Was gab es da nicht zu verstehen, eine klare Sache ... nicht wahr?«

»Was ist er doch für ein Radaumacher!«

»Pulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«

»Ein schönes Leben haben Sie, Herr Samjotow; die angenehmsten Orte dürfen Sie gratis besuchen! Wer hat Sie soeben mit Champagner bewirtet?«

»Wir haben ... ein wenig getrunken ... Niemand hat mich bewirtet!«

»Ein Honorar! Sie genießen!« Raskolnikow lachte. »Macht nichts, guter Junge, macht nichts!« fügte er hinzu und klopfte Samjotow auf die Schulter. »Ich sage es ja nicht aus Feindschaft, sondern ›aus Freundschaft, im Spiele‹, wie Ihr Arbeiter sagte, als er den Mitrej puffte, wissen Sie, in der Sache der Alten.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich weiß vielleicht mehr als Sie.«

»Sie sind so sonderbar ... Wahrscheinlich sind Sie noch krank. Das war dumm, daß Sie ausgegangen sind.«

»Komme ich Ihnen sonderbar vor?«

»Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?«

»Ja, Zeitungen.«

»Man schreibt viel von den Feuersbrünsten.«

»Nein, ich lese nicht von den Feuersbrünsten.« Er blickte Samjotow rätselhaft an; ein spöttisches Lächeln verzerrte wieder seine Lippen. »Nein, ich lese nicht von den Feuersbrünsten«, fuhr er fort, Samjotow zublinzelnd. »Gestehen Sie doch, lieber Junge, daß Sie furchtbar gerne wissen möchten, was ich gelesen habe?«

»Das möchte ich gar nicht; ich habe nur so gefragt. Darf man denn nicht fragen? Warum sind Sie immer gleich so ...«

»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter Mensch mit literarischen Interessen, nicht wahr?«

»Ich habe sechs Gymnasialklassen absolviert«, antwortete Samjotow mit einiger Würde.

»Sechs Klassen! Ach du mein kleiner Spatz! Mit einem Scheitel und mit Ringen, ein reicher Mann! Gott, was für ein lieber Junge!«

Raskolnikow lachte nervös Samjotow direkt ins Gesicht. Jener rückte weg, weniger gekränkt als erstaunt.

»Gott, wie sonderbar Sie sind!« wiederholte Samjotow sehr ernst. »Mir scheint, daß Sie noch immer phantasieren.«

»Ich phantasiere? Unsinn, kleiner Spatz! ... Ich bin also sonderbar? Erscheine ich Ihnen interessant? Interessant?«

»Ja, Sie sind wohl interessant.«

»Soll ich Ihnen sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? So viele Nummern habe ich mir doch bringen lassen! Das ist ja verdächtig, wie?«

»Nun, sagen Sie es.«

»Sie spitzen die Ohren, was?«

»Was für Ohren?«

»Das werde ich Ihnen später sagen, was für Ohren, aber jetzt mein Lieber, erkläre ich Ihnen ... oder besser: ›ich gestehe‹ ... Nein, das ist nicht das Richtige! ›Ich sage aus, und Sie nehmen es zu Protokoll,‹ – ja, so! Also ich sage aus, daß ich gelesen, mich interessiert, gesucht ... nachgeforscht habe ...« Raskolnikow kniff die Augen zusammen und hielt inne. »Nachgeforscht habe und eigens dazu hergekommen bin – das von der Ermordung der alten Beamtenwitwe«, sagte er schließlich fast im Flüstertone, indem sein Gesicht das des Samjotow beinahe berührte. Samjotow sah ihn unverwandt an, ohne sich zu regen und ohne sein Gesicht von dem seinigen zurückzuziehen. Am sonderbarsten erschien später Samjotow, daß dieses Schweigen eine volle Minute gedauert und daß sie sich eine volle Minute angestarrt hatten.

»Nun, was ist denn dabei, daß Sie es gelesen haben?« rief er plötzlich ganz verwirrt und ungeduldig aus. »Was geht mich das an? Was ist denn dabei?«

»Es ist dieselbe Alte,« fuhr Raskolnikow im gleichen Flüstertone und ohne sich beim Ausrufe Samjotows zu rühren fort: »Dieselbe, von der man, Sie erinnern sich doch noch, im Polizeibureau zu sprechen anfing, worauf ich in Ohnmacht fiel. Nun, verstehen Sie jetzt?«

»Was denn? Was ›verstehen Sie‹?« sagte Samjotow fast unruhig.

Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikows veränderte sich in einem Augenblick, und plötzlich brach er wieder in das gleiche nervöse Lachen wie vorhin aus, als könnte er sich gar nicht beherrschen. Und augenblicklich erinnerte er sich in außerordentlicher Klarheit jenes Moments, als er hinter der Tür stand, mit dem Beil in der Hand, als der Riegel hüpfte, die anderen hinter der Tür standen und schimpften und die Tür aufbrechen wollten, er aber plötzlich Lust spürte, sie anzuschreien, zu beschimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen und zu lachen, zu lachen, zu lachen!

»Sie sind entweder verrückt, oder ...« begann Samjotow und hielt inne, wie erschüttert durch den Gedanken, der ihm plötzlich in den Sinn gekommen war.

»Oder? Was ›oder‹? Nun, was? Sagen Sie es doch!«

»Nichts!« antwortete Samjotow erbost. »Unsinn!«

Beide verstummten. Nach dem plötzlichen Lachkrampfe wurde Raskolnikow nachdenklich und traurig. Er legte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. Er schien Samjotow ganz vergessen zu haben. Das Schweigen dauerte recht lange.

»Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt«, sagte Samjotow.

»Ah? Was? Tee? ... Meinetwegen ...« Raskolnikow nahm einen Schluck aus dem Glase, steckte ein Stückchen Brot in den Mund, blickte Samjotow an und schien sich plötzlich an alles zu erinnern, als hätte er einen Rausch von sich abgeschüttelt: sein Gesicht nahm sofort den früheren spöttischen Ausdruck an. Er fuhr fort, Tee zu trinken.

»Heutzutage gibt es viele solche Gaunereien«, sagte Samjotow. »Neulich las ich in den ›Moskauer Nachrichten‹, daß man in Moskau eine ganze Bande von Falschmünzern erwischt hat. Es war eine Gesellschaft. Sie haben Scheine gefälscht.«

»Ach, das ist schon lange her! Ich habe es schon vor einem Monat gelesen,« antwortete Raskolnikow ruhig. »Es sind also Ihrer Ansicht nach Gauner?« fügte er lächelnd hinzu.

»Vielleicht keine Gauner?«

»Diese? Sie sind Kinder, Grünschnäbel, aber keine Gauner! Ein halbes Hundert Menschen tut sich zu diesem Zweck zusammen! Geht denn das? Es wären auch drei zuviel, und selbst wenn jeder dem andern mehr als sich selbst vertraute! Es braucht sich bloß einer im Rausche zu verschnappen, und alles ist verloren! Grünschnäbel! Sie schicken unzuverlässige Menschen in die Bankkontors zum Wechseln der Banknoten: wie kann man nur so eine Sache dem ersten besten anvertrauen? Und nehmen wir an, daß es den Grünschnäbeln geglückt ist, nehmen wir an, daß ein jeder für eine Million Banknoten eingewechselt hat; nun, und weiter? Das ganze Leben lang? Ein jeder hängt dann sein ganzes Leben lang vom andern ab! Es ist schon besser, sich zu erhängen! Sie verstanden aber nicht mal, einzuwechseln: einer kam ins Kontor zum Wechseln, und als er die ersten Fünftausend bekommen hatte, zitterten ihm die Hände. Die ersten vier zählte er nach, aber das fünfte Tausend nahm er ohne zu zählen, auf gut Glauben an, um es schneller in die Tasche zu stecken und sich aus dem Staube zu machen. Und so erregte er Verdacht. So platzte alles wie eine Seifenblase wegen eines einzigen Dummkopfes. Ist das nur möglich?«

»Daß ihm die Hände zitterten?« fiel ihm Samjotow ins Wort. »Gewiß ist das möglich. Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß es möglich ist. Zuweilen hält man es nicht aus.«

»So etwas?«

»Halten Sie es vielleicht aus? Nein, ich könnte es nicht aushalten! Für hundert Rubel Belohnung sich diesem Schrecken auszusetzen! Mit einer falschen Banknote hingehen – und wohin? in ein Bankkontor, wo sie Spezialisten sind, – nein, ich würde mich nicht beherrschen können. Würden Sie sich etwa beherrschen können?«

Raskolnikow hatte wieder furchtbar Lust, »die Zunge zu zeigen«. Ein kalter Schauer überlief hin und wieder seinen Rücken.

»Ich hätte es anders gemacht«, fing er etwas weitläufig an. »Ich würde so wechseln: ich zähle das erste Tausend an die viermal von beiden Enden nach, sehe mir jeden Schein genau an und mache mich dann an das zweite Tausend; ich fange an, es zu zählen, und hole etwa bei der Mitte einen Fünfzigrubelschein heraus, halte ihn gegens Licht und sehe ihn genau von allen Seiten an, ob er nicht falsch ist. ›Ich habe Angst‹, sage ich: ›Eine Verwandte von mir hat auf diese Weise einen Schaden von fünfundzwanzig Rubeln gehabt‹; und ich erzähle eine ganze Geschichte. Und wie ich das dritte Tausend zähle, – nein, erlauben Sie: ich habe, glaub ich, dort im zweiten Tausend das siebente Hundert falsch gezählt, ich habe Zweifel. Und ich lege das dritte Tausend weg und mache mich wieder an das zweite; und so bei allen fünf Tausend. Und wie ich fertig bin, hole ich aus dem zweiten und aus dem fünften Tausend je einen Schein heraus, halte ihn wieder gegens Licht und sage zweifelnd: ›Tauschen Sie ihn mir bitte um!‹ In den siebenten Schweiß treibe ich den Kontoristen, so daß er nicht mehr weiß, wie mich loszuwerden! Und wie ich mit allem fertig bin, gehe ich weg, mache schon die Tür auf, – aber nein; Sie entschuldigen, ich komme wieder zurück, um etwas zu fragen, um eine Auskunft zu holen. – So hätte ich es gemacht!«

»Ach, was Sie für schreckliche Sachen sagen!« erwiderte Samjotow lachend. »Das sind aber nur Worte, in, der Tat würden Sie sicher stolpern. Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, können nicht nur wir beide, kann auch ein geriebener, tolldreister Mensch für sich nicht einstehen. Wozu weit suchen, da haben Sie ein Beispiel: in unserm Revier hat man eine Alte ermordet. Man müßte meinen, ein Tollkopf hat es am hellichten Tage riskiert, ist nur durch ein Wunder entkommen, und doch zitterten ihm die Hände: hat nicht zu stehlen verstanden, hat es nicht ausgehalten; man sieht es an allem ...«

Raskolnikow schien beleidigt.

»Man sieht es! Aber gehen Sie mal hin und fangen Sie ihn!« rief er aus, Samjotow schadenfroh neckend.

»Nun, man wird ihn schon fangen.«

»Wer? Sie? Sie werden ihn fangen! Da werden Sie lange springen müssen! Die Hauptsache ist doch bei Ihnen, ob der Mensch Geld ausgibt oder nicht? Früher hat er kein Geld gehabt, und plötzlich gibt er welches aus. – Wie sollte er nicht der Mörder sein? So führt Sie aber jedes Kind hinters Licht, wenn es nur will!«

»Das ist es eben, daß sie alle so tun«, antwortete Samjotow. »Den Mord führt er schlau aus und setzt sein Leben aufs Spiel, läßt sich aber dann in einer Schenke erwischen. Beim Geldausgeben werden sie immer erwischt. Nicht alle sind doch so schlau wie Sie. Sie würden natürlich nicht in die Schenke gehen.«

Raskolnikow runzelte die Brauen und blickte Samjotow durchdringend an.

»Sie haben wohl Appetit bekommen und möchten gerne wissen, wie ich in einem solchen Falle handeln würde?« fragte er mürrisch.

»Das möchte ich wohl«, antwortete jener fest und ernst.

Er blickte und sprach auf einmal gar zu ernst.

»Sehr?«

»Sehr.«

»Gut. Ich würde es so machen«, begann Raskolnikow, indem er sein Gesicht plötzlich wieder dem des Samjotow näherte, ihn wieder durchdringend anblickte und wieder im Flüstertone sprach, so daß jener diesmal zusammenfuhr. »Ich würde es so machen: ich würde das Geld und die Sachen nehmen und direkt von dort, ohne irgendwo einzukehren, irgendwohin weit weggehen, an einen entlegenen Ort, wo lauter Zäune sind und wo fast kein Mensch vorbeigeht, – in einen Gemüsegarten oder dergleichen. Schon vorher würde ich mir auf so einem Hofe irgendeinen Stein, so einen oder anderthalb Pud schwer, der da vielleicht schon seit der Erbauung des Hauses irgendwo in einer Ecke oder am Zaune liegt, aussuchen; ich würde den Stein aufheben, – unter ihm muß eine kleine Vertiefung sein – und in diese Vertiefung alle Sachen und das Geld hineinlegen. Ich würde alles hineinlegen, den Stein dann wieder darauf wälzen, wie er früher gelegen hat, mit dem Fuße festdrücken und fortgehen. Ein ganzes Jahr, zwei Jahre würde ich die Sachen nicht anrühren, drei Jahre würde ich sie nicht anrühren, – da soll mich einer finden! Er war da und ist nicht mehr!«

»Sie sind verrückt«, sagte Samjotow, er wußte selbst nicht warum, auch im Flüstertone und rückte von Raskolnikow weg.

Raskolnikows Augen brannten; er war furchtbar blaß geworden; seine Oberlippe zuckte und begann zu hüpfen. Er beugte sich zu Samjotow so nahe als möglich vor und begann die Lippen zu bewegen, ohne etwas zu sagen; das dauerte eine halbe Minute; er wußte wohl, was er tat, konnte sich aber nicht beherrschen. Das schreckliche Wort sprang wie der Türriegel damals, auf seinen Lippen: gleich wird es sich losreißen; er braucht es nur loszulassen, braucht es nur zu sprechen!

»Wie, wenn ich die Alte und die Lisaweta ermordet habe?« sagte er plötzlich und – kam zu sich.

Samjotow blickte ihn wild an und wurde so weiß wie das Tischtuch. Sein Gesicht wurde von einem Lächeln verzerrt.

»Ist es denn möglich?« sagte er kaum hörbar.

Raskolnikow blickte ihn boshaft an.

»Gestehen Sie doch, daß Sie es geglaubt haben!« sagte er endlich kalt und spöttisch. »Ja? Doch – ja?«

»Durchaus nicht! Jetzt glaube ich es weniger als je!« antwortete Samjotow hastig.

»Nun haben Sie sich verschnappt! Man hat den kleinen Spatz gefangen. Sie haben es also vorher geglaubt, wenn Sie ›es jetzt weniger als je‹ glauben?«

»Nein, wirklich nicht!« rief Samjotow sichtlich verlegen. »Sie haben mir solche Angst gemacht, um mich darauf zu bringen!«

»Sie glauben es also nicht? Worüber haben Sie aber damals in meiner Abwesenheit gesprochen, als ich aus dem Bureau gegangen war? Warum hat mich Leutnant Pulver nach dem Ohnmachtsanfall vernommen? He, du!« rief er dem Kellner zu, aufstehend und seine Mütze ergreifend. »Was habe ich zu bezahlen?«

»Dreißig Kopeken im ganzen«, antwortete jener herbeieilend.

»Da hast du noch zwanzig Kopeken Trinkgeld. Das viele Geld!« wandte er sich an Samjotow und hielt ihm seine zitternde Hand mit den Banknoten hin: »Rote, blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel. Woher habe ich die? Und woher die neue Kleidung? Sie wissen doch, daß ich keine Kopeke hatte ... Meine Wirtin haben Sie doch schon sicher vernommen ... Nun genug! Assez causé! Auf Wiedersehen, auf angenehmes Wiedersehen! ...«

Er ging hinaus, am ganzen Leibe von einer wilden hysterischen Empfindung zitternd, in der aber auch etwas von einer unerträglichen Wollust lag, – übrigens finster und furchtbar müde. Seine Züge waren verzerrt wie nach einem Anfall. Seine Müdigkeit nahm rasch zu. Seine Kräfte erwachten, sie meldeten sich jetzt beim ersten Anstoß, beim ersten Reize, um dann ebenso schnell abzunehmen, in dem Maße, wie der Reiz abnahm.

Aber Samjotow saß, nachdem er allein geblieben war, lange nachdenklich auf dem gleichen Platz. Raskolnikow hatte ganz unerwartet seine Gedanken in dem bewußten Punkte umgestoßen, und er bildete sich nun seine endgültige Ansicht.

»Ilja Petrowitsch ist ein Narr!« stellte er endgültig fest.

Kaum hatte Raskolnikow die Tür zur Straße geöffnet, als er plötzlich auf der Schwelle mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Sie hatten einander selbst vor einem Schritt noch nicht gesehen, so daß sie jetzt beinahe mit den Köpfen zusammenprallten. Eine Weile maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin war aufs höchste erstaunt, aber plötzlich flammte in seinen Augen Zorn, echter Zorn drohend auf.

»Hier bist du also!« schrie er aus vollem Halse. »Du bist aus dem Bette entlaufen! Ich habe ihn aber schon unter dem Sofa gesucht! Auf dem Dachboden haben wir nachgeschaut! Nastasja habe ich deinetwegen beinahe verprügelt ... Und er steckt hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die Wahrheit? Gestehe! Hörst du!«

»Das soll bedeuten, daß ihr mich alle tödlich langweilt und daß ich allein sein will«, antwortete Raskolnikow ruhig.

»Allein sein? Wo du noch kaum gehen kannst, wo deine Visage weiß wie Leinwand ist und du so schwer keuchst. Dummkopf! Was hast du im ›Kristallpalast‹ gemacht? Gestehe sofort!«

»Laß mich!« sagte Raskolnikow und wollte an ihm vorbeigehen.

Das brachte Rasumichin ganz aus der Fassung; er packte ihn fest an der Schulter.

»Laß mich! Du wagst nach allem, was du getan hast, zu sagen ›laß mich?‹ Weißt du denn auch, was ich mit dir gleich tun werde? Ich packe dich, binde dich zu einem Knoten zusammen, trage dich unter dem Arm nach Hause und sperre dich ein!«

»Hör mal, Rasumichin,« fing Raskolnikow leise und anscheinend ganz ruhig an, »siehst du denn nicht, daß ich deine Wohltaten nicht will? Und was ist das für ein Vergnügen, einem Wohltaten zu erweisen, der ... darauf spuckt? Einem, schließlich, der es wirklich nicht ertragen kann? Sag, wozu hast du mich gleich bei Beginn meiner Krankheit aufgesucht? Vielleicht wäre ich froh, zu sterben! Habe ich dir denn heute wenig gezeigt, daß du mich quälst, daß ich dich satt habe! Was ist es für ein Vergnügen, einen Menschen so zu quälen! Ich versichere dir, daß dies alles meiner Genesung ernstlich im Wege steht, weil es mich unaufhörlich aufregt. Sossimow ist doch vorhin weggegangen, um mich nicht aufzuregen! Laß mich doch um Gottes willen in Ruhe! Und was hast du schließlich für ein Recht, mich mit Gewalt zurückzuhalten? Siehst du denn jetzt nicht, daß ich bei vollem Verstande spreche? Womit, belehre mich doch, womit soll ich dich endlich erweichen, daß du mich mit deinen Wohltaten in Ruhe läßt? Mag ich undankbar sein, mag ich gemein sein, aber laßt doch um Gottes willen von mir ab ... Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«

Er hatte ganz ruhig angefangen und sich im voraus über das ganze Gift gefreut, das er ergießen wollte, endete aber keuchend vor Raserei, wie vorhin, als er Luschin vor sich hatte.

Rasumichin stand eine Weile da, überlegte und ließ seine Hand los.

»Scher dich zum Teufel!« sagte er leise, beinahe nachdenklich. »Halt!« schrie er plötzlich, als Raskolnikow sich vom Platze rührte. »Hör, was ich dir sage. Ich erkläre dir, daß ihr alle ohne Ausnahme Schwätzer und Aufschneider seid! Wenn Ihr mal einen kleinen Schmerz habt, macht ihr so viel Aufhebens wie die Henne mit dem Ei! Und dabei plagiiert ihr fremde Autoren. Ihr habt keine Spur von einem selbständigen Leben! Aus Spermacetsalbe seid ihr alle gemacht und habt statt Blut – Molke! Keinem von euch glaube ich! Eure erste Sorge unter allen Umständen ist, möglichst wenig einem Menschen zu gleichen! Ha-alt!« rief er mit doppelter Wut, als er merkte, daß Raskolnikow wieder Anstalten machte, wegzugehen. »Hör mich zu Ende! Du weißt, heute kommen Leute zu mir, um mit mir meine neue Wohnung einzuweihen; vielleicht sind sie schon gekommen, aber ich habe dort meinen Onkel zurückgelassen – ich war eben auf einen Sprung dort –, um die Gäste zu empfangen. Wenn du also kein Dummkopf wärest, kein gemeiner Dummkopf, kein Idiot, keine Übersetzung aus dem Ausländischen ... siehst du, Rodja, ich gebe zu, du bist ein gescheiter Bursche, aber ein Dummkopf! – wenn du also kein Dummkopf wärest, so würdest du heute abend lieber zu mir kommen und bei mir ein Stündchen verbringen, als dir die Sohlen ablaufen. Wenn du schon mal ausgegangen bist, so ist nichts zu machen! Ich würde dir so einen weichen Sessel heranrollen, die Wirtsleute haben einen ... Tee und Gesellschaft ... Und wenn es dir nicht paßt, so lege ich dich aufs Sofa hin, – dann liegst du immerhin unter uns ... Auch Sossimow kommt. Wirst du kommen?«

»Nein.«

»Unsinn!« rief Rasumichin ungeduldig aus. »Woher weißt du das? Du kannst für dich nicht garantieren! Gar nichts verstehst du davon ... Tausendmal habe ich mich mit Menschen ebenso verzankt und bin doch immer wieder zu ihnen zurückgekehrt ... Man schämt sich und kehrt zum Menschen zurück! Merk es dir also: Haus Potschinkow, zweiter Stock ...«

»Dann werden Sie, Herr Rasumichin, vielleicht auch jemand gestatten, Sie zu schlagen, nur um jenem die Wohltat zu erweisen?!«

»Wen? Mich! Schon für den bloßen Einfall schraube ich einem die Nase ab! Haus Potschinkow, Nr. 47, Wohnung des Beamten Babuschkin ...«

»Ich komme nicht, Rasumichin!« Raskolnikow wandte sich um und ging.

»Ich wette, daß du kommst!« schrie ihm Rasumichin nach. »Sonst bist du ... sonst will ich von dir nichts mehr wissen! Halt, hallo! Ist Samjotow hier?«

»Ja.«

»Hast ihn gesehen?«

»Ja.«

»Und gesprochen?«

»Ja.«

»Worüber? Nun, hol dich der Teufel, kannst es mir auch nicht sagen. Haus Potschinkow, 47, bei Babuschkin, merk es dir.«

Raskolnikow ging bis zur Ssadowaja und bog um die Ecke. Rasumichin sah ihm nachdenklich nach. Endlich fuhr er mit der Hand durch die Luft und trat ins Haus, blieb aber auf der Mitte der Treppe stehen.

»Hol der Teufel!« fuhr er fort, beinahe laut. »Er spricht vernünftig, und doch macht er den Eindruck ... Ich bin aber auch ein Dummkopf! Sprechen denn nicht auch die Verrückten vernünftig? Sossimow scheint aber gerade das zu befürchten!« Er schlug sich mit dem Finger an die Stirne. »Nun, und wenn ... wie kann man ihn jetzt nur allein gehen lassen? Er wird sich noch ertränken ... Ach, ich habe mich blamiert! Das geht nicht!« Und er lief zurück, um Raskolnikow einzuholen, jener war aber schon verschwunden.

Er spuckte aus und ging mit raschen Schritten wieder in den »Kristallpalast« zurück, um möglichst schnell Samjotow auszufragen.

Raskolnikow ging direkt auf die *sche Brücke, blieb in der Mitte am Geländer stehen, stützte darauf beide Ellenbogen und fing an, in die Ferne zu schauen. Nach dem Abschied von Rasumichin war er auf einmal so schwach geworden, daß er sich nur mit Mühe hatte hierherschleppen können. Er wollte sich auf der Straße irgendwo hinsetzen oder hinlegen. Über das Wasser gebeugt, blickte er mechanisch auf den letzten rosigen Widerschein des Abendrots, auf die Reihe der Häuser, die in der sich verdichtenden Dämmerung dunkel dastanden, auf ein fernes Fenster an irgendeiner Mansarde auf dem linken Kai, das, für einen Augenblick von einem letzten Sonnenstrahl getroffen, wie Feuer erglänzte, auf das dunkelnde Wasser des Kanals, und er bohrte seinen Blick in dieses Wasser. Schließlich drehten sich vor seinen Augen rote Kreise, die Häuser schwankten, die Menschen, die Kais, die Equipagen – alles um ihn herum wirbelte und tanzte. Plötzlich fuhr er zusammen, durch ein wildes häßliches Gesicht vielleicht vor einem neuen Ohnmachtsanfall bewahrt. Er fühlte, wie sich jemand rechts neben ihn stellte; er blickte hin und sah eine großgewachsene Frau, mit einem Tuche um den Kopf, mit einem gelben, länglichen, abgelebten Gesicht und roten eingefallenen Augen. Sie blickte gerade auf ihn, sah und unterschied aber offenbar nichts. Plötzlich stützte sie sich mit der rechten Hand auf das Geländer, hob das rechte Bein, schwang es über das Gitter, dann das linke und stürzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser öffnete den Schlund und verschlang für einen Augenblick sein Opfer, doch nach einer Minute tauchte die Selbstmörderin wieder auf und trieb langsam mit der Strömung, den Kopf und die Füße im Wasser, den Rücken nach oben; der Rock war hinaufgerutscht und ragte, zu einem Kissen angeschwollen, über dem Wasser.

»Sie hat sich ertränkt! Ertränkt!« riefen Dutzende von Stimmen; die Leute liefen zusammen, beide Ufer bedeckten sich mit Zuschauern, auf der Brücke um Raskolnikow herum drängte sich das Volk und drückte ihn von rückwärts ans Geländer.

»Väterchen, das ist ja unsere Afrossinjuschka!« ertönte irgendwo in der Nähe eine jammernde Frauenstimme ... »Väterchen, rettet! Liebe Menschen, zieht sie heraus!«

»Ein Boot! Ein Boot!« schrie man in der Menge.

Das Boot war aber schon unnötig: ein Schutzmann war die zum Kanal führenden Stufen hinuntergelaufen, hatte Mantel und Stiefel ausgezogen und sich ins Wasser gestürzt. Er hatte nicht viel zu arbeiten: die Selbstmörderin trieb etwa zwei Schritte von der Treppe vorbei; er packte mit der einen Hand ihre Kleider und mit der anderen eine Stange, die ihm ein Kamerad hinhielt, und die Selbstmörderin war im Nu herausgefischt. Man legte sie auf die Granitplatten des Ufers. Sie kam bald zu sich, setzte sich auf und begann zu niesen und zu prusten, während sie sich mit den Händen wie geistesabwesend ihr nasses Kleid abwischte. Sie sagte nichts.

»Sie hat sich vollgesoffen, bis sie weiße Mäuse sah, Väterchen, weiße Mäuse!« jammerte die gleiche Frauenstimme, schon dicht neben Afrossinjuschka. »Neulich wollte sie sich erhängen, da nahm man sie aus der Schlinge. Ich ging eben zum Krämer, ließ mein Mädel bei ihr zurück zum Aufpassen, und da ist schon das Unglück geschehen! Eine Kleinbürgerin ist sie, Väterchen, eine Kleinbürgerin, gleich in der Nähe wohnen wir, im zweiten Haus von der Ecke, hier gleich ...«

Die Menge zerstreute sich, die Polizisten machten sich noch bei der Selbstmörderin zu schaffen, jemand rief etwas vom Polizeibureau ... Raskolnikow betrachtete alles mit seltsamer Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit. Er spürte Ekel. »Nein, es ist ekelhaft ... Wasser ... es lohnt sich nicht«, murmelte er vor sich hin. »Es wird nichts werden,« fügte er hinzu, »es hat keinen Sinn, zu warten. Was ist mit dem Polizeibureau ... Warum ist Samjotow nicht im Bureau? Das Bureau ist doch um zehn Uhr offen ...« Er wandte sich mit dem Rücken zum Geländer und sah sich um.

»Nun, warum auch nicht! Man kann's auch so!« sagte er entschlossen. Er verließ die Brücke und ging in die Richtung nach dem Polizeibureau. In seinem Herzen war es leer und öde. Er wollte an nichts den ken. Auch sein ganzer Gram war verschwunden, auch von der früheren Energie, als er von zu Hause fortging, um »allem ein Ende zu machen«, war keine Spur geblieben! An ihre Stelle war volle Apathie getreten.

»Nun, auch das ist ein Ausweg!« dachte er sich, während er langsam und träge am Kanalkai ging. »Ich werde dem doch ein Ende machen, weil ich es so will ... Ist es aber auch ein Ausweg? Ist ja ganz gleich! Den Arschin Raum werde ich doch noch haben, ja! Was ist das aber für ein Ende! Ist es denn das Ende? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ach ... Teufel! Ich bin auch müde, wenn ich mich nur schnell irgendwo hinlegen oder hinsetzen könnte! Das Beschämendste ist, daß es so dumm ist. Aber ich spucke auch darauf! Pfui, was für Dummheiten einem manchmal in den Sinn kommen! ...«

Um ins Polizeibureau zu kommen, mußte man immer geradeaus gehen und bei der zweiten Ecke nach links einschwenken: es waren nur wenige Schritte. Aber er blieb schon an der ersten Ecke stehen, dachte eine Weile nach, bog in die Seitengasse ein und machte so einen Umweg von zwei Straßen, – vielleicht machte er es ohne jede Absicht, vielleicht aber auch, um es noch eine Weile hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und blickte zu Boden. Plötzlich war es ihm, als hätte ihm jemand etwas ins Ohr geraunt. Er hob den Kopf und merkte, daß er an jenem Hause, dicht vor dem Toreingange stand. Seit jenem Abend war er hier weder gewesen noch vorbeigegangen.

Ein unwiderstehliches und unerklärliches Verlangen zog ihn hin. Er trat ein, durchschritt den ganzen Torweg, bog in den ersten Eingang nach rechts ein und fing an, die bekannte Treppe in das dritte Stockwerk hinaufzusteigen. Auf der engen und steilen Treppe war es sehr finster. Er blieb auf jedem Absatze stehen und sah sich neugierig um. Auf dem ersten Treppenabsatze war ein Fensterrahmen ganz herausgenommen. »Das war damals nicht«, sagte er sich. Da ist auch die Wohnung im ersten Stock, wo damals die zwei Anstreicher gearbeitet haben. »Zugeschlossen; die Tür ist neu gestrichen; also ist die Wohnung zu vermieten.« Da ist schon das zweite Stockwerk ... das dritte ... »Hier ist es!« Da überkamen ihn Zweifel: die Tür zu dieser Wohnung stand weit offen, es waren Menschen darin, man hörte Stimmen; das hatte er keineswegs erwartet. Nach kurzem Schwanken ging er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung ein.

Auch diese Wohnung wurde neu hergerichtet, und es waren Arbeiter da; dies versetzte ihn wohl in Erstaunen. Aus irgendeinem Grunde hatte er geglaubt, daß er hier alles genau in dem gleichen Zustande antreffen würde, wie er es damals zurückgelassen hatte; vielleicht sogar die Leichen auf denselben Stellen auf dem Boden. Jetzt aber: kahle Wände, keine Möbel; es war so seltsam! Er ging zum Fenster und setzte sich aufs Fensterbrett.

Es waren in dem Raume zwei Arbeiter, beide junge Burschen: der eine älter, der andere viel jünger. Sie beklebten die Wände mit neuen Tapeten, weiß mit lila Blümchen, an Stelle der früheren gelben, zerrissenen und abgewetzten. Auf Raskolnikow machte das, er wußte selbst nicht warum, einen unangenehmen Eindruck; er blickte diese neuen Tapeten feindselig an, als täte es ihm leid, daß man alles verändert hatte.

Die Arbeiter hatten sich anscheinend verspätet. Jetzt rollten sie das Papier schnell zusammen und wollten wohl aufbrechen. Das Erscheinen Raskolnikows erregte ihre Aufmerksamkeit fast gar nicht. Sie unterhielten sich über etwas. Raskolnikow kreuzte die Arme und begann zuzuhören.

»Kommt also jene des Morgens zu mir«, erzählte der Altere dem Jüngeren, »in aller Frühe, schön ausgeputzt. ›Was scharwenzelst du so vor mir‹, sage ich ihr, ›was tust du so schön?‹ – ›Ich will‹, sagte sie, ›Tit Wassiljitsch, Ihnen ganz angehören!‹ Ja, siehst du, so ist es! Und ausgeputzt war sie – das reinste Journal!«

»Was ist das: ›Journal‹, Onkelchen?« fragte der Jüngere.

Offenbar ließ er sich vom »Onkelchen« belehren.

»Ein Journal, Bruder, das sind solche bemalte Bildchen, und die kommen an die hiesigen Schneider jeden Sonnabend mit der Post aus dem Auslande, um zu zeigen, wie sich jedermann, das männliche Geschlecht und das weibliche, zu kleiden hat. So eine Zeichnung also. Das männliche Geschlecht wird meistens in Pekeschen dargestellt, und was das weibliche Geschlecht betrifft, so sind da solche Souffleurs, daß einem das Wasser im Munde zusammenläuft.«

»Was es in diesem Petersburg nicht alles gibt!« rief der Jüngere begeistert. »Außer Vater und Mutter gibt es hier alles!«

»Ja, außer ihnen findest du hier alles«, bestätigte der Ältere belehrend.

Raskolnikow stand auf und ging ins andere Zimmer, wo die Truhe, die Betten und die Kommode gestanden hatten; das Zimmer erschien ihm jetzt ohne die Möbel furchtbar klein. Die Tapeten waren noch dieselben; in der Ecke war auf der Tapete deutlich die Stelle zu sehen, wo der Schrein mit dem Heiligenbilde gestanden hatte. Er sah sich alles an und kehrte zu seinem Fenster zurück. Der ältere Arbeiter schielte nach ihm.

»Was wünschen Sie?« fragte er plötzlich, sich an ihn wendend.

Statt eine Antwort zu geben, stand Raskolnikow auf, ging auf die Treppe hinaus, ergriff den Glockenzug und zog daran. Die gleiche Klingel, der gleiche blecherne Ton! Er zog noch einmal und ein drittes Mal. Er lauschte und besann sich. Die frühere quälende, furchtbare, häßliche Empfindung kam ihm immer greller und lebhafter in Erinnerung, er zuckte bei jedem Tone zusammen, und es wurde ihm immer wohler und wohler ums Herz.

»Was willst du denn? Wer bist du?« rief der Arbeiter, zu ihm hinausgehend.

Raskolnikow trat wieder in die Tür.

»Ich will die Wohnung mieten«, sagte er. »Ich sehe sie mir an.«

»Nachts mietet man keine Wohnungen; außerdem müßten Sie mit dem Hausknecht kommen.«

»Der Fußboden ist gewaschen. Wird man ihn neu streichen?« fuhr Raskolnikow fort. »Ist kein Blut da?«

»Was für ein Blut?«

»Hier hat man doch die Alte und ihre Schwester ermordet. Hier war eine ganze Pfütze.«

»Was bist du denn für ein Mensch?« rief der Arbeiter unruhig.

»Ich?«

»Ja.«

»Du willst es wohl wissen? ... Komm mit aufs Polizeibureau, dort werde ich es sagen.«

Die Arbeiter sahen ihn erstaunt an.

»Wir müssen gehen, wir haben uns verspätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen schließen«, sagte der ältere Arbeiter.

»Gut, wollen wir gehen!« erwiderte Raskolnikow gleichgültig und ging voraus, langsam die Treppe hinabsteigend. »He, Hausknecht!« rief er, als er in den Torweg trat.

Vor dem Hauseingange auf der Straße standen einige Menschen, die sich die Vorübergehenden ansahen, es waren die beiden Hausknechte, ein Weib, ein Kleinbürger in einem Hausrock und noch jemand. Raskolnikow ging gerade auf sie zu.

»Was wollen Sie?« fragte einer der Hausknechte.

»Bist da im Polizeibureau gewesen?«

»Ja, soeben. Was wünschen Sie?«

»Sitzen die Beamten noch dort?«

»Ja, sie sitzen noch.«

»Ist auch der Gehilfe da?«

»Ja, er war eine Zeitlang da. Was wollen Sie?«

Raskolnikow gab keine Antwort und blieb neben ihnen nachdenklich stehen.

»Er wollte sich die Wohnung ansehen«, sagte der ältere Arbeiter herantretend.

»Was für eine Wohnung?«

»Wo wir arbeiten. ›Warum hat man das Blut abgewaschen?‹ hat er gesagt. ›Hier ist ein Mord geschehen, und ich will mir die Wohnung mieten.‹ Und er begann an der Klingel zu ziehen, hätte sie beinahe abgerissen, ›Gehen wir‹, sagte er, ›aufs Polizeibureau, dort werde ich alles sagen.‹ Er gab uns keine Ruhe!«

Der Hausknecht musterte Raskolnikow verständnislos und finster.

»Wer bist du denn!?« fragte er etwas strenger.

»Ich bin Rodion Romanowitsch Raskolnikow, ehemaliger Student und wohne im Hause Schiel, hier in der Seitengasse, es ist nicht weit von hier, Wohnung Nr. 14. Kannst beim Hausknecht nachfragen ... der kennt mich.«

Raskolnikow sagte das alles träge und nachdenklich, ohne sich umzuwenden, aufmerksam auf die dunkel gewordene Straße blickend.

»Wozu sind Sie in die Wohnung gekommen?«

»Um sie mir anzusehen.«

»Was gibt's da zu sehen?«

»Man sollte ihn festnehmen und aufs Polizeibureau bringen!« mischte sich plötzlich der Kleinbürger ein und verstummte gleich wieder.

Raskolnikow sah ihn über die Schulter hinweg an und sagte ebenso leise und träge:

»Gehen wir!«

»Man sollte ihn wirklich hinführen!« sagte der Kleinbürger, neuen Mut fassend. »Warum hat er sich bloß danach erkundigt? Hat er nicht was im Sinn?«

»Betrunken ist er wohl nicht, aber Gott allein weiß, was er für ein Mensch ist«, murmelte der Arbeiter.

»Ja, was wollen Sie denn?« schrie ihn wieder der Hausknecht an, der ernstlich böse wurde. »Was klebst du hier?«

»Vor dem Polizeibureau hast du wohl Angst?« sagte ihm Raskolnikow mit einem Lächeln.

»Wer hat Angst? Was willst du von mir?«

»Ein Gauner!« rief das Weib.

»Was soll man mit ihm viel reden«, rief der andere Hausknecht, ein riesengroßer Kerl, in offenem Bauernrock und mit Schlüsseln im Gürtel. »Scher dich! ... Ist wohl wirklich ein Gauner ... Scher dich!«

Und er packte Raskolnikow an der Schulter und warf ihn auf die Straße hinaus. Raskolnikow stolperte, fiel aber nicht hin. Er richtete sich auf, blickte alle die Zuschauer schweigend an und ging weiter.

»Ein merkwürdiger Mensch«, sagte der Arbeiter.

»So merkwürdig sind jetzt die Leute«, sagte das Weib.

»Man hätte ihn doch aufs Polizeibureau bringen sollen«, fügte der Kleinbürger hinzu.

»Es lohnte sich nicht, sich mit ihm einzulassen«, sagte der große Hausknecht sehr entschieden. »Ist gewiß ein Gauner! Er will es ja selbst, und wenn man sich mit ihm einläßt, so wird man ihn nicht wieder los ... Wir kennen das!«

»Soll ich also hingehen oder nicht?« dachte sich Raskolnikow, indem er mitten auf dem Straßenpflaster an einer Kreuzung stehenblieb und um sich blickte, als erwartete er von jemand das entscheidende Wort. Aber von nirgends kam Antwort; alles war so stumm und tot wie die Steine, auf die er trat; nur für ihn allein tot ... Plötzlich unterschied er in der Ferne, zweihundert Schritte vor sich, am Ende der Straße in der immer dichter werdenden Dunkelheit eine Menschenmenge, Stimmen, Schreie ... Mitten in der Menge stand eine Equipage ... Auf der Straße bewegte sich ein Lichtschein. »Was ist das?« Raskolnikow wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er klammerte sich gleichsam an alles fest und lächelte kalt, als er es merkte, denn er hatte sich schon fest entschlossen, auf das Polizeibureau zu gehen und wußte bestimmt, daß alles gleich ein Ende nehmen würde.