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Gedanken der Colonisten. – Wiederaufnahme der Arbeiten. – Der 1. Januar 1869. – Eine Rauchhaube auf der Spitze des Franklin. – Erste Symptome eines Ausbruchs. – Ayrton und Cyrus Smith in der Hürde. – Untersuchung der Dakkar-Krypte. – Was Kapitän Nemo dem Ingenieur gesagt hatte.

Mit Anbruch des Tages hatten die Colonisten schweigend den Eingang der Höhle wieder erreicht, der sie zum Andenken an Kapitän Nemo den Namen der »Dakkar-Krypte« gaben. Das Meer war jetzt niedrig, und konnten sie bequem unter dem Bogen passiren, an dessen Fuße die Wellen spielten.

Das eiserne Boot blieb an dieser Stelle, so daß es vor den Wogen stets geschützt war. Aus übertriebener Vorsorge zogen es Pencroff, Nab und Ayrton noch auf den schmalen Strand, der an einer Seite der Höhle hinlief und es vor jeder Gefährdung durch das Wasser bewahrte.

Das Gewitter hatte in der Nacht ausgetobt. Im Westen verhallte eben der letzte leise Donner. Es regnete nicht mehr, doch war der Himmel mit dichten Wolken bedeckt. Der ganze October, der Anfang des südlichen Frühlings, ließ sich überhaupt nicht schön an, und der Wind zeigte stets eine Neigung, von einem Punkte des Compasses zum andern zu springen, deutete also nie auf beständige Witterung.

Cyrus Smith und seine Gefährten schlugen, als sie die Crypte verließen, wieder den Pfad nach der Hürde ein. Auf dem Wege unterließen Nab und Harbert nicht, den Draht, den der Kapitän zwischen der Hürde und der Höhle gelegt hatte, frei zu legen und mitzunehmen, da man ihn später wohl benutzen konnte.

Unterwegs sprachen die Colonisten wenig. Die verschiedenen Vorgänge dieser Nacht vom 15. zum 16. October hatten sie tief ergriffen. Dieser Unbekannte, dessen Einfluß sie so sichtbar beschützte, dieser Mann, aus dem ihre Phantasie einen Genius gemacht hatte, der Kapitän Nemo war nicht mehr. Sein Nautilus war mit ihm im tiefen Abgrunde begraben. Allen kam es vor, als seien sie jetzt verlassener, denn je. Sie hatten sich so zu sagen daran gewöhnt, auf diese mächtige Intervention zu rechnen, die ihnen von heute an fehlte, und auch Gedeon Spilett und Cyrus Smith konnten sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Sie bewahrten Alle ein tiefes Schweigen, indem sie dem Wege nach der Hürde folgten.

Gegen 9 Uhr Morgens waren die Colonisten in das Granithaus zurückgekehrt.

Man hatte beschlossen, den Bau des Schiffes so sehr als möglich zu fördern, und Cyrus Smith widmete dieser Arbeit seine Kräfte mehr als je. Was die Zukunft brachte, wußte ja Niemand. Den Colonisten gewährte es doch eine gewisse Beruhigung, ein Schiff zur Hand zu haben, welches auch schlechtem Wetter zu trotzen vermochte und groß genug war, nöthigenfalls eine weitere Fahrt damit zu unternehmen. Sollten die Colonisten sich auch nach Fertigstellung des Fahrzeuges noch nicht sogleich entschließen, die Insel zu verlassen und entweder den Polynesischen Archipel oder Neuseeland zu erreichen, so mußten sie sich doch nach der Insel Tabor begeben, um dort das Document bezüglich Ayrton's niederzulegen. Diese Vorsorge schien unabwendbar für den Fall, daß die schottische Yacht in diese Meere zurückkehren sollte.

Die Arbeiten wurden also wieder aufgenommen. Alle halfen bei der Zimmerarbeit, wenn sie durch nichts Anderes in Anspruch genommen waren. In fünf Monaten, d.h. zu Anfang März, mußte das neue Fahrzeug bereit sein, wenn man die Insel Tabor noch besuchen wollte, bevor die Aequinoctialstürme hereinbrachen, welche die Ueberfahrt fast unmöglich machen konnten. So verloren die Werkleute denn auch keinen Augenblick. Uebrigens brauchten sie sich nicht um die Zurichtung der Takelage zu bekümmern, da jene des Speedy vollständig geborgen worden war. Nur der Rumpf des Schiffes mußte also gebaut werden.

Das Ende des Jahres 1868 verrann mitten unter diesen wichtigen Arbeiten, fast mit Ausschluß jeder anderen Thätigkeit. Nach Verlauf von zwei und einem halben Monat standen die Rippen alle an ihrer richtigen Stelle, und wurden die ersten Planken aufgepaßt. Man konnte schon beurtheilen, daß Cyrus Smith's Pläne ganz ausgezeichnet entworfen waren, und daß das Schiff sich auf dem Wasser gut halten werde. Pencroff befleißigte sich der Arbeit mit wahrhaft verzehrendem Eifer und genirte sich nicht, zu murren, wenn Einer oder der Andere die Zimmermannsaxt mit der Jagdflinte vertauschte. Dennoch machte es sich nothwendig, mit Rücksicht auf den nächsten Winter, die Vorräthe des Granithauses zu vervollständigen. Das kümmerte aber den wackeren Seemann nicht; er war unzufrieden, wenn es der Werft an Leuten fehlte. Dann verrichtete er, wenn auch knurrend, die Arbeit für sechs Mann.

Der ganze Sommer brachte schlechte Witterung. Einige Tage waren drückend heiß, und sofort entlud sich die mit Elektricität gesättigte Atmosphäre in heftigen Gewittern. Nur selten hörte man keinen entfernten Donner. Immer tönte ein dumpfes Murmeln, wie man es in den Aequatorialgegenden der Erde zu hören gewohnt ist.

Der 1. Januar 1869 zeichnete sich durch ein sehr heftiges Gewitter aus, bei dem es mehrmals auf der Insel einschlug. Große Bäume wurden von dem Fluidum getroffen und zersplittert, unter anderen einer der ungeheuren Nesselbäume, welche den Hühnerhof am Südende des Sees beschatteten. Stand diese Naturerscheinung in irgend einem Zusammenhange mit den Vorgängen, welche sich im Innern der Erde abspielten? Gab es ursachliche Verbindungen zwischen diesen Bewegungen in der Luft und denen in den verborgenen Massen des Erdinnern? Cyrus Smith wurde versucht, das zu glauben denn das Auftreten der Gewitter fiel mit der Verstärkung der vulkanischen Erscheinungen zusammen.

Am 3. Januar bemerkte Harbert, der mit Tagesanbruch auf das Plateau der Freien Umschau gestiegen war, um eines der Quaggas zu satteln, eine ungeheure Rauchhaube, die den Gipfel des Franklin verbarg.

Harbert meldete das den Colonisten, welche sofort nachkamen, um die Spitze des Franklin-Berges zu beobachten.

»Ah, rief Pencroff, dieses Mal sind das keine Dünste mehr! Mir scheint, der Riese begnügt sich nicht mehr nur zu athmen, sondern beginnt zu rauchen!«

Das von dem Seemann gebrauchte Bild entsprach vollkommen den Veränderungen, die sich an der Mündung des Vulkans vollzogen hatten. Schon seit drei Monaten stiegen aus dem Krater mehr oder weniger dichte Dämpfe hervor, die aber nur von einem Sieden der mineralischen Bestandtheile seines Innern herrührten. Jetzt begleitete diese Dämpfe ein dicker Rauch, der sich als grauliche Säule erhob, am Grunde derselben wohl zwei- bis dreihundert Fuß breit war und sich oben, wie ein riesenhafter Pilz, auf sieben-bis achthundert Fuß ausbreitete.

»Jetzt ist Feuer im Kamin, sagte Gedeon Spilett.

– Das wir nicht werden löschen können, fügte Harbert hinzu.

– Man sollte die Vulkane segen, bemerkte Nab, der ganz ernsthaft zu sprechen schien.

– Bravo, Nab, rief Pencroff, giebst Du Dich zum Kaminfeger her?«

Und Pencroff brach in helles Lachen aus.

Aufmerksam betrachtete Cyrus Smith den dicken aus dem Franklin-Berge aufwirbelnden Rauch, und horchte gespannt, ob er ein entferntes Getöse vernähme. Dann sagte er, zu seinen Gefährten zurückkehrend, von denen er sich ein wenig entfernt hatte:

»In der That, meine Freunde, wir dürfen uns nicht verhehlen, daß eine wichtige Veränderung eingetreten ist. Die vulkanischen Materien sind jetzt nicht mehr nur im Sieden, sie haben Feuer gefangen, und gewiß sind wir in nächster Zeit durch einen Ausbruch derselben bedroht.

– Nun gut, Herr Smith, entgegnete Pencroff, so werden wir ja die Eruption sehen und Beifall klatschen, wenn sie schön ausfällt. Ich meine, wir haben nicht nöthig, uns darum graue Haare wachsen zu lassen.

– Nein, Pencroff, antwortete Cyrus Smith, denn noch ist der alte Weg für die Lava offen, und Dank seiner Form hat der Krater sie bis jetzt nach Norden zu ausgestoßen. Und doch ...

– Und doch, fiel der Reporter ein, da wir keinen Vortheil von einer solchen Eruption haben werden, wäre es weit besser, sie unterbliebe ganz.

– Wer weiß? erwiderte der Seemann. Vielleicht steckt da im Krater irgend eine nützliche und kostbare Substanz, die er so freundlich ist auszuspeien, und aus der wir später Vortheil ziehen.«

Cyrus Smith schüttelte den Kopf wie Jemand, der sich von der so plötzlich auftretenden Naturerscheinung nichts Gutes versprach. Er nahm die Folgen eines Ausbruchs nicht so leicht, wie Pencroff. Wenn die Lavamassen auch in Folge der Gestaltung des Kraters die bewaldeten und cultivirten Theile der Insel nicht bedrohten, so konnten doch andere Complicationen eintreten. Denn wirklich sind Eruptionen nicht selten von Erderschütterungen begleitet, und ein Stück Land von der Natur der Insel Lincoln, welche aus so verschiedenen Materialien bestand, aus Basalten auf der einen Seite, Granit auf der andern, aus Lava im Norden und lockerem Boden im Süden, aus Bestandtheilen also, welche nicht fest mit einander verbunden sein konnten, lief wohl Gefahr, dabei zum Theil gesprengt zu werden. Wenn von der Ausbreitung der vulkanischen Massen auch nichts Besonderes zu fürchten war, so mußte doch jede Bewegung des Gerüstes der Erde für die Insel sehr ernsthafte Folgen nach sich ziehen.

»Mir scheint, sagte Ayrton, der sein Ohr auf den Erdboden gedrückt hatte, mir scheint, ich höre ein entferntes Rollen, wie von einem mit Eisenstangen beladenen Wagen.«

Die Colonisten horchten mit gespannter Aufmerksamkeit und mußten bestätigen, daß Ayrton sich nicht täuschte. Dem rollenden Tone mischte sich bald ein unterirdisches Poltern bei und bildete ein Crescendo und Decrescendo, welches endlich ganz schwieg, so als habe ein starker Wind im Innern der Erde geweht. Noch ließ sich aber keine eigentliche Detonation hören. Man konnte also daraus schließen, daß Rauch und Dampf durch den centralen Kamin noch einen unbehinderten Ausgang fanden und daß, wenn das Sicherheitsventil genügend weit war, keine Verschiebung der Bergmassen und keine Explosion stattfinden werde.

»Nun, begann Pencroff, wollen wir dann nicht wieder an die Arbeit gehen? Mag doch der Franklin-Berg rauchen, rollen und poltern, Feuer und Flammen speien, so viel er will, das ist doch für uns kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen! Vorwärts Ayrton, Nab, Harbert, Herr Cyrus, Herr Spilett, heute muß Jeder mit Hand anlegen! Wir wollen die Barkhölzer befestigen und dazu wird ein Dutzend Arme nicht zu viel sein. Ich will unsern neuen Bonadventure – denn diesen Namen behalten wir doch bei, – in zwei Monaten auf dem Wasser des Ballonhafens schwimmen sehen! Wir haben also keine Stunde zu verlieren!«

Alle Colonisten, deren Hilfe Pencroff angerufen hatte, begaben sich nach dem Zimmerplatze und gingen daran, die Barkhölzer anzulegen; es sind das dicke Planken, welche ein Fahrzeug umschließen und die Rippenpaare des Rumpfes fest verbinden. Das verursachte eine lange und beschwerliche Arbeit, an der Alle sich betheiligen mußten.

Man war also am 3. Januar den ganzen Tag über unausgesetzt thätig, ohne sich um den Vulkan zu bekümmern, der übrigens vom Strande vor dem Granithause aus gar nicht sichtbar war. Wiederholt verschleierten aber dunkle Wolken die Sonne, welche der Wind nach Westen hinaustrieb. Cyrus Smith und Gedeon Spilett bemerkten diese vorübergehenden Verfinsterungen sehr wohl und sprachen mehrmals von den Fortschritten, welche die vulkanischen Erscheinungen machten, ohne dabei ihre Arbeit zu unterbrechen. Zudem war es von höchstem Interesse, das Schiff in möglichst kurzer Zeit zu vollenden. Die Sicherheit der Colonie schien im Angesicht der drohenden Eventualitäten dadurch umfassender gewährleistet. Wer konnte sagen, ob dieses Schiff ihnen vielleicht nicht noch einmal die letzte Zuflucht bot?

Nach dem Abendessen begaben sich Cyrus Smith, Gedeon Spilett und Harbert wiederholt nach dem Plateau. Schon ward es dunkel und mußte man dabei leichter zu erkennen vermögen, ob sich dem Rauche vielleicht Flammen oder glühende Auswurfstoffe beimischten.

»Der Krater steht in Feuer!« rief Harbert, welcher, flinker als seine Gefährten, zuerst das Plateau erstiegen hatte.

Der etwa sechs Meilen entfernte Franklin-Berg erschien wie eine riesenhafte Fackel, an deren Spitze rauchige Flammen züngelten. Wahrscheinlich waren sie noch mit zu viel Rauch und Schlacken vermischt, als daß sie einen helleren Schein hätten geben können. Doch lag ein fahler Glanz auf den waldigen Theilen der Insel. Weitverbreitete Rauchwirbel wälzten sich am Himmel hin, an dem da und dort einzelne Sterne blinkten.

»Die Fortschritte sind rapid! sagte der Ingenieur.

– Das ist nicht zu verwundern, meinte der Reporter. Das Erwachen des Vulkans datirt schon von geraumer Zeit her. Sie erinnern sich, Cyrus, daß die ersten Dünste sichtbar wurden, als wir die Ausläufer des Franklin-Berges nach dem Zufluchtsorte des Kapitän Nemo durchsuchten. Das war, wenn ich nicht irre, am 15. October.

– Ja! antwortete Harbert, wenigstens seitdem wir ihn fanden, und das ist nun zweiundeinenhalben Monat her!

– Die unterirdischen Feuer haben also zehn Wochen lang gebrütet, fuhr Gedeon Spilett fort, und es ist nicht erstaunlich, daß sie jetzt mit solcher Heftigkeit ausbrechen.

– Fühlen Sie nicht manchmal ein gewisses Erzittern des Bodens? fragte Cyrus Smith.

– Gewiß, antwortete Gedeon Spilett, aber von da bis zu einem Erdbeben ...

– Ich behaupte nicht, daß wir von einem Erdbeben bedroht wären, erwiderte Cyrus Smith, und davor möge uns Gott behüten! Nein, diese Vibrationen rühren nur von dem innern Feuer her. Die Erdrinde ist ja nichts Anderes, als die Wand eines Dampfkessels, und Sie wissen, daß eine Kesselwand unter dem Drucke der Dämpfe wie eine tönende Platte erzittert. Diese Erscheinung ist es, welche wir eben jetzt bemerken.

– O, die prächtigen Feuergarben!« rief Harbert.

In diesem Augenblicke sprang aus dem Krater ein wahres Feuerwerk auf, dessen Glanz die Dämpfe nicht zu trüben vermochten. Tausend glühende Stücke und leuchtende Punkte flogen nach allen Richtungen auseinander. Einige derselben drangen bis über die Rauchhaube hinaus, zerrissen dieselbe und ließen einen wahrhaften Feuerstaub zurück. Dieser Ausbruch war von aufeinander folgenden Detonationen, wie etwa beim Abfeuern einer Mitrailleuse, begleitet.

Cyrus Smith, der Reporter und der junge Mann begaben sich, nachdem sie eine Stunde lang auf dem Plateau verweilt, nach dem Strande und in im Granithaus zurück. Der Ingenieur war nachdenklich, selbst besorgt, so daß sich Gedeon Spilett zu der Frage veranlaßt sah, ob er eine directe oder indirecte Gefahr von einer bevorstehenden Eruption befürchte.

»Ja und nein, antwortete Cyrus Smith.

– Das Schlimmste, was uns widerfahren könnte, fuhr der Reporter fort, wäre doch wohl eine Erderschütterung, welche die Insel zerstörte? Doch glaube ich nicht, daß wir eine solche zu fürchten haben, da die Laven einen freien Ausgang finden.

– Auch ich fürchte ein Erdbeben im gewöhnlichen Sinne nicht, antwortete Cyrus Smith; doch andere Ursachen können uns noch größeres Unheil bereiten.

– Und welche, lieber Cyrus?

– Das weiß ich jetzt noch nicht bestimmt ... ich muß mich überzeugen ... muß den Berg untersuchen ... Nach wenig Tagen werde ich darüber klar sein.«

Gedeon Spilett forschte nicht weiter, und bald lagen die Bewohner des Granithauses trotz der Detonationen des Vulkans, welche an Heftigkeit zunahmen und das Echo der Insel wach riefen, in tiefem Schlummer.

Drei Tage verliefen so. Man arbeitete immer an der Herrichtung des Schiffes, und ohne sich weiter auszusprechen, betrieb der Ingenieur die Arbeit nach Kräften. Der Franklin-Berg war jetzt von einer dunkeln, unheilverkündenden Haube verhüllt und warf Flammen und glühende Felsstücke aus, die zum Theil in den Krater zurückstürzten. Das veranlaßte Pencroff, der die Naturerscheinung immer nur von ihrer amüsanten Seite betrachtete, zu den Worten:

»Sieh da, der große Kerl spielt mit Bällen! Der Riese ist Jongleur geworden!«

In der That fielen die ausgeworfenen Massen meist in den Abgrund zurück, und es schien nicht, als wären die Lavamassen durch den Druck im Innern schon bis zu dem Rande des Kraters emporgehoben. Wenigstens floß aus der zum Theil sichtbaren Lücke der Mündung im Norden noch nichts nach dem Abhange des Berges aus.

So viel Eile es aber auch mit dem Baue des Schiffes hatte, so nahmen doch auch andere Punkte der Insel die Sorge der Colonisten in Anspruch. Vor Allem mußte man nach der Hürde gehen, in der die Schaf- und Ziegenheerde eingeschlossen war, und deren Futtervorräthe erneuern. Man beschloß also, daß Ayrton sich am andern Tage, am 7. Januar, dorthin begeben sollte, und da er zu dieser gewohnten Besorgung allein genügte, erstaunten Pencroff und die Uebrigen nicht wenig, als sie den Ingenieur zu Ayrton sagen hörten:

»Wenn Sie morgen nach der Hürde gehen, werde ich Sie begleiten.

– Oho, Herr Cyrus, rief der Seemann, unsere Arbeitstage sind gezählt, und wenn Sie auch fortgehen, so fehlen uns vier Arme.

– Wir kommen den nächsten Tag zurück, antwortete Cyrus Smith; aber mich drängt es, nach der Hürde zu gehen ... ich muß sehen, wie es mit dem Ausbruche steht.

– Ausbruch! Ausbruch! rief Pencroff, ist das ein großes Ding, und mich bekümmert er doch blutwenig!«

Trotz aller Einreden des Seemannes wurde die von dem Ingenieur projectirte Untersuchung für den folgenden Tag festgesetzt. Harbert hätte Cyrus Smith gern begleitet, aber er wollte Pencroff nicht durch seine Abwesenheit kränken.

Am andern Morgen bestiegen Cyrus Smith und Ayrton den mit zwei Quaggas bespannten Wagen und fuhren in scharfem Trabe den Weg nach der Hürde hin.

Schwerfällig zogen dicke Wolken über dem Walde, denen der Krater des Franklin-Berges immer neue Zufuhr lieferte. Offenbar setzten sich diese Wolken aus sehr verschiedenen Stoffen zusammen. Nicht von dem Rauche des Vulkans allein konnten sie so schwarz und schwer erscheinen. Schlacken in Staubform, pulverisirte Puzzolane und graue seine Asche, wie das feinste Mehl, erhielten sich schwebend in den dichten Massen. Diese Aschen sind oft so sein, daß sie manchmal ganze Monate lang sich in der Luft erhalten. In Island war nach der Eruption von 1783 die Atmosphäre länger als ein Jahr mit solchem vulkanischen Staube geschwängert, den die Strahlen der Sonne kaum durchdrangen.

Meist schlagen sich diese pulverförmigen Stoffe aber nieder, was eben jetzt auch der Fall war. Cyrus Smith und Ayrton waren kaum an der Hürde angelangt, als eine Art schwärzlicher, dem Schießpulver ähnlicher Schnee niederfiel und in einem Augenblicke das Aussehen des Erdbodens vollkommen veränderte. Bäume, Wiesen, Alles verschwand unter einer mehrere Zoll dicken Decke. Zum Glück blies der Wind aus Nordosten, und der größte Theil der Wolke sank in's Meer.

»Das ist eigenthümlich, Herr Smith, sagte Ayrton.

– Das ist sehr ernst, antwortete der Ingenieur. Diese Puzzolane, dieser gepulverte Bimsstein, mit einem Worte, all dieser mineralische Staub zeigt, wie tief der Aufruhr die inneren Schichten des Franklin-Berges ergriffen hat.

– Ist aber nichts dagegen zu thun?

– Nichts, außer daß wir den Fortschritt dieser Erscheinung im Auge behalten. Besorgen Sie die Hürde, Ayrton, indessen will ich bis zur Quelle des Rothen Flusses hinaufsteigen und nachsehen, wie es an dem nördlichen Abhange des Berges steht. Dann ...

– Dann, Herr Smith?

– Dann besuchen wir die Dakkar-Crypte ... Ich muß sehen ... nun, ich hole Sie in zwei Stunden ab.«

Ayrton trat in den Hof der Hürde und beschäftigte sich in Erwartung der Rückkehr des Ingenieurs mit den Mouflons und Ziegen, die bei diesen ersten Symptomen eines Ausbruchs eine gewisse Unruhe bemerken ließen.

Inzwischen hatte Cyrus Smith den Kamm des östlichen Bergausläufers bestiegen, ging um die Quelle des Rothen Flusses herum und kam nach der Stelle, wo seine Gefährten und er bei Gelegenheit ihres ersten Ausfluges eine Schwefelquelle entdeckt hatten.

Wie fand er Alles hier verändert! Anstatt einer einzigen Dampfsäule zählte er dreizehn, welche aus dem Boden aufstiegen, als wenn sie mit Gewalt aus einer Röhre herausgetrieben würden. Offenbar unterlag die Erdrinde an dieser Stelle einem gewaltigen Drucke von innen. Die Atmosphäre war mit Schwefelwasserstoff, Kohlensäure und Wasserdämpfen erfüllt. Cyrus Smith fühlte die in der Umgebung verstreuten Tuffe erzittern, die im Grunde aus pulverisirter Asche bestanden, welche die Zeit zu harten Blöcken zusammengelöthet hatte; aber noch nirgends sah er Spuren von frischer Lava.

Der Ingenieur überzeugte sich hiervon noch mehr, als er die ganze Nordseite des Franklin-Berges übersehen konnte. Rauch und Flammenwirbel entstiegen wohl dem Krater; ein Hagel von Schlacken schlug auf den Boden auf; aber kein Ausfluß von Lavamassen zeigte sich an der Mündung des Kraters, was den Beweis lieferte, daß die vulkanischen Massen den oberen Rand des Centralkamins noch nicht erreicht hatten.

»Und ich sähe es weit lieber, wenn es der Fall wäre! sagte sich Cyrus Smith; mindestens gäb' es mir die Gewißheit, daß die Laven ihren gewohnten Weg genommen hätten. Wer weiß, ob sie sich nicht eine neue Oeffnung brechen? – Doch darin liegt nicht die Gefahr! Kapitän Nemo hat es geahnt! Nein, darin liegt die Gefahr nicht!«

Cyrus Smith betrat den großen Bergkamm, dessen Ausläufer den engen Haifisch-Golf umringten. Von hier aus konnte er die alten Lavastreifen leicht genug übersehen. Ihm war es nicht zweifelhaft, daß die letzte Eruption einer längst vergangenen Zeit angehörte.

Dann ging er denselben Weg zurück, horchte auf das unterirdische Rollen, das wie ein fortgesetzter schwacher Donner klang, in das sich von Zeit zu Zeit lautere Detonationen mischten. Um neun Uhr morgens kam er wieder nach der Hürde.

Ayrton erwartete ihn.

»Die Thiere sind versorgt, Herr Smith, sagte Ayrton.

– Gut, Ayrton.

– Sie scheinen unruhig, Herr Smith.

– Ja wohl, der Instinct spricht aus ihnen, und der Instinct täuscht nicht.

– Wenn es Ihnen recht ist ...

– Nehmen Sie eine Fackel und ein Feuerzeug, Ayrton, antwortete der Ingenieur, und dann wollen wir aufbrechen.«

Ayrton that, wie ihm geheißen war. Die losgekoppelten Quaggas liefen in der Hürde umher. Die Thür ward äußerlich verschlossen, und Cyrus Smith, der Ayrton vorausging, wendete sich nach Westen zu dem kleinen, nach der Küste führenden Fußsteige.

Sie gingen jetzt über einen, durch die aus den Wolken fallenden pulverförmigen Substanzen gleichsam gepolsterten Weg. Kein Thier zeigte sich im Walde. Selbst die Vögel schienen entflohen. Sie mußten schnell ein Taschentuch vor die Augen und den Mund halten, denn sie liefen Gefahr, geblendet und erstickt zu werden.

Cyrus Smith und Ayrton konnten unter diesen Verhältnissen nicht schnell marschiren. Dazu war die Luft so schwer, als wäre ihr Sauerstoff zum Theil verbrannt und sie unathembar geworden. Aller hundert Schritte mußten sie stehen bleiben, um Athem zu schöpfen. So kam die zehnte Stunde heran, bevor der Ingenieur und sein Genosse an die basaltreiche Küste gelangten.

Ayrton und Cyrus Smith begannen den steilen Abhang hinunter zu steigen, wobei sie ungefähr jenem abscheulichen Wege folgten, der sie in der Gewitternacht nach der Höhle geführt hatte. Bei vollem Tageslichte war dieser Weg zwar minder gefährlich, und übrigens gestattete die Aschenschicht auf den oft glatten Felsen den Füßen sicherer aufzutreten.

Die Erhöhung am Gestade, welche längs desselben hinlief, war bald erreicht. Cyrus Smith erinnerte sich, daß dieselbe in sanfter Neigung bis zur Oberfläche des Meeres abfiel. Obwohl jetzt die Zeit der Ebbe war, lag der Strand doch nirgends frei, und die mit vulkanischem Staube gemischten Wellen schlugen unmittelbar an die Basalte des Ufers.

Cyrus Smith und Ayrton fanden ohne Mühe den Eingang zur Dakkar-Krypte.

»Das eiserne Boot muß sich dort befinden, sagte der Ingenieur.

– Es ist da, Herr Smith, antwortete Ayrton und zog das leichte Fahrzeug, das noch unter dem Schutze des Bogeneinganges lag, hervor.

– Steigen wir ein, Ayrton.«

Es geschah. Eine leichte Wellenbewegung setzte sich bei dem niedrigen Wasser ein Stück in den Gang hinein fort und Ayrton zündete nun die Fackel an. Dann ergriff er beide Ruder, und nachdem die Fackel an der Spitze befestigt worden war, nahm Cyrus Smith das Steuer und leitete das Boot mitten in die Dunkelheit der Krypte.

Jetzt war der Nautilus nicht mehr vorhanden, um mit seinen Feuern die dunkle Höhle zu erhellen. Vielleicht strahlten die aus mächtiger Quelle genährten elektrischen Flammen im tiefen Abgrunde immer noch, doch kein Lichtschein drang von da empor, wo Kapitän Nemo ruhte.

Das, wenn auch unzureichende Licht der Fackel gestattete dem Ingenieur doch vorwärts zu dringen, indem er der rechten Wand der Höhle folgte. Grabesstille herrschte unter diesen Gewölben, wenigstens in deren vorderen Theilen, denn bald vernahm Cyrus Smith sehr deutlich ein Grollen und Poltern aus den Eingeweiden des Berges.

»Das ist der Vulkan!« sagte er.

Kurz darauf verriethen sich auch verschiedene chemische Verbindungen durch ihren Geruch und schwefelhaltige Dämpfe schnürten dem Ingenieur und seinem Gefährten die Kehle zu.

»Das ist es, was Kapitän Nemo fürchtete, murmelte Cyrus Smith, dessen Antlitz leicht erbleichte. Und doch muß ich bis an's Ende vordringen.

– Also vorwärts!« antwortete Ayrton, der sich in seine Ruder legte und das Boot weiter in die Höhle hinein trieb.

Nach fünfundzwanzig Minuten gelangte das Fahrzeug an die Wand am Ende der Höhle und hielt hier an. Cyrus Smith erhob sich und strich mit der Fackel an verschiedenen Stellen der Wände hin, welche die Höhle von dem centralen Kamine des Vulkans trennte. Wie dick war diese Wand wohl? Hundert Fuß oder nur zehn? Niemand vermochte das zu entscheiden, doch erschien das unterirdische Geräusch zu vernehmlich, als daß sie hätte von großem Durchmesser sein können.

Nachdem der Ingenieur die Wand längs einer wagerechten Linie untersucht hatte, band er die Fackel an ein Ruder und glitt damit noch, einmal in großer Höhe an dem Basalte hin.

Dort drang durch kaum sichtbare Spalten, durch locker liegende Prismen ein scharfer Dampf, der die Atmosphäre der Höhle inficirte. In der Mauer zeigten sich auch einige Sprünge, deren stärkste bis auf zwei oder drei Fuß über das Wasser der Krypte herabreichten.

Cyrus Smith versank in Nachdenken. Dann murmelte er die Worte:

»Ja, der Kapitän hatte Recht! Darin liegt die Gefahr, die entsetzlichste Gefahr!«

Ayrton sagte nichts; aber auf ein Zeichen Cyrus Smith's ergriff er die Ruder, und eine halbe Stunde nachher verließen er und der Ingenieur die Dakkar-Krypte wieder.