Read synchronized with  English  French  Russian 
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Das Erwachen des Vulkanes. – Die schöne Jahreszeit. – Wiederaufnahme der Arbeiten. – Der Abend des 15. Octobers. – Ein Telegramm. – Eine Anfrage. – Antwort darauf. – Aufbruch nach der Hürde. – Die Notiz. – Ein zweiter Leitungsdraht. – Die Basaltküste. – Bei der Fluth. – Bei der Ebbe. – Die Höhle. – Ein blendendes Licht.

Die Colonisten hatten, als der Ingenieur sie auf jene Vorzeichen aufmerksam machte, ihre Arbeiten unterbrochen und betrachteten schweigend den Gipfel des Franklin.

Der Vulkan war also wieder erwacht und die Dämpfe hatten die mineralische Decke des Kratergrundes durchbrochen. Stand jetzt auch ein heftigerer Ausbruch der unterirdischen Feuer bevor? – Jedenfalls fühlte man einem solchen gegenüber sich völlig machtlos.

Doch auch bei der Voraussetzung eines Ausbruches blieb es wahrscheinlich, daß die Insel Lincoln nicht in ihrem ganzen Umfange darunter leiden werde. Nicht immer wirkt ja die Ergießung vulkanischer Massen so entsetzlich zerstörend. Die Insel hatte schon eine Probe bestanden, wie es die Lavaschichten bewiesen, welche streifenweise auf dem nördlichen Bergabhange lagerten. Uebrigens mußten die Auswurfsmassen bei der ganzen Form des Kraters und vorzüglich der seiner oberen Oeffnung nach der entgegengesetzten Seite der fruchtbaren Inseloberfläche abgeleitet werden.

Freilich gab die Vergangenheit keine völlige Sicherheit für die Zukunft, denn nicht selten schließen sich wohl alte Kratermündungen und öffnen sich dafür neue. In der Alten und der Neuen Welt, beim Aetna, dem Popocatepetl, dem Orizaba u.s.w., hat man das beobachtet, und am Vorabend eines Ausbruches muß man auf Alles gefaßt sein. Es reichte ja ein leichtes Erdbeben, – der häufige Begleiter der Eruptionen, – hin, die innere Structur des Berges umzugestalten und der kochenden Lava neue Wege zu brechen.

Cyrus Smith setzte seinen Gefährten diese Verhältnisse auseinander und theilte ihnen, ohne Uebertreibung, das Für und Wider mit.

Jedenfalls vermochte man nichts dabei zu thun. Das Granithaus erschien bei einer einfachen Erderschütterung wohl nicht sonderlich bedroht; für die Viehhürde aber war das Aergste zu fürchten, wenn sich an der Südseite des Franklin-Berges ein neuer Krater aufthat.

Ununterbrochen wälzten sich von jetzt ab Dampfwolken um den Berggipfel und konnte man auch wahrnehmen, daß sie allseitig zunahmen, ohne daß eine Flamme zwischen ihnen sichtbar wurde. Noch concentrirte sich die Thätigkeit des Vulkanes auf die unteren Theile des centralen Kamines.

Mit Rückkehr der schöneren Tage waren die Arbeiten wieder aufgenommen worden. Der Bau des Schiffes ward möglichst beschleunigt, und gelang es Cyrus Smith mit Hilfe des Wasserfalls am Strande ein hydraulisches Sägewerk zu errichten, welches die Baumstämme schneller in Planken und Pfähle zerschnitt. Der Mechanismus dieses Apparates war ebenso einfach, wie man ihn in den ländlichen Sägemühlen Norwegens antrifft. Es galt ja nur eine horizontale Bewegung herzustellen für das zu zerschneidende Holzstück selbst, und eine verticale für die Säge, was dem Ingenieur mittels eines Mühlrades und zweier Cylinder und Rollen leicht genug gelang.

Gegen Ende des Septembers stand das Gerippe des Fahrzeugs, das als Goëlette ausgerüstet werden sollte, auf dem Zimmerplatze fast schon fertig. Bei dem nahezu vollendeten Rippenwerke, das durch provisorische Deckbalken zusammen gehalten wurde, konnte man bereits die späteren Formen des Schiffes erkennen. Die am Bug sehr scharf gebaute, nach dem Hintersteven zu aber gehörig erweiterte Goëlette mußte gegebenen Falles auch für eine lange Seereise genügen; aber die äußere Verplankung, die Wegerung im Innern und die Herstellung des Verdecks nahmen gewiß noch eine ziemlich lange Zeit in Anspruch. Zum Glücke besaß man viele nach der submarinen Explosion der Brigg geborgene Eisentheile von derselben. Aus den Planken und dem zertrümmerten Krummholze hatten Pencroff und Ayrton eine Menge Bolzen und kupferne Nägel gezogen. Damit ersparten die Schmiede zwar an Arbeit, doch die Zimmerleute hatten vollauf zu thun.

Eine Woche lang mußte die Bauthätigkeit auch wegen der Getreide- und Heuernte, sowie wegen der Einbringung der reichlichen Erzeugnisse des Plateaus unterbrochen werden. Sofort nachher wurde aber jeder Augenblick wieder der Vollendung der Goëlette gewidmet.

Wenn die Nacht herauszog, wie ermüdet fühlten sich da die eifrigen Arbeiter! Um keine Zeit zu verlieren, hatten sie sogar die Stunden der Mahlzeiten verlegt und aßen zu Mittag und zu Abend erst, wenn es ihnen an Tageslicht zu fehlen anfing. Dann begaben sie sich nach dem Granithause und suchten frühzeitig ihre Lagerstätten auf.

Nur manchmal schob das Gespräch über irgend einen interessanten Gegenstand die Stunde der Ruhe etwas hinaus. Die Colonisten plauderten ja so gern von der Zukunft und von der Veränderung ihrer Lage durch eine Reise der Goëlette nach den nächstliegenden Ländern. Bei allen diesen Projecten behielten sie aber eine endliche Rückkehr nach der Insel Lincoln im Auge. Niemals wollten sie diese Colonie verlassen, die sie mit ebensoviel Mühe als Erfolg gegründet und der die Verbindung mit Amerika einen neuen Aufschwung zu geben versprach.

Nab und Pencroff hofften vor Allen, hier ihre Tage zu beschließen.

»Harbert, sagte eines Tages der Seemann, Du wirst die Insel Lincoln niemals verlassen?

– Niemals, Pencroff, vorzüglich wenn Du gleichzeitig hier aushältst.

– Es ist Alles überlegt, mein Junge, antwortete Pencroff; ich erwarte Dich hier zurück. Du bringst einst Deine Frau und Kinder hierher und ich werde aus Euren Kleinen tüchtige Kerle machen.

– Einverstanden, erwiderte Harbert mit Lächeln und Erröthen.

– Und Sie, Herr Cyrus, fuhr Pencroff in seinem Enthusiasmus fort, bleiben für alle Zeit der Gouverneur der Insel. Teufel, wie viele Einwohner könnte sie wohl ernähren? Nun, zehntausend zum mindesten!«

So plauderte man oder ließ Pencroff schwätzen, und endlich wollte der Reporter gar ein Journal, den New-Lincoln-Herald, begründen.

So ist aber das Herz des Menschen. Sein Bedürfniß, etwas zu schaffen, was andauert und ihn überlebt, ist das Zeichen seiner Superiorität über Alles, was hienieden lebt. Ebendas hat seine Oberherrschaft begründet und rechtfertigt sie noch allenthalben.

Wer weiß, ob nicht Top und Jup ebenfalls ihren kleinen Zukunftstraum hatten?

Der schweigsame Ayrton sagte sich, daß er nur Lord Glenarvan wiedersehen und sich Allen als ordentlichen, wackeren Mann zeigen wollte.

Eines Abends, am 15. October, hatte sich die Unterhaltung über derartige Hypothesen länger als gewöhnlich ausgedehnt. Es war schon neun Uhr geworden. Manch schlecht verhehltes Gähnen verrieth, daß die Stunde des Schlafes gekommen, und Pencroff begab sich eben nach seinem Bette, als die elektrische Klingel im Saale plötzlich ertönte.

Alle waren anwesend, Cyrus Smith, Gedeon Spilett, Harbert, Ayrton, Pencroff, Nab, – es befand sich also keiner der Colonisten bei der Hürde.

Cyrus Smith hatte sich erhoben. Seine Gefährten sahen einander an und meinten falsch gehört zu haben.

»Was soll das bedeuten? rief Nab. Läutet denn der Teufel?«

Niemand gab eine Antwort.

»Das Wetter droht mit Gewitter, bemerkte Harbert. Sollte der Einfluß der Luftelektricität ...?«

Harbert vollendete den Satz gar nicht. Der Ingenieur, auf den sich alle Blicke richteten, schüttelte verneinend den Kopf.

»Geduld, sagte Gedeon Spilett; sollte das ein Signal sein, so wird es sich, wer es auch immer gab, wiederholen.

– Aber wer, meinen Sie, könnte das gewesen sein? fragte Nab.

– Nun, derjenige ...«, erwiderte Pencroff – aber die Worte des Seemannes schnitt ein neues Erzittern des Hämmerchens an dem Läutewerke ab.

Cyrus Smith trat an den Apparat heran und telegraphirte nach der Hürde die Anfrage:

»Was begehrt Ihr?«

Einige Augenblicke später bewegte sich der Zeiger über die Scheibe und gab den Bewohnern des Granithauses die Antwort:

»Kommt sofort nach der Hürde!«

»Endlich!« rief Cyrus Smith.

Ja, endlich! Das Geheimniß sollte enthüllt werden. Vor dem ungeheuren Interesse, das sie jetzt nach der Hürde trieb, verschwand alle Müdigkeit der Colonisten und jedes Bedürfniß nach Ruhe. Ohne ein Wort zu sprechen, verließen sie nach wenigen Augenblicken das Granithaus und befanden sich auf dem Strande. Nur Jup und Top waren zurück geblieben. Man konnte ihrer jetzt entbehren.

Die Nacht war schwarz, der Mond, jetzt Neumond, mit der Sonne gleichzeitig untergegangen. Wie Harbert bemerkt hatte, verdunkelten dicke und schwere Gewitterwolken den Himmel und ließen kein Sternchen durchscheinen. Dann und wann erhellte etwas Wetterleuchten, der Reflex eines entfernten Gewitters, den Horizont.

Es schien nicht unmöglich, daß nach Verlauf einiger Stunden der Donner über der Insel grollte. Es war eine drohende Nacht.

Aber auch die tiefste Finsterniß konnte Leute, welche diesen Weg nach der Hürde aus dem Grunde kannten, nicht zurückhalten. Sie erstiegen längs des linken Mercy-Ufers das Plateau, überschritten die Brücke des Glycerineflusses und wandten sich quer durch den Wald.

Ihre lebhafte Erregung trieb sie rasch vorwärts. Bei ihnen unterlag es keinem Zweifel mehr, daß sie jetzt die oft gesuchte Lösung jenes Räthsels finden sollten, den Namen jenes geheimnißvollen Wesens, das oft so fühlbar in ihr Leben eingegriffen, das sich so edelmüthig in seinem Einfluß, so mächtig bei dessen Geltendmachung bewies! Hatte sich dieser Unbekannte nicht direct in ihr Leben eingemischt, das er bis in alle Einzelheiten kannte; mußte er nicht hören können, was im Granithause gesprochen wurde, um immer gerade zum richtigen Zeitpunkte einzuschreiten?

Jeder beschleunigte, in tiefes Sinnen verloren, seinen Schritt. Unter den Baumkronen herrschte eine solche Dunkelheit, daß man kaum den Weg vor sich erkannte. Dazu war es tief stille im Walde. Vierfüßler und Vögel hielten sich, wie beklommen von der schwülen Atmosphäre, unbeweglich ruhig. Kein Hauch bewegte die Blätter. Nur die Tritte der Colonisten hallten in der Finsterniß von dem härteren Boden wider.

Während der ersten Viertelstunde wurde das Schweigen nur durch eine Bemerkung Pencroff's unterbrochen:

»Wir hätten eine Leuchte mitnehmen sollen.

– In der Hürde werden wir eine solche finden«, antwortete der Ingenieur.

Cyrus Smith und seine Genossen hatten das Granithaus um neun Uhr zwölf Minuten verlassen. Binnen fünfunddreißig Minuten hatten sie drei Meilen von den fünf, welche die ganze Entfernung betrug, zurückgelegt.

Da leuchteten einzelne fahle Blitze über der Insel auf und zeigten in schwarzen Umrissen die Linien des Blätterdaches. Das helle Licht blendete die nächtlichen Wanderer. Bald mußte das Unwetter sich entladen. Die Blitze wurden häufiger und heller. In den Tiefen des Horizontes entferntes Rollen. Die Atmosphäre war erstickend.

Die Colonisten eilten, als triebe eine unwiderstehliche Kraft sie vorwärts.

Um zehn ein viertel Uhr zeigte ihnen ein lebhafter Blitz die Palissadenwand, und noch hatten sie deren Thor nicht erreicht, als ihm ein Donnerschlag mit furchtbarer Heftigkeit nachfolgte.

In einem Augenblick war die Hürde durchmessen und stand Cyrus Smith vor dem Wohnhäuschen derselben.

In demselben konnte sich der Unbekannte wohl befinden, denn von hier hatte jenes Telegramm nothwendig abgehen müssen; indeß kein Lichtschein erhellte die Fenster.

Der Ingenieur klopfte an die Thür.

Keine Antwort.

Er öffnete sie, und die Colonisten betraten das dunkle Zimmer.

Nab schlug Feuer an, und sofort ward eine Leuchte angezündet und keine Ecke des Raumes undurchsucht gelassen.

Hier befand sich Niemand. Alles lag in derselben Ordnung, wie man es zurückgelassen hatte.

»Sollten wir durch eine Illusion getäuscht worden sein?« murmelte Cyrus Smith.

Nein? Das war unmöglich! Das Telegramm lautete deutlich:

»Kommt sofort nach der Hürde!«

Man näherte sich dem Tische, von dem die Drahtleitung auslief. Alles war an seiner Stelle; die Säule sammt dem Kasten derselben, ebenso wie alle Theile des Apparates.

»Wer ist zuletzt hier gewesen? fragte der Ingenieur.

– Ich, Herr Smith, antwortete Ayrton.

– Und das war ...?

– Vor vier Tagen.

– Ah, hier eine Notiz!« rief Harbert und wies nach einem auf dem Tische liegenden Papiere.

Das Papier enthielt in englischer Sprache die Worte:

»Folgt der neuen Leitung.«

»Vorwärts!« rief Cyrus Smith, der jetzt einsah, daß die Depesche gar nicht von der Hürde, sondern von dem geheimnißvollen Zufluchtsorte des Unbekannten ausgegangen sein werde, einer Stelle, welche ein an den alten geknüpfter Draht direct mit dem Granithause in Verbindung setzte.

Nab ergriff die angezündete Fackel, und alle verließen die Hürde.

Das Unwetter brach jetzt mit ungemeiner Heftigkeit los. Die Intervalle zwischen Blitz und Donner wurden kürzer und kürzer. Das Wetter tobte über dem Franklin-Berge und der ganzen Insel. Bei dem kaum unterbrochenen Scheine sah man den Gipfel des Berges von Dampfmassen umhüllt.

In dem ganzen Theile der Hürde zwischen dem Hause und der Umzäunung fand sich keine weitere telegraphische Verbindung. Als der Ingenieur aber vor das Thor kam und nach dem ersten Leitungspfahle ging, sah er beim Scheine eines Blitzes einen zweiten Draht von dem Isolator nach der Erde herabhängen.

»Da ist er!« sagte er.

Der Draht lag am Boden hin, war aber in seiner ganzen Länge von einer isolirenden Hülle, ähnlich den unterseeischen Kabeln bedeckt, welche die unbehinderte Fortleitung des Stroms garantirte. Er verlief übrigens quer durch den Wald und über die südlichen Bergausläufer, d.h. in der Richtung nach Westen.

»Folgen wir ihm!« sagte Cyrus Smith.

Bald bei dem Scheine ihrer Fackel, bald geführt von den leuchtenden Blitzen, begaben sich die Colonisten auf den von dem Drahte ihnen vorgezeichneten Weg.

Der Donner rollte jetzt unaufhörlich und so furchtbar, daß man kein Wort hätte verstehen können. Uebrigens handelte es sich jetzt auch nicht darum, zu plaudern, sondern vorwärts zu kommen.

Cyrus Smith und die Seinigen erstiegen zuerst den Bergrücken zwischen den Thälern der Viehhürde und des Cascadenflusses, den sie an der schmalsten Stelle überschritten. Der Draht, welcher einmal über niedrige Baumzweige, einmal direct am Boden hinlief, führte sie sicher ihrem Ziele näher.

Der Ingenieur hatte vorausgesetzt, der Draht werde im Grunde des Thales endigen und sich dort der Zufluchtsort des Unbekannten finden.

Es war nicht an dem. Man mußte auch den nächsten südwestlichen Ausläufer erklimmen und nach jener dürren schiefen Ebene hinabsteigen, welche mit den so bunt durcheinander gewürfelten Basaltblöcken endigte. Von Zeit zu Zeit bückte sich einer der Colonisten, tastete nach dem Faden und verbesserte, wenn nöthig, die eingehaltene Richtung.

Es unterlag keinem Zweifel, daß die Leitung unmittelbar nach dem Meere zu lief. Dort, in einer Höhlung der vulkanischen Gesteine, würde sich jenes so lange vergeblich gesuchte Versteck gewiß finden.

Der Himmel stand in Flammen, die Blitze folgten sich unaufhörlich. Wiederholt schlugen sie auf den Gipfel des Franklin nieder und züngelten durch seine dichte Rauchhaube, so daß man zu glauben versucht wurde, der Berg selbst speie das Feuer aus.

Wenige Minuten vor elf Uhr waren die Colonisten an einem hohen Rande angelangt, der den Ocean nach Westen hin beherrschte. Der Wind hatte sich erhoben. Fünfhundert Fuß unter ihnen schlug die Brandung gegen die Felswand.

Cyrus Smith berechnete, daß sie von der Hürde bis hierher etwa eine Entfernung von anderthalb Meilen zurückgelegt hatten.

An dieser Stelle verlor sich der Draht zwischen wildem Gestein und folgte dem steilen Abhange eines engen, vielfach gewundenen Hohlweges.

Die Colonisten wagten sich hinein auf die Gefahr hin, ein Nachstürzen der ungenügend gestützten Blöcke zu veranlassen und in's Meer geworfen zu werden. Das Niedersteigen war ungemein gefährlich, aber sie rechneten jetzt mit keiner Gefahr, sie verloren ja schon längst fast die Herrschaft über sich selbst, und eine unwiderstehliche Kraft zog sie an, wie der Magnet das Eisen anzieht.

So klommen sie fast gedankenlos jenen Hohlweg hinab, der selbst bei vollem Tageslichte sonst wohl ganz unpassirbar erschienen wäre. Die Steine rollten unter ihren Füßen fort und erglänzten wie glühende Boliden, wenn sie durch eine beleuchtete Zone hüpften. Cyrus Smith ging Allen voraus, Ayrton schloß den Zug. Hier drangen sie Schritt für Schritt vorwärts, dort glitten sie über die schlüpfrigen Felsen – auf jede Weise setzten sie ihren Weg fort.

Endlich beschrieb der Draht einen scharfen Winkel und lehnte sich an die Uferfelsen, wahrhafte Klippen, welche jede Hochfluth überspülen mußte. Die Colonisten hatten die untere Grenze der Basaltmauer erreicht.

Dort zog sich wieder eine leichte Erhöhung parallel der Küste hin, welcher der Draht folgte und der die Colonisten nachgingen. Nach kaum hundert Schritten senkte sich dieser Uferwall wieder und verlief unmittelbar an dem Gestade des Meeres.

Der Ingenieur ergriff den Draht; er überzeugte sich, daß jener sich in das Wasser fortsetzte.

Seine Gefährten standen erstaunt neben ihm.

Ein Ruf der Enttäuschung und der Verzweiflung entrang sich ihnen! Sollten sie sich gar in's Wasser stürzen und eine unterseeische Höhle aufsuchen? Bei ihrer übermäßigen Erregtheit wären sie wohl auch vor diesem Versuche nicht zurückgeschreckt.

Eine Bemerkung des Ingenieurs hielt sie zurück.

Cyrus Smith führte seine Freunde nach einer Felsenhöhlung und sprach:

»Fassen wir uns in Geduld. Es ist jetzt Fluthzeit; bei der Ebbe wird der Weg offen sein.

– Aber wie können Sie glauben ... fragte Pencroff.

– Er hätte uns nicht gerufen, wenn es unmöglich wäre, zu ihm zu gelangen!«

Cyrus Smith sprach in einem Tone so sicherer Ueberzeugung, daß kein Widerspruch laut wurde. Seine Bemerkung war wohl logisch richtig. Man konnte annehmen, daß sich eine jetzt überfluthete, doch bei niedrigem Wasser gangbare Oeffnung in der Uferwand zeigen werde.

Jetzt galt es, einige Stunden zu warten. Schweigend verkrochen sich die Colonisten in ihrer einstweiligen Zuflucht. Nun begann es auch zu regnen, und manchmal ergossen die von den Blitzen zerfetzten Wolken wahrhafte Ströme. Das Echo gab das Krachen des Donners wieder und verlieh ihm eine furchtbare Großartigkeit.

Die Erregung der Colonisten nahm immer mehr zu. Tausend wunderbare, übernatürliche Gedanken drängten sich in ihrem Gehirn und erzeugten ihnen eine wahrhaft übermenschliche Vorstellung von dem Gesuchten, welche allein dem geheimnißvollen Wesen desselben entsprechen zu können schien.

Gegen Mitternacht ergriff Cyrus Smith die Fackel und stieg nach dem Strande hinab, um sich vom Stande des Wassers zu überzeugen. Schon seit zwei Stunden fiel das Meer.

Der Ingenieur hatte sich nicht getäuscht. Schon hob sich die obere Wölbung einer Oeffnung aus der Fluth heraus. Dort bog sich der Draht in rechtem Winkel und drang in einen Felsengang ein.

Cyrus Smith kehrte zu seinen Gefährten zurück und sagte einfach:

»In einer Stunde wird die Oeffnung gangbar sein.

– Sie ist also vorhanden? fragte Pencroff.

– Haben Sie je daran gezweifelt? erwiderte Cyrus Smith.

– Doch diese Höhle wird bis zu gewisser Höhe mit Wasser gefüllt sein, bemerkte Harbert.

– Oder wird auch vollkommen trocken liegen, antwortete Cyrus Smith, dann durchlaufen wir sie zu Fuß; wenn das nicht der Fall wäre, wird sich auch ein Transportmittel für uns vorfinden.«

Eine Stunde verrann. Alle stiegen bei heftigem Regen nach dem Meere hinab. Binnen drei Stunden war das Wasser um fünfzehn Fuß gefallen. Die Wölbung ragte jetzt gegen acht Fuß über das Meeresniveau empor. Sie glich einem Brückenbogen, unter dem sich das schaumgemengte Wasser dahin wälzte.

Als er sich vornüber neigte, sah der Ingenieur einen schwarzen Gegenstand auf den Fluthen tanzen. Er zog ihn zu sich heran.

Es war ein Boot, das mittels eines Taues an irgend welchem Felsenvorsprung im Inneren fest lag. Das Boot war aus genietetem Eisenblech verfertigt. Zwei Ruder lagen unter den Bänken desselben.

»Schiffen wir uns ein«, sagte Cyrus Smith.

Sofort bestiegen die Colonisten das Fahrzeug. Nab und Ayrton setzten sich an die Ruder, Pencroff an das Steuer. Cyrus Smith beleuchtete, mit der Fackel an der Spitze stehend, den Weg.

Die erst ziemlich niedrige Wölbung, unter der das Boot dahin glitt, hob sich plötzlich; doch bei der tiefen Dunkelheit und dem unzulänglichen Lichte der Fackel vermochte man die Ausdehnung der Höhle weder nach ihrer Breite und Höhe, noch nach ihrer Länge abzuschätzen. In diesem unterirdischen Basaltbau herrschte eine feierliche Stille. Kein Laut von außen drang hinein, und auch das Rollen des Donners drang nicht durch ihre dicken Wände.

An manchen Punkten der Erde kennt man solche, aus deren geologischer Epoche herrührende, ungeheure Aushöhlungen. Die einen füllen die Fluthen des Meeres gänzlich aus, andere bergen ganze Seen in ihrem Schoße. So die Fingalsgrotte auf der Insel Staffa, einer der Hebriden; die Grotten von Morgat in der Bai von Douarnenez in der Bretagne; die Grotten von Bonifacio in Corsica; die des Lyse-Fjord in Norwegen; die ungeheure Mammouth-Höhle in Kentucky, welche bei 500 Fuß Höhe gegen zwanzig Meilen in der Länge mißt! So hat die Natur an manchen Stellen der Erdkugel solche Räume ausgehöhlt und sie der Bewunderung des Menschen aufbewahrt.

Dehnte sich die von den Colonisten jetzt besuchte Höhle wohl bis zum Centrum der Insel aus? Seit einer Viertelstunde schwamm das Boot auf manchen Umwegen dahin, welche Cyrus Smith immer Pencroff kurz bezeichnete, als er plötzlich ausrief:

»Mehr nach rechts halten!«

Das Boot änderte seine Richtung und streifte fast die felsige Wand. Der Ingenieur wollte nachsehen, ob der Draht immer noch längs derselben verlaufe.

Die Leitung zeigte sich noch immer über einzelne Gesteinsvorsprünge hin gezogen.

»Vorwärts also!« sagte Cyrus Smith.

Die beiden Ruder tauchten wieder in das schwarze Wasser und setzten das Boot in Bewegung.

Noch eine Viertelstunde fuhr man so, und mochte vom Eingange der Höhle aus wohl eine halbe Meile zurückgelegt haben, als sich Cyrus Smith's Stimme von Neuem vernehmen ließ.

»Anhalten!« befahl er.

Das Boot stand still, und die Colonisten bemerkten einen glänzenden Lichtschimmer, der die ungeheure, so tief in den Eingeweiden der Insel ausgebrochene Höhle erhellte.

Erst jetzt konnte man diese, von der Niemand eine Ahnung gehabt hatte, deutlicher übersehen.

In der Höhe von etwa 100 Fuß dehnte sich eine Wölbung aus, getragen von Basaltsäulen, die alle in einer Form gegossen schienen. Wie ein kunstgerechter Bau stützten sich die Felsenmassen auf diese tausendfache Unterlage, welche die Erde in ihrer Geburtsperiode errichtet haben mochte. Die Basaltstämme stiegen wohl vierzig bis fünfzig Fuß von ihrem Bodenstücke auf, um welches das hier völlig ruhige Wasser nur leise spielte. Der Glanz jener von dem Ingenieur signalisirten Lichtquelle brach sich an jedem Prisma, bestreute dessen Ecken wie mit Funken, schien fast durch die Wände zu dringen, als wären sie durchscheinend, und glitzerte von den geringsten Flächen dieses ungeahnten Wunderbaues wider.

In Folge der Reflexion spiegelte auch das Wasser alle jene Strahlenbündel zurück, so daß das Boot zwischen zwei blitzenden Zonen dahin zu gleiten schien.

Ueber die Natur jener glanzvollen Lichterscheinung konnte man nicht im Zweifel sein. Sie rührte von einer mächtigen Elektricitätsquelle her, die weiße Farbe verrieth ihren Ursprung. Das war die Sonne dieser Höhle, und erfüllte sie auch vollkommen.

Auf ein Zeichen Cyrus Smith's fielen die Ruder nieder, ließen einen wahrhaften Karfunkelregen aufspringen, und das Boot wandte sich jenem Lichtherde zu, von dem es noch eine halbe Kabellänge entfernt sein mochte.

An dieser Stelle maß die Breite des Wasserspiegels wohl gegen 300 Fuß, und über jenem blendenden Centrum hinaus schloß eine enorme Basaltwand die Höhle ab. Sie enthielt hier also einen kleinen See; ihre ganzen Umgebungen waren aber dermaßen in Licht gebadet, daß man jeden Stein, jede Säule, wie große, kostbare Demanten, für selbst leuchtend halten konnte.

In der Mitte dieses Sees schwamm ruhig und unbewegt ein langer, unförmiger Gegenstand. Der Glanz, den er verbreitete, drang aus seinen Seiten, dessen Oeffnungen wohl dem Schlunde eines mit weißglühendem Erze gefüllten Hohofens glichen. Dieser Apparat, in der Form einem großen Celaceer nicht unähnlich, war etwa 250 Fuß lang und ragte zehn bis zwölf Fuß aus den Fluthen empor.

Langsam näherte sich ihm das Boot. Im Vordertheile desselben hatte sich Cyrus Smith lang aufgerichtet. Er richtete, eine Beute der maßlosesten Aufregung, seine Blicke nach vorwärts, ergriff aber plötzlich des Reporters Arm und rief:

»Aber er ist es! Es kann kein Anderer sein! – Er! ...«

Dann fiel er fast auf die Bank zurück und flüsterte einen Namen, den Gedeon Spilett allein verstehen konnte.

Ohne Zweifel kannte der Reporter diesen Namen, denn er schien' einen wunderbaren Eindruck auf ihn zu machen, und er antwortete mit gedämpfter Stimme:

»Er! – Ein Geächteter!

– Er ist es!« antwortete Cyrus Smith.

Auf Anordnung des Ingenieurs ging das Boot jetzt dicht an den eigenartigen, schwimmenden Körper heran. Es legte sich an seine linke Seite, von der aus ein blendendes Licht durch dicke Glasscheiben drang.

Cyrus Smith und seine Gefährten stiegen auf eine Art Plateform. Dort stand eine Luke offen. Alle drangen durch diese Oeffnung ein.

Am Fuße der hinabführenden Treppe gelangten sie in einen Gang mit elektrischer Beleuchtung. Sein Ende schloß eine Thür, welche Cyrus Smith öffnete.

Ein reichgeschmückter Salon, den die Colonisten durchschritten, grenzte an ein Bibliothekzimmer, von dessen Decke überreiches Licht hernieder floß.

An der entgegengesetzten Seite dieses Raumes öffnete Cyrus Smith eine gleichfalls geschlossene Thür.

Ein weiter Saal, eine Art Museum, in dem neben den Schätzen des Mineralreiches die Werke der Kunst und die Wunder der Industrie aufgehäuft waren, lag vor den erstaunten Blicken der Colonisten, welche sich in die Welt der Träume versetzt glaubten.

Auf einem Divan ausgestreckt sahen sie einen Mann liegen, den ihr Eintreten gar nicht zu berühren schien.

Da nahm Cyrus Smith das Wort und sagte zum größten Erstaunen seiner Gefährten:

»Kapitän Nemo! Sie haben uns gerufen? – Hier sind wir!«