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Harbert wird in das Granithaus gebracht. – Nab's Bericht über das Vorgelassene. – Cyrus Smith's Besuch des Plateaus. – Ruinen und Verwüstung. – Die Colonisten ohnmächtig gegen die Krankheit. – Die Weidenrinde. – Ein tödtliches Fieber. – Top schlägt an.

Von den Sträflingen, von den dem Granithause drohenden Gefahren, von den Ruinen, die das Plateau bedeckten, war keine Rede mehr. Der Zustand Harbert's überwog das Alles. Sollte ihm der Transport zum Verderben werden, eine innere Verletzung zugezogen haben? Der Reporter vermochte es nicht zu sagen, doch er und seine Genossen waren der Verzweiflung nahe.

Der Wagen wurde nach der Flußecke gefahren. Dort legte man Matratzen und Decken über einige als Tragbahre dienende Zweige, auf welche der ohnmächtige Harbert zu liegen kam. Zehn Minuten später langten Cyrus Smith, Pencroff und der Reporter am Fuße der Granitmauer an und überließen Nab die Besorgung des Wagens nach dem Plateau.

Der Aufzug ward in Bewegung gesetzt, und bald ruhte Harbert auf seinem gewohnten Lager im Granithause.

Die ihm gewidmete Sorgfalt und Pflege weckten seine Lebensgeister wieder. Er lächelte ein wenig beim Erkennen seines Zimmers, konnte jedoch vor Schwäche kaum einige Worte flüstern.

Gedeon Spilett untersuchte seine Wunden mit der Befürchtung, sie möchten bei der nur unvollkommenen Vernarbung wieder aufgebrochen sein ... Nichts dergleichen! Doch woher dann diese Prostration? Weshalb zeigte sich eine solche Verschlimmerung im Zustande Harbert's?

Der junge Mann verfiel bald in fieberhaften Schlummer, und der Reporter und Pencroff wachten an seinem Bette.

Inzwischen unterrichtete Cyrus Smith seinen Diener von den Vorfällen bei der Hürde, und Nab schilderte seinem Herrn die Ereignisse, deren Schauplatz das Plateau gewesen war.

Erst in letztvergangener Nacht hatten sich die Sträflinge am Saume des Waldes gezeigt, und zwar in der Nähe des Glycerineflusses. Nab, auf Wache neben dem Hühnerhofe, hatte nicht gezögert, auf Einen der Schurken zu feuern, ohne bei der Dunkelheit der Nacht erkennen zu können, ob er getroffen oder nicht. Jedenfalls war die Bande dadurch nicht vertrieben worden; Nab blieb kaum Zeit, das Granithaus zu erreichen, wo er sich mindestens in Sicherheit befand.

Was sollte er nun aber thun? Wie die Verwüstungen hindern, welche dem Plateau seitens der Sträflinge drohten? Besaß er ein Mittel, seinen Herrn zu benachrichtigen? Zudem, in welcher Lage befand sich dieser mit den Uebrigen in der Hürde?

Cyrus Smith und seine Genossen waren seit dem 11. November ausgezogen, und heute schrieb man den neunundzwanzigsten. Seit neunzehn Tagen entbehrte er von ihnen aller Nachrichten, außer den durch Top überbrachten Hiobsposten, daß Ayrton verschwunden, Harbert schwer verletzt und die noch übrige Gesellschaft in der Hürde so gut wie eingesperrt sei.

Was nun thun? fragte sich der arme Nab. Seiner eigenen Person drohte zwar keine Gefahr, denn im Granithause konnten ihm die Verbrecher nicht zu nahe kommen. Aber die Baulichkeiten, die Pflanzungen, all' diese Früchte ihrer Mühen in den Händen der Piraten! Sollte er nicht Cyrus Smith darum anrufen, was er beginnen solle, und ihm von dem einbrechenden Unheile Nachricht geben?

Da kam ihm der Gedanke, Jup zu verwenden und ihm ein Zettelchen anzuvertrauen. Er kannte ja die hervorragende Intelligenz des Orangs, an deren Beweisen es nicht fehlte. Jup verstand auch das häufig gehörte Wort Hürde, und man erinnert sich, daß er mit Pencroff und dem Wagen oft genug dahin gekommen war. Noch dunkelte es ein wenig. Der behende Affe würde schon unbemerkt durch die Wälder schlüpfen, zumal ihn die Sträflinge für einen natürlichen Bewohner derselben ansehen mußten.

Nab zauderte nicht. Er schrieb das Billet, befestigte es an Jup's Halse, führte den Affen nach der Thür und ließ ein langes Seil bis zur Erde hinab gleiten; dann wiederholte er mehrmals die Worte:

»Jup! Jup! Hürde! Hürde!«

Das Thier verstand ihn, ergriff den Strick, glitt auf den Strand nieder und verschwand bald im Halbdunkel, ohne irgendwie die Aufmerksamkeit der Sträflinge zu erregen.

»Du hast recht gehandelt, Nab, antwortete Cyrus Smith auf diese Erzählung; und doch, wenn Du uns ohne Nachricht ließest, hättest Du vielleicht noch besser gethan.«

Hiermit spielte Cyrus Smith auf Harbert an, dessen Ueberführung seiner Wiederherstellung anscheinend so hinderlich werden sollte.

Nab vollendete seinen Bericht. Am Strande waren die Sträflinge nicht erschienen. Unbekannt mit der Bewohnerzahl der Insel, konnten sie argwöhnen, daß das Granithaus von weit überlegenen Kräften vertheidigt werde, wenn sie sich daran erinnerten, wie zahlreiche Flintenschüsse ihnen früher aus den unteren und den oberen Felsenpartieen entgegen knatterten. Dagegen lag das Plateau der Freien Umschau offen vor ihnen, unbestrichen von dem Feuer des Granithauses. Hier folgten sie ganz ihrem Naturtriebe, zu verwüsten, zu plündern, zu sengen und zu brennen aus reiner Luft daran. Nur eine halbe Stunde vor Eintreffen der Colonisten, die sie noch in der Hürde glauben mochten, zogen sich die Raubgesellen zurück.

Nab verließ sofort seinen geschützten Aufenthalt. Auf die Gefahr hin, eine Kugel zu bekommen, war er nach dem Plateau zurückgekehrt; er hatte den Brand, wenn auch ohne großen Erfolg, zu bekämpfen gesucht, bis seine Gefährten am Saume des Waldes erschienen.

Das waren die betrübenden Vorfälle. Die Gegenwart der Sträflinge bildete eine fortwährende Bedrohung der Colonisten auf Lincoln, die, bis jetzt so glücklich, jeden Tag ein neues Unglück fürchten mußten.

Gedeon Spilett blieb bei Harbert und Pencroff im Granithause, während Cyrus Smith in Begleitung Nab's sich von der Ausdehnung des Unglücks durch eigenen Augenschein unterrichten wollte.

Ein Glück blieb es immerhin, daß die Sträflinge sich nicht bis zum Fuße des Granithauses gewagt hatten: die Werkstätten in den Kaminen wären von ihnen gewiß nicht verschont worden. Und doch wäre dieser Schaden fast leichter wieder gut zu machen gewesen, als die auf dem Plateau der Freien Umschau rauchen den Ruinen.

Cyrus Smith und Nab begaben sich nach der Mercy, gingen an ihrem linken Ufer hinauf, fanden aber wirklich nirgends Spuren von der früheren Anwesenheit der Sträflinge. Auch am anderen Flußufer mit seinem Waldesdickicht erkannten sie keinerlei Verdacht erweckendes Anzeichen.

Hiernach drängten sich nur zwei Annahmen auf: entweder wußten die Sträflinge von der Rückkehr der Colonisten nach dem Granithause, denn sie hätten diese wohl auf der Straße von der Hürde her bemerken können; oder sie hatten sich nach der Verwüstung des Plateaus längs des Flußbettes der Mercy in den Jacamarwald zurückgezogen, und jener Umstand war ihnen unbekannt geblieben.

Im ersten Falle hätten sie nach der jetzt vertheidigungslosen Hürde zurückkehren müssen, welche für sie ja so werthvolle Vorräthe enthielt.

Im zweiten würden sie wohl ihre Verstecke wieder aufgesucht haben, um dort die passende Zeit zu einem zweiten Angriff abzuwarten.

Man hatte demnach alle Ursache, ihnen zuvorzukommen, doch trat jetzt jede Unternehmung, die Insel von ihnen zu befreien, vor der nothwendigen Sorge um Harbert's Zustand zurück. Jedenfalls konnte Cyrus Smith nie zu viele Kräfte gegen sie aufbieten; augenblicklich verbot es sich aber für Jeden, das Granithaus zu verlassen.

Der Ingenieur und Nab betraten das Plateau. O, trauriges Bild! Die Felder waren zertreten. Die Aehren, welche jetzt geerntet werden sollten, lagen am Boden. Die anderen Anpflanzungen hatten nicht minder gelitten. Der Gemüsegarten war gänzlich zerstört. Glücklicher Weise besaß das Granithaus hinreichenden Vorrath an Sämereien, diesem Schaden beizukommen.

Die Windmühle und die Federviehställe lagen in Asche, ebenso der Quaggastall. Erschrocken irrten noch einzelne Thiere auf dem Plateau umher. Das während des Brandes nach dem See entflohene Geflügel kehrte schon nach seinem gewohnten Aufenthaltsort zurück und schnatterte am Ufer durcheinander. Hier bedurfte aber Alles einer völligen Neuherstellung.

Cyrus Smith's Gesicht, jetzt bleicher als sonst, verrieth den aufwallenden Zorn, den Jener nur mühsam niederkämpfte, ohne ein Wort laut werden zu lassen. Noch einmal betrachtete er die verwüsteten Felder und den aus den Trümmern noch aufsteigenden Rauch, dann kehrte er nach der Wohnung zurück.

Die folgenden Tage gehörten zu den traurigsten, die die Colonisten auf der Insel verlebt hatten. Harbert's Schwäche nahm sichtlich zu. Es schien bei ihm der Ausbruch einer schwereren, durch den tief angreifenden Insult veranlaßten Störung bevorzustehen, und Gedeon Spilett hatte das Vorgefühl einer so ernsten Verschlimmerung im Zustande des Kranken, daß er unvermögend sein würde, sie zu bekämpfen.

Harbert verharrte in einer Art fast totaler Besinnungslosigkeit, ja es zeigten sich sogar einige Erscheinungen von Delirien. Den Colonisten standen aber nichts, als erquickende Theeaufgüsse zur Verfügung. Noch hielt sich das Fieber mäßig, bald aber schien es sich in regelmäßigen Anfällen zu wiederholen.

Am 6. December ward sich Gedeon Spilett klarer. Das arme Kind, dessen Finger, Nase und Ohren vollkommen erbleichten, litt erst an leichtem Frösteln und Zittern. Sein Puls war klein und unregelmäßig, die Haut trocken, der Durst lebhaft. Dieser Frostperiode schloß sich unmittelbar eine Hitzeperiode an; das Gesicht belebte sich, die Haut gewann Farbe, der Puls schlug schneller; dann brach ein reichlicher Schweiß aus, mit dem das Fieber nachzulassen schien. Die Dauer des Anfalls währte gegen fünf Stunden.

Gedeon Spilett wich währenddem nicht von der Seite seines Kranken, der offenbar von einem intermittirenden (oder Wechsel-) Fieber befallen war, welches unterdrückt werden mußte, bevor es sich tiefer einnistete.

»Zu seiner Unterdrückung, begann der Reporter zu Cyrus Smith gewendet, bedarf es eines fieberwidrigen Mittels.

– Ein Fiebermittel! ... antwortete der Ingenieur, wir besitzen aber weder Chinarinde, noch schwefelsaures Chinin.

– Nein, sagte Gedeon Spilett, doch am Seeufer wachsen Weidenbäume, und die Weidenrinde vermag in manchen Fällen die Chinarinde zu ersetzen.

– So machen wir ohne Säumen einen Versuch!« trieb Cyrus Smith.

Mit Recht ist die Weidenrinde als Surrogat der Chinarinde angesehen worden, ebenso wie die indische Kastanie, das Stechpalmenkraut, die Drachenwurz u.m.a. Jene Substanz mußte also offenbar versucht werden, obwohl sie der Chinarinde an Wirksamkeit nachsteht, und dazu besaß man sie auch nur im rohen Naturzustande, da alle Mittel fehlten, das wirksame Alkaloid derselben, das Salicin oder Weidenbitter, daraus darzustellen.

Cyrus Smith schnitt selbst aus einer schwarzen Weidenart mehrere Stücke Rinde aus; im Granithause wurde dieselbe gepulvert und am Abend Harbert eingegeben.

Die Nacht verlief ziemlich gut. Harbert delirirte ein wenig, doch das Fieber blieb sowohl in der Nacht, als am nächstfolgenden Tage aus.

Pencroff schöpfte einige Hoffnung. Gedeon Spilett sprach sich nicht aus. Intermittirende Fieber brauchen eben nicht Tag für Tag aufzutreten, sondern setzen wohl einen Tag ganz aus, um als sogenannte dreitägige Wechselfieber erst am nächstfolgenden wieder zu kehren. Den andern Tag erwartete man erklärlicher Weise mit großer Unruhe.

Außerdem zeigte sich, daß Harbert auch in der fieberfreien Zeit wie »zerschlagen« hindämmerte, einen schweren Kopf hatte und zu Schwindelanfällen neigte.

Gedeon Spilett erschrak vor dieser neuen Complication; er nahm den Ingenieur bei Seite.

»Das ist ein bösartiges Fieber! sagte er zu ihm.

– Ein bösartiges Fieber! entgegnete Cyrus Smith; Sie täuschen sich, Spilett. Ein bösartiges Fieber tritt nicht so mir nichts dir nichts auf, es will seine Ursache haben! ...

– Ich täusche mich nicht, erwiderte der Reporter. Harbert wird in den Sumpfgegenden der Insel den Keim in sich aufgenommen haben, und das genügt schon. Einen ersten Anfall hat er schon durchgemacht; wenn ein zweiter kommt und es gelingt uns dann nicht, einen dritten zu verhindern ... so ist er verloren!

– Aber die Weidenrinde ...

– Ist hier nicht ausreichend, fiel der Reporter ein, und ein dritter Anfall eines bösartigen Fiebers, der nicht durch Chinin vorher abgeschnitten wurde, ist allemal tödtlich.«

Zum Glück entging Pencroff der Inhalt dieses Gespräches; er hätte darüber den Verstand verloren.

Man begreift, in welch' ängstlicher Unruhe der Ingenieur diesen Tag und die darauf folgende Nacht zubrachte.

Gegen Mittag, am 7. December, stellte sich der zweite Fieberanfall ein. Die Krise war schrecklich. Harbert glaubte selbst sich verloren; er streckte die Arme nach Cyrus Smith, nach Spilett und nach Pencroff aus ... er wollte ja nicht gern sterben. Die Scene war herzzerreißend. Pencroff mußte hinausgeführt werden.

Der Anfall dauerte wieder fünf Stunden lang; es lag auf der Hand, daß Harbert einen dritten nicht überstehen würde.

Die Nacht ward furchtbar. Im Delirium sprach Harbert Worte, welche das Herz seiner Freunde zerfleischten. Er schweifte in Gedanken umher, kämpfte gegen die Sträflinge, rief nach Ayrton. Er betete zu jenem geheimnißvollen Wesen, ihrem jetzt verschwundenen Beschützer, von dessen Bilde er gleichsam besessen war ... Dann verfiel er in tiefe Prostration mit vollkommenem Aufhören jeder Geistesthätigkeit ... Mehrere Male hielt ihn Gedeon Spilett schon für todt.

Am Morgen des 8. December die gleiche Schwäche. Harbert's abgemagerte Hände faßten krampfhaft die Decken. Zwar hatte man ihm neue Dosen zerstoßener Rinde beigebracht, doch der Reporter versah sich keines Erfolges derselben.

»Wenn wir ihm vor morgen früh kein energischeres Fieberheilmittel verabreicht haben, behauptete er, so ist Harbert dem Tode verfallen.«

Die Nacht kam heran; allem Anscheine nach die letzte Nacht des muthigen, guten, intelligenten Kindes, das Alle wie einen Sohn liebten. Das einzige Hilfsmittel gegen diese verderbliche Krankheit, das einzige ihr überlegene Specificum fand sich nicht auf der Insel Lincoln!

In der Nacht vom 8. zum 9. litt Harbert noch mehr an Delirien. Seine Leber zeigte sich stark angeschwollen, das Gehirn so tief ergriffen, daß er Niemand mehr erkannte.

Würde er überhaupt bis zum Morgen leben, bis zu jenem dritten Anfalle, der ihn unfehlbar hinwegraffen mußte? Kaum schien es glaublich. Seine Kräfte waren zu Ende, und in den Krisen-Intervallen lag er völlig leblos da.

Gegen drei Uhr Morgens stieß Harbert einen entsetzlichen Schrei aus. Er krümmte sich scheinbar unter einer letzten Convulsion. Nab, der bei ihm wachte, stürzte erschrocken in das benachbarte Zimmer, wo er auch die Uebrigen wachend antraf.

Eben jetzt ließ Top ein eigenthümliches Bellen hören ...

Alle kamen in's Zimmer, und es gelang ihnen, das sterbende Kind, welches im Begriff war aus dem Bette zu stürzen, zurückzuhalten, indeß Gedeon Spilett, der dessen Arm gefaßt hatte, fühlte, daß sich der Puls allmälig hob ...

Es war fünf Uhr Morgens. Die Strahlen der aufsteigenden Sonne begannen eben durch die Fenster zu dringen. Der Tag versprach schön zu werden, und dieser Tag sollte des armen Harbert letzter sein! ...

Da glänzte ein Sonnenstrahl auf dem Tische neben dem Krankenbette.

Plötzlich schrie Pencroff laut auf und wies nach einem auf dem Tische befindlichen Gegenstand ...

Es war ein kleines, längliches Schächtelchen, auf dem Deckel mit der Aufschrift:

Schwefelsaures Chinin.