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Erinnerungen an das Vaterland. – Aussichten. – Untersuchung der Küsten. – Abfahrt am 16. April. – Die Schlangenhalbinsel vom Meere aus gesehen. – Die Basaltfelsen der Westküste. – Schlechtes Wetter. – Die Nacht kommt. – Ein neues Ereigniß.

Schon zwei Jahre! Und zwei lange Jahre entbehrten die Colonisten jeder Verbindung mit anderen Menschen! Unbekannt mit den Ereignissen auf dem Welttheater, lebten sie ebenso verloren auf ihrer Insel, wie etwa auf dem fernsten Asteroïden des Sonnensystemes.

Was mochte jetzt in ihrem Vaterlande vorgehen? Immer drängte sich das Bild der Heimat vor ihre Augen, die sie verlassen hatten, zerrissen durch den Bürgerkrieg, und die vielleicht noch jetzt durch die Empörung der Südstaaten mit Blut getränkt wurde! Wohl war das für sie ein peinlicher Schmerz, und oft unterhielten sie sich davon, doch ohne jemals zu zweifeln, daß die Sache des Nordens zur Ehre der Union ja endlich siegen müsse.

Während dieser zwei Jahre war kein Schiff bei der Insel Lincoln vorüber gekommen, mindestens kein Segel wahrgenommen worden. Es lag auf der Hand, daß diese Insel sich außerhalb der befahrenen Straßen befand, und wahrscheinlich noch nicht einmal bekannt war – was man den Karten nach annehmen mußte – denn trotz des Mangels eines eigentlichen Hafens hätte ihr Reichthum an Wasser doch solche Schiffe anziehen müssen, welche ihre Vorräthe an jenem zu erneuern wünschten.

Immer blieb das umgebende Meer aber verlassen, so weit es auch der Blick beherrschen mochte, und die Colonisten durften wohl nur auf sich allein zählen, wenn sie je ihr Vaterland wieder zu sehen hofften.

Noch eine Aussicht auf Erlösung gab es freilich, und über diese verhandelte man dann an einem Tage der ersten Aprilwoche sehr ausführlich, als die Colonisten im großen Saale des Granithauses beisammen saßen.

Das Gespräch betraf eben Amerika, das geliebte Vaterland, welches wieder zu sehen man so wenig Hoffnung hatte.

»Entschieden bleibt uns nur ein Mittel übrig, sagte Gedeon Spilett, ein einziges, um die Insel Lincoln zu verlassen, und das besteht in der Erbauung eines auch für größere Entfernungen seetüchtigen Schiffes. Mir will es scheinen, daß wer eine Schaluppe bauen konnte, auch mit einem Seeschiffe zu Stande kommen müsse.

– Und daß man ebenso gut nach dem Pomotu-Archipel segeln kann, wie nach der Insel Tabor, fügte Harbert hinzu.

– Ich bestreite das nicht, antwortete Pencroff, der in allen das Seewesen betreffenden Fragen eine entscheidende Stimme hatte, ich bestreite das nicht, obwohl es nicht ein und dasselbe ist, kurze oder lange Entfernungen zurück zu legen. Wäre unsere Schaluppe auf der Fahrt nach der Insel Tabor auch von noch schlimmerem Wetter heimgesucht worden, so wußten wir doch, daß auf der einen oder der anderen Seite ein Hafen nicht allzuweit war. Aber 1200 Meilen zu durchsegeln ist ein gutes Stück Wegs, und so weit liegt das nächste Land doch mindestens von uns entfernt.

– Würden Sie im gegebenen Falle vor diesem Versuche zurückschrecken, Pencroff, fragte der Reporter.

– Ich unternehme Alles, was Sie verlangen, Herr Spilett, erwiderte der Seemann, und Sie kennen mich wohl auch nicht als den Mann, der sich bange machen läßt.

– Ich bemerke übrigens, fiel Nab ein, daß wir noch einen zweiten Seemann unter uns haben.

– Wen denn? fragte Pencroff.

– Ayrton.

– Das ist wahr, sagte Harbert.

– Wenn er der Sache zustimmte! warf Pencroff ein.

– Gut! sagte der Reporter, glauben Sie denn, daß Ayrton, wenn Lord Glenarvan's Yacht sich während der Zeit seines dortigen Aufenthalts bei der Insel Tabor zeigte, es abgeschlagen hätte, mit derselben abzureisen?

– Sie vergessen, meine Freunde, sagte Cyrus Smith, daß Ayrton während der letzten Jahre nicht zurechnungsfähig war. Darin liegt aber auch nicht der Schwerpunkt der Frage. Für uns handelt es sich darum, zu wissen, ob wir die Rettung durch das schottische Schiff unseren Aussichten für die Zukunft mit Recht beizählen dürfen oder nicht. Lord Glenarvan hat Ayrton übrigens angedeutet, daß er einst, wenn er Jenes Verbrechen für gesühnt erachte, wiederkehren werde, um ihn aufzunehmen, und daran glaube ich auch.

– Ja, meinte der Reporter, ich bin sogar der Ansicht, daß er nun bald kommen müsse, da Ayrton schon vor zwölf Jahren ausgesetzt wurde!

– Rücksichtlich des Lords und seiner vielleicht nahe bevorstehenden Wiederkunft, sagte Pencroff, stimme ich wohl ganz mit Ihnen überein. Doch wo wird er dann landen? – An der Insel Tabor und nicht an der Insel Lincoln!

– Das ist um so mehr anzunehmen, meinte Harbert, als Letztere noch auf keiner Karte verzeichnet zu sein scheint.

– So werden wir, meine Freunde, fuhr der Ingenieur fort, die nöthigen Maßregeln treffen müssen, um Ayrton's und unsere Anwesenheit auf der Insel Lincoln auch auf Tabor zu signalisiren.

– Gewiß, nahm der Reporter das Wort, und zu dem Zwecke dürfte sich Nichts mehr empfehlen, als in der Hütte, die Kapitän Grant und Ayrton als Wohnung gedient hat, eine Notiz über die genaue Lage unserer Insel zu hinterlegen, welche Lord Glenarvan oder einer aus seiner Mannschaft zweifellos auffinden würde.

– Es ist recht bedauerlich, sagte der Seemann, daß wir bei unserer ersten Fahrt nach Tabor diese Vorsicht außer Acht ließen.

– Warum geschah das? antwortete Harbert. Bis jetzt kannten wir weder Ayrton's Geschichte, noch ahnten wir, daß je eine Wiederabholung desselben in Aussicht stehe; und als wir jene erfuhren, verbot die schon zu weit vorgeschrittene Jahreszeit, noch einmal nach der Insel Tabor zu segeln.

– Ja wohl, stimmte auch Cyrus Smith bei, dazu war und ist es jetzt zu spät, und werden wir den Wiedereintritt des kommenden Frühlings abwarten müssen.

– Wenn die schottische Yacht aber inzwischen dort anliefe? warf Pencroff ein.

– Das ist kaum anzunehmen, erwiderte der Ingenieur, da Lord Glenarvan nicht gerade die Wintersaison zu einer Reise in so entlegene Meere wählen wird. Entweder hat er jetzt, seitdem Ayrton bei uns lebt, Tabor schon wieder aufgesucht und die Rückreise angetreten, oder er trifft erst später ein, so daß es Zeit sein wird, in den ersten schönen Octobertagen nach Tabor zu segeln, um die betreffenden Nachrichten dort zu deponiren.

– Man muß gestehen, meldete sich auch Nab, daß es wirklich ein Unglück wäre, wenn der Duncan sich gerade in den letzten fünf Monaten dort gezeigt hätte.

– Ich hoffe, das wird nicht der Fall sein, antwortete Cyrus Smith; der Himmel wird uns die günstigste Aussicht auf Erlösung nicht schon geraubt haben.

– Und ich glaube, bemerkte der Reporter, wir werden auch darüber nach einem zweiten Besuche der Insel Tabor klar sehen, denn die Schotten müssen doch irgend welche Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen haben.

– Das versteht sich, erwiderte der Ingenieur. Nun also, meine Freunde, da uns diese Aussicht heimzukehren noch offen bleibt, so warten wir jetzt in Geduld; ist sie uns genommen, so werden wir dann sehen, was zu thun ist.

– Jedenfalls, betonte Pencroff, verlassen wir die Insel, wenn es einmal geschieht, nicht deshalb, weil es uns hier schlecht ergangen wäre!

– Nein, Pencroff, beruhigte ihn der Ingenieur, nur weil wir fern von Allem sind, was dem Menschenherzen auf der Welt das Theuerste ist, fern von den Unseren, von Freunden, fern vom Heimatlande!«

Nach Klarlegung dieser Verhältnisse dachte man zunächst nicht mehr daran ein Schiff zu erbauen, das groß und seetüchtig genug wäre, entweder nach Norden bis zu den dort verstreuten Inselgruppen, oder nach Westen, bis Neu-Seeland, zu segeln, und beschäftigte sich angesichts der bevorstehenden dritten Ueberwinterung mit den hergebrachten Arbeiten im Granithause.

Auf jeden Fall wurde beschlossen, mittels der Schaluppe noch vor Eintritt allzu ungünstiger Tage eine Umsegelung der ganzen Insel vorzunehmen. Noch waren deren Küsten nicht vollständig erforscht und hatten die Colonisten z.B. von dem zwischen dem Cascadenflusse und den Kiefern-Caps nördlich und westlich verlaufenden Gestade nur eine sehr oberflächliche Kenntniß, ebenso wie von der engen Bucht, welche letztere wie einen Haifischrachen umschlossen.

Der Vorschlag zu diesem Ausfluge ging von Pencroff aus, erfreute sich aber sofort auch der Zustimmung des Ingenieurs, der selbst diesen Theil ihres Gebietes genauer kennen zu lernen wünschte.

Trotz der schon etwas veränderlichen Witterung zeigte das Barometer doch keine zu großen Schwankungen, so daß man wohl auf erträgliches Wetter hoffen durfte. In der ersten Aprilwoche kündigte sich das Steigen der Quecksilbersäule, nach vorausgegangenem bedeutenden Fallen derselben, durch einen kräftigen fünf bis sechs Tage anhaltenden Westwind an; bei 28,° Zoll ( = 759mm,45) wurde die Nadel stationär, und somit schienen die Umstände der Excursion günstig.

Als Tag der Abreise bestimmte man den 16. April und versorgte den im Ballonhafen ankernden Bonadventure mit dem nöthigen, für eine ausgedehntere Fahrt bemessenen Proviant.

Cyrus Smith benachrichtigte auch Ayrton von der bevorstehenden Reise, mit der Einladung, sich ihr anzuschließen; da es dieser aber vorzog auf dem Lande zu bleiben, so einigte man sich dahin, daß er für die Dauer der Abwesenheit seiner Genossen im Granithause Wohnung nehmen sollte. Meister Jup blieb ihm zur Gesellschaft da und erhob dagegen keinerlei Einwendung.

Am Morgen des 16. April schifften sich alle Colonisten in Begleitung Top's ein. Der Wind, eine gute Brise, wehte aus Südwesten und mußte der Bonadventure beim Verlassen des Ballonhafens laviren, um nach dem Schlangenvorgebirge zu gelangen. Von den neunzig Meilen des Inselumfangs kamen zwanzig auf die Südküste von jenem Hafen bis zu dem Vorgebirge. Diese zwanzig Meilen mußte man also möglichst dicht gegen den Wind fahren, da derselbe vollkommen entgegengesetzt blies.

Diese erste Strecke bis zu jenem Landvorsprünge nahm den ganzen Tag in Anspruch, denn beim Verlassen des Hafens kam dem Schiffe die Ebbe nur noch zwei Stunden lang zu statten, während es nachher sechs Stunden lang gegen die Fluth anzukämpfen hatte. So kam die Nacht heran, bis man das Vorgebirge umsegelte.

Pencroff schlug dem Ingenieur vor, mit zwei gerefften Segeln und verminderter Schnelligkeit weiter zu fahren; Cyrus Smith zog es jedoch vor, einige Kabellängen vom Lande entfernt zu ankern, um den nächst anliegenden Küstenstrich bei Tage zu Gesicht zu bekommen. Gleichzeitig wurde, da es eine genaue Erforschung der Küste galt, festgesetzt, in der Nacht überhaupt nicht zu segeln, und also auch am kommenden Abend so nahe am Lande, als Wind und Wetter es gestatten würden, Anker zu werfen.

Die Nacht verbrachte man demnach vor Anker in der Nähe des Vorgebirges, und da auch der Wind sich mit Eintritt der Dunkelheit gelegt hatte, störte nichts die friedliche Ruhe. Die Passagiere, mit Ausnahme des Seemannes, schliefen vielleicht auf dem Bonadventure nicht ganz so gut, als in ihren Betten im Granithause, indeß sie schliefen doch.

Am andern Tage, den 17. April, setzte Pencroff mit Anbruch des Tages Segel bei, und konnte mit voller Leinwand und Backbordhalfen dicht an der Westküste hin fahren.

Die Ansiedler kannten zwar dieses prächtig bewaldete Gestade, da sie schon zu Fuß an seinem Saume gewandert waren, und dennoch erregte es ihre ungetheilte Bewunderung. Sie glitten so nahe als möglich am Lande hin, mäßigten die Schnelligkeit des Schiffes, um Alles ins Auge fassen zu können, und wichen nur einzelnen Baumstämmen aus, welche da und dort umher schwammen. Einige Male warfen sie sogar Anker und Gedeon Spilett nahm etliche Ansichten dieses herrlichen Ufers photographisch auf.

Gegen Mittag war der Bonadventure bei der Mündung des Cascadenflusses angelangt. Ueber diesen hinaus, am rechten Ufer desselben, zeigten sich wiederum Bäume, die jedoch minder dicht standen, und drei Meilen weiter bildeten sie nur noch einzelne Gruppen zwischen den westlichen Ausläufern des Berges, deren unfruchtbare Kämme sich bis zum Ufer erstreckten.

Welch' ein Unterschied zwischen dem südlichen und dem nördlichen Theile dieser Küste. So bewaldet und mit Grün geschmückt die eine war, so rauh und wild erschien die andere! Man hätte eins jener »eisernen Gestade«, wie man sich in manchen Ländern ausdrückt, zu sehen geglaubt, und seine zerrissene Gestaltung schien darauf hinzudeuten, daß hier der in geologischen Zeiten feurig-flüssige Basalt in überstürzter Krystallisation angeschossen sei – ein Wirrwarr von erschreckendem Aussehen, der die Colonisten, wenn sie zufällig auf diese Küste niedergefallen wären, gewiß tief entmuthigt hätte. Bei ihrem Besuche des Franklin-Berges hatten sie den düsteren Charakter dieses Küstenstriches des hohen Standpunktes wegen nicht so deutlich wahrnehmen können; vom Meere aus gesehen bot dieses Gestade aber einen so fremdartigen Anblick, wie er sich wohl kaum in irgend einem Erdenwinkel wiederfinden möchte.

Der Bonadventure passirte die Küste in der Entfernung einer halben Meile. Es war leicht zu erkennen, daß sie aus Blöcken jeder Größe, von zwanzig bis dreihundert Fuß Höhe, und jeder Form bestand, aus cylindrischen und prismatischen Gestalten, welche Thürmen, pyramidalen, welche Obelisken, und leicht konischen, welche Fabrikschornsteinen ähnelten. Das Packeis der nördlichen Meere konnte trotz seiner furchtbaren Schönheit nicht launenhafter unter einander gewürfelt sein! Hier spannten sich Brückenbogen von einem Felsbock zum anderen, dort strebten Spitzbögen wie in einem Kirchenschiffe, dessen Tiefe man nicht absehen konnte, kühn empor; an manchen Stellen zeigten sich Aushöhlungen in wahrhaft monumentalen Verhältnissen, an anderen eine Unmasse von Nadeln, kleinen Pyramiden und Spitzthürmchen in größerer Zahl, als sie je eine gothische Kathedrale schmückten. Alle Launen der Natur, die unsere Phantasie so weit überbietet, waren über diese Uferstrecke verstreut, welche sich zwischen acht bis neun Meilen lang ausdehnte.

Mit einem Erstaunen, das sie sprachlos machte, ließen Cyrus Smith und seine Begleiter ihre Blicke umherschweifen. Doch wenn diese auch stumm blieben, so verhinderte das Top nicht, durch sein Bellen das tausendfache Echo jener Basaltwälle wach zu rufen. Dem Ingenieur wollte es sogar scheinen, als habe sein Gebell dieselbe Eigenartigkeit, wie er es von dem Hunde schon an der Schachtmündung vernommen hatte.

»Legen wir uns noch näher an die Küste«, sagte er.

So nahe als möglich streifte der Bonadventure die Felsen des Ufers.

Vielleicht kam dort eine der genaueren Untersuchung werthe Grotte zum Vorschein? – Doch Cyrus Smith sah nichts dergleichen, keine Höhle, keine Aus buchtung, welche irgend einem lebenden Wesen hätte als Zuflucht dienen können, denn der Fuß der Felsen badete sich überall in dem brandenden Wasser. Bald ließ auch Tops Unruhe nach, und das Schiff entfernte sich wieder auf einige Kabellängen vom Ufer.

Im nordwestlichen Theile der Insel wurde der Strand flach und sandig. Nur selten unterbrachen einzelne Bäume das tiefe, sumpfigere Land, das den Ansiedlern schon bekannt war, und hier bekundete sich wieder, im grellen Gegensatz zu der anderen so verödeten Küste, durch unzählige Wasservögel ein lautes, üppiges Leben.

Gegen Abend ankerte der Bonadventure in einer leichten Einsenkung des Ufers im Norden der Insel, und wegen der hinreichenden Wassertiefe sehr dicht am Lande. Die Nacht verlief friedlich, denn die Brise war so zu sagen eingeschlafen und erwachte erst wieder mit dem Morgenrothe des jungen Tages.

Da sich eine Landung hier unschwer bewerkstelligen ließ, so gingen die concessionirten Jäger der Colonie, nämlich Harbert und Gedeon Spilett, an's Land und kehrten nach mehreren Stunden mit einigen Reihen Enten und Becassinen an Bord zurück. Top errang sich dabei alle Anerkennung, und Dank seiner hurtigen Gewandtheit war keine einzige Jagdbeute verloren gegangen.

Um acht Uhr Morgens setzte der Bonadventure wieder Segel bei und fuhr sehr schnell nordwärts auf das Kiefern-Cap zu, denn nicht nur hatte er den Wind im Rücken, sondern die Brise schien auch auffrischen zu wollen.

»Uebrigens, ließ sich da Pencroff vernehmen, würde es mich gar nicht wundern, wenn ein steiferer Westwind im Anzuge wäre. Gestern ging die Sonne sehr roth unter, und heute zeigen sich da oben ›Windbäume‹, welche nicht viel Gutes weissagen.«

Diese Windbäume bestehen aus langgestreckten, gewissermaßen aufgefaserten Cyrrhuswolken, die über den Zenith verstreut und niemals unter 5000 Fuß über dem Meere anzutreffen sind. Sie ähnelten fast leichten, langgezogenen Wattebäuschchen, und verkündigt deren Auftreten meist einen bevorstehenden Kampf in den Schichten des Luftmeeres.

»Nun, dann wollen wir, sagte Cyrus Smith, so viel Leinwand als möglich geben und den Haifisch-Golf noch zu erreichen suchen. Ich denke, in ihm wird der Bonadventure vollkommen gesichert sein.

– Gewiß, bestätigte Pencroff; zudem besteht die nördliche Küste auch nur aus kaum bemerkenswerthen Sandbänken.

– Ich wäre nicht böse darüber, fügte der Ingenieur hinzu, nicht nur die Nacht, sondern auch den folgenden Tag noch in jener Bai, die gewiß der aufmerksamsten Untersuchung werth ist, zuzubringen.

– Und ich glaube, erwiderte Pencroff, wir werden dazu gezwungen sein, ob wir nun wollen oder nicht, denn im Westen nimmt mir der Himmel ein zu bedrohliches Aussehen an. Sehen Sie nur, wie sich das Gewölk dort zusammen ballt!

– Jedenfalls begünstigt uns jetzt der Wind, um das Kiefern-Cap zu erreichen, bemerkte der Reporter.

– Jetzt ganz ausnehmend, antwortete der Seemann, doch um in den Golf einzulaufen, werden wir laviren müssen, und in jenem mir gänzlich unbekannten Wasser hätte ich gern noch volles Tageslicht.

– Ja, das Wasser dort mag wohl reich an Klippen sein, fügte Harbert hinzu, wenn man nach dem urtheilt, was wir auf der Südseite des Haifisch-Golfs gesehen haben.

– Sie werden Ihr Bestes thun, Pencroff, fiel Cyrus Smith ein, wir vertrauen ganz auf Sie!

– Seien Sie ruhig, Herr Cyrus, antwortete der Seemann, ich werde mich nicht unnöthig einer Gefahr aussetzen! Lieber einen Messerstich in's eigene lebende Fleisch, als einen Felsenstoß gegen das meines Bonadventure!«

Unter dem lebenden Fleisch des Schiffes verstand Pencroff den im Wasser gehenden Theil seines Rumpfes, und den hütete Pencroff mehr als die eigene Haut!

»Wie viel Uhr ist es? fragte er.

– Um zehn Uhr, antwortete Gedeon Spilett.

– Und wie weit haben wir noch bis zum Cap, Herr Cyrus?

– Gegen fünfzehn Meilen.

– Das ist eine Sache von zwei und einhalb Stunden, sagte darauf der Seemann; zwischen zwölf und ein Uhr schwimmen wir dem Cap gegenüber. Leider wechseln dann gerade die Gezeiten und veranlaßt die Ebbe eine scharfe Strömung aus dem Golfe. Wind und Wasser entgegen dürfte es uns wohl schwer werden, in jenen einzufahren.

– Zumal, da wir heute Vollmond haben, setzte Harbert hinzu, und die Fluth im April gewöhnlich eine sehr hohe ist.

– Können wir aber nicht an der Spitze des Caps vor Anker gehen? fragte Cyrus Smith.

– Mit der Nase am Land liegen bei dem drohenden schlechten Wetter! rief der erfahrene Seemann. Wo denken Sie hin, Herr Cyrus? Das hieße sich freiwillig auf den Strand setzen wollen!

– Nun, und was denken Sie zu thun?

– Ich will versuchen, mich bis zum Eintritt der Fluth, also bis gegen sieben Uhr, in der offenen See zu halten, und wenn es dann noch hell genug wäre, die Einfahrt in den Golf zu ermöglichen; wenn nicht, werden wir die Nacht über kreuzen und mit Sonnenaufgang hineinsegeln.

– Ich wiederhole Ihnen, Pencroff, antwortete der Reporter, daß wir uns ganz und gar auf Sie verlassen.

– Ja, wenn auf dieser Küste, versetzte Pencroff, noch ein Leuchtthurm stände, das wäre für die Seefahrer sehr angenehm.

– Gewiß, fügte Harbert hinzu; und heute haben wir keinen zuvorkommenden Ingenieur dort, der ein Feuer entzündete, um uns zum Hafen zu leiten.

– Ah, da fällt mir ein, lieber Cyrus, sagte Gedeon Spilett, daß wir Ihnen dafür noch nicht einmal unseren Dank abgestattet haben, und offen gestanden, wäre es uns ohne jenes Feuer nie gelungen ...

– Ein Feuer? fragte Cyrus Smith, höchlichst erstaunt über die Rede des Reporters.

– Das heißt, Herr Cyrus, fiel Pencroff ein, wir befanden uns die letzten Stunden vor unserer Rückkehr an Bord des Bonadventure in nicht geringer Verlegenheit, und hätten die Insel unter dem Winde passirt, wenn Sie nicht die Vorsorge gebrauchten, in der Nacht vom 19. zum 20. October auf dem Plateau über dem Granithause ein Signalfeuer zu unterhalten.

– Ach, richtig! Das war damals doch ein glücklicher Gedanke, antwortete der Ingenieur.

– Heute aber, fuhr der Seemann fort, wenn Ayrton nicht zufällig darauf verfällt, wird Niemand zur Hand sein, uns diesen kleinen Dienst zu leisten.

– Nein! Kein Mensch!« erwiderte Cyrus Smith.

Wenig später, als er sich im Vordertheile des Schiffes mit dem Reporter allein befand, neigte er sich zu dessen Ohre und sagte:

»Wenn Etwas in der Welt gewiß ist, Spilett, so ist es das, daß ich in der Nacht vom 19. zum 20. October weder auf dem Plateau des Granithauses, noch irgendwo auf der Insel ein Feuer angesteckt hatte!«