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Immer für sich. – Eine Frage des Unbekannten. – Die Meierei bei der Hürde. – Seit zwölf Jahren. – Der Quartiersmeister der Britannia. – Ausgesetzt auf der Insel Tabor. – Die Hand Cyrus Smith's. – Das geheimnißvolle Document.

Diese letzten Worte rechtfertigten die Ahnungen der Ansiedler. Das Leben des Unglücklichen umschloß eine furchtbare Vergangenheit, die Jener in den Augen der Menschen wohl gesühnt hatte, für die ihm sein Gewissen aber die Absolution noch immer, verweigerte. Jedenfalls quälten den Sünder Gewissensbisse und bereute er gewiß tief; aber er fühlte sich noch nicht würdig, seine Hand, welche die neuen Freunde so gern in herzlicher Dankbarkeit gedrückt hätten, ehrenwerthen Leuten entgegen zu strecken! Mindestens kehrte er nach dem Auftritte mit dem Jaguar nicht wieder in die Wälder zurück, sondern verweilte nun beständig im Bereiche des Granithauses.

Was betraf wohl jenes Geheimniß seines Lebens? Würde er sich einmal darüber aussprechen? – Das mußte die Zukunft lehren. Jedenfalls hielt man an dem Vorsatze fest, es ihm auf keine Weise entlocken zu wollen, und mit ihm zu leben, so als ob man keinerlei Verdacht hegte.

Einige Tage lang verfloß das gemeinschaftliche Leben in gewohnter Weise. Cyrus Smith und Gedeon Spilett arbeiteten, bald als Chemiker, bald als Mechaniker, einträchtig mit einander. Von der Seite des Ingenieurs wich der Reporter nur dann, wenn er mit Harbert der Jagd obliegen wollte, da es nicht gerathen erschien, den jungen Mann allein und ohne Unterstützung die Wälder durchstreifen zu lassen. Auch für Nab und Pencroff fehlte es, heute in den Ställen und auf dem Hühnerhofe, morgen in der Viehhürde, die Tagesgeschäfte im Granithause gar nicht zu erwähnen, niemals an Arbeit.

Der Unbekannte war stets für sich allein thätig und hatte seine gewohnte Lebensweise wieder aufgenommen, nahm an den Mahlzeiten keinen Antheil, schlief unter den Bäumen des Plateaus und ging jeder Berührung mit den Anderen ängstlich aus dem Wege. Die Gesellschaft seiner Erretter aus der schrecklichen Verlassenheit schien ihm noch immer unerträglich.

»Warum hat er dann aber, bemerkte Pencroff, Hilfe durch Nebenmenschen gesucht? Warum jenes Schriftstück dem Meere anvertraut?

– Das wird er uns noch mittheilen, behauptete Cyrus Smith immer wieder.

– Aber wann?

– Vielleicht eher, als Sie es glauben, Pencroff.«

Und wirklich, der Tag der Geständnisse war nicht mehr fern.

Am 10. December, eine Woche nach dessen Rückkehr zum Granithause, sah Cyrus Smith den Unbekannten auf sich zukommen.

»Ich hätte wohl eine Frage an Sie, begann er mit sanfter Stimme und unterwürfigem Tone.

– Sprechen Sie, erwiderte der Ingenieur, doch zuvor lassen Sie auch mich eine Frage stellen.«

Bei diesen Worten übergoß den Unbekannten eine dunkle Röthe, und schon war er nahe daran, wieder umzukehren. Cyrus Smith begriff, was in der Seele des Schuldbewußten vorgehen mochte, der ohne Zweifel eine Frage über seine Vergangenheit zu hören fürchtete.

Der Ingenieur hielt ihn mit der Hand zurück.

»Kamerad, wendete er demnach seine Worte, wir Anderen sind nicht allein Ihre Schicksalsgenossen, sondern auch Ihre Freunde. Das war es, was ich Ihnen vorher an's Herz zu legen wünschte, und nun sprechen Sie, – ich höre!«

Der Unbekannte strich mit der Hand über die Augen. Ein Zittern durchschauerte ihn, so daß er einige Zeit keine Silbe hervorzubringen vermochte.

»Mein Herr, stotterte er endlich, ich komme, Sie um eine Gnade zu bitten.

– Um welche?

– Am Fuße eines Berges, gegen vier bis fünf Meilen von hier, besitzen Sie eine Hürde für Ihre Hausthiere. Diese Thiere bedürfen der Pflege. Wollen Sie mir gestatten, mit jenen da unten zu leben?«

Voll tiefen Mitgefühles ruhte der Blick des Ingenieurs eine Zeit lang auf dem bedauernswerthen Mann.

»Die Hürde, guter Freund, antwortete er ihm dann, enthält nur Ställe, kaum für die Thiere geeignet ...

– O, für mich genügt das, mein Herr!

– Lieber Freund, fuhr Cyrus Smith fort, wir werden Ihren Wünschen niemals entgegentreten. Gefällt es Ihnen, sich in der Nähe der Hürde aufzuhalten, nun wohl, so sei es. Natürlich werden Sie im Granithause jederzeit willkommen sein. Da Sie aber bei der Hürde wohnen wollen, so werden wir die nöthigen Einrichtungen für Ihren Aufenthalt daselbst treffen.

– Das verlangt nicht viel, ich werde mit Wenigem auskommen.

– Mein Freund, erwiderte Cyrus Smith mit absichtlicher Wiederholung dieser vertraulichen Anrede, Sie werden doch unserem Urtheile überlassen, zu thun, was in dieser Hinsicht nöthig erscheint.

– Ich danke im Voraus, mein Herr!« antwortete der Unbekannte und zog sich wieder zurück.

Der Ingenieur setzte seine Gefährten sogleich von dem ihm gemachten Vorschlag in Kenntniß, und man beschloß, neben der Hürde ein hölzernes, mit möglichster Bequemlichkeit auszustattendes Häuschen zu errichten.

Noch an demselben Tage verfügten sich die Colonisten unter Mitnahme der nöthigen Werkzeuge an Ort und Stelle, und noch vor Ablauf der Woche stand das Häuschen bereit, seinen Insassen aufzunehmen. Es war etwa zwanzig Schritte von den Ställen in einer Lage errichtet, welche die Ueberwachung der bis auf etwa vierhundert Häupter angewachsenen Heerde erleichtern mußte. Einiges Mobiliar, eine Lagerstätte, ein Tisch, eine Bank, ein Schrank und ein Koffer wurden gezimmert, und Waffen, Munition und Werkzeuge nach dem Neubau übergeführt.

Noch hatte der Unbekannte seine neue Behausung nicht gesehen, und deren Herstellung den Ansiedlern allein überlassen, während er immer auf dem Plateau, wie sich später ergab, in der Absicht arbeitete, seine begonnenen Erdarbeiten auch zu Ende zu führen. Und wirklich zeigte sich, Dank seinem Fleiße, das ganze Ackerland umgegraben und bis zum Einsäen fertig gestellt.

Am 20. December waren die Einrichtungen an der Viehhürde beendigt. Der Ingenieur theilte also dem Unbekannten mit, daß seine Wohnung bereit sei, und dieser erwiderte, daß er dann schon die kommende Nacht daselbst zuzubringen gedenke.

Im Hauptzimmer des Granithauses saßen die Ansiedler am Abend zusammen; es war um acht Uhr, – die Stunde, da ihr Gefährte sie verlassen sollte. Eben, da sie Jenem nicht lästig fallen und durch ihre Anwesenheit vielleicht zu einem ihn schwer ankommenden Abschiednehmen veranlassen wollten, hatten sie ihn allein gelassen und sich nach der Wohnung hinausbegeben.

Nur wenige Worte waren daselbst gewechselt worden, als es leise an die Thüre klopfte und gleich darauf der Unbekannte eintrat.

»Bevor ich Sie verlasse, meine Herren, begann er ohne Umschweif, wird es gut sein, daß Sie meine Geschichte kennen lernen. Zu diesem Zwecke sehen Sie mich hier.«

Diese einfachen Worte machten auf Cyrus Smith und die Uebrigen begreiflicher Weise einen tiefgehenden Eindruck.

Der Ingenieur erhob sich.

»Wir fragen Sie nach Nichts, mein Freund, sagte er. Sie haben das Recht zu schweigen ...

– Nein, die Pflicht zu reden.

– So setzen Sie sich.

– Ich werde stehen bleiben.

– Wir sind bereit, Sie anzuhören«, antwortete Cyrus Smith.

Der Unbekannte verhielt sich, etwas durch das Halbdunkel geschützt, mehr in einer Ecke des Zimmers. Entblößten Hauptes und mit über der Brust gekreuzten Armen stand er da, und so sprach er auch, wie Einer, der sich Gewalt anthut, zu sprechen. Ohne von ihnen je unterbrochen zu werden, theilte er den lauschenden Zuhörern das Folgende mit:

»Am 12. December 1854 warf eine Dampfyacht, der Duncan, im Besitze eines schottischen Lords, des Lord Glenarvan, an der Westküste Australiens unter dem 37. Grade der Breite, nahe dem Cap Bernouilli, Anker. An Bord dieser Yacht befanden sich Lord Glenarvan, seine Gemahlin, ein Major der englischen Armee, ein Geograph aus Frankreich, endlich ein junges Mädchen und ein Knabe. Letztere waren die Kin der eines Kapitän Grant, dessen Schiff ein Jahr vorher gescheitert war. Der Duncan stand unter dem Befehle des Kapitän John Mangles und führte eine Besatzung von fünfzehn Mann.

Erwähnte Yacht erschien nun aus folgendem Grunde zu jener Zeit an der Küste Australiens:

Sechs Monate vorher schwamm im irischen Meere eine Flasche, mit einem englisch, deutsch und französisch abgefaßten Documente darin, die der Duncan auffischte. Das Document meldete, daß aus dem Schiffbruche der Britannia Drei gerettet seien, jener Kapitän Grant und zwei von der Mannschaft, welche Ueberlebenden auf einem Lande Zuflucht gefunden hatten, dessen geographische Breitenlage es sicher angab, während die Bezeichnung der Längengrade, durch eingesickertes Meerwasser verwischt, ganz unleserlich erschien.

Jene Angabe bezeichnete 37°11' südlicher Breite. Da die Länge unbekannt blieb, so mußte man bei Verfolgung des 37. Grades quer durch die Länder und über die Meere auch das von Kapitän Grant und seinen beiden Gefährten bewohnte Land antreffen.

Bei der Zögerung, Nachforschungen seitens der englischen Admiralität anzustellen, beschloß Lord Glenarvan, den Kapitän auf eigene Faust zu suchen. Mary und Robert Grant hatten sich mit ihm in Einvernehmen gesetzt. Die Yacht Duncan wurde für eine weite Reise ausgerüstet, an der die Familie des Lords und die Kinder des Kapitäns Theil nehmen sollten; so verließ der Duncan Glasgow, durchschnitt den Atlantischen Ocean und die Magellansstraße, dampfte im Pacifischen Ocean wieder nordwärts bis zu einem Küstenpunkte Patagoniens, wo man nach einer ersten Auslegung des lückenhaften Documentes den Kapitän in der Gefangenschaft der Eingeborenen vermuthete.

Der Duncan setzte einen Theil seiner Passagiere an der Westküste Patagoniens aus, und wendete dann, um sie auf der Ostküste bei Cap Corrientes wieder aufzunehmen.

Immer der 37. Parallele folgend durchzog Lord Glenarvan Patagonien, und schiffte sich am 13. November, nachdem er auch keine Spur des Kapitäns entdeckt hatte, wieder ein, um seine Nachforschungen quer über den Ocean weiter fortzusetzen.

Nach einem erfolglosen Besuche der in seinem Curse liegenden Inseln Tristan d'Acunha und Amsterdam gelangte der Duncan nach dem erwähnten Cap Bernouilli, an der Küste Neu-Hollands.

Lord Glenarvan's Absicht ging dahin, Australien, ebenso wie es in Amerika geschehen, auf dem Landwege zu durchreisen. Einige Meilen von der Küste befand sich eine irländische Farm, deren Gastfreundschaft die Reisenden genossen. Lord Glenarvan äußerte sich gegen den Irländer über den Zweck, der ihn in diese Gegend geführt habe, und fragte diesen, ob ihm etwas über einen englischen Dreimaster, Britannia, der vielleicht an der Westküste Australiens zu Grunde gegangen, zu Ohren gekommen sei.

Der Irländer hatte nie von einem Schiffbruche, wenigstens nicht in der von dem Lord angedeuteten Zeit, etwas gehört; zu größtem Erstaunen der Umstehenden mischte sich da Einer der Dienstleute des Irländers ein und sagte:

Mylord, loben und danken Sie Gott! Wenn Kapitän Grant überhaupt noch lebt, so ist es auf australischem Boden.

– Wer sind Sie? fragte der Lord.

– Ein Schotte wie Sie, Mylord, antwortete der Mann, und einer aus der Mannschaft des Kapitän Grant, ein Schiffbrüchiger von der Britannia.«

»Dieser Mann nannte sich Ayrton. Er war in der That, was auch seine Papiere nachwiesen, Quartiermeister auf der Britannia gewesen. Aber, in dem Augenblicke, als das Fahrzeug an den Klippen zerschellte, von dem Befehlshaber desselben getrennt, hatte er stets geglaubt, sein Kapitän Grant sei mit der gesammten Mannschaft umgekommen, und er, Ayrton, sei der einzige Ueberlebende von der Britannia.

– Allein, fügte Jener hinzu, nicht an der westlichen, sondern an der östlichen Küste Australiens ist die Britannia zu Grunde gegangen, und wenn Kapitän Grant, wie das Document ja annehmen läßt, noch am Leben ist, so befindet er sich in den Händen von Eingeborenen, und jedenfalls wird er an der entgegengesetzten Küste aufzusuchen sein.«

»Die sichere Stimme und der ruhige Blick des Mannes ließen an der Wahrheit seiner Worte keinen Zweifel aufkommen. Der Irländer, in dessen Diensten er seit einem Jahre stand, trat auch noch für ihn ein. Lord Glenarvan vertraute seiner Ehrlichkeit und wurde dabei nur noch mehr in dem Vorsatze bestärkt, Australien längs des 37. Parallelkreises zu durchziehen. Lord Glenarvan nebst Gemahlin, der Major, die beiden Kinder, der Franzose und Kapitän Mangles nebst etlichen Matrosen bildeten die fernerhin von Ayrton geführte kleine Gesellschaft, während der Duncan unter dem Befehl des zweiten Officiers nach Melbourne segeln und dort Lord Glenarvan's weitere Instructionen abwarten sollte.

Am 23. December 1854 setzte sich die Karawane in Bewegung.

Hier muß ich nun bemerken, daß jener Ayrton ein Verräther war. In Wahrheit früher Quartiermeister der Britannia, hatte er in Folge einiger Zwistigkeiten mit dem Kapitän die Mannschaft aufzuwiegeln und sich des Schiffes selbst zu bemächtigen gesucht. Dafür hatte ihn Kapitän Grant am 8. April 1852 an der Westküste Australiens an's Land gebracht und zurückgelassen; – gewiß ein ganz berechtigter Act der Nothwehr.

Der Elende wußte also bis dahin von dem Schiffbruche der Britannia noch gar nichts; erst aus Lord Glenarvan's Erzählung erfuhr er davon. Seit seiner Aussetzung aber hatte er sich unter dem Namen Ben Joyce zum Führer einer Bande entsprungener Sträflinge aufgeworfen, und wenn er keck behauptete, den Ort des Schiffbruches an der Ostküste zu kennen, wenn er Lord Glenarvan noch ermunterte, sich nach jener Richtung zu begeben, so trieb ihn dazu die im Stillen gehegte Hoffnung, denselben von seinem Schiffe zu trennen, sich in den Besitz des Duncan zu setzen und aus der Yacht ein Piratenschiff zu machen.«

Hier unterbrach sich der Unbekannte selbst einen Augenblick. Seine Stimme war unsicher geworden, doch fuhr er in seinem Berichte fort:

»Die Expedition brach also auf und schlug den Weg quer durch das südliche Australien ein. Sie hatte natürlich mit mancherlei Unfällen zu kämpfen, da Ayrton, oder Ben Joyce, wie man ihn eben nennen will, sie anführte und ihr die Bande Deportirter, welche von dem auszuführenden Coup unterrichtet war, bald vorausschwärmte, bald nachfolgte.

Inzwischen war der Duncan zum Zwecke der Ausbesserung einiger leichter Havarien nach Melbourne abgegangen. Jetzt kam es also darauf an, durch Lord Glenarvan den Befehl zu erwirken, daß das Schiff Melbourne verlassen und sich nach der Ostküste begeben sollte, wo es leicht sein mußte, sich desselben zu bemächtigen. Nachdem die Gesellschaft ziemlich nahe an jene Küste, aber tief in unwirthliche Wälder geführt war, in denen ihr endlich alle Hilfsquellen versiegten, sollte Ayrton einen Brief zur Besorgung an den zweiten Officier des Duncan übernehmen, mit dem Befehle, die Yacht sofort nach der Twofold-Bai an der Ostküste, d.h. einige Tagereisen von der Stelle hinzuführen, an der die Expedition Halt gemacht hatte. Das war aber auch der von Ayrton und seinen Mitwissern verabredete Ort des Zusammentreffens.

Gerade in dem Augenblicke, da jener Brief ihm eingehändigt werden sollte, wurde der Verräther entlarvt, und vermochte nur mit knapper Noth zu entfliehen. Den Brief aber, der den Duncan in seine Hand zu liefern versprach, mußte er um jeden Preis erlangen. Das gelang ihm, und nach zwei Tagen kam er damit in Melbourne an.

Bis hierher hatte der Verbrecher gesiegt. Er glaubte nun den Duncan nach der erwähnten Twofold-Bai führen zu können, wo sich seine Raubgefährten desselben bemächtigen und nach Ermordung der Mannschaften Ben Joyce zum Herrn dieser Meere machen würden ... Aber Gott sollte die Ausführung seiner verderblichen Pläne kreuzen.

In Melbourne übergab Ayrton den Brief dem zweiten Officier, Tom Austin, der davon Kenntniß nahm und das Schiff segelfertig machen ließ:

wer beschreibt aber die Enttäuschung und Wuth Ayrton's, als er am Tage nach der Abfahrt erfuhr, daß der zweite Officier das Schiff nicht nach der Ostküste Au straliens, sondern nach der Neu-Seelands führte. Er wollte dem widersprechen, Tom Austin wies ihm den Brief vor! ... Wahrhaftig! Durch einen wie von der Vorsehung beabsichtigten Irrthum des französischen Geographen, der den Brief aufgesetzt hatte, bezeichnete dieser die Ostküste Neu-Seelands als Bestimmungsort.

Alle Pläne Ayrtons waren hiermit zerrissen. Er versuchte sich aufzulehnen. Man schloß ihn ein. So wurde er mit nach der Küste Neu-Seelands genommen, ohne sagen zu können, was mit seinen Raubgenossen, noch was mit Lord Glenarvan geschehen werde.

Bis zum 3. März kreuzte der Duncan hier in der Nähe der Küste. An diesem Tage vernahm Ayrton einige Detonationen. Die Karonaden des Duncan waren es, welche Feuer gaben, und bald darauf kamen Lord Glenarvan und alle die Seinen an Bord.

Der Hergang der Sachen in der Zwischenzeit war folgender:

Nach tausend Strapazen und tausend Gefahren hatte Lord Glenarvan seine Reise fortsetzen können und die Ostküste Australiens an der Twofold-Bai erreicht. Kein Duncan zeigte sich! Er telegraphirt nach Melbourne. Man antwortet ihm: ›Duncan am 18. dieses, unbestimmt wohin, abgefahren.‹

Lord Glenarvan konnte nichts Anderes glauben, als daß die prächtige Yacht in Ben Joyce's Hände gefallen und nun ein Seeräuberschiff geworden sei!

Trotz alledem dachte Lord Glenarvan, ein unerschrockener und edelmüthiger Charakter, nicht daran, dem eigentlichen Zwecke seiner ganzen Reise untreu zu werden. Er schiffte sich auf einem Kauffahrer nach der Westküste Neu-Seelands ein und durchzog auch dieses Land, immer auf demselben Breitegrade, ohne von Kapitän Grant nur das Geringste aufzuspüren; an der entgegengesetzten Küste jedoch fand er zu seinem größten Erstaunen und wie durch himmlische Fügung den Duncan wieder, der unter Befehl des zweiten Officiers seiner schon seit fünf Wochen harrte!

Das begab sich also am 3. März 1855. Lord Glenarvan befand sich wieder an Bord des Duncan, aber Ayrton ebenfalls. Dieser erschien vor dem Lord, welcher von ihm jede mögliche Auskunft über das, was er von Kapitän Grant wußte, zu erlangen suchte. Ayrton verweigerte es, zu sprechen. Lord Glenarvan eröffnete ihm in Folge dessen, daß man ihn bei der nächsten Landung den britischen Behörden überantworten werde. Ayrton blieb stumm.

Der Duncan folgte wiederum seinem von dem 37. Breitegrade vorgezeichneten Curse. Inzwischen unternahm es Lady Glenarvan, den Widerstand des Banditen zu brechen. Ihrem Einflusse gelang es, und Ayrton schlug als Belohnung für das, was er überhaupt sagen könne, Lord Glenarvan vor, ihn statt der beabsichtigten Auslieferung an die Seebehörden auf einer der Inseln im Pacifischen Oceane auszusetzen. Lord Glenarvan, dem es vor Allem am Herzen lag, etwas über das Schicksal des Kapitän Grant zu erfahren, gab seine Zustimmung.

Ayrton erzählte nun seinen ganzen Lebenslauf, blieb aber beharrlich dabei, daß er von dem Kapitän seit dem Tage, da er von ihm an der Küste Australiens ausgesetzt wurde, Nichts wisse.

Nichtsdestoweniger hielt Lord Glenarvan sein gegebenes Wort. Der Duncan setzte seine Reise fort und kam bei der Insel Tabor an. Dort wurde denn Ayrton ausgeschifft, ebendaselbst fand man aber auch durch einen wunderbaren Zufall den Kapitän Grant mit seinen beiden Leuten genau auf dem 37. Breitegrade wieder. Der Verbrecher sollte jetzt auf dem verlassenen Eilande an deren Stelle treten; und an ihn richtete Lord Glenarvan bei der Abfahrt der Yacht noch folgende Worte:

– ›Hier, Ayrton, werden Sie von jedem Lande entfernt und außer aller Verbindung mit Menschen sein. Wunder ereignen sich nur selten, und wenn der Duncan abgesegelt ist, werden Sie diese Insel nicht mehr verlassen können. Sie werden allein sein, nur unter den Augen Gottes, der auch in den Falten der Herzen liest, aber Sie werden nicht verloren oder Ihr Aufenthalt unbekannt sein, wie es mit Kapitän Grant der Fall war. So unwerth Sie des Andenkens der Menschen sein mögen, so werden doch Einige sich Ihrer erinnern. Ayrton, ich weiß, wo Sie sind, wo Sie aufzufinden sind – ich werde das nie vergessen!‹

Der Duncan setzte Segel bei und verschwand bald am Horizonte.

Man schrieb damals den 15. März 1855.1

Ayrton war allein, doch fehlte es ihm weder an Waffen, Werkzeugen noch an Sämereien. Für ihn, den Verbrecher, stand jetzt das von dem ehrenwerthen Kapitän Grant erbaute Haus bereit. Hier sollte er sein schmachbeladenes Leben fortführen und in der Vereinsamung büßen, was er verbrochen hatte.

Meine Herren, er bereute gewiß, er schämte sich seiner Verbrechen tief, und war recht, recht unglücklich! Er nahm sich vor, wenn Menschen ihn dereinst auf seinem Eilande wieder aufsuchen sollten, der Rückkehr unter sie wieder werth zu sein! O, wie litt er, der Elende! Wie war er rastlos thätig, um sich durch die Arbeit zu läutern! Wie betete er inbrünstig um seine innere Wiedergeburt!

Zwei, drei Jahre flossen auf diese Weise dahin; niedergeschlagen durch die fürchterliche Einsamkeit, immer auslugend, ob ein Schiff wohl innerhalb des Horizontes seiner Insel erscheine, sich fragend, ob die Zeit seiner Buße bald erfüllt sei, litt er wohl mehr, als je ein Anderer! O, wie entsetzlich ist diese Verlassenheit für eine von Gewissensbissen gemarterte Seele!

Noch schien es dem Himmel aber nicht der Strafe genug für den Unglücklichen, welcher es selbst fühlte, daß er nach und nach zum Wilden wurde! Immer mehr verfiel er der Erniedrigung zum Thiere. Er kann Ihnen nicht sagen, ob das nach zwei oder drei Jahren der Verlassenheit war, daß er zu dem Elenden wurde, als welchen Sie ihn auffanden!

Ich brauche wohl nicht ausdrücklich hinzuzufügen, meine Herren, daß Ben Joyce oder Ayrton und ich – ein und dieselbe Person sind!«

Cyrus Smith und die Anderen hatten sich gegen Ende dieses Berichtes erhoben; ihre Erregtheit ließe sich nur schwer schildern, als sich so viel Elend, so viele Qual und Verzweiflung vor ihren Augen enthüllte.

»Ayrton, begann endlich Cyrus Smith, Sie waren einst ein schwerer Verbrecher, doch der Himmel muß es wissen, daß Sie auch schrecklich gebüßt haben, – er hat es dadurch bewiesen, daß er Sie wieder in menschliche Gesellschaft gelangen ließ. Ihnen ist Verzeihung geworden, Ayrton! Wollen Sie nun unser Genosse sein?«

Ayrton war zurückgetreten.

»Hier meine Hand!« sagte der Ingenieur.

Hastig ergriff Ayrton die dargebotene Rechte, und heiße Thränen rannen aus seinen Augen.

»Wollen Sie nun in Gemeinschaft mit uns leben? fragte Cyrus Smith.

– Gönnen Sie mir noch einige Frist, erwiderte Ayrton, lassen Sie mich jetzt noch allein in dem Hause bei der Hürde wohnen.

– Ganz wie Sie wollen, Ayrton«, antwortete Cyrus Smith.

Ayrton wollte sich schon zurückziehen, als der Ingenieur noch eine letzte Frage an ihn richtete:

»Ein Wort noch, mein Freund. Da es Ihre Absicht war, für sich zu leben, warum haben Sie das Document in's Meer geworfen, das uns auf Ihre Spuren führte?

– Ein Document? antwortete Ayrton verwundert, der nicht zu verstehen schien, wovon die Rede war.

– Ja wohl, jenes in einer Flasche eingeschlossene Document, welches wir auffanden, und das die genaue Lage der Insel Tabor angab.«

Ayrton strich, wie um sich zu entsinnen, mit der Hand über die Stirne und sagte:

»Ich habe niemals ein solches Document in's Meer geworfen.

– Niemals? fragte Pencroff.

– Niemals!«

Ayrton verneigte sich ein wenig und verschwand durch die Thür.