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Ein zu ergründendes Geheimniß. – Des Unbekannten erste Worte. – Zwölf Jahre auf dem Eilande. – Unwillkürliche Geständnisse. – Verschwunden! – Cyrus Smith's Vertrauen. – Errichtung einer Mühle. – Das erste Brod. – Aufopferung. – Die ehrliche Hand.

Ja, der Unglückliche hatte geweint! Gewiß war irgend welche Erinnerung durch seinen Geist gezogen und er, wie Cyrus Smith sich ausdrückte, durch die Thränen wieder zum Menschen geworden.

Die Colonisten überließen ihn auf dem Plateau eine Zeit lang sich selbst und entfernten sich sogar etwas von ihm, um ihn fühlen zu lassen, daß er frei sei; er dachte jedoch offenbar gar nicht daran, sich diese Freiheit zu Nutze zu machen, und Cyrus Smith beschloß also, ihn nach dem Granithause zurückzuführen.

Zwei Tage nach dieser Scene schien sich der Unbekannte der allgemeinen Lebensweise etwas mehr anschließen zu wollen. Es unterlag keinem ferneren Zweifel, daß er hörte und die Sprache verstand, auch daß er mit auffallender Hartnäckigkeit es vermied, mit den Colonisten zu reden, denn eines Abends, als Pencroff an seiner Kammer lauschte, hörte er seinen Lippen die Worte entschlüpfen:

»Nein! Hier nicht! Niemals!«

Der Seemann vermeldete diese Worte seinen Genossen.

»Darunter steckt ein schmerzliches Geheimniß!« sagte Cyrus Smith.

Der Unbekannte hatte angefangen, sich der Arbeitsgeräthe zu bedienen, und suchte sich im Gemüsegarten zu beschäftigen. Wenn er, was häufig vorkam, seine Arbeit unterbrach, blieb er wie ganz in sich selbst zurückgezogen stehen; auf Empfehlung des Ingenieurs aber zollte man seiner Sucht nach Einsamkeit die nöthige Rücksicht.

Denn wenn einer der Colonisten sich ihm näherte, wich er scheu zurück, und tiefe Seufzer schwellten seine Brust, als ob sie übervoll wäre.

War es das böse Gewissen, das ihn quälte? Man konnte es wohl glauben, und Gedeon Spilett veranlaßte das eines Tages zu der Bemerkung:

»Wenn er nicht spricht, so denke ich, geschieht es deshalb, weil er zu schwere Geständnisse zu machen hätte!«

Man mußte sich eben in Geduld fassen und die weitere Entwickelung abwarten.

Einige Tage später, am 3. December, stand der Unbekannte, der auf dem Plateau arbeitete, wiederum plötzlich still und hatte seinen Spaten zur Erde fallen lassen; Cyrus Smith, der ihn aus einiger Entfernung beobachtete, sah nochmals Thränen seinen Augen entquellen. Ein unwiderstehliches Gefühl von Mitleid trieb ihn zu Jenem hin, und seine Hand leicht auf dessen Arm legend, sagte er:

»Mein Freund!«

Der Blick des Unbekannten schien ihm auszuweichen, und als Cyrus Smith gar seine Hand fassen wollte, wich er scheu zurück.

»Mein Freund, wiederholte Cyrus Smith mit fester Stimme, sehen Sie mich an, ich wünsche es!«

Der Unbekannte hob die Augen auf und schien dem Einflusse des Ingenieurs zu erliegen, wie etwa der Magnetisirte dem des Magnetiseurs. Er wollte fliehen. Dann ging in seinem Gesicht eine merkbare Veränderung vor. Seine Augen sprühten Blitze. Auf seinen Lippen drängten sich die Worte; er konnte sie nicht zurückhalten. Endlich kreuzte er die Arme und begann mit dumpfer Stimme:

»Wer sind Sie? wendete er sich an den Ingenieur.

– Schiffbrüchige so wie Sie, antwortete der Ingenieur in tiefer Erregung. Wir haben Sie hierher gebracht unter Ihresgleichen.

– Unter Meinesgleichen! .... Ich habe Niemand Meinesgleichen!

– Sie befinden sich unter Freunden ....

– Freunde? .... Ich ... unter Freunden! rief der Unbekannte und barg den Kopf in den Händen. Nein, niemals ... lassen Sie mich! Lassen Sie mich!«

Dann wendete er sich nach der Seite des Plateaus, die nach dem Meere hinaus lag, und verweilte lange Zeit bewegungslos.

Cyrus Smith hatte seine Genossen wieder aufgesucht und berichtete ihnen, was vorgegangen war.

»Ja, durch das Leben dieses Mannes schlingt sich ein Geheimniß, sagte Gedeon Spilett, und mir scheint, er ist nur auf dem Wege der Gewissensbisse zur Menschlichkeit zurückgekehrt.

– Mir ist es noch unklar, welche Art von Menschen wir hierher gebracht haben, sagte der Seemann. Da sind Geheimnisse ....

– Denen wir jede Rücksicht schenken werden, fiel Cyrus Smith lebhaft ein. Wenn er einen Fehler begangen, so hat er ihn grausam gebüßt und in unseren Augen ist er entsühnt.«

Zwei Stunden lang blieb der Unbekannte allein, offenbar unter dem Einflusse der Erinnerungen, die – vielleicht ein erschreckendes Panorama – vor seinem Geiste vorüberziehen mochten, und die Colonisten unterließen es auch, trotzdem sie ihn nicht aus den Augen verloren, seine Einsamkeit zu stören.

Nach jener Zeit schien er aber zu einem Entschlusse gekommen zu sein und suchte Cyrus Smith selbst auf. Seine Augen waren von vergossenen Thränen geröthet, doch weinte er jetzt nicht mehr.

Ueber seiner ganzen Erscheinung lag eine tiefe Betrübniß. Er schien furchtsam, beschämt, ganz zusammengesunken, und immer hielt er den Blick zur Erde gesenkt.

»Mein Herr, sagte er zu Cyrus Smith, Sie und Ihre Begleiter, sind Sie Engländer?

– Nein, erwiderte der Ingenieur, wir sind Amerikaner.

– Ah so!« antwortete der Unbekannte und setzte halblaut die Worte hinzu:

»Das ist mir lieber!

– Und Sie, mein Freund? fragte der Ingenieur.

– Engländer«, erwiderte er hastig.

Und als ob ihm schon diese wenigen Worte zu sprechen schwer geworden wären, entfernte er sich und durchschritt in höchster Erregung das Uferland von dem Wasserfalle bis zur Mündung der Mercy

Dann, als er einmal nahe an Harbert vorbei kam, fragte er diesen mit eigenartiger Stimme:

»Welchen Monat haben wir?

– December, antwortete Harbert'

– Welches Jahr?

– 1866.

– Zwölf Jahre! rief er da aus, zwölf lange Jahre!«

Dann verließ er den jungen Mann eiligst Harbert hatte diese Fragen und die letzte Antwort den Ansiedlern mitgetheilt.

»Dieser Unglückselige, sagte Gedeon Spilett, war weder über Monat noch Jahreszahl unterrichtet.

– Ja, fügte Harbert hinzu, und zwölf Jahre schon bewohnte er das Eiland, als wir ihn auffanden.

– Zwölf Jahre! wiederholte Cyrus Smith, o, zwölf Jahre der Einsamkeit, vielleicht nach einem Leben, dessen Erinnerung noch quält, sind wohl im Stande, eines Menschen Vernunft zu rauben!

– Ich halte dafür, fiel Pencroff ein, daß dieser Mann nicht in Folge eines Schiffbruches nach der Insel Tabor gekommen, sondern wegen eines begangenen Verbrechens daselbst ausgesetzt worden ist.

– Sie können wohl Recht haben, Pencroff, bemerkte der Ingenieur, und wenn dem so ist, erscheint es nicht unmöglich, daß die, welche ihn zurückließen, einst wiederkommen, um ihn zu suchen.

– Und jetzt finden sie ihn nicht wieder, sagte Harbert.

– Aber dann, meinte Pencroff, müßte man ihn zurückschaffen, und ....

– Besprechen wir diese Frage nicht, meine Freunde, nahm Cyrus Smith das Wort, bevor wir noch gar nicht wissen, woran wir sind. Ich für meinen Theil glaube, daß jener Unglückliche gelitten, daß er etwa begangene Fehltritte grausam gebüßt hat und das Bedürfniß, sein Herz auszuschütten, noch jetzt schwer auf ihm lastet. Wir wollen ja vermeiden, ihn irgendwie zur Erzählung seiner Geschichte zu veranlassen! Er wird das von selbst thun, und wenn wir sie kennen gelernt, dann mag entschieden werden, was etwa zu beginnen sei. Er allein vermag uns darüber Aufschluß zu geben, ob er noch Hoffnung, noch sichere Aussicht hat, einmal sein Vaterland wiederzusehen; doch zweifle ich daran.

– Und weshalb? fragte der Reporter.

– Weil er für den Fall einer gewissen, nach bestimmter Zeit bevorstehenden Befreiung die Stunde wohl ruhig abgewartet und nicht dieses Document dem Meere anvertraut haben würde. Nein, es ist viel wahrscheinlicher, daß er verurtheilt war, auf dem Eilande zu sterben und Seinesgleichen niemals wiederzusehen.

– Eines aber, fiel der Reporter ein, vermag ich mir noch nicht zu erklären.

– Und das wäre?

– Wenn jener Mann seit zwölf Jahren schon auf der Insel Tabor ausgesetzt war, so kann man wohl annehmen, daß er auch schon längere Zeit in dem Zustande der Verwilderung gewesen ist, in welcher wir ihn fanden.

– Wahrscheinlich, antwortete Cyrus Smith.

– Dann müßte das Document aber nothwendiger Weise schon vor mehreren Jahren geschrieben sein.

– Ohne Zweifel .... und dennoch erschien die Schrift noch ziemlich frisch! ....

– Und wie sollte man überdies glauben, daß die jenes Document enthaltende Flasche mehrere Jahre gebraucht habe, um von der Insel Tabor nach der Insel Lincoln zu gelangen?

– Das ist nicht unbedingt unmöglich, meinte der Reporter. Konnte sie nicht schon lange in dem Gewässer um die Insel treiben?

– Nein, erwiderte Pencroff, denn sie schwamm ja noch. Man kann nicht einmal annehmen, daß sie vielleicht mehr oder weniger lange Zeit auch auf dem Ufer gelegen habe, denn von dort würde sie die Fluth bald weggespült und an den benachbarten Klippen der Küste zerschellt haben.

– Wirklich, so ist es, antwortete Cyrus Smith, der träumerisch seinen Gedanken nachhing.

– Und endlich, fuhr der Seemann fort, wenn das Document mehrere Jahre alt und ebenso in der Flasche eingeschlossen wäre, müßte es durch die Feuchtigkeit gelitten haben. Davon sahen wir aber nichts, im Gegentheil befand es sich im besten Zustande.«

Der Gedankengang des Seemannes erschien vollständig richtig; auch hier standen sie also einer unerklärbaren Thatsache gegenüber, da das Schriftstück noch sehr jungen Datums zu sein schien, als es gefunden wurde. Uebrigens enthielt es die genauen Angaben von Länge und Breite der Insel Tabor, was ziemlich eingehende Kenntnisse seitens des Verfassers in der Hydrographie voraussetzte, die ein einfacher Seemann nicht wohl haben konnte.

»Hierunter verbirgt sich wieder ein undurchsichtiges Geheimniß, sagte der Ingenieur, doch auch deshalb wollen wir unseren neuen Genossen nicht etwa zum Sprechen veranlassen. Wenn er es einst selbst will, werden wir bereit sein, ihn anzuhören.«

Auch im Laufe der folgenden Tage sprach der Unbekannte kein Wort und verließ niemals die Grenzen des Plateaus. Er bearbeitete, ohne einen Augenblick zu versäumen oder sich eine Minute Erholung zu gönnen, den Erdboden, aber stets in gemessener Entfernung von den Andern. Auch zur Stunde der Mahlzeiten verfügte er sich trotz wiederholter Aufforderung niemals nach dem Granithause, sondern begnügte sich damit, einige rohe Gemüse zu verzehren. Selbst mit anbrechender Nacht suchte er das ihm angewiesene Zimmer nicht auf, sondern lagerte sich unter einer Baumgruppe oder verbarg sich bei schlechtem Wetter in einer Aushöhlung der Felsen.

So lebte er also auf dieselbe Art weiter, wie zur Zeit, als er auf der Insel Tabor kein anderes Obdach kannte, als die Wälder, und da alle Versuche, ihn zu einer Aenderung seiner Lebensweise zu veranlassen, vergeblich blieben, so ergaben sich die Colonisten darein, geduldig zu warten. Endlich aber kam der Augenblick, wo er von seinem Gewissen unwiderstehlich und unwillkürlich gedrängt, einige schreckliche Geständnisse machte.

Am 10. November gegen acht Uhr Abends, als schon die Dunkelheit hereinbrach, näherte sich der Unbekannte plötzlich und unerwartet den Colonisten, die in der Veranda versammelt saßen. Seine Augen sprühten Feuer und seine ganze Erscheinung hatte die ursprüngliche Wildheit wieder angenommen.

Cyrus Smith und seine Genossen waren auf das Höchste erstaunt, als sie sahen, wie seine Zähne, ähnlich wie bei einem fiebernden Kranken, in auffallendster Erregung klapperten. Was mochte ihm fehlen? Wurde ihm der Anblick der Menschen unerträglich? Hatte er das Leben unter ehrlicher Gesellschaft wieder überdrüssig? Erfaßte ihn eine Art Heimweh nach seinem verwilderten Zustande? Man hätte es wohl glauben mögen, als er folgende unzusammenhängende Sätze herausstieß:

»Warum bin ich hier? ... Mit welchem Rechte habt Ihr mich meinem Eilande entführt? ... Kann es ein Band geben, das uns umschlänge? ... Wißt Ihr, wer ich bin? ... Was ich gethan habe, ... warum ich da unten war ... allein? Und wer sagt Euch, daß man mich dort nicht absichtlich verlassen hat ... daß ich nicht verdammt war, dort zu sterben? ... Kennt Ihr meine Vergangenheit? ... Wißt Ihr denn, ob ich nicht vielleicht gestohlen, oder gar gemordet habe? ... Ob ich nicht ein Schurke bin ... ein Verfluchter ... gut genug, um wie ein wildes Thier zu leben ... fern von Allen ... sprecht ... wißt Ihr das? ...«

Ohne ihn zu unterbrechen lauschten die Colonisten seinen Worten, als ihm diese halben Geständnisse wider Willen entfuhren. Cyrus Smith wollte ihn beruhigen, indem er sich ihm näherte, doch Jener wich scheu und schnell zurück.

»Nein! Nein! sagte er Ein einzig Wort ... bin ich frei?

– Sie sind frei, antwortete der Ingenieur.

– Dann lebt wohl!« rief er und entfloh wie ein Wahnsinniger.

Nab, Pencroff und Harbert eilten sogleich nach dem Saume des Waldes, doch sie kehrten allein zurück.

»Man muß ihn gewähren lassen, sagte Cyrus Smith.

– Der kommt niemals wieder ... meinte Pencroff.

– Er wird wiederkommen«, versicherte der Ingenieur.

Wohl so mancher Tag verging, aber Cyrus Smith – war es eine Art Ahnung? – beharrte bei der Ansicht, daß der Unglückliche früher oder später wiederkehren werde.

»Das war der letzte Ausbruch der Wildheit seiner Natur, sagte er, welche die Gewissensbisse nicht in Ruhe ließen, und die eine wiederholte Einsamkeit vollends ersticken wird«.

Inzwischen wurden die verschiedensten Arbeiten rüstig fortgesetzt, ebenso auf dem Plateau der Freien Umschau, wie an der Viehhürde, neben der der Ingenieur eine vollständige Farm anzulegen gedachte. Selbstverständlich waren die durch Harbert von der Insel Tabor mitgebrachten Sämereien mit aller Sorgfalt ins Land gebracht worden. Das Plateau verwandelte sich nach und nach in einen ausgedehmen Gemüsegarten, dessen Instandhaltung die Arme der Colonisten nicht zum Feiern kommen ließ, denn da gab es immer zu arbeiten. Entsprechend der Vermehrung und Vervielfältigung der Anpflanzungen mußten die früheren Beete jetzt vergrößert werden, so daß sie bald wirkliche Felder bildeten und Wiesengründe verdrängten. An Futter war auch in anderen Theilen der Insel kein Mangel, und die Quagga's brauchten nie zu fürchten, es zu spärlich zugetheilt zu erhalten. Uebrigens erschien es vortheilhaft, das Plateau der Freien Umschau als Gemüsegarten zu bewirthschaften, weil es durch die tiefen Wasserläufe ringsum geschützt wurde, und die Wiesen, welche keines besonderen Schutzes gegen Vierhänder oder Vierfüßler bedurften, nach Außen zu verlegen

Am 15. November verschritt man zur dritten Ernte. Wie hatte sich die Oberfläche des Feldes ausgedehnt, seit vor achtzehn Monaten das erste Korn gesteckt wurde! Die zweite Ernte von 600,000 Körnern ergab jetzt 1000 Scheffel, d.h. mehr als 500 Millionen Körner! Die Ansiedelung war nun reich an Getreide, denn schon die Einsaat von etwa zehn Scheffeln reichte ja hin, den nöthigen Erntebetrag jedes Jahr sicher zu stellen, und Alle, Menschen und Thiere, zu ernähren.

Die Ernte wurde also eingebracht, und man verwandte die letzte Hälfte des Monats November auf die Vorarbeiten zur Brodbereitung.

Denn wohl besaß man jetzt das Getreide, aber noch lange nicht das Mehl, welches die Errichtung einer Mühle nöthig machte. Cyrus Smith hätte zu dieser wohl den zweiten Wasserfall, der sich in die Mercy stürzte, als Motor benutzen können – man erinnere sich, daß der erste schon zur Bewegung der Walkmühle diente – doch nach reiflicher Ueberlegung entschied man sich dahin, auf dem Plateau der Freien Umschau eine einfache Windmühle herzustellen. Die Construction der einen war nicht mit größeren Schwierigkeiten verknüpft, als die der anderen, und man war ja sicher, daß der Wind auf diesem den Seewinden ausgesetzten Plateau niemals fehlen werde.

»Ohne zu veranschlagen, sagte Pencroff, daß eine Windmühle weit lustiger aussieht und in der Landschaft einen hübschen Effect hervorbringt.«

Man begann also das Werk mit der Auswahl der zu den Wänden und dem Mechanismus nöthigen und geeigneten Bäume. Einige große Sandsteine, welche im Norden des Sees gefunden wurden, konnten sehr leicht zu Mühlsteinen verwendet werden, während die unerschöpfliche Ballonhülle den nöthigen Stoff für die Flügel lieferte.

Cyrus Smith entwarf die Pläne, und als Platz für die Mühle bestimmte man eine rechts vom Hühnerhofe, nahe dem Ufer des Sees gelegene Stelle. Das ganze Gebäude sollte auf einem Zapfen ruhen, um dasselbe sammt dem Mechanismus je nach der Richtung des Windes drehen zu können.

Diese Arbeit wurde schnell vollendet. Nab und Pencroff hatten sich zu sehr geschickten Zimmerleuten ausgebildet und brauchten sich nur nach dem von dem Ingenieur gezeichneten Aufriß zu richten.

So erhob sich denn bald an der erwählten Stelle eine Art Schilderhaus mit zugespitztem Dache. Die vier Rahmen, welche die Flügel bilden sollten, wurden in einem gewissen Winkel haltbar in dem Wellbaum befestigt und durch eiserne Klammern gesichert. Auch die verschiedenen Theile des inneren Mechanismus, der Behälter für die Mühlsteine, den Läufer und den Ruhestein, der Trichter, eine Art oben weiteren, unten engeren Troges, durch den das Getreide auf die Steine herabfallen sollte; ferner der oscillirende Schuh, der das Durchsinken der Körner regelte und dem sein ewiges Ticktack den Namen des »Schwätzers« eingebracht hat; endlich das Sieb, durch dessen Bewegung die Kleie von dem Mehle gesondert wird, alles Das wurde ohne Mühe fertig gestellt. Die Werkzeuge waren ja gut und die Arbeit nicht allzu schwierig, denn Alles in Allem sind die Bestandtheile einer Mühle sehr einfacher Natur. Das Ganze war nur eine Frage der Zeit.

Jedermann hatte sich bei der Arbeit, die am 1. December beendet wurde, nach Kräften betheiligt.

Wie immer zeigte sich Pencroff über sein Werk ganz entzückt, und zweifelte gar nicht daran, daß es die erwünschten Dienste leisten werde.

»Nun einen guten Wind, sagte er, und wir werden bald unsere erste Ernte in Mehl verwandeln.

– Einen guten Wind, ja, antwortete der Ingenieur doch keinen zu starken, Pencroff.

– Ei was, dann wird sich unsere Mühle nur schneller drehen!

– Eine gar zu große Geschwindigkeit ist nicht nöthig, belehrte ihn Cyrus Smith. Man weiß aus Erfahrung, daß die größte Leistungsfähigkeit einer Mühle dann erzielt wird, wenn die Anzahl der von den Flügeln in einer Minute gemachten Umdrehungen das Sechsfache von der Anzahl Fuße ist, welche der Wind in einer Secunde zurücklegt. Bei einer mäßigen Brise von etwa vierundzwanzig Fuß Geschwindigkeit per Secunde machen die Flügel etwa sechzehn Touren in der Minute, und das ist übrig genug.

– Nun denn, rief Harbert, eben weht ein ganz passender Nordwest, der uns gleich zu Statten kommen soll!«

Man hatte keinen Grund, die Ingangsetzung der Mühle zu verzögern, denn die Colonisten alle drängte es, das erste Stück Brod von der Insel Lincoln zu kosten. Noch im Laufe des Morgens dieses Tages wurden also zwei bis drei Scheffel Getreide gemahlen, und am anderen Tage paradirte denn zum Frühstücke ein prächtiger Laib Brod auf dem Tische im Granithause, das freilich, trotzdem der Teig mit Bierhefen angesetzt worden war, noch etwas fest erschien. Jedermann versuchte seine Zähne daran, und man kann sich denken, mit welchem Vergnügen.

Der Unbekannte war auch bis jetzt nicht wiedergekommen. Wiederholt hatten Gedeon Spilett und Harbert den Wald in der Umgebung des Granithauses durchstreift, ohne ihn selbst oder nur eine Spur von ihm zu treffen. Diese verlängerte Abwesenheit flößte ihnen doch allgemach etwas Angst ein. Zwar konnte der wilde Mann von der Insel Tabor in den wildreichen Gegenden des fernen Westens wegen der Nahrungsmittel nicht in Velegenheit kommen, lag aber nicht die Befürchtung nahe, daß er seine alten Gewohnheiten wieder annähme und dieses zügellose Umherschweifen seine thierischen Instincte wieder anfachte? Nur Cyrus Smith beharrte in einer Art Vorgefühl bei dem Glauben, daß der Flüchtling einst wiederkehren werde.

»Ja, ja, er bleibt ganz gewiß nicht aus, wiederholte er mit einem Vertrauen, das seine Genossen nicht theilen konnten. So lange der Unglückliche noch auf der Insel Tabor lebte, wußte er sich allein! Hier weiß er, daß Andere seiner warten! Da der arme bußfertige Sünder schon die Hälfte seines Lebens erzählt hat, wird er wiederkommen, um das Weitere mitzutheilen, und von dem Tage an wird er unser sein!«

Die nächste Zukunft sollte Cyrus Smith Recht geben.

Am 3. December hatte Harbert das Plateau der Freien Umschau verlassen, um am südlichen Ufer des Sees zu fischen. Er war ganz unbewaffnet, und bisher hatte man auch keine Veranlassung zu besonderen Vorsichtsmaßregeln gehabt, da sich gefährlichere Thiere in diesem Theile der Insel niemals zeigten.

Zu gleicher Zeit arbeiteten Pencroff und Nab im Hühnerhofe, während Cyrus Smith und der Reporter in den Kaminen mit der Zubereitung von Soda beschäftigt waren, da der Vorrath an Seife zu Ende ging.

Plötzlich erscholl ein ängstlicher Hilferuf.

»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Hierher!«

Cyrus Smith und der Reporter hatten es der großen Entfernung wegen nicht hören können; Pencroff und Nab aber verließen eiligst den Hühnerhof und eilten nach dem See zu.

Noch vor ihnen aber übersprang der Unbekannte, dessen Anwesenheit in der Nähe Niemand vermuthet hatte, den Glycerin-Fluß, der das Plateau vom Walde trennte.

Dort stand Harbert einem fürchterlichen Jaguar, ähnlich dem im Schlangenvorgebirge erlegten, gegenüber. Vor Schrecken starr, drückte er sich gegen einen Baum, während das Thier zusammenkroch, um sich auf ihn zu stürzen .... Da warf sich der Unbekannte, mit keiner anderen Waffe als einem Messer versehen, der Bestie entgegen, die sich nun gegen den neuen Feind wandte.

Der Kampf währte bei der ungewöhnlichen Kraft des Unbekannten nur kurze Zeit. Mit mächtiger Hand, die wie eine Scheere einschnitt, hatte er den Jaguar, ohne der Tatzenschläge des Thieres zu achten, die ihm das Fleisch zerrissen, an der Kehle erfaßt und bohrte ihm mit der Hand das Messer bis an's Heft in's Herz.

Der Jaguar fiel zusammen. Der Unbekannte schob ihn noch mit einem Fußtritte fort und wollte eben wieder davon eilen, als die Colonisten den Schauplatz erreichten, und Harbert, sich an ihn anklammernd, noch ausrief:

»Nein! Nein! Sie dürfen nicht wieder fort!«

Auch Cyrus Smith trat jetzt an den Unbekannten heran, dessen Stirn sich schon bei dieser Annäherung runzelte. Von seiner Schulter floß das Blut durch die zerrissene Jacke, doch er schien das nicht zu beachten.

»Mein Freund, redete Cyrus Smith ihn an, Sie haben uns Pflichten der Dankbarkeit auferlegt. Um unser Kind zu retten, haben Sie Ihr Leben eingesetzt!

– Mein Leben! murmelte der Unbekannte. Welchen Werth hat es denn? Weniger als gar keinen!

– Sie sind verletzt?

– Das thut nichts.

– Wollen Sie mir die Hand reichen?«

Und als Harbert die Hand ergreifen wollte, der er seine Rettung verdankte, kreuzte der Unbekannte die Arme auf der schwer arbeitenden Brust, sein Blick verschleierte sich wieder und er schien fliehen zu wollen; doch mit merkbarer Selbstüberwindung stieß er die Worte hervor:

»Wer sind Sie, und was glauben Sie mir gegenüber zu sein?«

Zum ersten Male machte er eine Anspielung, die Geschichte der Colonisten erfahren zu wollen. Vielleicht hielt er nachher auch mit der seinigen nicht zurück.

Mit wenigen Worten theilte ihm Cyrus Smith Alles mit, was sich seit ihrer Abfahrt aus Richmond ereignet hatte, wie sie sich geholfen, und welche Hilfsquellen ihnen jetzt zu Gebote ständen.

Der Unbekannte lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.

Dann sagte ihm der Ingenieur, wer sie Alle seien, Gedeon Spilett, Harbert, Pencroff, Nab, er selbst und fügte hinzu, daß die größte Freude seit ihrer Ankunft auf Lincoln die gewesen sei, bei der Rückkehr von dem Eilande einen Genossen mehr zählen zu können.

Bei diesen Worten erröthete Jener, sein Kopf sank auf die Brust herab, und eine auffallende Verwirrung bemächtigte sich seiner ganzen Person.

»Und jetzt, da Sie uns kennen, begann Cyrus Smith wieder, werden Sie uns nun Ihre Hand reichen?

– Nein, antwortete der Unbekannte mit dumpfer Stimme, nein! Sie, Sie sind ehrliche Leute! Ich aber ...«