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Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 9. Käpitan Sand
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Der erste Eindruck, den die Passagiere des »Pilgrim« angesichts dieser schauerlichen Katastrophe hatten, war der des Mitleids und des Schreckens.

Sie dachten zunächst an nichts Anderes als an den schrecklichen Tod des Kapitän Hull und seiner fünf Seeleute. Jene entsetzliche Scene spielte sich ja sozusagen unter ihren Augen ab, ohne daß sie im Stande gewesen wären, etwas zur Rettung zu unternehmen. Sie vermochten ja nicht einmal rechtzeitig einzutreffen, um ihre unglücklichen verwundeten Gefährten aufzunehmen und den festen Rumpf des »Pilgrim« den furchtbaren Schlägen des Jubart entgegenzustellen. Kapitän Hull und seine Leute waren auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Als die Brigg-Goëlette nach der Unglücksstelle kam, fiel Mrs. Weldon in die Kniee und erhob die Hände gen Himmel.

»Laßt uns beten!« sagte die gottesfürchtige Frau.

Sie zog den kleinen Jack zu sich, der weinend neben seiner Mutter niederkniete. Das arme Kind begriff Alles. Dick Sand, Nan, Tom und die anderen Neger standen nun gesenkten Hauptes rings um die Dame. Alle sprachen das Gebet der Mrs. Weldon nach, in dem sie Gottes Allgüte Diejenigen empfahl, welche jetzt vor sein Antlitz treten sollten.

Dann wendete sich Mrs. Weldon an ihre Umgebung.

»Und nun, meine Freunde, sagte sie, flehen wir den Himmel an um Muth und Kraft für uns selbst.«

Gewiß konnten sie nicht innig genug Den um sei nen Beistand anflehen, der ja Alles vermag – ihre Lage war wohl ernst und schwer genug dazu.

Das Schiff, welches sie trug, entbehrte ja nun des Kapitäns, der es leitete, und der Mannschaft, die es bediente. Es befand sich nahezu in der Mitte des ungeheuren Pacifischen Oceans, Hunderte von Meilen von jedem Lande entfernt, ein Spielball der Wogen und Winde.

Welch' unseliges Verhängniß hatte doch diesen Walfisch dem »Pilgrim« in den Weg geführt? Welch' Verhängniß den sonst so vorsichtigen, nun so unglücklichen Kapitän Hull verführt, seine Ladung vervollständigen zu wollen? Welche sonst in den Annalen der Großfischerei so seltene Katastrophe war hier hereingebrochen, bei der es nicht einmal möglich wurde, auch nur einen einzigen Matrosen aus der Jolle zu retten!

Ja, hier waltete ein furchtbares Verhängniß!

An Bord des »Pilgrim« befand sich nun kein Seemann mehr!

Doch – ein einziger, Dick Sand, aber er war nur Leichtmatrose, ein junger Mann von fünfzehn Jahren!

Kapitän, Steuermann, Matrosen, man kann kurz sagen, die ganze Besatzung des Schiffes vereinigte sich in seiner Person.

An Bord befand sich eine reisende Dame, eine Mutter nebst ihrem Sohne, deren Anwesenheit die jetzige Situation nur noch schwieriger erscheinen ließ.

Daneben waren wohl einige Neger, recht tüchtige und gute Menschen vorhanden, die auch die beste Absicht beseelte, zu thun, was ihnen befohlen würde, aber leider verstanden diese vom Seewesen so gut wie gar nichts.

Dick Sand stand mit gekreuzten Armen bewegungslos da und starrte nach der Stelle, an der Kapitän Hull untergegangen war, womit er selbst ja seinen zärtlich geliebten väterlichen Freund und Beschützer verlor. Dann irrten seine Augen über den weiten Horizont, um ein Schiff zu suchen, das er hätte um Hilfe angehen oder dem er wenigstens Mrs. Weldon nebst ihrem Sohne hätte übergeben können.

Er selbst wollte den »Pilgrim« natürlich auf keinen Fall verlassen, ohne dessen Heimführung nach einem amerikanischen Hafen versucht zu haben. Aber Mrs. Weldon und ihr Kind wären doch in Sicherheit gewesen, und er hätte für diese beiden Wesen, denen er mit Leib und Seele ergeben war, nicht mehr zu sorgen, nichts mehr für sie zu fürchten gehabt.

Der Ocean war verlassen. Seit dem Verschwinden des Jubarts unterbrach kein einziger Punkt mehr die glatte Wasserfläche. Rings um den »Pilgrim« nichts als Himmel und Wasser. Der junge Leichtmatrose wußte es nur zu gut, daß er sich außerhalb der von den Kauffahrern eingehaltenen Route befand, und daß die anderen Walfischfänger jetzt noch sehr weit von ihm in den Fischgründen verweilten.

Jetzt blieb indeß nichts übrig, als der thatsächlichen Lage muthig in's Gesicht zu sehen und die Dinge zu nehmen, wie sie eben standen. Dick Sand that das und bat Gott inbrünstig um seinen gnädigen Beistand.

Was war nun wohl zu thun?

In diesem Augenblicke erschien Negoro wieder auf dem Verdeck, das er seit der Katastrophe verlassen hatte. Niemand hätte zu sagen vermocht, was dieses räthselhafte Wesen gegenüber jenem unerwarteten Unglücksfalle empfand. Er hatte der entsetzlichen Scene zugesehen, ohne sein gewohntes Schweigen zu brechen. Gierig war sein Auge jeder Einzelheit derselben gefolgt. Hätte aber Jemand dabei Zeit gehabt, ihn zu beobachten, er würde erstaunt gewesen sein, zu bemerken, daß sich auch nicht ein Muskel seines fast versteinerten Gesichtes dabei rührte. Ebenso schien er es gar nicht gehört zu haben, als die fromme Mrs. Weldon die Uebriggebliebenen aufforderte, für das Seelenheil der Verunglückten zu beten.

Negoro begab sich nach dem Hinterdeck, wo Dick Sand bewegungslos dastand. Er blieb drei Schritt vor ihm stehen.

»Haben Sie etwas mit mir zu sprechen? fragte Dick Sand.

– Ich habe nur mit Kapitän Hull zu reden, antwortete Negoro, und im Falle dieser nicht da wäre, mit dem Hochbootsmann Howick.

– Sie werden recht gut wissen, daß Beide umgekommen sind, erwiderte der Leichtmatrose unwillig.

– Wer commandirt also jetzt an Bord? fragte Negoro sehr unverschämt?

– Ich! antwortete Dick Sand ohne Zögern.

– Sie! murmelte Negoro achselzuckend. Ein Kapitän von fünfzehn Jahren!

– Ein Kapitän von fünfzehn Jahren, gewiß!« wiederholte Dick Sand und ging auf den Küchenmeister zu.

Dieser wich zurück.

»Vergessen Sie das niemals! fiel da Mrs. Weldon ein. Es ist nur ein Kapitän hier... der Kapitän Sand, und Jeder wird gut thun, zu wissen, daß er diesem zu gehorchen hat!«

Negoro verneigte sich und ging, noch einige unverständliche Worte murmelnd, nach seinem Posten zurück.

Dick Sand's Entschluß war also gefaßt.

Inzwischen hatte die Brigg-Goëlette unter auffrischender Brise die Crustaceenmasse schon hinter sich gelassen.

Dick Sand prüfte die Segelstellung. Dann glitten seine Augen über das Verdeck hinweg. Es kam ihm jetzt das Gefühl, als müsse er, gegenüber der ungeheuren Verantwortlichkeit, die in Zukunft auf ihm lastete, nothwendiger Weise auch die Kraft in sich finden, diese zu tragen. Er wagte es sogar, alle die Ueberlebenden des »Pilgrim« anzusehen, deren Augen jetzt an ihm hingen. Und da er aus ihren Blicken erkannte, daß er auf sie zählen könne, so sagte er ihnen auch mit wenigen Worten, daß sie auf ihn rechnen dürften.

Dick Sand hatte sich selbst ganz aufrichtig geprüft.

Fühlte er sich auch im Stande, mit Hilfe Tom's und seiner Genossen die Segel je nach den Umständen richtig zu stellen und zu handhaben, so besaß er offenbar doch nicht alle nothwendigen Kenntnisse, um den jeweiligen Ort des Schiffes durch Rechnung zu bestimmen.

Nach vier oder fünf weiteren Jahren hätte Dick Sand gewiß alles Nöthige gründlich gekannt. Er hätte sich des Sextanten zu bedienen gewußt, den Kapitän Hull täglich gebrauchte, um die Höhe der Gestirne zu messen. Er hätte am Chronometer die Zeit des Meridians von Greenwich abgelesen, und daraus mittels des Stundenwinkels die geographische Länge feststellen können. Der Mond, die Planeten hätten ihm gesagt: Da, auf diesem Punkte des Oceans befindet sich Dein Schiff! Das Firmament, auf dem die Gestirne sich bewegen wie die Zeiger einer vollkommenen Uhr, welche kein Stoß in Unordnung bringen kann und deren Sicherheit eine absolute ist, dieses Firmament würde ihm die Zeit und die Entfernung gelehrt haben! Durch astronomische Beobachtungen hätte er, wie das sein Kapitän täglich vornahm, den Ort, auf dem der »Pilgrim« segelte, bis auf eine (See-) Meile genau feststellen und damit ebenso den schon zurückgelegten wie auch den einzuschlagenden Weg bestimmen können.

Jetzt freilich erfuhr er seinen Weg eigentlich nur durch Schätzung, d.h. aus der durch das Log gemessenen und am Compaß beobachteten Route, bei der noch die Abtrift durch die Strömung in Rechnung zu ziehen war.

Und dennoch zögerte er nicht.

Mrs. Weldon begriff, was in dem muthigen Herzen des jungen Leichtmatrosen vorging.

»Ich danke, Dick, sagte sie mit fester Stimme. Kapitän Hull ist nicht mehr! Seine ganze Mannschaft ist mit ihm zu Grunde gegangen! Das Schicksal des Schiffes ruht jetzt in Deinen Händen! Dick, Du wirst das Fahrzeug retten nebst Allen, die es trägt.

– Ja, Mistreß Weldon, antwortete Dick Sand, ja, mit Gottes Hilfe will ich es versuchen.

– Tom und seine Begleiter sind wackere Leute, auf welche Du unbedingt bauen kannst.

– Ich weiß es, ich denke noch Seeleute aus ihnen zu machen, so daß wir zusammen arbeiten können. Bei gutem Wetter dürfte das nicht allzu schwer sein. Bei schlechtem Wetter... nun bei schlechtem Wetter werden wir eben kämpfen und Sie dennoch retten, Mistreß Weldon, Sie und Ihren kleinen Jack, Alle! Ja, ich fühle, daß es gelingen wird...«

Dann setzte er noch einmal hinzu:

»Mit Gottes Hilfe!

– Und nun, Dick, kannst Du wissen, in welcher Position der »Pilgrim« sich befindet? fragte die Dame.

– Ganz leicht, antwortete der Leichtmatrose, ich brauche ja nur die Karte einzusehen, auf welcher Kapitän Hull noch bis gestern die Lage des Schiffes eingezeichnet hat.

– Und wirst Du die Brigg in eine günstige Richtung bringen können?

– Ja, ich denke sie genau nach Osten, fast direct auf den Punkt zu richten, den wir in Amerika anlaufen sollen.

– Du siehst indeß wohl ein, Dick, fuhr Mrs. Weldon fort, daß dieser Unfall die früheren Absichten verändern konnte und sogar mußte. Nun handelt es sich nicht mehr darum, Valparaiso anzulaufen. Unser Bestimmungsort ist jetzt der nächstgelegene Hafen Amerikas.

– Gewiß, Mistreß Weldon, bestätigte der Leichtmatrose. Seien Sie unbesorgt. Die amerikanische Küste, welche sich so tief nach Süden hinabzieht, können wir nicht verfehlen.

– Wo liegt dieselbe? fragte Mrs. Weldon.

– Dort, in dieser Richtung, belehrte sie Dick Sand, mit dem Finger nach Osten weisend, wozu er den Compaß in Anspruch nahm.

– Schön, Dick; mögen wir nun in Valparaiso oder in einem anderen Hafen an's Land kommen, das thut nichts; die Hauptsache ist, überhaupt an's Land zu kommen.

– Das werden wir, Mistreß Weldon, erklärte der Leichtmatrose zuversichtlich, ich werde Sie sicher ausschiffen. Wenn wir uns dem Lande nähern, hoffe ich auch einem der dort zahlreichen Küstenfahrer zu begegnen. O, Mistreß Weldon, der Wind scheint nach Nordwest umzuschlagen – gebe Gott, daß er so bleibt, dann werden wir schnell vorwärts kommen. Dann spannen wir alle Leinwand aus und fangen ihn vom Deck bis zur Dick Sand sprach mit der Zuversicht eines Seemannes, der ein gutes Schiff unter seinen Füßen fühlt und es in jeder Lage zu beherrschen weiß. Er ergriff das Steuerruder und rief die Leute zusammen, um die Segel passend zu richten, als ihn Mrs. Weldon erinnerte, daß er vor Allem die Lage des »Pilgrim« feststellen möge.

In der That erschien das am nöthigsten. Dick Sand begab sich in das Zimmer des Kapitäns, um die Karte zu holen, auf welcher der gestrige Stand des Schiffes eingezeichnet war. Er konnte damit Mrs. Weldon zeigen, daß die Brigg-Goëlette sich unter 43°45' der Breite und 164°13' der Länge befand, denn seit gestern hatte sie so gut wie gar keine Fahrt gemacht.

Mrs. Weldon hatte sich über die Karte gebeugt. Sie betrachtete die bräunliche Schattirung, welche das Land an der rechten Seite des weiten Oceans darstellte. Das war die Küste Südamerikas, der ungeheure, zwischen den Atlantischen und den Pacifischen Ocean vorgeschobene Erdwall, vom Cap Horn an bis zu den Küsten Columbiens. Betrachtete man diese Karte, wie sie so hier ausgebreitet lag und auf der man einen ganzen Großen Ocean übersah, so glaubte man, daß es ein Leichtes sein müsse, die Passagiere des »Pilgrim« wieder heimzuführen. Es beruht auf einer Täuschung, der Jeder ohne Ausnahme verfällt, welcher sich den verjüngten Maßstab, in dem diese Seekarten ausgeführt sind, nicht vorzustellen gewöhnt ist. Und in der That schien es auch Mrs. Weldon, als müsse das Land fast in Sicht sein, wie es das auf diesem Stück Papier war.

Und doch wäre der »Pilgrim« mitten in diese weiße Fläche und in demselben Maßstabe gezeichnet, kleiner erschienen, als die kleinsten mikroskopischen Infusorien! Gleich einem mathematischen Punkte ohne meßbare Dimensionen hätte man den »Pilgrim« für verloren ansehen müssen, wie er es in der Wasserwüste des Stillen Oceans auch wirklich war.

Dick Sand hatte nicht dieselbe Empfindung wie Mrs. Weldon. Er kannte die ungeheure Entfernung jeden Landes, zu deren Messung Hunderte von Meilen nicht ausreichten. Doch sein Entschluß stand fest; die Verantwortlichkeit hatte ihn zum Manne gemacht!

Die Zeit zu handeln war gekommen; die auffrischende Brise aus Nordwest mußte benutzt werden. Der ungünstige Wind hatte einem recht günstigen Platz gemacht und einige in Form der Cyrrhi über den Himmel verstreute Wolken deuteten auf eine gewisse Ausdauer desselben hin.

Dick Sand rief Tom und seine Begleiter herbei.

»Meine Freunde, begann er, unser Schiff hat keine andere Besatzung mehr als Euch. Ohne Eure Hilfe vermag ich es nicht zu führen. Ihr seid zwar keine Seeleute, habt aber tüchtige Arme. Leiht sie dem Dienste des »Pilgrim« und wir werden mit ihm segeln können. Unser Aller Heil hängt davon ab, daß Alles an Bord gut von statten gehe.

– Herr Dick, antwortete Tom, meine Begleiter und ich, wir sind Ihre Matrosen. An gutem Willen soll es uns nicht fehlen. Alles was Menschen ausführen können, wird geschehen, wie Sie befehlen.

– Gut gesprochen, alter Tom, sagte Mrs. Weldon.

– Gewiß, fuhr Dick Sand fort, doch hier gilt es klug zu sein, und ich werde nicht überflüssiger Weise Segel beisetzen, um weniger Gefahr zu laufen. Etwas weniger Schnelligkeit, dafür aber etwas mehr Sicherheit, das ist's, was die Umstände uns gebieten. Ich werde Euch sagen, meine Freunde, was Jeder bei der Handhabung der Segel zu thun hat. Ich selbst denke am Steuer so lange zu bleiben, als mich die Erschöpfung nicht zwingt, dasselbe zu verlassen. Wenige Stunden Schlaf werden hinreichen, mich immer wieder zu kräftigen. Doch während dieser wenigen Stunden muß schon Einer von Euch an meine Stelle treten. Euch, Tom, werd' ich es zuerst lehren, wie man nach der Angabe des Compasses steuert. Das ist ja nicht zu schwer und bei einiger Aufmerksamkeit werdet Ihr bald dahin gelangen, das Schiff in der gewünschten Richtung zu erhalten.

– Sobald Sie wollen, Herr Dick, antwortete der alte Neger.

– Nun gut, fuhr der Leichtmatrose fort, so bleibt den Tag über bei mir am Steuer, und sollte mich die Müdigkeit übermannen, so könnt Ihr mich schon für einige Stunden ersetzen.

– Und ich, fiel der kleine Jack ein, soll ich meinem Freunde Dick gar nicht ein wenig helfen können?

– O ja, liebes Kind, antwortete Mrs. Weldon, indem sie Jack in die Arme preßte, man wird auch Dich steuern lehren, und ich bin überzeugt, daß wir guten Wind haben, wenn Du am Helmstock stehst!

– Gewiß, gewiß, Mama! Das versprech' ich Dir! rief der kleine Knabe händeklatschend.

– Ja, bemerkte der junge Leichtmatrose lächelnd, gute Schiffsjungen wissen den Wind zu erhalten! Das hört man von allen erfahrenen Seeleuten!«.

Dann wandte er sich an Tom und die anderen Neger.

»Meine Freunde, sagte er, wir wollen nun alle Segel beisetzen und in den Wind stellen. Ihr habt nur zu thun, was ich Euch sage.

– Zu Ihrem Befehl, antwortete Tom, ganz zu Ihrem Befehl Kapitän Sand!«