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Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 15. Wohin eine Manticore den Menschen bringen kann
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Klammert sich der Unglückliche nicht an jede schwache Planke, die ihm Rettung verheißt? Suchen die ängstlichen Blicke des Verurtheilten nicht nach dem schwächsten Schimmer von Hoffnung, der ihm noch leuchtet?

So erging es auch Mrs. Weldon, und deshalb wird ihre Entmuthigung um so erklärlicher erscheinen, als sie aus Alvez' eigenem Munde vernahm, daß Doctor Livingstone in einem kleinen Dorfe am Bangueolo gestorben sei. Sie schien sich nun verlassener als je; es war, als ob ein geistiges Band, das sie mit dem kühnen Reisenden und durch diesen mit der civilisirten Welt verknüpfte, plötzlich zerschnitten sei. Die rettende Planke entschlüpfte ihren Händen, der Schimmer von Hoffnung erstarb vor ihren Augen. Tom und seine Gefährten hatten Kazonnde nach dem Gebiete der großen Seen zu verlassen. Von Herkules keine Nachrichten. Mrs. Weldon blieb Niemand mehr, auf den sie zählen konnte. Wohl oder übel mußte sie auf Negoro's Vorschlag zurückkommen, indem sie nur versuchte, sich dessen Bedingungen günstiger zu gestalten und den endlichen Erfolg sicherzustellen.

Am 14. Juni, pünktlich an dem von ihm angesetzten Tage, stellte sich Negoro in Mrs. Weldon's Hütte ein.

Den Portugiesen leiteten, wie er sagte, immer nur praktische Rücksichten. Von der Höhe des bedungenen Lösegeldes brauchte er sich nichts abhandeln zu lassen, da seine Gefangene diesen Punkt gar nicht berührte. Mrs. Weldon erwies sich jedoch der ganzen Frage gegenüber nicht weniger praktisch.

»Wollen Sie einmal ein Geschäft machen, sagte sie, so vereiteln Sie es nicht durch unannehmbare Bedingungen. Unsere Freigebung kann im Austausch gegen die von Ihnen verlangte Summe erfolgen, ohne daß mein Mann sich in ein Land begiebt, wo Sie ja selbst wissen, was man auch mit einem Weißen beginnen kann!«

Nach einigem Zögern fügte sich Negoro und Mrs. Weldon erhielt schließlich die Zusicherung, daß Mr. James W. Weldon sich nicht erst bis Kazonnde zu wagen brauchte. Er sollte nur in Mossamedes, einem kleinen, im Süden der Küste von Angola gelegenen Hafen landen, den meist nur Sklavenhändler besuchten und der Negoro hinlänglich bekannt war. Dorthin wollte der Portugiese Mr. Weldon bringen, während Agenten von Alvez Mrs. Weldon, den kleinen Jack und Vetter Benedict zu bestimmter Zeit ebenfalls dahingeleiten sollten. Gegen Rückgabe der Gefangenen sollte die bedungene Summe an die Agenten ausgezahlt werden und Negoro, der Mr. Weldon gegenüber die Rolle des höchst ehrbaren Mannes gespielt hatte, unbemerkt verschwinden.

Mrs. Weldon erzielte hiermit ein sehr wichtiges Zugeständniß. Sie ersparte ihrem Gatten die Gefahren einer Reise nach Kazonnde, das Risico, nach Zahlung des Lösegeldes ebenfalls zurückbehalten zu werden, und außerdem die Mißlichkeiten der Rückreise. Legte sie die 600 Meilen zwischen Kazonnde und Mossamedes in derselben Weise zurück wie den Weg von der Coanza nach der genannten Stadt, so hatte sie ja nur eine mäßige Anstrengung zu befürchten, und in Alvez' Interesse – der dem ganzen Handel keineswegs fern stand – lag es ja, die Gefangenen heil und gesund abzuliefern.

Nach Ordnung dieser Vorbedingung setzte Mrs. Weldon einen Brief in gewünschtem Sinne auf und überließ es Negoro's Sorge, sich in die unpassende Rolle eines treu ergebenen, den Eingebornen glücklich entflohenen Dieners zu finden. Negoro nahm das Schreiben in Empfang, auf welches hin James Weldon gar nicht zögern konnte, ihm nach Mossamedes zu folgen, und brach am folgenden Tage unter der Escorte einiger zwanzig Neger nach Norden zu auf. Weshalb schlug er diese unerwartete Richtung ein? Hegte er, Negoro, die Absicht, sich auf einem der Fahrzeuge, welche die Mündungen des Congo besuchen, einzuschiffen, um dadurch die portugiesischen Stationen und die Strafanstalten zu umgehen, deren unfreiwilliger Insasse er ja selbst gewesen war? Vielleicht; mindestens gab er Alvez diesen Grund dafür an.

Nach seiner Abreise mußte Mrs. Weldon sich nun einzurichten suchen, um die Zeit ihres Aufenthaltes in Kazonnde so gut wie möglich hinzubringen. Selbst im günstigsten Falle konnte das drei bis vier Monate dauern denn so lange Zeit nahm die Hin- und Rückreise Negoro's gewiß in Anspruch.

Mrs. Weldon hatte auf keinen Fall den Gedanken, die Factorei zu verlassen. Ihr Kind, Vetter Benedict und sie selbst befanden sich hier ja verhältnißmäßig in Sicherheit. Halima's aufmerksame Sorgfalt machte ihr die Härten dieser Einsperrung minder fühlbar. Uebrigens hätte ihr der Sklavenhändler wahrscheinlich auch gar nicht gestattet, das Etablissement zu verlassen. Die große Prämie, welche ihm der Rückverkauf seiner Gefangenen versprach, lohnte wohl der Mühe, letztere streng zu bewachen. Es traf sich auch glücklich, daß Alvez keine Veranlassung hatte, Kazonnde zu verlassen, um die beiden anderen Factoreien in Bihe und Cassange zu besuchen. Bei der Leitung weiterer Razzias vertrat jetzt Coïmbra seine Stelle, und Niemand hatte Ursache, die Abwesenheit dieses Trunkenboldes zu bedauern.

Zum Ueberfluß empfahl Negoro vor seiner Abreise Mrs. Weldon noch dringend der Fürsorge Alvez'. Er legte besonderes Gewicht darauf, sie unausgesetzt zu überwachen. Man wußte ja gar nicht, was aus Herkules geworden war. Kam er in dieser todtbringenden Provinz Angola wirklich nicht um's Leben, so konnte er ja vielleicht versuchen, sich der Gefangenen zu nähern und sie Alvez' Händen zu entführen. Der Sklavenhändler überschaute vollständig die Situation, bei welcher für ihn eine nicht zu verachtende Summe Dollars auf dem Spiele stand Er übernahm die Verantwortlichkeit für Mrs. Weldon ebenso wie für seine eigene Casse.

Das einförmige Leben der Gefangenen nahm also seinen Fortgang, ganz wie in den ersten Tagen ihrer Hierherkunft. Was innerhalb der Einfriedigung der Factorei vorging, gab übrigens ein vollkommenes Spiegelbild von dem Leben der Eingebornen außer derselben. Alvez selbst huldigte keinerlei anderen Gewohnheiten als die Bevölkerung von Kazonnde. In dem Etablissement arbeiteten die Frauen ebenso, wie sie es zum Vergnügen ihrer Ehegatten oder Herren in der Stadt gethan hätten. Die Zubereitung des Reises durch Klopfen mit dem Stößer in großen hölzernen Mörsern bis zur vollendeten Schälung desselben; das Reinigen und Mahlen des Maises und alle nothwendigen Manipulationen, um ihn in Form kleinerer Körnchen zu gewinnen, welche zur Bereitung eines unter dem landesüblichen »Mtyelle« bekannten und beliebten Gerichtes dienen; die Einerntung des Sorgho, dessen eingetretene Reise eben zu jener Zeit mit besonderen Ceremonien verkündigt wurde; die Extraction eines wohlriechenden Oeles aus den Steinfrüchten des »Mpafu«, d.i. eine Art Oliven, deren Essenz ein bei den Eingebornen sehr beliebtes Parfum liefert; das Spinnen der Baumwolle, deren Fasern mittelst einer anderthalb Fuß langen und von den Arbeiterinnen in sehr rasche Umdrehung versetzten Spindel zu Fäden vereinigt werden; die Herstellung von Rinden-Stoffen mittelst Schlägeln; das Ausziehen der Manioc-Wurzeln und die Bearbeitung des Bodens zur Cultur verschiedener einheimischer Producte, wie Cassave, Mehl aus dem Manioc, Bohnen, deren ein drittel Meter lange, »Mosilanes« genannte Schoten auf Bäumen von 6 bis 7 Meter Höhe wachsen; Arachiden, aus denen Oel gewonnen wird; perennirende Erbsen, bekannt unter dem Namen »Tchilobes«, deren hellblaue Blüthen den etwas faden Geschmack des Sorgho einigermaßen verbessern; einheimische Kaffeebäume, Zuckerrohr, dessen Saft sich leicht in Syrup verwandelt, Zwiebeln, Goyaven, Sesam, Gurken, deren große Kerne man wie Kastanien zu rösten pflegt; ferner die Bereitung der gegohrenen Getränke, wie des »Mala fu« aus Bananen, des »Pombe« und anderer Liqueure; die Sorge für die Hausthiere, z.B. für jene Kühe, die sich nur in Gegenwart ihres eigenen oder wenigstens eines ausgestopften Kalbes melken lassen; für jene Färsen von kleinem Wuchs und mit kurzen Hörnern, von denen manche einen deutlichen Höcker haben; für die Ziegen, die in den Landestheilen, wo ihr Fleisch als Nahrungsmittel beliebt ist, ein wichtiges Tauschobject, fast eine Münze, wie die Sklaven, bilden; endlich die Unterhaltung des Geflügels, der Schweine, Schafe, Stiere u.s.w. – diese lange Aufzählung beweist, welch' harte Arbeiten dem schwächeren Geschlecht im Innern Central-Afrikas obliegen oder doch gewöhnlich aufgebürdet werden.

Die Männer rauchen inzwischen Tabak oder Hanf, jagen Elefanten oder Büffel und verdingen sich zur Ausführung der Razzias an die Sklavenhändler. Zu gewissen Zeiten heimst man stets eine Ernte ein, entweder eine solche an Mais oder an – Sklaven!

Von den genannten mannigfachen Beschäftigungen kamen in Alvez' Factorei zur Kenntniß Mrs. Weldon's natürlich nur diejenigen, welche den Frauen oblagen. Manchmal blieb sie stehen und sah jenen theilnehmend zu, während diese nur durch wenig einladende Grimassen zu antworten pflegten. Eine Weiße haßten sie schon aus gewissem Racen-Instinct, und ihr Herz fühlte offenbar nicht das mindeste Mitleid mit jener. Die junge Halima bildete die einzige, rühmliche Ausnahme, und bald gelang es Mrs. Weldon, die sich einzelne Worte der Landessprache angeeignet hatte, sich mit der jungen Sklavin nothdürftig zu unterhalten.

Der kleine Jack begleitete häufig seine Mutter, wenn diese innerhalb der Einfriedigung lustwandelte, aber er sehnte sich doch auch einmal hinaus. Da gab es in dem Gezweig eines mächtigen Baobab Marabut-Nester aus Baumästen, Nester von »Suimangas« mit scharlachrother Brust und Kehle, ähnlich den »Tissangen« (Webervögeln); ferner »Witwenvögel«, welche die Strohdächer zum Besten ihrer Familie plünderten; »Calaos«, die sich durch ihren lieblichen Gesang auszeichnen; hellgraue, rothgeschwänzte Papageien, welche in Manyema »Rouß« heißen und auch den Stammeshäuptlingen ihren Namen leihen; insectenvertilgende »Drugos«, ähnlich grauen Hänflingen mit sehr großem, rothem Schnabel. Da und dort, vorzüglich in der Umgebung der Bäche, welche durch die Factorei rieselten, schwärmten hunderte von Schmetterlingen der verschiedensten Arten; doch das interessirte Vetter Benedict fast noch mehr als den kleinen Jack, der es immer bedauerte, nicht größer zu sein, um über die Umplankung hinwegsehen zu können. Ach, wo war jetzt sein armer Freund Dick Sand, der ihn so hoch in die Takelage des »Pilgrim« mit hinausnahm! Wie hätte er mit ihm die Bäume erklettern wollen, deren Wipfel oft dreißig Meter und mehr emporragte! Welch' herrliche Ausflüge hätten sie miteinander unternommen!

Vetter Benedict fühlte sich, da hier an Insecten kein Mangel war, für seine Person ganz glücklich. Er entdeckte zur größten Genugthuung in der Factorei eine Zwergbiene, die ihre Zelle in wurmstichigem Holze anbaute, dazu einen, Sphex«, der seine Eier in jene ihm nicht gehörigen Zellen, wie der Kuckuck in fremde Nester, ablegte, und er studirte sie, selbst ohne Brille und Loupe, so gut es eben anging. An Muskitos war nahe den Wasseradern auch kein Mangel, ja, diese zerstachen den Gelehrten bis nahe zur Unkenntlichkeit. Wenn Mrs. Weldon aber ihn fragte, warum er sich von den abscheulichen Insecten so zurichten lasse, antwortete er:

»O, Cousine Weldon, das ist eben ihr Instinct (dabei kratzte er sich, bis ihm Blutstropfen durch die Haut traten), deshalb darf man ihnen nicht böse sein!«

Eines Tages, es war am 17. Juni, wäre Vetter Benedict beinahe der glücklichste aller Entomologen geworden. Wir müssen das betreffende Abenteuer, welches so unerwartete Folgen haben sollte, indessen etwas eingehender erzählen.

Es mochte gegen elf Uhr Morgens sein. Eine geradezu unerträgliche Hitze zwang die Insassen der Factorei, sich in ihren Hütten versteckt zu halten, und auch auf den Straßen von Kazonnde begegnete man keinem einzigen Eingebornen.

Mrs. Weldon saß halbschlummernd neben dem kleinen Jack, der schon fest eingeschlafen war.

Selbst Vetter Benedict unterlag dem Einflusse dieser tropischen Temperatur und hatte auf seine Lieblingsjagd verzichtet – freilich nicht ohne großes Herzeleid, denn er hörte in den sengenden Strahlen der Mittagssonne eine ganze Welt von Insecten schwirren. Wohl oder übel hatte er sich jedoch in den kühlsten Winkel seiner Hütte zurückgezogen und auch ihn überwältigte fast der Schlaf bei dieser aufgezwungenen Siesta.

Da, als seine Augen sich schon halb schlossen, vernahm er ein Schwirren, eine Art unerträgliches Surren von Insecten, deren manche in der Secunde fünfzehn bis sechzehntausend Flügelschläge machen sollen, eine Angabe, welche jedoch schon die einfachsten akustischen Gesetze als weit übertrieben erscheinen lassen, da in jenem Falle ein weit höherer Ton hörbar werden müßte, als ihn irgend welche Insecten erzeugen.

»Eine Hexapode!« rief Vetter Benedict, der sofort wieder munter wurde und aus der horizontalen in die verticale Lage überging.

Daß es eine Hexapode sei, welche in der Hütte summte, unterlag wohl keinem Zweifel. Wenn Vetter Benedict einerseits sehr an Kurzsichtigkeit litt, so besaß er andererseits doch ein besonders scharfes Gehör, so daß er ein Insect von einem anderen schon an der Intensität des Summens zu unterscheiden vermochte, und das hier in Frage stehende erschien ihm gänzlich unbekannt, da dieses Geräusch nur von einem Riesen seiner Art herrühren konnte.

»Was für eine Hexapode mag das sein?« fragte sich Vetter Benedict.

Eifrig suchte er das Insect zu entdecken, was in Folge der Nichtbewaffnung seiner Augen sehr schwierig war, oder es an dem Schlagen seiner Flügel zu erkennen.

Sein Instinct als Entomolog flüsterte ihm zu, daß hier ein seltener Fang zu machen sei und daß dieses vom günstigen Zufall in seine Hütte verschlagene Insect nicht ein gewöhnliches sein könne.

Vetter Benedict erhob sich schweigend von seinem Lager. Er horchte. Ein schwacher Sonnenstrahl drang bis zu ihm. Da entdeckten seine Augen einen großen, schwarzen, hüpfenden Punkt, der nur nicht nahe genug kam, um für ihn erkennbar zu werden. Er hielt den Athem an und war entschlossen, wenn er irgendwo im Gesicht oder an den Händen einen Stich fühlte, sich nicht zu rühren, um seine Hexapode nicht zu verscheuchen.

Nach langem Hinundherfliegen setzte sich das summende Insect auf seinen Kopf. Vetter Benedict's Mund erweiterte sich einen Augenblick zu einem Lächeln, und zu welchem glückseligen Lächeln! Er fühlte, wie das leichte Thier über seine Haare spazierte. Schon ergriff ihn das kaum widerstehliche Verlangen, mit der Hand nach jenem zu haschen; doch er beherrschte sich und that wohl daran.

»Nein, nein! dachte er; ich würde es verfehlen oder, noch schlimmer, ihm gar ein Leid zufügen! Sieh da, wie es marschirt! Es steigt abwärts. Ich fühle seine niedlichen Füße auf meinem Schädel! Das muß eine wohlgebildete Hexapode sein. Du himmlische Güte, gieb nur, daß sie zur Spitze meiner Nase herabklettert und dort ein wenig verweilt, damit ich sie sehen und vielleicht bestimmen kann, wohin sie nach Ordnung, Familie, Art oder Unterart gehört!«

So dachte Vetter Benedict. Aber der Weg war weit von seinem etwas spitzen Schädel bis zum Ende der etwas langen Nase. Und wie viele andere Wege konnte das launische Insectwählen, wie nach der Gegend der Ohren oder des Hinterhauptes, wobei es der eifrige Gelehrte im ganzen Leben nicht zu Gesicht bekommen hätte, ganz abgesehen von der Möglichkeit, daß es jeden Augenblick wieder auffliegen, die Hütte verlassen und in den blendenden Sonnenstrahlen verschwinden konnte, wo es sonst mitten im Geschwirr und Gesumm seiner Brüder und Verwandten, das lockend von draußen ertönte, sein kurzes Leben vertändelte.

Vetter Benedict verhehlte sich das Alles nicht. Nie hatte er während seiner Entomologen-Laufbahn so erwartungsvolle Minuten durchlebt. Da krabbelte eine afrikanische Hexapode von unbekannter Art, Abart oder Unterabart auf seinem Haupte herum, und er konnte sie nur unter der einzigen Bedingung zu Gesicht bekommen, daß jene sich herbeiließ, auf einen Zoll Entfernung vor seinen Augen vorüberzulaufen.

Vetter Benedict's heißer Wunsch sollte jedoch erfüllt werden. Nachdem das Insect auf dem ziemlich struppigen Haupthaar wie auf einem wild aufgeschossenen Gebüsch umhergewandelt war, kletterte es den Stirnabhang des Gelehrten hinab, der nun wirklich Hoffnung schöpfte, daß es sich auf den Gebirgskamm seiner Nase hinaus begeben werde. Einmal auf diesem Kamme, warum sollte es dann nicht auch bis zu dessen frei auslaufendem Ende marschiren?

»Ich an seiner Stelle, ich ginge bis dahin!« dachte der würdige Gelehrte.

Weit richtiger wäre freilich, daß an Stelle Benedict's jeder Andere sich einen derben Schlag vor die Stirn gegeben hätte, um das stechende Insect zu zermalmen oder doch in die Flucht zu jagen. Sechs Füße so auf der eigenen Haut dahinspazieren zu fühlen – von der Furcht vor einem empfindlichen Stiche ganz zu schweigen – ohne auch nur die leiseste Bewegung zu machen, dazu gehört gewiß auch ein specieller Heldenmuth. Der Spartaner, der seine Brust von einem Fuchse verzehren ließ, der Römer, der seine Hand dicht über glühende Kohlen hielt, bedurften dabei keiner größeren Selbstbeherrschung als Vetter Benedict, der ohne Zweifel von jenen beiden Helden abstammte.

Nach vielfachen kleinen Umwegen kam das Insect am oberen Theile der Nase an. Einen Augenblick zauderte es, wodurch dem Vetter Benedict schon alles Blut nach dem Herzen getrieben wurde. Kehrte die Hexapode jetzt etwa nach oben zurück oder bewegte sie sich weiter nach abwärts?

Sie stieg bergab. Vetter Benedict fühlte die behaarten Füßchen schon auf seiner Nasenwurzel. Das Insect wich weder nach rechts noch nach links ab. Es hielt sich zwischen den beiden leise zitternden Nasenflügeln, auf dem leicht gebogenen Kamm dieser Gelehrten-Nase, welche zum Tragen einer Brille wie geschaffen schien. Es überschritt den kleinen, durch den fortwährenden Gebrauch genannten optischen Instrumentes eingedrückten Graben und machte wirklich auf der äußersten Spitze dieses Gesichts-Appendix' Halt.

Das war der zweckmäßigste Platz, den die Hexapode nur erwählen konnte. In dieser Entfernung vermochten Vetter Benedict's Blicke, indem sich seine Augenachsen convergent einstellten, das Insect wie die durch zwei Linsen zusammengefaßten Strahlen von beiden Seiten zu umfassen.

»Allmächtiger Gott! rief Vetter Benedict, außer Stande, seine freudige Erregung zu bemeistern, eine knotige Manticore!«

Das hätte er nun freilich gar nicht ausrufen, sondern nur denken sollen. Wäre das aber von einem enthusiastischen Entomologen nicht gar zu viel verlangt gewesen?

Auf seiner Nasenspitze eine knotige Manticore mit breiten Flügeldecken zu beherbergen, ein Insect aus der Familie der Cicindeleten, ein Cabinetsstück der Sammlungen, das den tropischen Gegenden Inner-Afrikas eigenthümlich zu sein scheint, und dabei keinen Ausruf der Bewunderung von sich zu geben – das überstieg alle menschliche Kraft!

Leider hörte aber auch die Manticore jenen Ausruf, gefolgt von einem kräftigen Niesen, welches den ihr als Sitz dienenden Appendix gründlich erschütterte. Vetter Benedict wollte sie einfangen, streckte die Hand aus und schloß sie schnell wieder, ergriff aber weiter nichts als – die Spitze seiner eigenen Nase.

»Verdammt!« rief er.

Sofort gewann jedoch das kalte Blut wieder die Herrschaft über ihn.

Er wußte, daß eine knotige Manticore sich meist nur flatternd fortbewegt und eigentlich mehr läuft als fliegt. Er kniete also nieder und wirklich entdeckte er, eine Spanne weit vor seinen Augen, den schwarzen Punkt wieder, der in einem sonnenbeschienenen Streifen schnell dahinglitt.

Offenbar erschien es dem Gelehrten zweckmäßiger, das Thier bei seinen unbehinderten Bewegungen zu beobachten; nur durfte er es nicht aus dem Gesichte verlieren.

»Wenn ich die Manticore hasche, könnte ich sie zerdrücken! sagte sich Vetter Benedict. Nein! Ich werde ihr nachfolgen, ich werde sie bewundern! Ich kann mir ja Zeit nehmen!«

That Vetter Benedict Unrecht daran? Wer weiß; jedenfalls erniedrigte er sich zum Vierfüßler, berührte die Erde beinahe mit der Nase, gleich einem Hunde, der einer Spur nachgeht, und folgte der prächtigen Hexapode in einer Entfernung von wenigen Centimetern nach. Im nächsten Augenblick befand er sich außerhalb der Hütte, unter der sengenden Mittagssonne, und wenige Minuten später an der Palissade, welche Alvez' Etablissement umschloß.

Wenn die Manticore hier die Umplankung nun mit einem Sprunge überflog und damit eine Scheidewand zwischen sich und ihrem tollen Bewunderer setzte? Nein, das war nicht ihrer Natur gemäß, und Vetter Benedict kannte diese aus dem Fundamente. Noch immer kroch er ihr wie eine Schlange auf der Erde nach, zu entfernt, um sie entomologisch genauer zu erkennen, doch nahe genug, um den schwarzen Punkt auf dem Boden hinhüpfen zu sehen.

Am Fuße der Palissade traf die Manticore auf die weite Mündung eines Maulwurfbaues, der sich nach innen zu öffnete. Ohne Zögern schlüpfte sie in den unterirdischen Gang, denn es liegt in ihrer Gewohnheit, solche dunkle Wege aufzusuchen. Vetter Benedict fürchtete schon, sie nun aus den Augen zu verlieren Zu seinem freudigen Erstaunen erwies sich jene Oeffnung aber über einen halben Meter weit und bildete der Maulwurfsbau einen hinreichend großen Gang, um seinen langen, hageren Körper hineinzwängen zu können. Seine Verfolgungswuth beraubte ihn gänzlich der Ueberlegung, und er bemerkte, als er sich »begrub«, gar nicht, daß er dabei unter der Palissade hinwegkroch. Wirklich stellte der Maulwurfsbau eine Verbindung von innen nach außen dar. Binnen einer halben Minute befand sich Vetter Benedict außerhalb der Factorei. Hierüber machte er sich jedoch nicht die geringste Sorge, sondern ging gänzlich auf in der Bewunderung des eleganten Insectes, welches ihn führte. Letzteres schien jedoch vom langen Marschiren ermüdet. Seine Flügeldecken hoben sich und die Flügel spannten sich auf. Vetter Benedict merkte die Gefahr und wollte die Manticore schon in seiner hohlen Hand vorläufig gefangen setzen, als sie, frrr!... schwirrend davonflog.

Welche Verzweiflung! Und doch, weit konnte die Manticore ja fliegend nicht gelangen. Vetter Benedict erhob sich, spähte umher und stürzte ihr mit ausgestreckten, geöffneten Händen nach...

Das Insect schwebte bald wieder über seinem Kopfe, er aber erkannte davon nichts als einen großen, dunklen Punkt ohne näher bestimmbare Form.

Sollte sich die Manticore nach Beschreibung einiger launischer Kreise um das struppige Haupt Vetter Benedict's wieder auf die Erde setzen? Alle Voraussetzungen sprachen dafür.

Zum Unglück für den bedauernswerthen Gelehrten grenzte das am Nordende der Stadt gelegene Etablissement von Alvez an einen ausgedehnten Wald, der das Gebiet von Kazonnde im Umfange mehrerer Quadratmeilen bedeckte. Erreichte die Manticore erst die Bäume und fiel es ihr etwa ein, von Zweig zu Zweig zu flattern, dann schwand die Hoffnung gänzlich, sie noch in der berühmten Blechkapsel figuriren zu sehen, deren kostbares Kleinod sie gebildet hätte.

Ach, so sollte es wirklich kommen. Die Manticore hatte sich zwar auf die Erde niedergelassen. Schnell drückte auch Vetter Benedict, erfreut über die unerwartete Aussicht, jene noch weiter beobachten zu können, das Gesicht fast auf den Boden. Die Manticore lief aber jetzt nicht, sie hüpfte mit Hilfe der Flügel in größeren Sprüngen weiter.

Erschöpft, mit blutenden Knieen und Fingern, sprang Vetter Benedict ihr nach. Die Finger gespreitzt, wandten sich seine beiden Arme nach links oder rechts, je nachdem der dunkle Punkt hier- oder dorthin hüpfte. Er machte wirklich Bewegungen auf dem glühheißen Erdboden, wie ein Schwimmer auf dem Wasser.

Vergebliches Bemühen! Immer schlossen sich seine Hände umsonst. Neckisch spielend, entschlüpfte ihm das Insect, und bald erhob es sich, unter einer kühlen Laubdecke angelangt, nachdem es Vetter Benedict's Ohr im Vorüberstreifen mit einem intensiveren, aber nur ironisch klingenden Summen begrüßt hatte.

»Verdammt! rief Vetter Benedict noch einmal. Sie entwischt mir! Undankbare Hexapode! Du, der ich den Ehrenplatz in meinen Sammlungen bestimmt hatte. Und doch, noch geb' ich dich nicht auf; ich folge dir, bis ich dich gefangen habet«

Der außer Fassung gebrachte Gelehrte dachte gar nicht daran, daß seine myopischen Augen ihn verhinderten, die Manticore unter den Blättern herauszufinden. Aber er war seiner nicht mehr mächtig. Die Enttäuschung, die Wuth machten ihn zum Narren. Nur sich selbst, nur sich allein hatte er diesen grausamen Mißerfolg zuzuschreiben! Hätte er sich des Insects gleich anfangs bemächtigt, ohne ihm »bei seinen unbehinderten Bewegungen« zu folgen, so wäre Alles vermieden worden, so besäße er jetzt dieses wunderbare Exemplar afrikanischer Manticoren, dessen Namen ein fabelhaftes Thier mit Menschenkopf und Löwenkörper bezeichnet.

Vetter Benedict hatte den Kopf verloren. Er bekümmerte sich nicht im Mindesten darum, daß ihm ein ganz unerwarteter Zwischenfall die Freiheit geschenkt habe. Er dachte gar nicht mehr an den Maulwurfsbau, in den er gekrochen, und der ihm einen Ausweg aus Alvez' Etablissement geboten hatte. Er war im Walde, die Manticore aber in diesen entflohen! Um jeden Preis mußte er sie wieder erlangen!

Nun lief er planlos durch die dichten Bäume, ohne recht zu wissen, was er überhaupt that, und focht, in der Meinung, das kostbare Insect vor sich zu haben, wie eine riesige Holzspinne mit den langen Armen in der leeren Luft herum. Wohin er lief, wie er und ob er überhaupt den Rückweg finden würde, das kam ihm gar nicht in den Sinn, und so drang er, auf die Gefahr, von einem Eingebornen entdeckt oder von einem Raubthiere angefallen zu werden, eine gute Meile weit in den Urwald hinein.

Plötzlich – er lief eben an einem dichten Gebüsch vorüber – sprang ein gewaltiges Geschöpf empor und stürzte sich auf den Gelehrten. Dann ergriff es ihn fest, wie es Vetter Benedict mit der Manticore hätte machen sollen, faßte ihn einerseits am Nacken, andererseits unten am Rücken, und ohne Zeit zu gewinnen, sich seine Situation nur klar zu machen, ward Vetter Benedict quer durch den Hochwald fortgeschleppt.

Wahrhaftig, heute ließ Vetter Benedict die Gelegenheit unbenutzt entschlüpfen, sich als den glücklichsten Entomologen aller fünf Erdtheile preisen zu können!