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Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 14. Einige Nachrichten von Dr. Livingstone
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Als sie allein war, bewegten sich Mrs. Weldon's Gedanken nur darum, daß acht Tage vergehen sollten, bis Negoro eine endgiltige Antwort von ihr verlangte. Jetzt galt es also zu überlegen und einen Entschluß zu fassen. Um die Ehrlichkeit des Portugiesen handelte es sich bei dieser Angelegenheit ja nicht, sondern nur um sein Interesse. Der Handelswerth, den er seiner Gefangenen beimaß, gewährte dieser offenbar einen gewissen Schutz und sicherte sie wenigstens vorläufig vor jeder drohenden Gefahr. Vielleicht machte sie ein Mittel ausfindig, ihrem Gemal zurückgegeben werden zu können, ohne daß dieser sich nach Kazonnde begab. Sie wußte wohl, daß James W. Weldon auf einen Brief seiner Frau hin sofort abreisen und allen Gefahren dieser Reise durch die verrufensten Gegenden Afrikas trotzen werde. War er aber einmal in Kazonnde und hatte Negoro die Summe von 1 00.000 Dollars in den Händen, welche Garantie hätten dann Mr. Weldon, seine Frau, sein Kind und Vetter Benedict dafür, daß man sie auch unbehelligt ihren Weg ziehen ließe? Genügte nicht eine Laune der Königin Moina, sie daran zu hindern? Vollzog sich der vorgeschlagene »Austausch« Mrs. Weldon's und der Ihrigen nicht weit sicherer an irgend einem vorherbestimmten Punkte der Küste, wodurch James W. Weldon wenigstens die Gefahren einer Reise in's Innere und die Schwierigkeiten, um nicht zu sagen, die Unmöglichkeit der Rückreise erspart blieben?

Diese Gedanken etwa drängten sich in Mrs. Weldon's Kopfe. Aus den angeführten Gründen hatte sie von vornherein Negoro's Vorschlag, ihm einen Brief an ihren Gatten zu geben, kurz abgewiesen. Sie überlegte sich auch, daß Negoro, wenn er seinen zweiten Besuch erst nach acht Tagen ansetzte, gewiß eben so lange Zeit brauche, sich für die geplante Reise vorzubereiten, sonst würde er wohl einen kürzeren Termin bestimmt haben, ihr sozusagen die Pistole auf die Brust zu setzen.

»Sollte er es wirklich wagen, mich von meinem Kinde zu trennen? murmelte sie.

In diesem Augenblick hüpfte Jack in die Hütte und seine Mutter umschlang ihn zärtlicher denn je, so als sei Negoro schon hier, ihr das Kind zu entreißen.

»Du bist recht betrübt, Mama? fragte der kleine Knabe.

– Nein, mein Jack, o nein! antwortete Mrs. Weldon. Ich dachte an Deinen Papa. Du möchtest ihn gewiß gern wiedersehen?

– Ach ja, Mama! Wird er hierher kommen?

– Nein... nein! Das darf er nicht!

– So werden wir zu ihm zurückkehren?

– Ja, mein Jack!

– Mit meinem Freunde Dick... und Herkules... und dem alten Tom?

– Ja... freilich!... antwortete Mrs. Weldon, indem sie den Kopf niedersenkte, um ihre Thränen zu verbergen.

– Hat Papa an Dich geschrieben? fragte der kleine Jack weiter.

– Nein, mein Schatz.

– So hast Du an ihn geschrieben, Mama?

– Ja... ja... Vielleicht!«... erwiderte Mrs. Weldon.

Unwillkürlich trat der kleine Jack hiermit den Gedanken seiner Mutter entgegen, die ihn mit Küssen bedeckte, um jeder weiteren Antwort enthoben zu sein.

Zu den anderen Gründen, welche Mrs. Weldon veranlaßt hatten, Negoro's Vorschläge von vornherein abzulehnen, gesellte sich nämlich noch ein anderer, und zwar ein nicht ganz unrichtiger. Vielleicht bot sich ihr ohne Mitwirkung ihres Mannes und gegen Negoro's Absicht eine unerwartete Aussicht auf Befreiung. Zwar leuchtete ihr nur ein Schimmer von Hoffnung, nur ein sehr schwacher, immerhin aber war es doch ein solcher.

Einige Worte, die sie von einer, wenige Tage vorher stattgefundenen Unterhaltung hörte, eröffneten ihr die Aussicht auf eine baldige, scheinbar wie von der Vorsehung gesandte Hilfe.

Alvez und ein Mestize aus Ujiji plauderten wenige Schritte vor der Hütte, welche Mrs. Weldon inne hatte. Daß sich das Gespräch um nichts Anderes drehte als um den Handel mit Negern, wird Niemand erstaunen machen. Die beiden Menschenfleischhändler sprachen eben vom Geschäft. Sie ließen sich über die ihrem Gewerbe bevorstehenden Aussichten aus und zeigten sich nicht wenig beunruhigt über die Störungen, welche ihnen die Engländer nicht nur draußen durch ihre Kreuzer, sondern auch im Innern durch die Missionäre und Reisenden bereiteten.

Jose-Antonio Alvez war der Ansicht, daß jene kühnen Pionniere nur der Freiheit ihrer commerciellen Thätigkeit schaden könnten. Sein Partner theilte diese Anschauung vollkommen und hätte jene weltlichen oder geistlichen Besucher lieber mit Flintenschüssen empfangen gesehen.

In gewissem Grade war das übrigens auch der Fall; zum großen Mißvergnügen der Händler kamen nur immer andere, wenn man einmal einen jener Neugierigen abgethan hatte. Kehrten diese nun in ihre Heimat zurück, so erzählten sie »mit crasser Uebertreibung«, wie Alvez sagte, von den Gräueln des Sklavenhandels, und das schadete dem an und für sich beschränkten Geschäft natürlich ganz bedeutend.

Der Mestize stimmte ihm bei und beklagte dasselbe vorzüglich in Betreff der Märkte von Ujiji, N'yangwe und Zanzibar, sowie des ganzen Gebietes der großen Seen. Dorthin waren nacheinander Speke, Grant, Livingstone, Stanley und Andere gekommen. Das glich einem feindlichen Einfall.

Bald würden ganz England und ganz Amerika sich des Landes bemächtigt haben.

Alvez bedauerte seinen Geschäftsfreund aufrichtig und gestand, daß die Provinzen des westlichen Afrikas bisher noch weniger mißhandelt, d.h. weniger besucht worden seien; die Reisenden-Epidemie gewann aber an Ausbreitung; war Kazonnde auch noch verschont geblieben, so war das doch nicht mit Cassange und Bihe der Fall, wo Alvez ja auch Factoreien besaß. Man erinnert sich wohl der Mittheilung Harri's gegen Negoro über einen gewissen Lieutenant Cameron, der die Frechheit haben konnte, Afrika von einer Küste zur anderen zu durchreisen und von Zanzibar ausgehend es in Angola verlassen wollte.

Der Sklavenhändler hatte in der That allen Grund, zu fürchten, denn man weiß ja, daß Cameron im Süden und Stanley im Norden wenige Jahre später die noch ziemlich unbekannten Provinzen des Westens durchforschten, die fortdauernden Gräuel des Sklavenhandels an den Pranger stellten, die schändliche Mitschuld der fremden Agenten darlegten und Alle zur Verantwortung zu ziehen suchten.

Von diesen Reisen Camerons und Stanley's konnten jetzt freilich weder Alvez noch der Mestize etwas wissen; doch was sie wußten, was sie einander mittheilten, was Mrs. Weldon hörte und was für sie ein so großes Interesse hatte, mit einem Worte, was sie veranlaßt hatte, sich den Anforderungen Negoro's nicht sofort zu unterwerfen, das war die Nachricht, daß Doctor Livingstone binnen Kurzem nach Kazonnde kommen werde.

Die Ankunft Livingstone's mit seinem Gefolge, das weitreichende Ansehen, das er in Afrika genoß, der Beistand der portugiesischen Behörden von Angola, der ihm nicht fehlen konnte – das zusammen konnte ja recht wohl die Befreiung Mrs. Weldon's und der Ihrigen, gegen Negoro's und gegen Alvez' Willen, herbeiführen. Jetzt winkte den Gefangenen vielleicht die Rückkehr nach dem Vaterlande in nahe bevorstehender Zeit, und ohne daß James W. Weldon sein Leben erst bei einer Reise wagte, deren guter Erfolg noch nicht einmal sicher war.

Lag denn aber die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Livingstone diesen Theil des Continents binnen Kurzem besuchen werde? Ja, denn wenn er seiner eingehaltenen Reiseroute weiter folgte, kam er bei der Durchforschung Central-Afrikas nun sicher hierher.

Die Heldenlaufbahn des Sohnes jenes kleinen Theehändlers in Blantyre, einem Dorfe der Grafschaft Lamark, ist wohl schon ziemlich bekannt. David Livingstone, als das zweite von den sechs Kindern seines Vaters am 13. März 1813 geboren, bildete sich durch theologische und medicinische Studien, absolvirte sein Noviziat in der »London missionary Society« und schiffte sich im Jahre 1840 nach dem Cap in der Absicht ein, im südlichen Afrika den Missionär Moffat in Kuruman aufzusuchen.

Vom Cap aus begab sich der zukünftige Reisende nach dem Lande der Bechuanas, welches er als der Erste durchforschte, kehrte nach Kuruman zurück, heiratete Moffat's Tochter, die sich als muthige Lebensgefährtin seiner würdig zeigen sollte, im Jahre 1843, und gründete eine Mission im Thale von Mobatsa.

Vier Jahre später finden wir ihn in Kalobeng wieder, 225 Meilen nördlich von Kuruman, im Gebiete der Bechuanas.

Zwei Jahre nachher, im Jahre 1849, verließ Livingstone Kalobeng in Begleitung seiner Frau, seiner drei Kinder und zweier Freunde, MM. Oswell und Murray. Am 1. August desselben Jahres entdeckte er den Nyami-See und kam, dem Laufe des Zouga folgend, nach Kalobeng zurück.

Bei dieser Reise vermochte Livingstone, durch die Eingebornen gehindert, den Nyami nicht zu überschreiten. Ein zweiter Versuch fiel nicht glücklicher aus. Erst der dritte sollte gelingen. Wiederum schlug er mit seiner Familie und M. Oswell den Weg nach Norden ein und erreichte nach unsäglichen Mühsalen bei mangelnden Lebensmitteln und fehlendem Wasser, wodurch selbst das Leben seiner Kinder bedroht ward, längs des Chobe, eines Nebenflusses des Zambesi, hinwandernd, das Land der Makololos. In Linyanti begegnete er auch deren Häuptling Sebituane. Ende Juni 1851 wurde dann der Zambesi entdeckt und der Doctor kehrte nach dem Cap zurück, um seine Familie nach England heimzuführen.

Der unerschrockene Livingstone wollte allein sein, um sein Leben für die gefahrvollen Reisen wagen zu können, die er noch beabsichtigte.

Zuerst handelte es sich darum, vom Cap ausgehend, Afrika von Süden nach Westen schräg zu durchwandern und auf diesem Wege nach San Pablo de Loanda zu gelangen.

Mit wenigen Eingebornen reiste der Doctor am 3. Juni 1852 ab. Er erreichte zunächst Kuruman und zog längs der Wüste von Kalafari hin. Am 31. December betrat er Litubaruba und fand das Land der Bechuanas verwüstet von den Boers, alten holländischen Kolonisten, die die Herren des Caplandes waren vor dessen Besitznahme durch die Engländer.

Livingstone verließ Litubaruba am 15. Januar 1853, drang in's Innere des Landes der Bamanguatos ein und kam am 23. Mai in Linyanti an, wo ihn der junge Herrscher der Makololos, Sekeletu, mit großen Ehren empfing.

Durch das heftig herrschende Fieber zurückgehalten, beschäftigte sich der Doctor mit dem Studium der Sitten des Landes und constatirte zuerst die Verheerungen, welche der Sklavenhandel in Afrika anrichtete.

Einen Monat später wanderte er den Lauf des Chobe hinab, erreichte den Zambesi, betrat Naniele, besuchte Katenga und Libonta und fand auch den Zusammenfluß des Zambesi und des Leeba. Hier stellte er das Project auf, längs dieses Wasserlaufes bis zu den portugiesischen Besitzungen im Westen vorzudringen, und kehrte wegen der hierzu nöthigen Vorbereitungen nach neunwöchentlicher Abwesenheit nach Linyanti zurück.

Am 11. November 1853 verließ der Doctor von siebenundzwanzig Makololos begleitet, Linyanti und erreichte am 27. December die Mündung des Leeba. Diesem Strome folgte er bis zum Lande der Balondas, wo jener den von Osten kommenden Makondo aufnimmt. Es war das zum ersten Male, daß ein Weißer diese Gegend besuchte.

Am 14. Januar erreichte Livingstone die Hauptstadt Sinthe's, des mächtigsten Souveräns der Bolondas, der ihn freundlich aufnahm, und am 26. desselben Monats kam er nach Ueberschreitung des Leeba bei dem König Katema an. Auch dort ward ihm ein wohlwollender Empfang zu Theil und unbehelligt zog die kleine Gesellschaft weiter und lagerte am 20. Februar an den Ufern des Dilolo-Sees.

Von hier aus schien sich Alles gegen Livingstone verschworen zu haben; das Land wurde unwegbar, die Eingebornen belästigten ihn, verschiedene Stämme griffen die Truppe an, seine Begleiter selbst empörten sich und bedrohten ihn mit dem Tode – kurz, ein weniger energischer Mann als Livingstone hätte nun seine Absichten gewiß aufgegeben. Der Doctor widerstand dem Allen und erreichte am 4. April das Ufer des Coango, eines bedeutenden Wasserlaufes, der die Ostgrenze der portugiesischen Besitzungen bildet und sich weiter im Norden in den Zaïre ergießt.

Sechs Tage später betrat Livingstone Cassauge, wo ihn der Sklavenhändler Alvez flüchtig sah, und am 31. Mai kam er glücklich in San Pablo de Loanda an. Zum ersten Male war Afrika in Zeit von zwei Jahren schräg von Süden nach Westen durchwandert worden.

Am 24. September des nämlichen Jahres verließ David Livingstone Loanda wieder. Er folgte dem rechten Ufer der Coanza, die für Dick Sand und die Seinigen so verderblich werden sollte, gelangte zu der Einmündungsstelle des Lombe, kreuzte zahlreiche Sklavenkarawanen, kam noch einmal nach Cassange, verließ dasselbe am 20. Februar, überschritt den Coango und erreichte den Zambesi in Kawawa. Am 8. Juni fand er den Dilolo-See wieder, begrüßte Sinthe, wanderte den Zambesi hinab und betrat wiederum Linyanti, das er am 3 November 1855 verließ.

Dieser zweite Theil der Reise, der den Doctor nach der Ostküste führte, sollte die vollständige Durchwanderung Afrikas von Westen nach Osten beendigen.

Nach einem Besuche der berühmten Victoria-Fälle, des »donnernden Rauchs«, verließ David Livingstone den Zambesi, um eine nordöstliche Richtung einzuschlagen. Der Durchzug durch das Gebiet der Batokas, das sind durch die Gewohnheiten des Haschisch-Rauchens halb verthierte Eingeborne, ein Besuch bei Semalembue, einem mächtigen Häuptling dieser Gegend, die Ueberschreitung des Kafue und Wiedererreichung des Zambesi, ein Besuch bei dem König Mburuma, die Besichtigung der Ruinen von Zumbo, eine alte portugiesische Stadt, das Zusammentreffen mit dem Häuptling Mpende am 17. Januar 1856, der damals noch mit den Portugiesen im Kriege lag, endlich die Ankunft in Tete am Ufer des Zambesi – das waren etwa die Hauptstationen dieser Reise. Am 22. April verließ Livingstone diese Station, welche sich ehemals durch ihren Reichthum auszeichnete, ging bis zum Delta des Flusses hinab und kam an dessen Mündung, in Quilimane, am 20. Mai an, vier Jahre nach seinem Aufbruche vom Cap. Am 12. Juli schiffte er sich nach Mauritius ein und reiste nach zehnjähriger Abwesenheit nach England zurück.

Die große Medaille der Gesellschaft für Geographie in London, der Preis derselben Gesellschaft in Paris und ehrenvolle, ja enthusiastische Aufnahme – nichts fehlte dem berühmten Reisenden. Ein Anderer hätte nun vielleicht gedacht, der Ruhe zu pflegen. Nicht so der Doctor; am 1. Mai 1858 schon reiste er in Begleitung seines Bruders Karl, des Kapitän Lidingfield, der Doctoren Kirk und Meller, der MM. Thornton und Baines wieder ab und kam im Mai in Mozambique mit der Absicht an, das Stromgebiet des Zambesi näher kennen zu lernen.

Nicht Alle sollten von der Reise zurückkehren.

Ein kleiner Dampfer, der, Ma-Robert«, gestattete den Reisenden, jenen großen Fluß von seiner Mündung bei Kongone aus zu beschiffen. Sie gelangten damit am 8. September nach Tete.

Als Hauptereignisse der ersten Jahre dieser Expedition sind zu verzeichnen: die Aufnahme des Unterlaufs des Zambesi und des Chire, seines linken Nebenflusses im Januar 1859, der Besuch des Chirua-Sees im April, die Durchforschung des Gebietes der Manganjas, die Entdeckung des Nyassa-Sees am 10. September, die Rückkehr nach den Victoria-Fällen am 9. August 1860, die Ankunft des Bischofs Makensie und seiner Missionäre an der Mündung des Zambesi am 31. Januar 1861; die Untersuchung des Rovouma auf dem »Pionnir« im März, die Rückkehr nach dem Nyassa-See im September 1861 und der Aufenthalt daselbst bis Ende October; ferner traf am 30. Januar 1862 auch Frau Livingstone und mit ihr ein zweiter Dampfer, die »Lady Nyassa«, ein. Bischof Makensie und einer seiner Missionäre waren zu dieser Zeit schon der Unbill des Klimas erlegen und am 27. April starb auch Mrs. Livingstone in den Armen ihres Gatten.

Im Mai zog der Doctor zu einer zweiten Untersuchung Rovoumas aus; von da erreichte er im November wieder den Zambesi, ging längs des Chire hinauf, verlor im April 1863 seinen Begleiter Thornton, schickte seinen Bruder Karl und den von Krankheit erschöpften Doctor Kirk nach Europa zurück und sah am 10. November zum dritten Male den Nyassa, dessen Hydrographie er vollendete. Drei Monate später befand er sich an der Mündung des Zambesi, ging nach Zanzibar und kam am 20. Juli 1864 nach fünfjähriger Abwesenheit wieder in London an, wo er sein berühmtes Werk: »Untersuchung des Zambesi und seiner Nebenflüsse« veröffentlichte.

Am 28. Januar 1866 schiffte sich Livingstone von Neuem nach Zanzibar ein. Es war die vierte Reise, welche er unternahm!

Am 8. August befand sich der Doctor, nachdem er vielfachen Gräuelscenen, welche der Sklavenhandel in jenen Gegenden veranlaßte, beigewohnt, diesmal nur von wenigen Cipayen und Negern begleitet, in Macalasa, am Ufer des Nyassa. Sechs Wochen später ergriff der größte Theil seiner Begleiter die Flucht, kehrte nach Zanzibar zurück und verbreitete dort die falsche Nachricht von Livingstone's Tode.

Letzterer jedoch ging von seinen Plänen nicht ab. Er wollte das Land zwischen dem Nyassa- und dem Taganayika-See besuchen. Am 10. December überschritt er, nur von wenigen Eingebornen begleitet, den Loangua und entdeckte am 2. April 1867 den Lienneba-See. Dort schwebte er einen Monat lang zwischen Tod und Leben. Kaum hergestellt, erreichte er am 30. August den Moero-See, dessen nördliches Ufer er untersuchte, und betrat am 21. November die Stadt Cazembe, in der er vierzig Tage verweilte, während welchen er seinen Besuch des Moero-Sees noch zweimal wiederholte.

Von Cazembe aus richtete Livingstone seine Schritte nach Norden, in der Absicht, die bedeutende Stadt Ujiji am Taganyika zu erreichen. Von Ueberschwemmungen heimgesucht und von seinen Führern verlassen, mußte er jedoch nach Cazemba umkehren und nach Süden hin zurückwandern, wo er sechs Wochen später den großen See Banguelolo auffand. Dort blieb er bis zum 9. August und machte sich dann nochmals auf den Weg nach dem Taganyika.

Welch' mühselige Reise! Den heldenmüthigen Doctor ergriff eine solche Schwäche, daß er vom 7. Januar 1869 ab stets getragen werden mußte. Im Februar endlich erreichte er den See und traf in Ujiji ein, woselbst er eine für ihn bestimmte Sendung der orientalischen Gesellschaft in Calcutta vorfand.

Livingstone beschäftigte sich nun mit dem einen Gedanken, längs des Taganyika hinziehend, die Quellen oder das Flußthal des Nils zu finden. Am 21. September war er in Bambarre, im Staate Manyuema, der von Kannibalen bewohnt ist, und kam bei dem Lualaba an, von dem Cameron später voraussetzte und Stanley es feststellte, daß er nichts Anderes sei als der Oberlauf des Congo oder Zaïre. In Mamohela, wo ihm nur noch drei Diener übrig blieben, lag der Doctor vierundzwanzig Tage lang krank darnieder. Am 21. Juli 1871 reiste er endlich nach dem Taganyika zurück und traf erst am 23. October in Ujiji wieder ein. Er war nur noch ein Skelet!

Lange vor diesem Zeitpunkte blieben alle Nachrichten von dem Reisenden aus. In Europa konnte man ihn wohl für todt halten. Er selbst gab fast jede Hoffnung auf, sein Werk durchzuführen.

Elf Tage nach seiner Ankunft in Ujiji, am 3. November, knattern Gewehrschüsse etwa eine Viertelmeile vor der Stadt. Der Doctor eilt hinaus. Ein Mann, ein Weißer, steht vor ihm.

»Doctor Livingstone, wie ich annehmen muß?

– Gewiß!« antwortete dieser, mit höflichem Lächeln die Mütze lüftend.

Die Hände der beiden Männer fanden sich.

»Ich danke Gott, nahm der Weiße wieder das Wort, daß er mir vergönnt hat, Sie aufzufinden.

– Und ich schätze mich glücklich, erwiderte dieser, gerade jetzt hier zu sein, um Sie zu empfangen.«

Jener Weiße war der Amerikaner Stanley, der Reporter des New-York Herald, den M. Bennet, der Eigenthümer des Blattes, zur Aufsuchung David Livingstone's ausgesendet hatte.

Im October 1870 schiffte sich genannter Amerikaner ohne Zögern, ohne davon viel Aufsehen zu machen, ein Held im besten Sinne des Wortes, in Bombay nach Zanzibar ein und kam, indem er etwa der Reiseroute Speke's und Bourton's folgte, nach zahllosen Strapazen und unter wiederholt drohender Lebensgefahr in Ujiji an.

Die beiden Reisenden, welche schnell zu Freunden wurden, unternahmen alsbald eine Expedition nach dem nördlichen Theile des Taganyika. Sie schifften sich ein, segelten bis zum Cap Magala und kamen nach genauester Besichtigung zu der Ansicht, daß der Abfluß des großen Sees einen Nebenarm des Lualaba speise. Wenige Jahre später bestimmten dies Cameron und Stanley selbst mit voller Sicherheit. Am 12. December waren Livingstone und sein Begleiter wieder in Ujiji zurück.

Stanley bereitete sich zur Rückreise. Am 27. December kamen er und der Doctor nach achttägiger Wasserfahrt in Urimba an und gelangten am 23. Februar nach Kuihara.

Mit dem 12. März kam der Tag des Abschieds.

»Sie vollbrachten, sagte der Doctor zu seinem Gefährten, was nur wenige Menschen ausgeführt hätten, und das besser als manche große und erfahrene Reisende. Ich danke Ihnen herzlich dafür. Gott geleite Sie, mein Freund, und nehme Sie in seinen mächtigen Schutz!

– Und möge er Sie, sagte Stanley, Livingstone's Hand ergreifend, einst frisch und gesund zurückführen, bester Doctor!«

Dann zog er seine Hand rasch zurück und wandte sich um, seine Thränen zu verbergen.

»Leben Sie wohl, Doctor, mein lieber Freund! rief er mit halb erstickter Stimme.

– Leben Sie wohl«' wiederholte Livingstone schwach.

Am 12. Juli 1872 reiste Stanley nach Marseille ab.

Livingstone nahm seine Untersuchungen wieder auf. Am 25 August, nach fünfmonatlichem Aufenthalte in Kuihara, brach er in Begleitung seiner schwarzen Diener Souzi, Chouma und Amoda, zwei anderer Träger, ferner Jakob Wainwright's und weiterer 56 Mann, welche Stanley geschickt hatte, nach dem Süden des Taganyika auf.

Einen Monat später erreichte die Karawane unter heftigen, durch außergewöhnliche Trockenheit erzeugten Gewittern die Stadt M'oura. Immer strömte der Regen herab, murrten die Eingebornen, und unter den Stichen der Tetses erlagen die meisten Saumthiere. Am 24 Januar 1873 war die kleine Truppe in Tchitunkue. Am 27. April wandte sie sich, nach Umschreitung des Bangueolo-Sees, nach dem Dorfe Tchitambo.

Das war der Ort, wo mehrere Sklavenhändler Livingstone verlassen hatten. Von ihnen erfuhren dann Alvez und sein College aus Ujiji etwa Folgendes: Man war allgemein sehr ernstlich besorgt, daß der Doctor nach Erforschung des südlichen Theiles des Sees sich nach Loanda begeben und die Gegenden besuchen würde, wo der Sklavenhandel seinen Hauptsitz hat. Dabei sollte er nach Kazonnde kommen, wohin ihn der Weg ganz naturgemäß führte, und nur zu wahrscheinlich folgte er auch dieser Route.

Auf die bald bevorstehende Ankunft des berühmten Reisenden konnte Mrs. Weldon um so mehr rechnen, als er nun schon vor zwei Monaten den südlichen Theil des Bangueolo erreicht haben mußte.

Da verbreitete sich am 13. Juni, am Tage bevor Mrs. Weldon Negoro den Brief übergeben sollte, der hunderttausend Dollars in dessen Hände lieferte, unerwartet eine traurige Nachricht, über welche sich freilich Alvez und die anderen Händler nur freuen konnten.

Mit dem Morgenrothe des 1. Mai 1873 war David Livingstone verschieden!

Seine kleine Karawane hatte das Dorf Tchitamba am Südende des Sees im Laufe des 29. April erreicht. Den Doctor brachte man auf einer Tragbahre aus Zweigen dahin. In der Nacht zum 30. seufzte er unter der Marter seiner durchdringenden Schmerzen, doch so leise, daß man es kaum hörte, noch. »Oh! dear! dear!« und sank dann bewußtlos zusammen.

Nach Verlauf einer Stunde rief er seinen Diener Souzi, verlangte einige Arzneimittel und murmelte dann mit schwacher Stimme:

»Es ist gut, Ihr könnt nun gehen.«

Gegen vier Uhr Morgens traten Souzi und fünf Mann von der Begleitung in die Hütte des Doctors.

Vor seinem Lager knieend und den Kopf in die Hände gestützt, schien Livingstone zu beten.

Sonzi berührte mit dem Finger leicht seine Wange: sie war kalt.

David Livingstone war nicht mehr!

Neun Monate später langte seine Leiche, von den treuesten Dienern unter Verachtung jeder Anstrengung getragen, in Zanzibar an und wurde am 12. April 1874 in der Westminster-Abtei beigesetzt, mitten unter jenen Männern, welche England durch diese Grabstätte gleich seinen Königen ehrt.