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Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 13. Das Innere der Factorei
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Harry und Negoro hatten gelogen, als sie sagten, daß Mrs. Weldon und der kleine Jack todt seien. Sie befanden sich vielmehr mit Vetter Benedict Alle in Kazonnde.

Nach Erstürmung des Termitenbaues waren sie von Harris und Negoro, welche etwa ein Dutzend eingeborner Soldaten begleiteten, von dem Lager an der Coanza weggeführt worden.

Ein Palankin, die landesübliche »Kitonda«, nahm Mrs. Weldon und den kleinen Jack auf. Weshalb diese Fürsorge seitens eines Mannes wie Negoro? Mrs. Weldon wagte gar nicht, sich das zu erklären.

Schnell und ohne Anstrengung ward der Weg von der Coanza bis Kazonnde zurückgelegt. Vetter Benedict, auf den alle Strapazen keinen Einfluß zu haben schienen, wanderte raschen Schrittes dahin. Da man ihn links und rechts umherschweifen ließ, dachte er gar nicht daran, sich zu beklagen. Acht Tage vor Ibn Hamis' Karawane langte die kleine Gesellschaft in Kazonnde an. Mrs. Weldon wurde nebst ihrem Kinde und Vetter Benedict in dem Etablissement des Händlers Alvez eingeschlossen.

Es sei hier gleich im Voraus erwähnt, daß der kleine Jack sich weit besser befand. Nach dem Verlassen der sumpfigen Gegend, wo er sich früher das Fieber zuzog, genaß er allmälig wieder und erfreute sich jetzt des besten Wohlseins. Die Anstrengungen der Karawane hätten freilich weder er, noch seine Mutter auszuhalten vermocht. Bei den Verhältnissen aber, unter welchen sie diese Reise zurücklegten, während welcher sie auch nach keiner anderen Seite Noth litten, befanden sie sich, wenigstens physisch, Alle in leidlich gutem Zustande.

Von ihren Gefährten erhielt Mrs. Weldon keinerlei Nachrichten. Nachdem sie Herkules hatte in das Dickicht entfliehen sehen, wußte sie nicht, was aus ihm geworden war. Bezüglich Dick Sand's hoffte sie, daß seine Eigenschaft als Weißer ihn vor zu rücksichtsloser Behandlung schützen werde, da Harris und Negoro ja nicht in seiner Nähe waren, um ihn zu quälen. Nan, Bat, Tom. Austin und Acteon waren freilich Schwarze, und es schien nur zu gewiß, daß sie auch als solche behandelt würden. Die armen Leute, welche niemals den Boden Afrikas hätten betreten sollen und welche nun ein elender Verrath hierher verschlagen mußte!

Auch als Ibn Hamis' Karawane in Kazonnde anlangte, erfuhr Mrs. Weldon, der jede Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten war, davon nicht das Geringste.

Selbst der Lärm des Lakoni konnte sie nicht weiter aufklären. Sie wußte nicht, daß Tom und die Seinen an einen Sklavenhändler in Ujiji verkauft worden waren und daß sie in nächster Zeit abziehen sollten. Sie kannte weder etwas von der Tödtung Harris', noch von dem Ableben des Königs Moini Loungga, nichts von der königlichen Leichenfeier, der Dick Sand mit so vielen Anderen zum Opfer gefallen war. Die unglückliche Frau befand sich demnach allein in Kazonnde, abhängig von der Gnade der Händler, in der Gewalt Negoro's, und um diesem zu entfliehen, konnte sie nicht einmal daran denken, zu sterben, da ihr Kind ja bei ihr war!

Das Loos, welches ihrer wartete, blieb Mrs. Weldon also völlig unbekannt. Im Laufe der ganzen Reise von der Coanza bis Kazonnde hatten weder Harris noch Negoro jemals ein Wort an sie gerichtet. Seit ihrer Ankunft hier sah sie weder den Einen noch den Anderen nur mit einem Blicke wieder und konnte die Einzäunung des Etablissements des reichen Sklavenhändlers nicht verlassen.

Braucht es der ausdrücklichen Versicherung, daß Mrs. Weldon seitens ihres großen Kindes, des Vetters Benedict, keinerlei hilfreiche Unterstützung fand? – Das versteht sich ja wohl von selbst.

Als der würdige Gelehrte hörte, daß er sich nicht auf amerikanischem Boden befand, wie er doch bisher annahm, machte er sich nicht die mindeste Sorge darüber, zu erfahren, wie das wohl zugegangen sein mochte. Nein! Seine erste Empfindung war die der Enttäuschung. Die Insecten, welche er zuerst von allen in Amerika entdeckt zu haben glaubte, diese Tetses und andere, verwandelten sich nun ja zu ganz gewöhnlichen afrikanischen Hexapoden, welche eine Menge Naturforscher schon lange vor ihm in ihrer Heimat auffanden.

Wie traurig mußte er dem Ruhme, den diese Entdeckungen an seinen Namen heften sollten, Lebewohl sagen! Was war denn auch Erstaunliches daran, daß Vetter Benedict afrikanische Insecten gesammelt hatte, da er sich ja in Afrika befand?

Als der erste Schmerz der Enttäuschung aber vorüber war, sagte sich Vetter Benedict, daß »das Land der Pharaonen« – so pflegte er es noch immer zu nennen – ganz unvergleichliche Reichthümer an entomologischen Schätzen besaß, daß er, wenn er denn einmal nicht im »Lande der Inkas« sein sollte, bei diesem Tausche nicht viel verlieren könne.

»O, wiederholte er, und wiederholte es auch gegenüber Mrs. Weldon, welche ja gar nichts davon hören wollte, hier ist ja das Vaterland der Manticoren, jener Koleopteren mit langen, behaarten Füßen, mit verbundenen und doch verschiedenfarbigen Flügeldecken und verhältnißmäßig ungeheuren Kiefern, deren hervorragendste Art die knotige Manticore ist. Hier ist die Heimat der goldpunktirten Calosonen, der Goliaths von Guinea und Gabon, deren Füße mit Stacheln bewehrt sind; der gefleckten Anthidien, welche ihre Eier in das leere Gehäuse der Schnecken legen; der geheiligten Ateuchus, denen die Ober-Egypter eine wahrhaft göttliche Verehrung zollen! Hier wurden jene Sphinxe mit dem Todtenkopfe erzeugt, die jetzt durch ganz Europa verbreitet sind, und die Idias Bigoti, deren Stich die Bewohner der Küste von Senegal ganz besonders fürchten! O, hier ist noch manch prächtiger Fund zu thun und ich werde das nicht vernachlässigen, wenn diese wackeren Leute es nur erlauben!«

Man weiß, wer diese »wackeren Leute« waren, über welche Klage zu führen, Vetter Benedict gar nicht in den Sinn kam. Im Gegentheil genoß der Entomolog, wie gesagt, unter Harris' und Negoro's Leitung einer halben Freiheit, während Dick Sand ihn derselben während der Reise von der Küste zur Coanza beraubt hatte. Der naive Gelehrte schien von dieser Zuvorkommenheit ihm gegenüber ganz entzückt.

Vetter Benedict wäre mit einem Worte der glücklichste Entomologe gewesen, hätte er nicht einen Verlust erlitten, den er gar zu schmerzlich empfand. Noch immer besaß er zwar seine Blechbüchse, aber die Brille thronte nicht mehr auf seiner Nase und die Loupe hing nicht ferner an seinem Halse! Ein Naturforscher ohne Brille und Loupe ist aber so gut wie gar keiner. Leider sollte Vetter Benedict seine beiden optischen Hilfsmittel niemals wieder sehen, denn sie waren mit dem königlichen Gliedermann begraben worden.

Wenn er nun ein Insect fand, war er gezwungen, es sich fast in die Augen selbst zu halten, um dessen elementarste Einzelheiten zu erkennen O, das war ein schwerer Kummer für Vetter Benedict, und er hätte eine Lorgnette oder Brille gewiß gern theuer bezahlt. Diese Artikel pflegt man aber bei dem Lakoni von Kazonnde nicht feilzubieten. Jedenfalls durfte Vetter Benedict in Alvez' Etablissement ungehindert hin und hergehen. Man wußte ja, daß er unfähig war, einen Fluchtversuch zu machen. Uebrigens trennte eine hohe Palissade die Factorei von den übrigen Stadtvierteln, und diese war schon nicht so leicht zu übersteigen.

Blieb er nun auch stets streng eingeschlossen, so maß dieses Gefängniß dafür doch eine ganze Meile im Umfange. Verschiedene Bäume, Buschwerk aus Afrikas eigenthümlichen Arten, große Gräser, der Wasserlauf eines Baches, die Strohdächer der Baracken und Hütten – das war mehr als hinreichend, hier die seltensten Insecten zusammenzulocken und Vetter Benedict, wenn auch nicht reich, so doch glücklich zu machen. Er entdeckte auch wirklich einige Hexapoden, wenn es ihm auch fast das Augenlicht kostete, sie ohne Loupe zu untersuchen; doch nahm seine kostbare Sammlung ja dabei an Umfang zu und er legte damit den Grund zu einem umfassenden Werke über afrikanische Entomologie. Wie wünschte er, daß sein glücklicher Stern ihm ein neues Insect entdecken ließe, um an dasselbe seinen Namen zu knüpfen, dann wäre ja sein Herzenswunsch erfüllt gewesen!

Erwies sich Alvez' Etablissement schon hinreichend groß für Vetter Benedict's wissenschaftliche Ausflüge, so schien es dem kleinen Jack geradezu unermeßlich. Nur wenig suchte dieses Kind indeß die gewöhnlichen Vergnügungen seines Alters. Selten wich es von seiner Mutter, welche es überhaupt nicht gern allein ließ und immer irgend ein Unglück fürchtete. Der kleine Jack sprach häufig von seinem Vater, den er so lange nicht gesehen hatte, und verlangte zu ihm zurückzukehren. Er erkundigte sich nach Allen, nach der alten Nan, nach seinem Freunde Herkules, nach Bat, Austin, Acteon und nach Dingo, der ihn ja ebenfalls verlassen zu haben schien. Er wollte seinen Kameraden Dick Sand wiedersehen. Seine Einbildungskraft lebte nur in der schönen Vergangenheit Mrs. Weldon konnte auf seine Fragen nicht anders antworten, als dadurch, daß sie ihn an die Brust drückte und seine Stirn mit Küssen bedeckte. Nicht in seiner Gegenwart zu weinen, das war das einzige, was sie thun konnte!

Inzwischen nöthigte sich Mrs. Weldon die Beobachtung auf, daß die verhältnißmäßig rücksichtsvolle Behandlung, die ihr auf der Reise von der Coanza bis hierher zu Theil geworden war, auch in Alvez' Etablissement keine Aenderung erleiden solle. In der Factorei befanden sich nur die speciellen, für die Bedienung des Händlers bestimmten Sklavinnen. Alle Uebrigen waren in den Baracken der Tchitoka untergebracht und an die Mäkler aus dem Innern verkauft worden. Jetzt strotzten die Magazine von Stoffen und Elfenbein, die Stoffe mit der Bestimmung, in den Provinzen Central-Afrikas ausgetauscht, das Elfenbein, um nach den Handelsplätzen des Continents exportirt zu werden.

In der Factorei wohnten also nur wenig Menschen. Mrs. Weldon nahm mit dem kleinen Jack eine besondere Hütte ein; Vetter Benedict eine andere. Mit den Dienern des Händlers kamen sie nicht viel zusammen und speisten gemeinschaftlich. Die aus Ziegen- oder Hammelfleisch, Gemüsen, Manioc, Sorgho und anderen Landesfrüchten bestehende Nahrung war für sie völlig hinreichend. Halima, eine junge Sklavin, welche Mrs. Weldon besonders beigegeben war, erwies ihr sogar, so gut sie das vermochte, eine zwar rohe, aber jedenfalls aufrichtige Theilnahme.

Jose-Antonio Alvez, der das Hauptgebäude bewohnte, bekam Mrs. Weldon kaum zu Gesicht, und sie sah auch den außerhalb wohnenden Negoro nicht, dessen Fernbleiben ihr gänzlich unerklärbar blieb. Diese Zurückhaltung erregte ihre Verwunderung und beunruhigte sie nur desto mehr.

»Was will er? Was zögert er? fragte sie sich. Warum hat er uns nach Kazonnde geschleppt?«

So verliefen die acht Tage vor Eintreffen der Karawane Ibn Hamis, die zwei Tage vor der Leichenfeier des Königs und auch noch sechs Tage nach dieser.

Trotz ihrer eigenen Angst konnte Mrs. Weldon doch niemals vergessen, daß ihr Gatte sicher in der größten Seelenangst schwebe, weder Weib noch Kind nach San Francisco zurückkehren zu sehen. Mr. Weldon konnte nicht wissen, daß seine Frau den verderblichen Gedanken gehabt habe, sich auf dem »Pilgrim« einzuschiffen, und mußte glauben, daß sie auf einem der Steamer der transpacifischen Compagnie Passage genommen habe. Diese Dampfer langten nun zwar regelmäßig an, doch weder Mrs. Weldon, noch Jack oder Vetter Benedict mit ihnen. Uebrigens hätte auch der »Pilgrim« jetzt schon längst nach seinem Heimathafen zurückgekehrt sein sollen und James W. Weldon mußte ihn wohl, bei dem Fehlen aller weiteren Nachrichten von dem Schiffe unter die Zahl der verschollenen Fahrzeuge rechnen. Welch' furchtbarer Schlag würde es aber erst für ihn gewesen sein, als er von seinem Correspondenten in Auckland Avis von der Abfahrt des »Pilgrim« und der Einschiffung der Mrs. Weldon auf demselben erhielt! Was war da wohl in ihm vorgegangen? Selbst wenn er noch nicht glaubte, daß sein Sohn und sie auf dem Meere umgekommen seien, wohin sollte er sich mit seinen Nachforschungen wenden? Offenbar nach den Inseln des Stillen Oceans, vielleicht nach der Küste Amerikas. Aber nie, niemals konnte ihm nur einfallen, daß sie an das Gestade des schrecklichen Afrika geworfen worden sein könnten.

So dachte Mrs. Weldon. Was konnte sie selbst aber in ihrer Lage thun? Entfliehen? Doch wie? Man überwachte sie sehr streng. Fliehen hieß aber, sich auf's Gerathewohl in das Dickicht der Wälder wagen, mitten in tausend Gefahren stürzen und eine Fußreise von mehr als zweihundert Meilen bis zur Küste versuchen. Trotz alledem war Mrs. Weldon, wenn ihr kein anderes Mittel zu Gebote stand, ihre Freiheit wieder zu erlangen, zu jenem Wagniß entschlossen. Vorher jedoch wollte sie die eigentlichen Absichten Negoro's kennen lernen.

Endlich sollte das geschehen.

Am 6. Juni, drei Tage nach dem Begräbnisse des Königs von Kazonnde, trat Negoro in die Factorei, in welche er bisher nie den Fuß gesetzt hatte, ein und ging unmittelbar auf die von der Gefangenen bewohnte Hütte zu.

Mrs. Weldon war allein. Vetter Benedict machte eben einen seiner wissenschaftlichen Spaziergänge. Der kleine Jack tummelte sich unter Aufsicht Halima's auf dem freien Platze der Factorei.

Negoro stieß die Thür der Hütte auf.

»Mistreß Weldon, begann er ohne weitere Vorrede, Tom und seine Gefährten sind nach den Märkten von Ujiji verkauft worden.

– Gott sei ihnen gnädig! sagte Mrs. Weldon, die sich eine Thräne trocknete.

– Nan ist unterwegs gestorben und Dick Sand kam um..

– Nan todt! Und Dick'... rief Mrs. Weldon.

– Ja, die Gerechtigkeit verlangte, daß der Kapitän von fünfzehn Jahren die Ermordung Harris' mit dem Tode bezahlte, erwiderte Negoro. Sie sind allein in Kazonnde, Mistreß, allein in der Gewalt des früheren Koches vom »Pilgrim«, ganz allein, verstehen Sie?«

Was Negoro sagte, war leider nur zu wahr, auch so weit es Tom und seine Genossen betraf. Der alte Neger, sein Sohn Bat, Acteon und Austin

brachen schon am Tage vorher mit der Karawane des Händlers aus Ujiji auf, ohne den Trost, Mrs. Weldon wiederzusehen, sogar ohne zu wissen, daß ihre Leidensgefährtin sich überhaupt in Kazonnde in Alvez' Etablissement befand. Nun waren sie abgereist nach der Gegend der großen Seen, den Weg, der viele hundert Meilen beträgt, den nur Wenige zurücklegen und von dem noch Wenigere wiederkehren.

»Nun, was weiter? fragte Mrs. Weldon, ohne Negoro anzusehen.

– Mistreß Weldon, fuhr der Portugiese kurz angebunden fort, ich könnte mich jetzt für die schlechte Behandlung rächen, die ich an Bord des »Pilgrim« erlitten habe. Der Tod Dick Sand's soll mir jedoch genügen. Jetzt bin ich wieder Kaufmann und nun hören Sie meine Absichten wegen Ihrer Zukunft!«

Mrs. Weldon betrachtete den Mann, ohne ein Wort zu äußern.

»Sie selbst, erklärte der Portugiese, Ihr Kind und der gelehrte Tölpel, welcher nach Fliegen jagt, haben für mich einen gewissen Handelswerth, den ich mir zu Nutze zu machen gedenke. Ich werde also auch Sie verkaufen.

– Ich bin eine Freie, antwortete Mrs. Weldon mit sicherer Stimme.

– Sie sind eine Sklavin, wenn ich das will.

– Und wer würde eine Weiße kaufen?

– Ein Mann, der so viel für Sie zahlt, wie ich verlange!«

Mrs. Weldon senkte einen Augenblick das Haupt, denn sie wußte, daß in diesem entsetzlichen Lande eben Alles möglich sei.

»Sie haben mich verstanden? begann Negoro wieder.

– Wer ist der Mann, von dem Sie glauben, daß er mich kaufen werde?

– Sie kaufen oder wiederkaufen!... Ich setze das wenigstens voraus! fügte der Portugiese grinsend hinzu.

– Der Name dieses Mannes? fragte Mrs. Weldon.

– Ei... das ist James W. Weldon, Ihr Gatte.

– Mein Mann! rief Mrs. Weldon, welche nicht recht gehört zu haben glaubte.

– Er selbst, Mistreß Weldon, Ihr Mann, dem ich seine Frau und sein Kind zwar nicht zurückgeben, aber doch verkaufen will; den Vetter Benedict erhält er bei dem Handel dann als Zugabe!«

Mrs. Weldon fragte sich, ob Negoro ihr nicht blos eine Falle stelle, doch schien es ihr, als spreche er im Ernste. Einem elenden Wicht, dem das Geld Alles ist, darf man wohl trauen, wenn es sich um ein Geschäft für ihn handelt, und hier lag ja ein solches vor.

»Und wann gedenken Sie dieses Geschäft abzuschließen? fragte Mrs. Weldon.

– Sobald als möglich.

– Wo?

– Hier auf der Stelle. James W. Weldon wird sich gewiß nicht besinnen, bis nach Kazonnde zu kommen, um seine Frau und sein Kind abzuholen.

– Nein, er würde nicht zögern! – Doch, wer giebt ihm Nachricht?

– Ich. Ich werde nach San Francisco gehen und Herrn Weldon aufsuchen. Das Geld zu dieser Reise fehlt mir nicht.

– Das vom »Pilgrim« gestohlene Geld?

– Ja, .... eben das.... und noch anderes obendrein, antwortete Negoro prahlend. Doch ich will Sie schnell verkaufen und theuer an den Mann bringen. Ich denke, James Weldon wird so einhunderttausend Dollars nicht ansehen.

– Er wird sie nicht ansehen, wenn er sie geben kann, bestätigte Mrs. Weldon frostig. Nur wird mein Mann, wenn Sie ihm sagen, daß ich als Gefangene in Kazonnde, im Innern Afrikas zurückgehalten werde...

– Natürlich werde ich ihm das sagen.

– Mein Mann wird Ihnen ohne Beweise nicht glauben und nicht so unklug sein, auf Ihr bloßes Wort hin, hierher nach Kazonnde zu kommen.

– Er wird schon kommen, entgegnete Negoro, wenn ich ihm einen von Ihnen geschriebenen Brief bringe, in dem Sie Ihre Lage schildern und mich für einen treuen Diener ausgeben, dem es gelang, den Händen dieser Wilden zu entfliehen...

– Nie werden meine Hände diesen Brief schreiben! antwortete Mrs. Weldon bestimmt.

– Sie schlagen es ab? rief Negoro.

– Ja, gewiß!«

Der Gedanke an die Gefahren, welche ihrem Gatten drohten, wenn er nach Kazonnde kam, das wenige Vertrauen, das sie in die Versprechungen Negoro's setzen konnte, die Leichtigkeit für diesen, auch Mr. Weldon nach eingezogenem Lösegeld zurückzuhalten, alle diese Gründe wirkten zusammen, daß Mrs. Weldon, die im ersten Augenblicke nicht an ihr Kind dachte, den Vorschlag Negoro's rundweg ablehnte.

»Sie werden diesen Brief schreiben! begann der Portugiese noch einmal.

– Nein! antwortete Mrs. Weldon wiederholt.

– Ah, nehmen Sie sich in Acht! rief Negoro. Sie sind hier nicht allein! Ihr Kind ist ebenso in meiner Gewalt wie Sie selbst!«

Mrs. Weldon wollte antworten, daß ihm das unmöglich sei. Ihr Herz schlug zum Zerspringen und die Stimme versagte ihr.

»Mistreß Weldon, begann Negoro noch einmal, Sie werden sich mein Anerbieten überlegen. Binnen acht Tagen werden Sie mir einen Brief mit der Adresse des Herrn Weldon übergeben haben oder sie dürften es bereuen!«

Mit diesen Worten zog der Portugiese sich zurück, ohne seiner Wuth freien Lauf zu lassen, an Allem aber zeigte es sich, daß er vor keinem Mittel zurückschrecken werde, Mrs. Weldon zum Nachgeben zu zwingen.