Read synchronized with  English  French  Russian 
Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 6. Die Taucherglocke
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Auf diese unvermuthete Offenbarung vermochte Dick Sand nicht zu antworten. Uebrigens hatte Mrs. Weldon ihren Platz neben dem kleinen Jack schon wieder eingenommen. Sie hatte offenbar nicht mehr sagen wollen und der junge Leichtmatrose hätte sonst auch nicht den Muth gehabt, sie daran zu hindern.

Mrs. Weldon wußte also, woran sie war. Die verschiedenen Reise-Erlebnisse hatten auch sie aufgeklärt, vielleicht das Wort »Afrika!« das Vetter Benedict den Tag vorher unglücklicher Weise ausgesprochen hatte.

»Mistreß Weldon weiß Alles, wiederholte sich Dick Sand. Nun, vielleicht ist es besser so. Die muthige Frau verzweifelt nicht. Und ich?.... Niemals!«

Jetzt sehnte sich Dick Sand wirklich nach dem Wiederanbruch des Tages, um die Umgebung des Termitendorfes näher in Augenschein nehmen zu können. Einen Küstenstrom des Atlantischen Oceans und seinen schnellen Lauf, das mußte er finden, um seine kleine Gesellschaft fortzuschaffen, und ihn verließ das Vorgefühl nicht, daß dieser ersehnte Wasserlauf nicht fern sein könne. Vor Allem kam es ihm darauf an, ein Zusammentreffen mit Eingebornen zu vermeiden, wel che von Harris und Negoro vielleicht schon zu ihrer Verfolgung ausgesendet sein konnten.

Noch wollte es aber nicht Tag werden. Durch die Oeffnung im unteren Theile des Kegels drang kein Lichtstrahl ein. Das in Folge der dicken Wände nur dumpf ertönende Rollen des Donners bewies, daß das Unwetter ungeschwächt fortwüthete. Durch Anlegen des Ohres vernahm Dick Sand auch deutlich, wie der Regen zwar an die Basis des Termitenbaues anschlug, aber nicht mehr den festen Erdboden traf, woraus er auf eine Ueberschwemmung der ganzen Umgebung schließen mußte.

Es mochte gegen elf Uhr sein. Dick Sand fühlte, daß er in Folge einer halben Betäubung, vielleicht auch wirklichen Müdigkeit, wohl einschlafen würde. Immerhin hätte er einiger Ruhe genossen. Doch als er sich dieser schon hingeben wollte, kam ihm der Gedanke, daß die Eingangsöffnung durch Erweichung des aufgeschütteten thonigen Bodens verschlossen werden könne. Damit wäre aber jeder Lustzutritt von außen abgeschnitten gewesen und die Athmung der eingeschlossenen zehn Personen dadurch auf's höchste gefährdet worden, daß die Luft durch ausgeathmete Kohlensäure verdorben wurde.

Dick Sand glitt also nach dem, mit dem Thongemisch aus den unteren Zellenreihen erhöhten Boden herab.

Die künstlich geschaffene Erhöhung erwies sich noch völlig trocken und die Oeffnung frei. Ungehindert drang die Luft in das Kegel-Innere ein und mit ihr ein schwacher Widerschein der Blitze des Gewitters, welche selbst ein diluvianischer Regenguß nicht zu löschen vermochte.

Dick Sand überzeugte sich, daß Alles in gutem Stande war. Vorläufig schienen den an die Stelle der Neuropteren-Kolonie getretenen menschlichen Termiten irgend welche Gefahren nicht zu drohen. Der junge Leichtmatrose gedachte sich also durch einige Stunden Schlaf, den er sich schon übermannen fühlte, neu zu stärken.

Fast aus übertriebener Vorsicht legte sich Dick Sand auf der Thonauffüllung des Kegelbodens, in gleicher Höhe mit der Eingangsöffnung nieder. So konnte draußen nichts geschehen, ohne daß er es zuerst bemerkte. Der anbrechende Tag mußte ihn erwecken und sofort wollte er dann die Umgebung untersuchen.

Den Kopf an die Wand gelehnt und das Gewehr unter der Hand, legte Dick Sand sich also nieder und schlief sofort ein.

Wie lange sein tiefer Schlummer gedauert habe, vermochte er nicht zu sagen, als ihn eine lebhafte Empfindung von Kälte erweckte.

Er erhob sich und wurde zur größten Bestürzung gewahr, wie das Wasser in den Termitenbau, und zwar mit solcher Schnelligkeit eindrang, daß es die von Tom und Herkules eingenommene Abtheilung binnen wenigen Secunden erreichen mußte.

Dick Sand machte die Genannten wach und setzte sie von dem Zustande der Dinge in Kenntniß.

Die schnell wieder angezündete Laterne erhellte das Innere des Kegels.

Bis 11/2 Meter Höhe war das Wasser gestiegen und verharrte dann bei diesem Stande.

»Was giebt es, Dick? fragte Mrs. Weldon.

– Nichts von Bedeutung, antwortete der junge Leichtmatrose. Das Erdgeschoß unserer Wohnung steht unter Wasser. Wahrscheinlich ist ein Bach in der Nähe über seine Ufer getreten.

– Schön! meinte Herkules, das beweist, daß unser Fluß gefunden ist.

– Gewiß, bestätigte Dick Sand, und er wird uns nach der Küste tragen. Beruhigen Sie sich, Mistreß Weldon, das Wasser kann weder Sie erreichen, noch den kleinen Jack, Nan oder Herrn Benedict!«

Mrs. Weldon antwortete nicht und der seelenruhige Vetter schlief wie eine leibhaftige Termite.

Die Neger blickten auf die im Scheine der Laterne reflectirende Wasserfläche herab und warteten, was Dick Sand, der noch einmal die Wassertiefe maß, zu thun für räthlich finden werde.

Dick Sand sagte aber nichts, sondern bemühte sich nur, die Mundvorräthe und Waffen vor der Ueberfluthung zu sichern.

»Das Wasser ist durch den Eingang eingedrungen? begann Tom.

– Ja, erwiderte Dick Sand, und es macht nun jede Erneuerung der Luft unmöglich.

– Sollten wir dann nicht über dem Wasserniveau ein Loch durch die Wand brechen? fragte der alte Neger.

– Gewiß... Tom; allein... ja, wenn wir hier drinnen 1 1/2 Meter Wasser haben, so steht es draußen möglicher Weise zwei, zwei ein halb oder noch mehr Meter hoch!

– Sie glauben, Herr Dick?

– Ich denke, Tom, daß das Wasser, als es im Innern dieses Kegels emporstieg, die Luft in dessen oberen Theilen comprimiren mußte und daß diese allein es jetzt am Höhersteigen verhindert. Bieten wir der Luft aber durch eine andere Oeffnung Gelegenheit zum Abzug, so wird sich der Wasserstand nothwendiger Weise erhöhen, bis er demjenigen außerhalb der Wände gleichkommt, und wenn er bis über die neue Oeffnung stiege, würde er die Luft darüber noch einmal zusammenpressen. Wir befinden uns hier in der Lage von Arbeitern in einer Taucherglocke.

– Was ist also zu thun? forschte Tom weiter.

– Wohl zu überlegen, bevor wir handeln, belehrte ihn Dick Sand. Eine Unklugheit könnte uns das Leben kosten!«

Diese Bemerkung des jungen Leichtmatrosen war sehr richtig und die Vergleichung des Kegels mit einer Taucherglocke unter Wasser ganz zutreffend. In letzterem Apparate jedoch wird die Luft mittelst Pumpen fortwährend erneuert, so daß die Taucher ungehindert athmen können und keinen anderen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind, als denen, welche der längere Aufenthalt in einer über ihre Normalspannung comprimirten Luft mit sich führt.

Außer diesen Beschwerden kam hier aber die Verminderung des Raumes um ein volles Drittel in Frage, und ferner, daß die Luft sich nicht erneuern konnte, außer wenn man in der Wand eine Oeffnung machte, die sie mit der äußeren Atmosphäre in Verbindung setzte.

Konnte man eine solche Oeffnung nun herstellen, ohne die von Dick Sand befürchteten Gefahren heraufzubeschwören, und verschlimmerte sich dadurch nicht die dermalige Lage?

Gewiß war, daß das Wasser sich jetzt auf einem Stande erhielt, dessen Erhöhung nur zwei Ursachen herbeiführen konnten: entweder wenn man eine Oeffnung herstellte und die Höhe der Ueberschwemmung draußen den Wasserstand im Innern übertraf, oder wenn die Ueberschwemmung selbst noch weiter anwuchs. In beiden Fällen konnte in dem Kegel nur noch ein beschränkterer Raum übrig bleiben, in dem die sich nicht erneuernde Luft wiederum comprimirt wurde.

Konnte der Termitenbau dabei aber nicht total vom Boden abgehoben und durch die Ueberschwemmung umgestürzt werden? Nein, so wenig wie eine Biberhütte, denn er hing ebenso fest wie eine solche mit der Erde zusammen.

Der am meisten zu fürchtende Umstand lag also in der Fortdauer des Unwetters und der Zunahme der Ueberschwemmung. 91/2 Meter Wasser auf der Ebene mußten den Kegel um 51/2 Meter überdecken und die Luft im Innern unter dem Drucke einer ganzen Atmosphäre zusammenpressen.

Eine reifliche Ueberlegung bestärkte Dick Sand's Befürchtung, daß diese Ueberschwemmung bis zu sehr bedeutendem Grade zunehmen könne, da sie von dem Wasser, das die direct über der Ebene stehenden Wolken herabstürzten, offenbar nicht allein herrührte. Weit annehmbarer erschien die Erklärung, daß ein durch das Unwetter angeschwollener Wasserlauf der Nachbarschaft seine Uferdämme durchbrochen habe und sich nun über die jenseitige Niederung ausbreite. Wer konnte aber dafür einstehen, daß der Ameisenbau nicht schon vollständig überfluthet und sogar die Möglichkeit abgeschnitten war, durch seine obere Spitze hinauszugelangen, die zu demoliren es ja weder langer, noch beschwerlicher Arbeit bedurft hätte?

In quälendster Unsicherheit fragte Dick Sand sich selbst, was wohl zu thun wäre. Sollte man die Beendigung dieser Situation ruhig abwarten oder, nach Kenntnißnahme der Umstände, gewaltsam herbeizuführen suchen?

Es war jetzt drei Uhr Morgens. Regungslos und schweigend lauschten Alle. Durch den geschlossenen Eingang drang jedes Geräusch von außerhalb nur sehr geschwächt herein, doch verrieth ein ausgedehntes anhaltendes, dumpfes Rollen, daß der Kampf der Elemente noch immer nicht beendet sei.

Da bemerkte der alte Tom, daß das Niveau des Wassers allmälig steige.

»Ja wohl, bestätigte Dick Sand, und wenn das der Fall ist, obschon die Luft nicht nach außen entweichen kann, so beweist es, daß die Wasserfluth wächst und jene weiter zusammendrückt.

– Bis jetzt beträgt es nur wenig, sagte Tom.

– Gewiß, antwortete Dick Sand, aber wo ist die Grenze?

– Herr Dick, fragte Bat, wünschen Sie, daß ich draußen Umschau halte? Ich werde untertauchen und durch die Eingangsthüre zu gelangen suchen...

– Besser, ich unternehme diesen Versuch gleich selbst, meinte Dick Sand.

– Nein, nein, Herr Dick, widersprach ihm der alte Tom. Lassen Sie meinen Sohn gewähren und vertrauen Sie seiner Gewandtheit. Im Falle er nicht zurückkehren könne, ist Ihre Gegenwart hier doppelt nöthig!«

Und leiser setzte er hinzu.

»Denken Sie an Mistreß Weldon und den kleinen Jack!

– Gut, es sei, antwortete Dick Sand. An's Werk also, Bat. Ist unsere Wohnung überschwemmt, so versucht nicht erst die Rückkehr. Wir verlassen sie dann ebenfalls. Ragt der Kegel aber noch über das Wasser empor, so schlagt mit der Axt, die Ihr mitnehmen müßt, kräftig auf seine Spitze. Wir werden das hören, und es soll uns als Zeichen dienen, diese auch unsererseits zu zerstören. Verstanden?

– Gewiß, Herr Dick, versicherte Bat.

– Also vorwärts, Junge!« drängte der alte Tom, indem er seinem Sohne die Hand drückte.

Nachdem sich Bat durch einen tiefen Athemzug einen tüchtigen Luftvorrath gesichert, tauchte er in dem jetzt über 11/2 Meter tiefen Wasser unter. Er ging an eine schwierige Aufgabe, denn zuerst mußte er die untere Oeffnung aufsuchen, dann durch diese schlüpfen und nach der äußeren Oberfläche des Wassers emportauchen. Alles das mußte auch in sehr kurzer Zeit ausgeführt sein.

Es verging nahezu eine halbe Minute. Schon glaubte Dick Sand, daß es dem Neger gelungen sei, hinaus zu gelangen, als Bat wieder auftauchte.

»Nun? rief Dick Sand erstaunt.

– Der Eingang ist verschlämmt und verschüttet! antwortete Bat, nachdem er wieder zu Athem gekommen war.

– Verschlossen? rief Tom.

– Ja wohl! bestätigte Bat. Wahrscheinlich hat das Wasser den Thon erweicht... ich habe mit den Händen die Wand ringsum abgetastet... nirgends ist eine Oeffnung mehrt«

Dick Sand schüttelte den Kopf. Seine Gefährten und er sahen sich hermetisch in den Kegel eingeschlossen, den vielleicht gar das Wasser überfluthete.

»Wenn keine Oeffnung mehr vorhanden ist, meinte Herkules, so müssen wir eine neue machen.

– Wartet noch!« fiel der junge Leichtmatrose ein, indem er Herkules, der die Axt in den Händen schon zum Schlage ausholte, zurückhielt.

Dick Sand überlegte einige Augenblicke, dann fuhr er fort:

»Wir können wohl anders zu Werke gehen. Die Hauptfrage bleibt ja, zu wissen, ob das Wasser den Bau überdeckt oder nicht. Wenn wir am Gipfel des Kegels eine ganz kleine Oeffnung herstellten, müßten wir ja erfahren, wie es sich damit verhält. Im Fall der vollständigen Ueberfluthung des Termitenhügels würde ihn das Wasser total erfüllen und unser Verderben gewiß sein. Gehen wir also ganz vorsichtig zu Werke...

– Aber schnell!« setzte Tom hinzu.

In der That stieg das Wasser nach und nach weiter und stand im Innern des Kegels schon circa zwei Meter hoch. Außer Mrs. Weldon, ihrem Sohne, Vetter Benedict und Nan, welche ja die obersten Abtheilungen eingenommen hatten, standen jetzt Alle schon mit halbem Leibe im Wasser.

Es galt also jetzt ohne Säumen in der von Dick Sand vorgeschlagenen Weise vorzugehen.

Ein halb Meter hoch über dem inneren Wasserniveau, also 2 1/2 Meter über dem Boden, beschloß Dick Sand, eine Probeöffnung in die Thonwand brechen zu lassen.

Gelangte man durch diese in Communication mit der äußeren Atmosphäre, so mußte der Kegel ja das Wasser noch überragen. Traf das Loch dagegen eine Stelle unterhalb der äußeren Wasseroberfläche, so wurde die Luft im Innern noch weiter zurückgedrängt, und in diesem Fall mußte man vorbereitet sein, jenes schnellstens wieder zu verschließen, weil das Wasser sonst bis an die Oeffnung selbst aufsteigen würde. Hierauf wollte man denselben Versuch ein halb Meter höher wiederholen und in ähnlicher Weise fortfahren. Wenn man nun aber auch an der Spitze des Kegels nicht auf die freie Luft stieß, also 41/2 Meter Wasser über der Ebene standen und die ganze Termiten-Ansiedelung unter der Wildfluth verschwunden war, was dann? Welche Aussicht winkte noch den in dem Ameisenbau Gefangenen, dem entsetzlichsten Tode, dem der langsamen Erstickung zu entgehen?

Dick Sand übersah das zwar Alles, seine Kaltblütigkeit verließ ihn aber keinen Augenblick. Die Folgen des zu unternehmenden Versuches hatte er im Voraus genau ermittelt. Länger zu zaudern, war übrigens unmöglich. In diesem engen Raume drohte die Asphyxie mehr und mehr, da jener sich zunehmend verkleinerte und die Luft sich mit Kohlensäure sättigte.

Das beste Werkzeug, welches Dick Sand zum Bohren eines Loches in der Hand besaß, bestand in einem Ladestock mit Kugelzieher am Ende, wie er zur Wiederentladung eines Gewehres benutzt wird. Durch schnelles Umdrehen desselben griff diese Schraube gleich einem Hohlbohrer in die Thonmasse ein und das Loch gewann allmälig an Tiefe. Es erhielt dabei freilich keinen größeren Durchmesser als den des Ladestockes, doch das reichte ja aus. Die Luft mußte dadurch ja hinlänglich circuliren können.

Herkules hielt die Laterne und leuchtete Dick Sand. Man besaß noch einige Kerzen und brauchte also nicht zu fürchten, daß es an Licht fehlen werde.

Eine Minute nach Beginn der Operation drang der Ladestock frei durch die Wand. Sofort entstand ein dumpfgurgelndes Geräusch, ähnlich dem von Luftblasen, welche durch eine Wassersäule aufsteigen. Die Luft drängte sich wirklich nach außen und sofort stieg das Wasser im Kegel und stand erst wieder in gleicher Höhe mit der Oeffnung, ein Beweis, daß man diese zu tief, nämlich unterhalb des äußeren Wasserniveaus gebohrt hatte.

»Noch einmal!« sagte der junge Leichtmatrose sehr kühl, nachdem er das Loch mit einem Thonpfropfen verschlossen hatte.

Der Wasserstand im Kegel war wieder stationär geworden, der freie Innenraum aber wieder um 21 Centimeter in der Höhe vermindert. Das Athmen ward beschwerlicher, denn es trat langsam ein Mangel an Sauerstoff ein. Man bemerkte das auch an der Flamme der Laterne, welche einen röthlichen Schimmer annahm und an Leuchtkraft verlor.

Dreizehntel Meter oberhalb des ersten Loches begann Dick Sand auf die nämliche Weise ein zweites zu bohren. Mißglückte der Versuch auch hier, so drohte zwar das Wasser im Kegel noch höher zu steigen... doch diese Gefahr mußte man eben in den Kauf nehmen.

Während Dick Sand mit seinem Bohrer arbeitete, hörte man plötzlich Vetter Benedict ausrufen:

»Ah, zum Teufel!... da... da haben wir's ja!«

Herkules erhob die Laterne und ließ ihr Licht auf Vetter Benedict fallen, dessen Angesicht die tiefste Befriedigung ausdrückte.

»Ja, da haben wir's, warum diese intelligenten Termiten ihren Bau aufgegeben haben. Sie fühlten die Ueberschwemmung schon voraus! O, der Instinct, meine Freunde, der Instinct! Sind pfiffiger als wir, diese Termiten, weit, weit pfiffiger!«

Das war so die ganze Moral, welche Vetter Benedict aus der thatsächlich verzweifelten Situation zog.

Eben zog Dick Sand den durch die Wand gedrungenen Ladestock zurück. Es entstand ein Pfeifen und wiederum stieg das Wasser im Innern des Kegels... das Loch hatte die freie Luft noch immer nicht getroffen!

Die Lage ward allgemach schrecklich. Mrs. Weldon, welche jetzt das Wasser fast erreichte, hielt den kleinen Jack in ihren Armen hoch. Alle erstickten fast in dem engen Raume. Ihre Ohren summten. Die Laterne verbreitete nur noch ein unzulängliches Licht.

»Steht denn der Kegel wirklich gänzlich unter Wasser?« murmelte Dick Sand.

Er mußte das erfahren und deshalb noch ein drittes Loch an der Kegelspitze selbst bohren.

Mißlang auch dieser letzte Versuch, so stand ihnen freilich der unmittelbare Tod durch Erstickung bevor. Was von Luft noch übrig war über der Wasserfläche, mußte dann entweichen und das Wasser den ganzen Kegel erfüllen.

»Mistreß Weldon, sagte Dick Sand, unsere Lage ist Ihnen bekannt. Zögern wir, so geht uns die athembare Luft aus. Schlägt auch der letzte Versuch fehl, so erfüllt das Wasser den ganzen Raum. Die einzige Aussicht auf Rettung liegt noch darin, daß der Gipfel des Kegels das Niveau der Wildfluth überragt. Es bleibt uns nur dieser letzte Versuch übrig. Stimmen Sie ihm zu?

– Thu' es, Dick!« erwiderte Mrs. Weldon.

In diesem Augenblicke erlosch die Lampe in dem vorhandenen, zur Unterhaltung der Verbrennung untauglichen Gasgemische. Mrs. Weldon und ihre Gefährten saßen in absoluter Dunkelheit.

Dick Sand stieg auf die Schultern von Herkules, der sich selbst an eines der Wandfächer stemmte, wobei nur sein Kopf allein noch über Wasser blieb. Mrs. Weldon, Jack und Vetter Benedict hatten sich in die allerhöchste Zellenabtheilung zurückgezogen.

Dick Sand nahm die Wand in Angriff und rasch drang sein Ladestock durch den Thon. An dieser Stelle war die Wand selbst sowohl dicker als auch härter. Dick Sand beeilte sich, nicht ohne ein erdrückendes Angstgefühl, denn durch die enge Oeffnung, welche er bohrte, sollte mit der Luft entweder das Leben, oder mit dem Wasser der Tod seinen Einzug halten.

Plötzlich ließ sich ein scharfes trockenes Pfeifen vernehmen. Die comprimirte Luft drang hinaus... aber ein Strahl des Tages blitzte durch die Oeffnung. Das Wasser stieg nur noch um 21 Centimeter und stand dann still, ohne daß Dick Sand nöthig hatte, die Oeffnung wieder zu verschließen. Der Gipfel des Kegels ragte über die Fluth empor... Mrs. Weldon und ihre Gefährten waren gerettet!

Sofort kamen, nach einem wild aufjauchzenden Hurrah, in dem Herkules' sonore Stimme vorherrschte, die Jagdmesser in Anwendung.

Die eiligst angegriffene Kegelhaube zerbröckelte unter ihnen. Die Oeffnung erweiterte sich, die Luft drang in vollem Strome ein und mit ihr die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Nach Abdeckung des Kegels mußte es leicht sein, sich auf seine Wand emporzuschwingen, und dort wollte man sich nach einem Mittel umsehen, eine benachbarte, der Ueberschwemmung gänzlich entzogene Anhöhe zu erreichen.

Dick Sand bestieg zuerst den Gipfel des Kegels...

Ein Schrei entfuhr ihm.

Er vernahm das den Afrika-Reisenden nur zu wohlbekannte Geräusch durch die Luft schwirrender Pfeile.

Dick Sand vermochte in der Schnelligkeit auf hundert Schritte von dem Termitenhügel ein Lager, und zehn Schritt von demselben auf der über schwemmten Ebene einige lange, mit Eingebornen besetzte Barken wahrzunehmen.

Von einer dieser Barken aus war jene Wolke von Pfeilen weggeflattert, als nur der Kopf des jungen Leichtmatrosen außerhalb der Oeffnung erschien.

Mit einem Worte setzte Dick Sand seine Gefährten von Allem in Kenntniß. Er ergriff sein Gewehr, erklomm von Herkules, Acteon und Bat gefolgt, die Spitze auf's Neue, und alle Bier gaben auf eines der Boote Feuer.

Mehrere Eingeborne stürzten zusammen und ein wüthendes Geheul nebst Flintenschüssen antwortete dem Knall der Feuerwaffen.

Was vermochte Dick Sand und seine Begleiter aber gegen ein ganzes Hundert Afrikaner auszurichten, die sie von allen Seiten umzingelten?

Der Termitenhügel ward gestürmt. Mrs. Weldon, ihr Kind, Vetter Benedict, Alle rücksichtslos herausgezerrt und, ohne Zeit zu einem Worte zu gewinnen oder sich zum letzten Male die Hand zu drücken, offenbar auf Grund vorher ergangener Vorschrift von einander getrennt.

Die eine Barke nahm Mrs. Weldon, den kleinen Jack nebst Vetter Benedict auf, und Dick Sand sah sie inmitten des Lagers verschwinden.

Er selbst wurde nebst Nan, dem alten Tom, Herkules, Bat, Acteon und Austin in eine zweite Pirogue geworfen, welche nach einem anderen, benachbarten Hügel steuerte.

Zwanzig Eingeborne besetzten diese Barke, der fünf andere nachfolgten. An Widerstand war zwar nicht zu denken, und doch versuchten ihn Dick Sand und seine Gefährten. Einige Krieger des Zuges wurden von ihnen verwundet, und gewiß hätten sie diesen Widerstand mit dem Leben bezahlt, wenn nicht ein ausdrücklicher Befehl ergangen gewesen wäre, sie zu schonen.

Nur wenige Minuten währte die Ueberfahrt. In dem Augenblick aber, da das Boot an's Land stieß, sprang Herkules mit gewaltigem Satze heraus Zwei Eingeborne stürzten auf ihn zu, der Riese jedoch gebrauchte seine verkehrt gefaßte Flinte als Keule und mit zerschmettertem Schädel taumelten die Eingebornen zur Erde.

Einen Moment später verschwand Herkules unter einem Hagel von Kugeln in dem nahen Dickicht, gerade als Dick Sand und seine Begleiter, welche man an's Land gesetzt hatte, ganz wie Sklaven in Fesseln gelegt wurden.