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Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 5. Vortrag über die Ameisen, gehalten in einem Ameisenbau
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Das Unwetter brach letzt mit einer in gemäßigten Zonen völlig unbekannten Heftigkeit los.

Dick Sand und seine Gefährten hatten dieses Obdach gefunden, als hätte sie die Vorsehung selbst dahin geführt.

Der Regen fiel gar nicht mehr in einzeln abgegrenzten Tropfen, sondern stürzte gleich Wasserfäden von wechselnder Stärke hernieder. Manchmal bildete er eine wirklich compacte Masse, einen Wasserfall – noch mehr, einen Katarakt, einen Niagara! Stelle man sich ein in der Luft schwebendes Bassin mit einem ganzen Meere als Inhalt vor, das sich wie auf einen Schlag entleerte. Bei einem solchen Gusse brechen in den Boden tiefe Höhlen, verwandeln sich die Ebenen zu Seen, werden die Bäche zu rauschenden Strömen und überfluthen die austretenden Flüsse ungeheure Flächen. Hierzu kommt, daß in Afrika, entgegengesetzt dem Verhalten in gemäßigten Zonen, wo die Dauer der Gewitterstürme zu ihrer Heftigkeit in umgekehrtem Verhältnisse steht, derartige Unwetter gleich mehrere Tage hindurch ungeschwächt fortwüthen. Kaum begreift man, wie eine solche Menge Elektricität sich in den Wolken aufspeichern, wie so wahrhaft unermeßliche Dunstmassen sich ansammeln können. Dennoch ist es so, und man glaubt sich dabei fast in die außergewöhnlichsten Epochen der diluvianischen Zeit zurückversetzt.

Zum Glück erwies sich der dichtwandige Termitenbau als vollkommen undurchdringlich. Eine aus Lehm errichtete Biberwohnung hätte nicht trockener bleiben können. Und brodelte auch ein Bergstrom über den Kegel hinweg, durch seine Poren wäre kein Tröpfchen Wasser gedrungen.

Sobald Dick Sand und seine Begleiter von dem Ameisenbau Besitz genommen, suchten sie sich mit seiner inneren Einrichtung bekannt zu machen. Die Laterne ward angezündet und verbreitete hinlängliches Licht in dem Hause der Insecten. Der Kegel maß bei 3∙5 Meter innerer Höhe in Folge seiner zuckerhutähnlichen Gestalt am Boden 3 Meter in der Breite. Die Dicke seiner Wände mochte etwa 0∙3 Meter betragen und die dieselben auskleidenden Einzelzellen ließen in der Mitte einen Hohlraum von beträchtlicher Größe übrig.

Mit Recht erstaunt man über die Construction derartiger Monumente, welche den zarten Phalangen von Insecten ihre Entstehung verdanken, und doch finden sich solche Bauten, solche wahrhafte Riesenwerke gegenüber der Körpergröße der Bauleute (d.h. der Ameisen) im Innern Afrikas sehr häufig. Ein holländischer Reisender des letzten Jahrhunderts, Smeathman mit Namen, hat auf der Spitze eines solchen Hügels mit vier Begleitern ausreichenden Platz gefunden. In Loanda traf Livingstone wiederholt aus röthlichem Thone errichtete Ameisenbauten von 5, selbst 6 Meter Höhe.

Lieutenant Cameron hat in N'yangwe häufig solche in Gruppen bei einander stehende Kegel für Dörfer von Eingebornen gehalten. Er hat sogar am Fuße wirklicher Gebäude, nicht nur von 7, sondern von 13 bis 16 Meter Höhe gestanden, vor ungeheueren, abgerundeten, von einer Art Glockenthürmen flankirten Kegeln, ähnlich den Kuppeln von Kathedralen, wie sie in dieser Art nur Mittel-Afrika aufzuweisen hat.

Von welcher Gattung der Ameisen nun rührt die wahrhaft überraschende Errichtung jener Bauten her?

»Von der der kriegerischen Termiten!« hätte Vetter Benedict ohne langes Nachsinnen geantwortet, als er nur die Natur des zu ihrer Construction verwendeten Materiales erkannt.

In der That erwiesen sich die Wände aus einer röthlichen Thonart hergestellt. Wären sie aus grauem oder schwärzlichem Alluvium gebildet gewesen, so hätte man entweder die »bissigen« oder die »wilden« Termiten als Architekten voraussetzen müssen. Der Leser erkennt, daß diese Insecten lauter nur wenig vertrauenerweckende Namen führen, an denen höchstens ein so eingefleischter Entomolog wie unser Vetter Benedict Gefallen finden dürfte.

Der centrale Theil des Kegels, in welchem die kleine Gesellschaft zunächst Platz genommen hatte und der den inneren freien Hohlraum desselben bildete, hätte immerhin nicht ausgereicht, sie wirklich zu beherbergen; dafür bildeten weite, übereinander liegende Abtheilungen sozusagen Etagen, in welchen eine mittelgroße Person recht wohl Platz fand. Stelle man sich eine Reihe vorn offener Schubkästen vor, an deren Rückwänden Millionen früher von Termiten bewohnter Zellen, und man gewinnt damit leicht ein Bild von der inneren Einrichtung solcher Ameisenbauten. Diese Schubkästen liegen nun, wie die Schlafstätten in Schiffscabinen, einer über dem anderen, und in den oberen derselben fanden Mistreß Weldon, der kleine Jack, Nan und Vetter Benedict Platz. In den unteren Etagen richteten sich Austin, Bat und Acteon ein. Dick Sand, Tom und Herkules blieben in dem Mittelraume des Kegels.

»Meine Freunde, wendete sich jetzt der junge Leichtmatrose zu den Negern, der Erdboden hat sich voll Wasser gesaugt; wir werden ihn mittelst Thon aus den Wänden auffüllen, aber darauf Acht haben müssen, die Oeffnung, durch welche die Außenluft eindringt, nicht etwa zu verschließen.

– O, es handelt sich ja nur um eine einzige Nacht, meinte der alte Tom.

– Nun, so trachten wir ja darnach, daß diese uns nach so vielen Strapazen die möglichste Erholung bietet. Seit zehn Tagen ist es das erste Mal, daß wir nicht unter freiem Himmel übernachten.

– Zehn Tage! wiederholte Tom.

– Da dieser Kegel übrigens, fuhr Dick Sand fort, ein sehr gesichertes Obdach bietet, so dürfte es sich vielleicht empfehlen, hier während vierundzwanzig Stunden zu rasten. Inzwischen suche ich nach dem Flusse, der unser Wegweiser werden soll und der sich nicht fern von hier befinden muß. Ich halte sogar dafür, diese geschützte Wohnung nicht eher aufzugeben, als bis wir ein Floß gezimmert haben. Hier thut uns das Unwetter keinen Schaden. Schaffen wir uns also zunächst einen festeren trockenen Fußboden!«

Dick Sand's Anordnungen wurden sofort ausgeführt. Herkules hackte mit der Axt die erste, aus sehr dürrem Thone bestehende Zellen-Etage herunter. Er erhöhte damit den sumpfigfeuchten Boden des Kegel-Innern um einen guten Fuß, wobei Dick Sand sich vergewisserte, daß die an der Basis des Baues befindliche Oeffnung nicht verengert wurde.

Gewiß war es ein sehr glücklicher Umstand, daß der Ameisenbau sich von den Termiten verlassen erwies. Mit Tausenden und Abertausenden dieser Insecten wäre derselbe unbewohnbar gewesen. War er aber schon seit langer Zeit leer oder hatten ihn die gefräßigen Neuropteren erst seit Kurzem verlassen? Diese Frage erschien in der That nicht unnütz.

Vetter Benedict hatte sich dieselbe auch sofort vorgelegt, so sehr verwunderte ihn das Oedestehen eines solchen Baues, und er für seinen Theil hatte bald die Ueberzeugung gewonnen, daß die Auswanderung der Insecten nur in letzter Zeit erst stattgefunden habe.

Mit Hilfe der Laterne durchsuchte er nämlich am unteren Theile des Kegel-Innern die verborgensten Winkel des Termitenbaues und entdeckte dabei das »Haupt-Magazin« (wie er es nannte) der Insecten, d.h. die Stelle, an der diese fleißigen, vorsorglichen Thiere die Vorräthe der Kolonie aufstapeln.

Das betreffende Magazin bestand aus einer in der Wand ausgehöhlten Zelle, unsern der Königin-Zelle, welche Herkules' Erweiterungsarbeiten nebst den Zellen für die jungen Larven zerstört hatten.

Aus diesen Vorrathskammern brachte Vetter Benedict verschiedene, noch nicht völlig erhärtete Stückchen Gummi und halbweichen Zuckersaft zum Vorschein – ein Beweis, daß die Termiten dieselben erst unlängst eingetragen haben konnten.

»Nein, sicherlich nicht, rief er, als widerspräche irgend Jemand seiner Behauptung, nein, dieser Termitenbau steht noch nicht seit längerer Zeit leer!

– Nun, wer bestreitet denn das, Herr Benedict? sagte Dick Sand darauf. Ob kürzlich oder nicht, für uns liegt der Schwerpunkt darin, daß die Termiten ihn überhaupt verlassen hatten, weil wir ihren Platz einnehmen mußten.

– Der Schwerpunkt der ganzen Frage, erwiderte Vetter Benedict, liegt vielmehr darin, zu wissen, aus welchen Gründen jene ausgewandert sind. Gestern, selbst heute Morgen noch bewohnten die klugen Neuropteren ihren Bau, dafür spricht dieser halbflüssige Zucker, und heut' Abend...

– Ja, was wollen Sie aber daraus folgern? fragte Dick Sand.

– Daß ein gewisses Vorgefühl sie getrieben hat, ihre Wohnung aufzugeben. Es ist nicht nur keine einzige Termite in dem Bau zurückgeblieben, sondern sie haben die Vorsorge sogar so weit getrieben, die jungen Larven mit fortzuschleppen, denn ich finde auch von diesen keine Spur. Ohne alle Ursache, das wiederhole ich, ist das nicht geschehen; die scharfsinnigen Insecten, werden vielmehr eine drohende Gefahr geahnt haben.

– Aha, sie ahnten, daß wir ihre Wohnung beziehen wollten! warf Herkules lachend ein.

– Du lieber Himmel, versetzte Vetter Benedict, den dieser Scherz des Negers in seinem Gelehrtendünkel verletzte, Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihre Körperkraft den anmuthigen Insecten als eine Gefahr erschienen wäre? Ein paar Tausend jener Neuropteren schon hätte sie schnell zum Skelete reducirt, wenn Sie todt in deren Wege lagen.

– Todt! Ja, das glaub' ich auch, erwiderte Herkules, der sich nicht so leicht überzeugen ließ, aber lebendig würde ich sie massenhaft vertilgen.

– Gewiß, hunderttausend, fünfmalhunderttausend, meinetwegen auch eine ganze Million, entgegnete Vetter Benedict, allmälig warm werdend, eine Milliarde aber nicht, und eine Milliarde derselben hätte Sie, lebendig oder todt, mit Haut und Knochen aufgezehrt!«

Während dieses Gespräches, das im Grunde minder unnütz war, als man glauben möchte, dachte Dick Sand im Stillen über Vetter Benedict's vorherige Bemerkung nach. Der Gelehrte kannte die Gewohnheiten der Ameisen sicher gut genug, um sich hierin nicht zu täuschen. Behauptete jener nun, daß ein gewisser Instinct die Insecten zum Aufgeben ihres Baues getrieben habe, so mußte die einstweilige Bewohnung desselben gewiß auch mit irgend welcher Gefahr verknüpft sein.

Da bei dem zur Zeit mit einer Heftigkeit ohne Gleichen wüthenden Unwetter ein plötzliches Verlassen dieses Obdachs von vornherein ausgeschlossen war, so grübelte Dick Sand vorläufig nicht weiter nach einer ihm doch versagten Erklärung und begnügte sich zu antworten:

»Nun, Herr Benedict, wenn die Termiten ihre Vorräthe in diesem Bau nicht zurückließen, so erinnere ich Sie daran, daß wir die unsrigen mitgebracht haben, und denke, wir essen ein wenig zu Abend. Morgen, wenn das Gewitter vorüber ist, einigen wir uns über das Weitere!«

Man ging also daran, das einfache Abendessen herzurichten, denn so groß die Müdigkeit auch war, den Appetit hatte sie unseren rüstigen Wanderern nicht zu rauben vermocht. Im Gegentheil, die Conserven, welche sie etwa noch für zwei Tage besaßen, fanden die beste Aufnahme. Den Zwieback hatte die Nässe noch verschont und schon nach wenigen Minuten konnte man ihn zwischen den kernigen Zähnen Dick Sand's und seiner Begleiter knacken hören. Zwischen Herkules' Kinnladen verhielt er sich freilich wie Getreidekörner zwischen Mühlsteinen. Der Riese zerbrach ihn nicht, er zermalmte ihn.

Mrs. Weldon allein aß fast gar nicht und nur ein wenig, weil Dick Sand sie so dringend bat. Es schien ihm, als sei die sonst so muthige Frau niedergeschlagener als je vorher. Und doch litt der kleine Jack jetzt weniger, ein Fieberfall war nicht wieder aufgetreten und augenblicklich schlummerte er sehr ruhig unter den Augen seiner Mutter in einer mittelst Decken und Kleidungsstücken bestmöglich ausgepolsterten Zelle. Dick Sand wußte nicht, was er davon halten sollte.

Es bedarf kaum einer besonderen Erwähnung, daß Vetter Benedict der Mahlzeit alle Ehre anthat, nicht deshalb, daß er etwa der Qualität, noch weniger der Quantität der von ihm vertilgten Speisen auch nur einige Aufmerksamkeit gewidmet hätte, sondern nur, weil er eine außergewöhnlich günstige Gelegenheit gefunden, eine entomologische Vorlesung über Termiten an den Mann zu bringen. O, hätte er nur eine Termite, nur eine einzige in dem ganzen Bau entdeckt! – Aber nichts – nichts!

»Diese wunderbaren Insecten, begann er, ohne sich darum zu kümmern, ob Jemand ihm zuhörte, diese wunderbaren Insecten gehören der herrlichen Ordnung der Neuropteren an, deren Antennen (Fühlhörner) länger als der Kopf, deren Kiefern sehr deutlich unterschieden und deren untere Flügel die längste Zeit über den oberen gleich sind. Fünf Gattungen bilden diese Ordnung: die Panorparten, Myrmileonien, Hemerobinen, Termiten und Perliden. Es versteht sich von selbst, daß die Insecten, deren Wohnung wir, vielleicht unrechter Weise, eingenommen haben, Termiten sind.«

Dick Sand lauschte Vetter Benedict's Worten mit gespannter Aufmerksamkeit. Hatte die wiederholte Erwähnung der Termiten in jenem vielleicht den Gedanken erweckt, daß er sich hier in Afrika befinde, ohne eigentlich zu wissen, welcher Umstand es veranlaßte, daß er hierher gekommen war? Der Leichtmatrose wagte kaum, sich hierüber Rechenschaft zu geben.

Der Gelehrte tummelte das einmal gesattelte Steckenpferd nach Herzenslust weiter.

»Diese Termiten, fuhr er fort, sind durch die viergliedrigen Tarsen, die gebogenen Kiefern und durch ihre außerordentliche Kraft entscheidend charakterisirt. Es giebt unter ihnen die Familien der Mantispen, der Raphidien und der eigentlichen Termiten, alle Drei oft als weiße Ameisen bezeichnet, und unter den letztgenannten die Sippen der todtbringenden, gelbbrüstigen lichtscheuen Termiten, ferner die der beißenden, zerstörenden...

– Und die Erbauer dieses Kegels waren?... fragte Dick Sand.

– Die kriegerischen! antwortete Vetter Benedict in einem Tone, als handle es sich hier um die Macedonier oder ein anderes kampfberühmtes Volk des Alterthums. Ja, die kriegerischen, und zwar die größten wiederum unter diesen. Zwischen Herkules und einem Zwerge wäre der Unterschied verhältnißmäßig geringer als zwischen den größten und den kleinsten dieser Insecten. Giebt es einerseits unter ihnen »Arbeiter« von fünf, »Soldaten« von zehn, Männchen und Weibchen aber auch von zwanzig Millimeter Länge, so findet man andererseits eine sehr merkwürdige Unterart, die etwa einen halben Zoll langen »Sirafus«, welche Zangen an Stelle der Kiefern und, ähnlich den Haifischen, einen den ganzen Körper an Größe übertreffenden Kopf besitzen.

Das sind die echten Haifische unter den Insecten, und bei einem Kampfe zwischen Sirafus und einem wirklichen Hai würde ich ohne Bedenken auf die Ersteren wetten.

– Und wo findet man diese Sirafus gewöhnlich? fragte da Dick Sand.

– In Afrika, antwortete Vetter Benedict, und zwar in dessen mittleren und südlichen Provinzen. Afrika ist das Land der Ameisen par excellence!

Darüber muß man lesen, was Livingstone in den letzten, von Stanley aufgefundenen Berichten niedergeschrieben hat. Vom Glücke mehr begünstigt als ich, hat der Doctor einem wahrhaft homerischen Kampfe zwischen einem Heere schwarzer und einem solchen weißer Ameisen beiwohnen können. Die, welche die Gelehrten »drivers« und die Eingebornen Sirafus nennen, blieben die Sieger. Die anderen, die »Tschungus«, ergriffen die Flucht und nahmen, nach ehrenvoll hartnäckiger Vertheidigung, ihre Eier und Jungen mit sich fort. Niemals, so spricht sich Livingstone ungefähr aus, loderte die Kampfeswuth heftiger auf, weder bei Menschen noch bei Thieren! Mit ihrem kräftigen Kiefer, der dem Angegriffenen ganze Stücke aus dem Körper reißt, treiben sie den tapfersten Mann in die Flucht. Selbst die größten Thiere, wie Löwen und Elefanten, fliehen vor ihnen. Dabei hält nichts sie auf, weder Bäume, welche sie bis zum letzten Gipfel erklettern, noch Bäche, über die sie aus ihren eigenen, aneinander geklammerten Leibern eine Brücke zu schlagen verstehen. Und wie zahlreich sind sie dabei! Du Chaillu z.B., ein anderer Afrika-Reisender, sah einmal eine Ameisen-Colonne zwölf Stunden hindurch vorüberziehen, ohne daß diese sich jemals aufgehalten hätte. Was ist aber über solche Myriaden besonders zu verwundern? Die Fruchtbarkeit der Insecten ist eben eine unglaubliche, und, um auf unsere kriegerischen Termiten zurückzukommen, man hat constatiren können, daß ein einziges Weibchen in einem Tage 60.909 Eier legte! Dabei liefern diese Neuropteren den Eingebornen übrigens eine kräftige Nahrung. Geröstete Ameisen, meine Freunde, o, ich kenne nichts Besseres in der Welt!

– Haben Sie denn solche gegessen, Herr Benedict? fragte Herkules.

– Nein, erwiderte der gelehrte Professor, aber ich thät's jeden Augenblick.

– Wo?

– Hier auf der Stelle.

– Hier sind wir aber nicht in Afrika! warf Tom schnell ein.

– Nein... freilich nicht, bestätigte Vetter Benedict, und doch wurden die kriegerischen Ameisen sammt deren dorfähnlichen Ansiedelungen bisher nur auf dem afrikanischen Continente beobachtet. Ah, da hat man nun die Reisenden! Sie verstehen nicht zu sehen! Nun, desto besser, ich habe in Amerika ja schon einen Tetse aufgefunden! Zu diesem rühmlichen Erfolge füge ich nun auch noch den, die kriegerischen Termiten in demselben Erdtheile zuerst entdeckt zu haben. Welche Fülle von Stoff für eine Denkschrift, welche das gelehrte Europa in Aufregung versetzt, vielleicht für einen Folianten mit Platten und Abbildungen neben dem Texte!...«

Offenbar war das Licht der Erkenntniß in Vetter Benedict's Gehirn noch nicht aufgegangen. Der arme Mann und alle die Uebrigen, mit alleiniger Ausnahme Dick Sand's und Tom's, glaubten sich da und mußten sich wohl da glauben, wo sie in der That nicht waren. Es bedurfte noch anderer Vorkommnisse, schwerer in's Gewicht fallender Thatsachen als einiger wissenschaftlicher Curiositäten, um sie aus ihrer Täuschung zu reißen.

Jetzt war es neun Uhr Abends. Vetter Benedict hatte lange gesprochen. Bemerkte er denn gar nicht, daß seine in den Einzelabtheilungen des Termitenbaues verkrochenen Zuhörer während seines entomologischen Vortrages nach und nach eingeschlafen waren? Allem Anschein nach, nein. Er docirte für und vor sich selbst weiter. Dick Sand unterbrach ihn mit keiner Frage und regte sich nicht, obwohl er keineswegs schlief. Herkules hatte noch etwas länger als die Anderen zu widerstehen vermocht; allmälig schloß die Abspannung jedoch auch ihm die Augen und mit den Augen zugleich die Ohren.

Vetter Benedict ließ seiner Beredtsamkeit noch immer freien Lauf. Endlich machte das Bedürfniß nach Schlummer seine Rechte geltend und er kletterte nach einer der oberen, schon früher als Schlafstätte auserkornen Abtheilungen des Kegels empor.

Jetzt herrschte tiefes Schweigen im Innern des Termitenbaues, während das Unwetter draußen mit Blitz und Donner weitertobte und nichts auf ein nahes Ende dieses Kampfes in der Natur hinzuweisen schien.

Die Laterne war ausgelöscht worden. Das Innere des beschränkten Obdachs lag in schwarzer Finsterniß.

Ohne Zweifel schliefen die Insassen desselben... Nur Dick Sand allein suchte im Schlummer nicht die ihm doch so nothwendige Ruhe. Seine sorgenden Gedanken hielten ihn wach. Er dachte an seine Gefährten, die er um jeden Preis retten wollte. Der Schiffbruch des »Pilgrim« bezeichnete noch keineswegs das Ende ihrer Prüfungen; noch weit schwerere standen ihnen ja bevor, wenn sie Eingebornen in die Hände fielen.

Auf welche Weise war aber diese Gefahr, offenbar die schlimmste aller, bei der Rückkehr nach der Küste zu vermeiden? Sicherlich hatten Harris und Negoro sie nicht ohne die geheime Absicht, sich ihrer zu bemächtigen, hundert Meilen weit in das Binnenland Angolas verlockt. Was hatte der elende Portugiese aber dann mit ihnen vor? Wem galt denn sein tödtlicher Haß? Der junge Leichtmatrose erinnerte sich, daß nur er ihm feindlich gegenübergetreten sei, und überflog im Geiste noch einmal alle mit der Ueberfahrt des »Pilgrim« verknüpften Ereignisse, die Auffindung des Wracks mit den Negern darin, die Jagd auf den Walfisch, das traurige Ende des Kapitän Hull und seiner ganzen Mannschaft.

Dick Sand sah sich, trotz seiner Jugend, berufen zum Commando eines Schiffes, das seiner Boussole und seines Logs durch Negoro's verbrecherische Handlungsweise sehr bald verlustig ging. Es trat ihm die Scene wiederum vor Augen, wo er dem unverschämten Koche gegenüber seine Autorität geltend machen mußte, indem er ihm strengen Arrest in Aussicht stellte, oder ihm gar eine Revolverkugel durch den Kopf zu jagen drohte. Ach, warum hatte er es damals nicht gethan! Negoro's Leiche wäre über Bord geworfen und die ganze Reihe der nachfolgenden Unfälle verhütet worden!

Das war etwa der Gedankengang des jungen Leichtmatrosen. Dann verweilte er bei dem Schiffbruch, der sich am Ende der Ueberfahrt des »Pilgrim« ereignete; wie hierauf der Verräther Harris auftrat und die vermeintliche Provinz Südamerikas sich allmälig verwandelte. Bolivia vertauschte sich gegen das entsetzliche Angola mit seinem Fieberklima, seinen wilden Thieren und noch wilderen Eingebornen. Konnte die kleine Gesellschaft wohl auf dem Rückweg zur Küste allen drohenden Gefahren entgehen? Versprach jener Fluß, den Dick Sand so emsig suchte und auch noch zu finden hoffte, sie sicherer und müheloser zum Uferland hinab zu tragen? Er sträubte sich, daran zu zweifeln, denn er wußte nur zu gut, daß eine Fußreise von über hundert Meilen, mitten durch diese ungastliche Gegend und jeden Augenblick zu fürchtende Gefahren zu den Unmöglichkeiten gehörte.

»Zum Glück, sprach er leise für sich, kennt weder Mrs. Weldon, noch ahnen die Uebrigen den Ernst unserer Lage! Der alte Tom und ich, wir allein wissen es, daß Negoro's teuflische Bosheit uns nach der Küste Afrikas geführt, daß Harris uns in das Herz von Angola geschleppt hat!«

So brütete Dick Sand über seinen Gedanken, als er etwas wie einen Hauch über seine Stirn streichen fühlte. Eine Hand berührte hierauf seine Schulter und eine tiefbewegte Stimme flüsterte ihm in's Ohr:

»Ich weiß Alles, mein armer Dick, doch Gott vermag uns auch jetzt noch zu retten! Sein unerforschlicher Wille geschehe!«