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Ein Kapitän von 15 Jahren.  Jules Verne
Kapitel 14. Was nun?
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Nach einer langen, erst durch Windstillen verzögerten, später durch die Winde aus Nordwest und Südwest beschleunigten Ueberfahrt – welche im Ganzen nicht weniger als vierundsiebzig Tage in Anspruch genommen hatte, lag der »Pilgrim« als Wrack auf dem Strande.

Dennoch dankten Mrs. Weldon und ihre Begleiter alle der Vorsehung für die gnädige Rettung aus schwerer Gefahr. Es war in der That ein Continent und nicht eine jener traurigen polynesischen Inseln, an welche der Sturm sie verschlagen hatte. Von jedem beliebigen Punkte Südamerikas, auf dem sie sich jetzt befinden mochten, schien ihnen eine Rückkehr nach dem Vaterlande nicht zu große Schwierigkeiten zu bieten.

Der »Pilgrim« freilich war als verloren zu betrachten. Er bestand ja nur noch aus einem werthlosen Rumpfe, dessen Trümmer die Brandung in wenigen Stunden zerstreuen mußte. An Bergung irgend eines Theiles seines Inhaltes war nicht zu denken gewesen. Winkte Dick Sand aber auch nicht mehr die Freude, seinem Rheder ein wohl erhaltenes Schiff wieder zuzuführen, so befanden sich doch Alle, die jenes vorher getragen, Dank seiner Umsicht, heil und gesund auf einer gastfreundlichen Küste – unter jenen auch die Gattin und das Kind Mr. James W. Weldon's selbst.

An welchem Theile des südamerikanischen Gestades freilich der »Pilgrim« gescheitert sei, darüber hätte man wohl lange vergeblich verhandeln können. Sollte es, wie Dick Sand vorausgesetzt hatte, etwa an der Küste Perus geschehen sein? Vielleicht; denn er wußte ja durch die ihm in Sicht gekommene Osterinsel, daß der »Pilgrim« ebenso durch den Wind wie zweifelsohne unter dem Einflusse der Meeresströmungen in der Aequatorialzone nach Nordosten verschlagen worden war. Vom dreiundvierzigsten Grade der Breite hatte es recht wohl bis zum fünfzehnten abweichen können.

Es erschien demnach von Wichtigkeit, bald genau über den Ort der Strandung der Brigg-Goëlette unterrichtet zu sein. Angenommen, es war an der Küste Perus, so konnten hier Häfen, kleine Flecken und Dörfer nicht fehlen, und es empfahl sich von selbst, irgend eine bewohnte Ortschaft aufzusuchen. Die nächste Umgebung der Küste erwies sich verlassen.

Sie bestand hier aus einem schmalen, da und dort mit dunklen Felsen besetzten Strande mit einer mittelhohen Uferwand im Rücken, an der sich in Folge herabgestürzter Gesteinsmassen sehr tiefe Einschnitte in unregelmäßiger Anordnung zeigten. An manchen Stellen vermittelten sanftere Abhänge den Zugang zu dem Scheitel derselben.

Nach Norden zu und etwa eine Viertelmeile von dem Strandungsorte fand sich die Ausmündung eines kleinen Flusses, den man von der Ferne aus nicht hatte sehen können. Ueber seine Ufer hingen zahlreiche »Rhizophoren«, eine Art Wurzelträger, welche sich von ihren Namensvettern in Indien wesentlich unterscheiden.

Die Ufermauer selbst – das gewahrte man sehr bald – war von einem dichten Walde bedeckt. Seine grünen Blättermassen erstreckten sich bis zu den Bergen des Hinterlandes. Wäre Vetter Benedict Botaniker gewesen, wie viele ihm noch unbekannte Bäume hätten hier seine Bewunderung erweckt!

Da standen hohe Baobabs (Affenbrotbäume), denen man fälschlicher Weise eine besonders lange Lebensdauer zuschrieb, und deren Rinde dem Syenit Egyptens ähnelt; Latanen (Fächerpalmen), Weißtannen, Tamarindenbäume, Pfefferstanden besonderer Art und hundert andere Gewächse, die ein Amerikaner im Norden der Neuen Welt zu sehen nicht gewöhnt ist.

Merkwürdiger Weise aber begegnete man unter den vielen Species von Waldbäumen nicht einem einzigen Vertreter der Palmen, welche über tausend Abarten zählen und fast über den ganzen Erdball in großen Mengen verbreitet sind.

Ueber dem Strande tummelte sich eine erhebliche Anzahl laut schreiender Vögel, die in der Hauptsache verschiedenen Schwalbenarten angehörten und schwarzes Gefieder mit stahlblbauem Reflexe hatten, auf dem oberen Theile des Kopfes aber eine kastanienbraune Färbung zeigten. Da und dort flatterten auch einzelne graue, nackthälsige Rebhühner empor.

Mrs. Weldon und Dick Sand bemerkten, daß alle diese Vögel nicht besonders scheu waren. Man konnte sich ihnen nähern, ohne daß sie entflohen. Hatten sie die Gegenwart der Menschen noch nicht fürchten gelernt und schallte der Knall eines Gewehres noch nie mals über dieses wüste Gestade?

Am Strande stolzirten einige Pelikane von der Species »Pelicanus minor« umher, welche eben die sackförmige Erweiterung zwischen den beiden Theilen ihres Unterkiefers mit kleinen Fischen füllten.

Vereinzelte, von der offenen See her zufliegende Möven schwebten anmuthig um den »Pilgrim«.

Die genannten Vögel schienen auch die einzigen lebenden Wesen zu sein, die an diesem Gestade sich aufhielten – natürlich ohne eine Menge interessanter Insecten in Anschlag zu bringen, welche Vetter Benedict ohne Zweifel auffinden würde. Trotzdem der kleine Jack es wollte, konnte man von jenen freilich den Namen des betreffenden Landes leider nicht erfahren und mußte sich nothwendiger Weise an einen Eingebornen wenden

Zum Unglück war ein solcher aber nicht vorhanden, oder wenigstens jetzt nicht sichtbar. Keinerlei Wohnung, weder Hans noch Hütte, zeigte sich weder nach Norden zu jenseits des kleinen Flusses, noch gegen Süden, noch auf der Ufermauer oder unter den Bäumen des dichten Waldes. Kein Rauch wirbelte in die Luft empor. Kein Merkzeichen, kein Fußeindruck verrieth, daß dieser Theil des Continentes jemals von menschlichen Wesen besucht wurde.

Dick Sand machte das doch etwas unruhig.

»Wo sind wir? Wo können wir sein? fragte er sich. Wie? Niemand hier, mit dem man sich verständigen könnte?«

In Wahrheit Niemand, denn wenn sich ein Eingeborner genähert hätte, hätte ihn Dingo ohne Zweifel gewittert und durch sein Bellen angemeldet. Der Hund lief auf dem schmalen Strande mit eingeklemmtem Schwanze und leise knurrend hin und her, deutete aber auf keine Weise die Annäherung eines Menschen oder irgend eines Thieres an.

»Dick, sieh' doch Dingo! sagte Mrs. Weldon.

– Wahrhaftig, das ist merkwürdig! erwiderte der Leichtmatrose. Er scheint sich zu bemühen, eine Spur wiederzufinden.

– Sehr merkwürdig, in der That!« murmelte Mrs. Weldon.

Dann fuhr sie fort:

»Was beginnt denn Negoro? fragte sie.

– Dasselbe wie Dingo, antwortete Dick Sand, er geht hier hin und dort hin... indeß, er ist hier sein eigener Herr. Ich habe kein Recht mehr, ihm Befehle zu ertheilen. Sein Dienst ist mit der Strandung des »Pilgrim« zu Ende!«

Negoro durchstreifte den Strand, drehte sich wiederholt um, betrachtete das Gestade und die Uferwand, so als ob Jemand seine Erinnerungen wachzurufen und zu klären suchte. Kannte er wohl diese Gegend? Wahrscheinlich hätte er doch jede Antwort verweigert, wenn man eine solche Frage an ihn stellte. Es erschien am gerathensten, sich mit seiner an und für sich ungeselligen Person nicht weiter zu beschäftigen. Dick Sand sah noch, wie jener sich nach der Gegend des kleinen Flusses wandte, doch als Negoro hinter einer Biegung des höheren Ufers verschwand, dachte er nicht mehr an ihn.

Dingo hatte zwar gebellt, als Negoro über den schmalen Strand dahinschritt, aber auch dieser schwieg bald darauf still.

Jetzt galt es nur an das Nöthigste zu denken. Am nöthigsten aber brauchte die Gesellschaft ein Unterkommen, irgend einen Schutz, wo Alle sich vorläufig einrichten und einige Nahrung zu sich nehmen konnten. Dann wollte man Rath halten und darüber entscheiden, was nun zu beginnen sei.

Wegen der Nahrungsmittel brauchte man sich keiner Sorge hinzugeben. Von den etwaigen Hilfsquellen des Landes ganz zu schweigen, hatte sich auch die Kambüse des Schiffes zum Vortheil der Ueberlebenden des »Pilgrim« freiwillig entleert. An verschiedenen Stellen der Klippen hatte die Brandung eine große Menge verschiedener Gegenstände abgelagert, welche jetzt nach Eintritt der Ebbe aus dem Schaume sichtbar heraustraten. Tom und seinen Genossen war es schon gelungen, mehrere Fässer mit Zwieback neben vielen Büchsen mit conservirten Nahrungsmitteln und gedörrtem Fleische zu bergen. Da sich Alles noch vom Wasser unbeschädigt erwies, so erschien die Ernährung der kleinen Gesellschaft auf längere Zeit gesichert, als diese ohne Zweifel gebrauchen konnte, um ein Dorf oder eine Ansiedelung zu erreichen. Nach dieser Seite war also nichts zu fürchten. Die geretteten Ueberreste von den Vorräthen des Schiffes brachte man auch sofort so weit in Sicherheit, daß sie bei wachsendem Wasser nicht mehr gefährdet waren.

Ebensowenig fehlte es an Süßwasser. Dick Sand sandte Herkules zuerst nach dem kleinen Flusse, um einige Pinten voll zu holen. Der Riese brachte auf seinen Schultern gleich darauf eine große Tonne voll herbei, nachdem er sie mit reinem, frischem Wasser gefüllt hatte, das sich bei der Ebbe ganz gut trinkbar erwies.

Um etwa Feuer anzuzünden, mangelte es in der Umgebung nicht an dürrem Holze, und die zahllosen Luftwurzeln der Manglien versprachen überdies so viel Brennmaterial zu liefern, als man irgend bedurfte.

Der alte Tom, ein leidenschaftlicher Raucher, besaß eine ausreichende Quantität Zündschwamm, der in einer hermetisch verschlossenen Büchse ganz gut verwahrt geblieben war, und er hätte jeden Augenblick damit ein Feuer entzünden können, wenn ihm auch nur die Kiesel des Strandes zu Gebote standen.

Es handelte sich also nur noch um die Entdeckung eines geeigneten Schlupfwinkels für die kleine Gesellschaft, wenn man es für angezeigt hielt, vor Antritt der Wanderung erst eine Nacht auszuruhen.

Und sieh' da, dem kleinen Jack sollte die Auffindung des gewünschten Schlafraumes gelingen. Als er am Fuße der Uferwand hintrottete, entdeckte er hinter einer Einbuchtung der Felsmauer eine jener glattpolirten, wohl ausgehöhlten Grotten, welche das Meer nach und nach ausgräbt, wenn die vom Sturm geschwellten Wogen gegen die Küste toben.

Das Kind war ganz entzückt. Unter Freudengeschrei rief es seine Mutter hinzu und zeigte ihr triumphirend seine Entdeckung.

»Schön, lieber Jack, bemerkte Mrs. Weldon. Wären wir nun als Robinsons verurtheilt, längere Zeit an diesem Strande zu leben, so würden wir nicht unterlassen, dieser Grotte Deinen Namen beizulegen.«

Diese Grotte maß allerdings nur zwölf Fuß in der Tiefe und eben so viel in der Breite, den Augen des kleinen Jack aber erschien sie nichtsdestoweniger als eine gewaltige Höhle. Jedenfalls reichte sie aus, die Schiffbrüchigen aufzunehmen, und erwies sich, was Mrs. Weldon und Nan zu großer Befriedigung constatirten – als völlig trocken. Noch stand der Mond im ersten Viertel, also war nicht zu befürchten, daß die Fluth der nächsten Tage die Uferwand, viel weniger die Höhle selbst erreichen würde. Mehr bedurfte es ja nicht, um einige Stunden sorglos auszuruhen.

Zehn Minuten später lagerten auch schon Alle auf einer Decke von Varec. Selbst Negoro mußte es für gerathen gehalten haben, sich der Gesellschaft wieder anzuschließen, um auch seinen Theil an dem gesellschaftlichen Mahle zu erlangen. Jedenfalls mochte ihn die Aussicht, allein durch den dichten Wald, längs der vielen Krümmungen des jenen durchziehenden Flusses zu wandern, nicht allzu verlockend erschienen sein.

Es war um ein Uhr Mittags. Conservirtes Fleisch, Schiffszwieback und süßes Wasser mit einigen Tropfen Rum, von dem Bat ein kleines Fäßchen gerettet hatte, bildeten die Gerichte dieser frugalen Mahlzeit.

Wenn Negoro auch daran theilnahm, so mischte er sich doch mit keiner Silbe in das Gespräch, in dem die Maßnahmen besprochen wurden, welche die jetzige Lage der Schiffbrüchigen erheischte. Ohne es sich merken zu lassen, hörte er jedoch darauf und suchte gewiß zu seinem Vortheil auszubeuten, was ihm zu Ohren kam.

Während dieser Zeit wachte Dingo, den man natürlich nicht vergessen hatte, draußen vor der Grotte Man konnte deshalb ganz ruhig sein. Auf dem Strande hätte sich gewiß kein lebendes Wesen sehen lassen dürfen, ohne daß das treue Thier angeschlagen hätte.

Mrs. Weldon, welche ihren vor Müdigkeit schon halb eingeschlafenen Jack auf dem Arme hielt, nahm zuerst das Wort.

»Dick, mein Freund, sagte sie, im Namen aller Uebrigen spreche ich Dir unseren Dank aus für die Opferwilligkeit, welche Du bisher gezeigt hast; doch auch jetzt können wir derselben noch nicht entbehren. Du wirst zu Lande ebenso unser Führer sein, wie Du Kapitän warst auf dem Schiffe. Du hast unser Aller Vertrauen. Sprich also, was gedenkst Du zu thun?«

Mrs. Weldon, die alte Nan, Tom und seine Gefährten, Alle richteten die Augen auf den jungen Leichtmatrosen. Selbst Negoro betrachtete ihn mit offenbarer Aufmerksamkeit. Jedenfalls erregte die erwartete Antwort Dick Sand's sein besonderes Interesse.

Dick Sand überlegte wenige Augenblicke. Dann begann er:

»Vor Allem, Mistreß Weldon, ist es wichtig zu wissen, wo wir uns überhaupt befinden. Ich bin der Meinung, daß unser Schiff nach demjenigen Theile des amerikanischen Ufers getrieben worden ist, welches die Küste Perus bildet. Der Wind und die Strömungen konnten es recht wohl bis in diese Breite verschlagen. Sind wir aber wirklich in einer der südlichen Provinzen Perus, d.h. in jenem am dünnsten bevölkerten Landestheile, der an die Pampas anstößt? Vielleicht. Angesichts dieses so wüsten Strandes, der sicher nur wenig besucht wird, glaube ich das um so lieber. In diesem Falle befinden wir uns freilich in ziemlich großer Entfernung von jeder Ansiedelung, und das wäre recht unangenehm.

– Nun, was sollen wir also beginnen? wiederholte Mrs. Weldon.

– Meine Ansicht, fuhr Dick Sand fort, geht dahin, diesen Zufluchtsort nicht zu verlassen, bevor wir über unsere Lage Aufklärung erlangt haben. Morgen nach einer Nachtruhe, können Zwei von uns auf Entdeckung ausgehen. Sie müßten, ohne sich allzuweit wegzuwagen, Eingeborne zu treffen suchen, würden von diesen Erkundigungen einziehen und dann nach dieser Grotte zurückkehren. Es ist kaum möglich, daß im Umkreis von zehn bis zwölf Meilen gar Niemand aufzufinden wäre.

– Wir sollen uns trennen! sagte Mrs. Weldon.

– Das erscheint mir nothwendig, erwiderte der Leichtmatrose. Ware freilich gar keine Aufklärung zu erlangen und die Umgegend unerwarteter Weise wirklich gänzlich menschenleer, nun, so müßten wir eben zusehen, uns anderswie zu helfen.

– Und wer sollte auf Entdeckung ausgehen? fragte Mrs. Weldon nach kurzem Besinnen.

– Das wäre zu überlegen, antwortete Dick Sand. Jedenfalls meine ich, daß Sie, Mistreß Weldon, Jack, Herr Benedict und Nan diese Grotte nicht verlassen dürften. Bat, Herkules, Acteon und Austin würden bei Ihnen bleiben, während Tom und ich uns auf den Weg machten.

– Negoro, fügte Dick Sand mit einem Seitenblicke auf den Küchenmeister hinzu, wird ohne Zweifel vorziehen, hier zurückzubleiben?

– Wahrscheinlich, entgegnete Negoro, der nicht der Mann dazu war, sich mehr als nöthig zu binden.

– Wir nehmen natürlich Dingo mit, fuhr der Leichtmatrose fort. Bei unseren Nachforschungen dürfte er von großem Nutzen sein.«

Als Dingo nur seinen Namen nennen hörte, erschien er auch schon am Eingang der Grotte und bellte voll Freude, als wolle er seine Zustimmung zu Dick Sand's Vorhaben ausdrücken.

Während Dick Sand diese Vorschläge entwickelte, versank Mrs. Weldon in tiefes Nachdenken. Ihr Widerstreben gegen eine, wenn auch noch so kurze Trennung war gewiß nicht ungerechtfertigt. Konnte nicht der Schiffbruch des »Pilgrim« den Indianerstämmen, welche im Norden oder Süden von dieser Stelle hausen mochten, bekannt geworden sein, und wenn sich nun etwaige Strandräuber einfinden sollten, erschien es da nicht rathsamer, vereinigt zu bleiben, um sich ihrer zu erwehren?

Dieser dem Leichtmatrosen entgegen gehaltene Einwurf verdiente gewiß Berücksichtigung.

Er zerfiel indessen vor Dick Sand's Argumenten, daß die Indianer hier nicht mit den Wilden Afrikas oder Polynesiens zu verwechseln seien und man einen Angriff von ihrer Seite kaum zu befürchten habe Wollte man dagegen auf gutes Glück in das Land hineinziehen, ohne auch nur zu wissen, welcher Provinz von Südamerika dasselbe angehörte, oder in welcher Entfernung man wohl die nächste Ansiedelung antreffen könne, so setzte man sich damit ohne Zweifel vieler Noth und Mühsal aus. Gewiß, die Trennung der Gesellschaft mochte ihren Nachtheil haben, doch jedenfalls geringeren, als ein Zug, sozusagen Blinder mitten durch den Wald, der sich bis zum Fuße der Gebirge zu erstrecken schien.

»Uebrigens, wiederholte Dick Sand, der auf seinem Vorschlage beharrte, kann ich nicht annehmen, daß diese Trennung von langer Dauer sein werde; ja, ich behaupte, daß sie es nicht sein wird. Sollten Tom und ich nach zwei Tagen noch immer keine Wohnstätte oder keinen Eingebornen angetroffen haben so kehren wir eben nach der Grotte hier zurück. Doch das ist höchst unwahrscheinlich und wir werden keine zwanzig Meilen in das Innere des Landes zu gehen brauchen, um über unsere geographische Lage Aufklärung zu erhalten. Ich kann mich ja in meiner Schätzung getäuscht haben, da mir alle astronomischen Hilfsmittel abgingen, und es wäre nicht unmöglich, daß wir uns in höherer oder tieferer Breite befänden.

– Ja, ja, Du hast Recht, mein Kind, antwortete sehr ängstlich Mrs. Weldon.

– Und Sie, Herr Benedict, fragte Dick Sand, was sagen Sie zu meinem Vorschlage?

– Ich?... fragte Vetter Benedict.

– Ja, was ist Ihre Meinung?

– Ich habe gar keine Meinung, erwiderte Vetter Benedict, ich finde Alles vortrefflich, was vorgeschlagen wird, und werde stets thun, was man wünscht. Sollen wir ein oder zwei Tage hier bleiben? Mir solls recht sein, so werde ich meine Zeit dazu verwenden, diesen Strand vom rein entomologischen Standpunkte zu studiren.

– Handle also ganz nach Deinem Willen, erklärte Mrs. Weldon. Wir werden hier zurückbleiben und Du machst Dich mit dem alten Tom auf den Weg.

– Einverstanden, sagte Vetter Benedict mit größter Seelenruhe. Ich werde den Insecten der Umgegend inzwischen meinen Besuch abstatten.

– Wagen Sie sich dabei nicht allzuweit weg, Herr Benedict, bat der Leichtmatrose. Wir empfehlen Ihnen das dringend!

– Sei ohne Sorge, mein Sohn.

– Und bringen Sie vor Allem nicht zu viele Musquitos mit hierher!« setzte der alte Tom hinzu.

Wenige Minuten später verließ der Entomolog, die kostbare Blechbüchse am Bande, die Grotte.

Fast gleichzeitig begab sich auch Negoro hinaus; dieser Mann hatte einmal die Gewohnheit, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen. Während Vetter Benedict aber einen Abhang des steilen Ufers erkletterte, um seine Untersuchungen am Saume des Waldes zu beginnen, wendete jener sich nach dem Flüßchen und entfernte sich langsamen Schrittes, indem er an dessen Gestade dahinschritt.

Jack schlief noch immer. Mrs. Weldon legte ihn der alten Nan in den Schooß und ging dann nach dem Strande hinunter. Dick Sand und seine Genossen folgten der Dame. Alle wollten sich überzeugen, ob es bei dem jetzigen ruhigeren Zustande des Meeres vielleicht möglich wäre, bis zum Rumpf des »Pilgrim« zu gelangen, der noch eine große Menge verschiedener Gegenstände barg, welche der kleinen Gesellschaft von Nutzen sein konnten.

Die Klippen, auf denen die Brigg-Goëlette gescheitert war, lagen jetzt ganz trocken. Inmitten von Trümmern mancherlei Art erhob sich der Rumpf des Fahrzeuges, den die Fluth zum Theil bedeckte. Dick Sand wunderte sich zwar darüber, denn er wußte es, daß die Fluthhöhe an der amerikanischen Küste des Stillen Oceans immer nur eine mittelmäßige ist, doch erklärte sich jene Erscheinung ziemlich natürlich durch die Stärke des noch immer landwärts wehenden Windes.

Das Wiedersehen ihres Schiffes erregte bei Mrs. Weldon sowohl, wie bei allen Uebrigen ein recht peinliches Gefühl. Dort hatten sie ja so lange Tage gelebt, so viel und so schmerzlich gelitten! Der Anblick dieses armen Schiffes, das halb zertrümmert, ohne Masten und Segel, wie leblos auf der Seite lag, schnürte ihnen das Herz zusammen.

Doch mußten sie das Wrack besuchen, bevor der Wellenschlag es noch vollends zerstörte.

Dick Sand und die Neger vermochten, nachdem sie an einigen an der Seite des »Pilgrim« herabhängenden Tauenden nach dem Verdeck emporgeklettert waren, leicht in das Innere desselben einzudringen. Während Tom, Herkules, Bat und Austin sich damit beschäftigten, aus der Kambüse Alles, was ihnen nützlich erschien, an Lebensmitteln und Getränken wegzuschaffen, begab sich der Leichtmatrose nach dem Wohnraume des Kapitäns. Glücklicher Weise war, da das Hintertheil des Schiffes bei der Strandung höher zu liegen kam, das Wasser in diesen Theil des Fahrzeuges noch nicht eingedrungen.

Dick Sand fand daselbst noch vier wohlerhaltene Schußwaffen – ausgezeichnete Remington-Gewehre aus der Fabrik von Purdey und Comp. – sowie einen Vorrath Patronen, welche noch wohlverschlossen in den zugehörigen Kästen lagen. Das reichte hin, die kleine Truppe zu bewaffnen und in Stand zu setzen, einen etwaigen Anfall von Indianern abzuschlagen.

Der Leichtmatrose verfehlte auch nicht, sich mit einem Taschencompaß zu versehen; die Schiffskarten freilich, welche ihren Platz in einem Raume des Vordertheils hatten, waren durch Wasser beschädigt und unbrauchbar gemacht worden.

In der Rüstkammer des »Pilgrim« fand sich auch eine Anzahl großer Messer vor, welche zur Abhäutung der Walfische dienen. Dick Sand wählte davon sechs Stück aus zur Vervollständigung der Ausrüstung seiner Begleiter und vergaß auch eine Kinderflinte nicht, welche dem kleinen Jack gehörte.

Die übrigen im Schiff befindlich gewesenen Gegenstände waren entweder verstreut oder doch in unbrauchbarem Zustande. Es erschien nebenbei auch gar nicht rathsam, sich für eine Reise, die nur wenige Tage dauern sollte, über Gebühr zu belasten. Mit Lebensmitteln, Waffen und Schießbedarf war man nun ja mehr als ausreichend versehen. Doch nahm Dick Sand, auf Anrathen der Mrs. Weldon, alles vorhandene baare Geld – etwa fünfhundert Dollars – mit sich.

Das war in der That nur wenig. Mrs. Weldon allein hatte eine weit beträchtlichere Summe bei sich gehabt, diese fand sich jedoch nicht mehr vor.

Wer, wenn nicht Negoro, hätte das Wrack wohl vor ihnen schon besuchen und seine Hand nach den Geldvorräthen des Kapitän Hull und der Mrs. Weldon ausstrecken können? Offenbar konnte ein diesbezüglicher Verdacht nur auf den Küchenmeister fallen. Dennoch ward sich Dick Sand hierüber nicht ohne Weiteres klar. Was er schon bestimmt von jenem wußte und aus seinen gelegentlichen Beobachtungen folgerte, brachte ihm zwar die Ueberzeugung bei, daß man Alles von diesem verschlossenen Mann zu fürchten habe, dem das Unglück Anderer noch ein Lächeln entlocken konnte. Gewiß, ein böser Mensch war Negoro, mußte er deshalb aber auch schon ein Verbrecher sein? Dick Sand's grundguter Charakter sträubte sich gegen eine solche Annahme. Und doch, konnte man überhaupt gegen einen Anderen Verdacht hegen? Nein! Die wackeren Neger hatten die Grotte keinen Augenblick verlassen, während Negoro mehrfach am Strande umherschweifte. Nur er allein konnte der Schuldige sein. Dick Sand beschloß demnach, Negoro direct zu fragen und ihn bei seiner Wiederkehr nöthigenfalls untersuchen zu lassen. Er mußte wenigstens wissen, woran er war.

Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu. Zu jener Jahreszeit hatte sie den Aequator noch nicht überschritten, um der nördlichen Halbkugel die größere Menge Licht und Wärme zuzuführen, aber sie war schon nahe daran.

Sie sank jetzt also ziemlich lothrecht auf jene Kreislinie herab, in der sich Meer und Himmel berühren. Die Dämmerung währte nur kurze Zeit und die Nacht brach sehr schnell herein – eine Beobachtung, welche den Leichtmatrosen noch weiter in seiner Annahme bestärkte, daß er an einem zwischen dem Wendekreise des Steinbocks und dem Aequator gelegenen Küstenpunkte an's Land gekommen sei.

Mrs. Weldon, Dick Sand und die Neger kehrten nun zur Grotte zurück, um einige Stunden zu ruhen.

»Das wird noch eine schwere Nacht geben, bemerkte Tom, indem er nach dem dick mit Wolken bedeckten Himmel wies.

– Ja wohl, bestätigte Dick Sand, es wird eine sehr frische Brise wehen. Doch was kümmert uns das jetzt? Unser armes Schiff ist einmal verloren und uns selbst kann der Sturm hier nichts anhaben.

– Des Herrn Wille geschehe!« sagte Mrs. Weldon.

Man kam nun dahin überein, daß während der voraussichtlich sehr dunklen Nacht je einer der Neger um Eingange der Grotte wachen sollte Außerdem zählte man auch auf Dingo als sorgsamen Wächter.

Da bemerkte man, daß Vetter Benedict noch nicht zurück sei.

Herkules rief ihn mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Lunge und fast gleichzeitig sah man den Entomologen, auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen, den Abhang der Uferwand herunterklettern.

Vetter Benedict raste in Gelehrtenwuth Im Walde hatte er auch nicht ein einziges neues, zur Einreihung in seine Sammlung würdiges Insect gefunden. Skorpione, Skolopendren und andere Myriapoden so viel man verlangte und sogar noch mehr. Der Leser erinnert sich aber, daß Vetter Benedict sich mit Myriapoden nicht abgab.

»Das lohnte sich freilich nicht der Mühe, polterte er hervor, fünf- oder sechstausend Meilen zurücklegen, dem Sturme wochenlang zu trotzen und endlich auf die Küste geworfen zu werden, wenn ich hier auch nicht ein Exemplar jener amerikanischen Hexapoden entdecken sollte, welche jedem entomologischen Museum zur Zierde gereichen! Nein, das war nicht der Mühe werth!«

Zum Schluß verlangte Vetter Benedict, daß man ohne Verzug aufbrechen sollte; er wallte am liebsten keine Stunde mehr an diesem erbärmlichen Strande verweilen.

Mrs. Weldon suchte ihr großes Kind zu beruhigen. Sie machte ihm Hoffnung, daß er am folgenden Tage glücklicher sein werde, und Alle lagerten sich schon, so gut es anging, in der Grotte, um bis Sonnenaufgang zu schlummern, als Tom darauf aufmerksam machte, daß Negoro trotz schon hereingebrochener Nacht noch nicht zurückgekehrt sei.

»Wo könnte er wohl sein? fragte Mrs. Weldon.

–Das kümmert uns ja sehr wenig, meinte Bat.

– Im Gegentheil, antwortete Mrs. Weldon, mir wenigstens wäre es weit lieber zu wissen, daß der Mann bei uns wäre.

– Ganz recht, Mistreß Weldon, bemerkte Dick Sand, doch wenn er sich unserer Gesellschaft freiwillig entzogen hat, so sehe ich kein Mittel, ihn wieder zurückzuführen. Wer weiß, ob er nicht Ursache genug hat, uns für alle Zukunft aus dem Wege zu gehen!«

Mrs. Weldon bei Seite ziehend, theilte Dick Sand ihr seinen Verdacht mit. Er war gar nicht erstaunt, denselben von ihr getheilt zu sehen. Nur in einem Punkte gingen ihre Ansichten auseinander.

»Wenn Negoro wiederkommt, meinte Mrs. Weldon, so wird er seinen Raub in Sicherheit gebracht haben. Meiner Ansicht nach dürften wir, da wir außer Stande sind, ihn zu überführen, am besten thun, ihm unseren Verdacht nicht merken und ihn glauben zu lassen, er habe uns mit Erfolg betrogen.«

Mrs. Weldon hatte hierin wohl recht. Dick Sand beugte sich ihrer Anschauung der Sachlage.

Inzwischen ward Negoro zu wiederholten Malen gerufen, ohne daß eine Antwort erfolgte, ob er nun zu entfernt war, um das Rufen zu hören, oder eben nicht zurückkehren wollte.

Die Neger bedauerten keineswegs, von seiner Person befreit zu sein, und doch war er, wie Mrs. Weldon es gesagt, fern von ihnen vielleicht noch mehr als in unmittelbarer Nähe zu fürchten. Wie sollte man auch erklären, daß Negoro es vorzöge, sich ganz allein in diese unbekannte Wildniß zu wagen? Sollte er sich doch nur verirrt haben und jetzt in dunkler Nacht vergeblich den Rückweg zur Grotte suchen?

Mrs. Weldon und Dick Sand wußten nicht, was sie glauben sollten. Jedenfalls konnte man sich aber nicht der Allen so nöthigen Ruhe berauben, um etwa Negoro zu erwarten.

Da schlug der Hund, welcher noch auf dem Strande umherlief, plötzlich kräftig an.

»Was hat denn Dingo? fragte Mrs. Weldon.

– Das müssen wir auf jeden Fall erfahren, antwortete der Leichtmatrose. Vielleicht kommt Negoro doch noch wieder!«

Herkules, Bat, Austin und Dick Sand verfügten sich sofort nach der Mündung des Flüßchens.

An dessen Ufer angelangt, sahen oder hörten sie aber nicht das Geringste. Auch Dingo war wieder still geworden.

Dick Sand wandte sich mit den Negern wieder zur Grotte zurück.

Das Nachtlager wurde nun so gut als möglich hergerichtet. Die Schwarzen machten unter sich aus, wie sie der Reihe nach draußen Wache halten wollten.

Allein Mrs. Weldon konnte vor Unruhe kein Auge zuthun. Ihr schien das so sehr herbeigesehnte Land nicht zu bieten, was sie von ihm erhoffte, die Sicherheit für die Ihrigen und die Ruhe für sich selbst.